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Neurozentriertes Training: Potentiale für Nicht-Leistungssportler

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Neurozentriertes Training: Unter dem Begriff „Neuroathletik-Training“ hat sich das Training unter Einbeziehung der neuronalen Prozesse im Leistungssport etabliert. Luise Walther zeigt, wie diese Trainingsmethode auch bei Nicht-Leistungssportlern für eine Verbesserung der Bewegungsqualität sowie der Reduzierung von Stress und Schmerzen einsetzbar ist.

Was ist neurozentriertes Training?

Das neurozentrierte Training ist ein gehirnbasiertes Training mit Fokus auf die neuronalen Prozesse des Körpers. Im Mittelpunkt dieses Trainingskonzeptes stehen die ganzheitliche Betrachtung der menschlichen Leistungsfähigkeit und die zentrale Bewegungssteuerung im Gehirn. Da Bewegung und Schmerz im Gehirn entstehen, setzt hier das Training an. Durch die Integration aller eingehenden Informationen, die an das Gehirn gesendet und von ihm verarbeitet werden, erkennen und spüren die Kunden Zusammenhänge und sollen Bewegung und Schmerzen verstehen und bewältigen lernen.

Neuroathletik fokussiert sich auf die Leistungssteigerung im Spitzensport, während das neurozentrierte Training den Schwerpunkt auf die Leistungsbefähigung im Alltag legt. Dieser Trainingsansatz führt zusätzlich zu einer Stressreduktion und fördert die kognitive Leistungsfähigkeit. So regen Atem- und Achtsamkeitsübungen den präfrontalen Cortex an – ein Hirnareal, das besonders für Emotionen wie Zufriedenheit, Einfühlungsvermögen, Regulierung und Planung zuständig ist. Es kann bis hin zur Anregung der Bildung neuer Zellen im Hippocampus führen. Dieses Hirnareal ist neben der emotionalen Regulierung auch für die Aufnahme neuer Informationen verantwortlich ist. Daher kann es auch zu gesteigerter Lern- und Innovationsfähigkeit führen.

Schnelle Trainingserfolge durch neurozentriertes Training

Im Training werden die Bewegungsabläufe aus neurozentrierter Sicht bewertet und Defizite erkannt. Mit gezielten Reizen werden entsprechende Bereiche im Gehirn aktiviert. Diese Reize können sowohl sensorisch (z. B. Druck, Kälte oder Vibration) als auch motorisch sein. Dabei wird die Wahrnehmung der eingehenden Signale sowie deren Verarbeitung und Integration verbessert. Anfangs mag es ungewohnt erscheinen, bei Knie-, Schulter- oder Rückenbeschwerden die Augen oder die Atmung zu trainieren. Doch nur dann, wenn akkurate Informationen an das zentrale Nervensystem geleitet werden, können diese richtig interpretiert und verarbeitet werden – für eine korrekte Bewegung und Schmerzreduktion.

Im Gegensatz zu herkömmlichen schulmedizinischen Therapie- und Trainingsansätzen stellen sich Trainingserfolge schon nach wenigen Trainingseinheiten ein. Das Nervensystem reagiert sofort auf einen Reiz und nicht erst nach Wochen oder Monaten. Die Herausforderung ist, den richtigen Reiz für jeden Einzelnen zu finden und diesen in der richtigen Intensität und Dauer anzuwenden, sodass ein andauernder Erfolg zu verzeichnen ist. Unser Körper ist ein hochspezialisierter und extrem intelligenter Organismus, in dem Billionen Zellen permanent daran arbeiten den Körper lebendig und gesund zu halten.

Wie kann die Ansteuerung unterschiedlicher Körperbereiche verbessert werden?

Vereinfacht gesagt, sind im Gehirn „Landkarten“ unterschiedlicher Körperbereiche abgebildet. Bei vielen sind diese Landkarten „verschwommen“, das bedeutet, dass das Bewusstsein und das gezielte Aktivieren und Ansteuern einzelner Bereiche sehr schwer fällt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Das Becken isoliert zu bewegen oder die Brustwirbelsäule zu mobilisieren, fällt den meisten Menschen schwer. Die Landkarte dieser Region ist nicht gut ausgeprägt und muss mit neuen Informationen, wie Bewegung und bewusstes Spüren diverser taktiler Reize (Wärme, Kälte, Beschaffenheit), gefüttert werden. Neurozentriertes Training bindet viele Trainingsinhalte ein, die die Leistungsfähigkeit langfristig positiv beeinflussen. Die Kräftigung, Mobilisierung und Entspannung der gesamten Muskulatur schließt auch Muskeln ein, die man sonst oft vernachlässigt, wie zum Beispiel die Beckenbodenmuskulatur, das Zwerchfell und die Augenmuskeln. Das führt neben Stabilisierung, achsengerechter Gelenkausrichtung, erweiterter Beweglichkeit und Sichtverbesserung auch zu verbessertem Körperbewusstsein und mehr Achtsamkeit.

Welchen Einfluss hat neurozentriertes Training auf die Bewegungsqualität?

Ziel ist es, die Bewegungsqualität zu verbessern – und das schließt Augenbewegungen genauso ein wie Bewegungen der Arme, der Beine oder des Rumpfes. Dies wird als intra- bzw. intermuskuläre Koordination bezeichnet, d. h. das Zusammenspiel einzelner Muskelfasern im Muskel und der Muskeln untereinander, was zu sicheren und ökonomischen Bewegungsabläufen führt. So können auch in extremen Situationen, beispielsweise bei sportlicher Belastung, schwerem Heben etc., Verletzungen vermieden werden. Positive Begleiterscheinungen sind die Verbesserung der Leistungsfähigkeit, das Lösen von Verspannungen, Stressabbau und eine definierte Form. Zentraler Bestandteil des Trainings ist die korrekte Atmung. Eine gute Atemtechnik verbessert Sauerstoffversorgung des Körpers und damit die Leistungsfähigkeit. Ein Nervensystem, das sich langfristig sicher und nicht bedroht fühlt, ermöglicht einen gesunden und leistungsfähigen Körper. Dies gilt es im Training zu erreichen beziehungsweise zu etablieren.

Die Bedeutung der Atmung

Der Neurologe Dr. Karel Lewit konstatiert: „Wenn die Atmung Dysfunktionen aufzeigt, kann keine Bewegung effizient sein.“ Die Atmung beeinflusst den gesamten Körper. Wenn man ineffizient atmet, schüttet der Körper Stresshormone wie beispielsweise Adrenalin aus. Das führt zu einer erhöhten Grundspannung der Muskulatur und langfristig zu Schlafstörungen, die wiederum die Regenerationsfähigkeit vermindern. Eine eingeschränkte Atmung wird vom Körper als dauerhafte Gefahr oder Bedrohung bewertet, da die vorgesehene Sauerstoffversorgung jeder Körperzelle nicht optimal stattfindet.

Daraus folgt eine Steigerung von Stressreaktionen mit entsprechend negativen Auswirkungen. Eine optimierte Atmung hingegen erzielt eine Verbesserung des Sauerstoffangebots für die Zelle und somit eine bessere Energieproduktion in den Mitochondrien, eine Verbesserung der Mikrozirkulation im Gewebe und dadurch eine schnellere Regeneration, eine Anregung des Nervus vagus und damit eine Verbesserung der Verdauung und eine Balancierung der Hirnhälften und damit eine Steigerung der Beweglichkeit.

Wie kann neurozentriertes Training bei Rückenschmerzen helfen?

Einer der häufigsten Gründe, warum sich Kunden für neurozentriertes Training interessieren, sind Rückenschmerzen. Ob muskuläre Verspannungen oder ein Bandscheibenvorfall – es gibt viele Gründe dafür. Diese gilt es zu analysieren und zu beheben. Dies kann beispielsweise geschehen durch

  • eine Aktivierung der reflexiven Körperhaltung,
  • eine Beckenaufrichtung und Stabilisierung der Körpermitte,
  • die Verbesserung der Atmung inkl. biochemischer und mechanischer Prozessoptimierung,
  • eine Balancierung der An- und Entspannung sowie
  • die Verbesserung visueller und vestibulärer Fähigkeiten zur Reduzierung von neuromuskulären Verspannungsmustern.

Nacken- und Kopfschmerzen mit neurozentriertem Training behandeln

Stundenlanges Arbeiten am Bildschirm und/oder ungenügende Bewegung führen bei vielen Menschen zu Nacken- und Kopfschmerzen. Statt die Symptome anzugehen, fokussiert sich ein herkömmliches Training meist nur an der Ursachenbeseitigung. Es werden zum Beispiel Übungen gegen Verspannungen der Nackenmuskulatur aufgeführt, obwohl eigentlich Dysbalancen der Augenmuskeln und/oder des Gleichgewichtssystems diese Verspannungen verusachen. Mögliche Ansatzpunkte im Training können hier zum Beispiel sein:

  • aktive neuromuskuläre Mobilisierung der Hals- und Brustwirbelsäule,
  • visuelle Kontrolle zur Nackenstabilisierung,
  • Schulung des Gleichgewichtsorgans und der Balance,
  • Verbesserung der Atemmuster in Ruhe und unter körperlicher Belastung,
  • Optimierung anderer Sinnesorgane, wie z. B. Geruchs- und Geschmackssinn, und Rezeptorregeneration in Haut, Muskeln, Sehnen und Kapsel-/Bandapparat.

Wirkung von neurozentriertem Training

Ein neurozentriertes Training sorgt für eine bessere Koordination, die Stabilisierung der Gelenke, eine Verbesserung der Beweglichkeit, Ausdauerleistung, Konzentration, des Gleichgewichts und der visuellen Fähigkeiten sowie eine Kräftigung der Muskulatur. Klassische Übungen kann man durch Hinzufügen eines neues Reizes intensivieren. Zum Beispiel erhöht sich bei Kniebeugen oder Stützpositionen der Trainingsreiz, wenn man die Kopf- oder Augenposition variiert oder die Atmung in unterschiedliche Bereiche fokussiert. Auch bei isometrischen Übungen kann die Intensität durch zusätzlichen Input wie Vibration, Wärme- oder Kältereize auf den entsprechenden Bereich verbessert werden.

Übungen

Mobilisierung der Hals- und Brustwirbelsäule:

Bei leichter Flexion der Hals- und Brustwirbelsäule im Stand tief ein- und ausatmen. Es erfolgt eine isometrische Anspannung, gefolgt von einer postisometrischen Entspannung. Steigern kann man dies durch leichten Druck beziehungsweise Zug durch die Hände.

 

Verbesserung der Atmung:

Frontal stehend an der Wand einen Arm seitwärts ausstrecken und in Dehnung Richtung Kopf führen. Die gedehnte Seite kann man durch Lateralflexion zur Gegenseite noch zusätzlich aktivieren. Die Atmung bewusst in den gedehnten Brustkorb und Rippenbogen lenken. Die Aktivierung der Einatem- und Ausatemmuskulatur kann durch einen taktilen Reiz noch intensiviert werden. Zusätzlich kann hier durch kontrolliertes Luftanhalten nach der Ausatmung auch ein biochemischer Effekt erzielt werden.

Balancierung der An- und Entspannung:

Bei der Ausatmung bewusst die expiratorische Atemmuskulatur angesteuert, sprich die Bauchmuskulatur anspannen. Zur Steigerung in Rückenlage die Beine 90° anwinkeln, die Arme sind seitwärts entspannt abgelegt. Druck gegen Widerstand aufbauen (Wand oder Hände). Bei maximaler Ausatmung wieder die Bauchmuskulatur anspannen. Zusätzlich kann man einen rotatorischen Widerstand an die Beinen geben.

Fazit

Meine Kunden kommen oft nach einer Odyssee durch unser Gesundheitssystem zu mir. Egal ob Skoliose, Bandscheibenvorfälle, Operationen oder klassische Nacken- und Rückenschmerzen: Das neurozentrierte Training kann eine effektive Behandlungsoption darstellen. Nur ein ganzheitlicher Ansatz und der Fokus auf die Prozesse, die im Gehirn und im Nervensystem ablaufen, kann mittel- und langfristig erfolgreich sein.

Unser Tipp für alle Trainer: Das Trainermagazin

Diesen sowie weitere Artikel findest du in der TRAINER Ausgabe 05|2020

Trainer ist das Fitness-Magazin für alle, denen die Fitness ihrer Trainierenden am Herzen liegt!

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Autorin und Sportexpertin: Luise Walther

Die Berliner Personal Trainerin arbeitet an der Schnittstelle Medizin-Fitness. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Individualisierung und Professionalisierung von Reha- und Trainingsprozessen mit Fokus auf die Schmerzreduzierung und Bewegungsoptimierung ihrer Kunden.

www.neurozentriertestraining.de

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Über den Autor

Trainingsworld

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