Anzeige

Sensorische Reize – Bewegungsoptimierung und Schmerzreduktion

0

Nutzt du regelmäßig Flossing-Bänder und andere Werkzeuge im Training, um deine Beweglichkeit zu erhöhen und den Muskeltonus zu senken? Sind Faszienrollen, Vibrationstools und Dehntechniken fester Bestandteil deines Trainings? Sehr gut, denn sensorische Reize tragen im neuronalen Zusammenhang zur unmittelbaren Optimierung deiner Trainingsleistungen bei.

Was sind sensorische Reize?

Schauen wir uns dazu einmal die Entstehung von Bewegung auf neuronaler Ebene an. Bevor eine Bewegung überhaupt stattfindet, landet eine ungeheure Menge an Informationen in unserem Gehirn, die es verarbeiten muss. Dabei agiert unser zentrales Nervensystem (ZNS) – als die höchste und alles steuernde Instanz des menschlichen Körpers – immer nach demselben Muster.

Es empfängt sensorischen Input aus unserer Um- und Innenwelt, analysiert und interpretiert diese Informationen und leitet daraus letztendlich motorische Befehle ab, die über efferente Nervenfasern an unsere Muskulatur weitergeleitet werden. So kann das Gehirn in Sekundenbruchteilen Bewegungen initiieren, sie koordinieren und auch auf Veränderungen reagieren. Die Sinneserfassung, die Weiterleitung und der verarbeitende Prozess sind eine sensorische Leistung und führt man aus diesem Grund unter dem Begriff „Sensorik“.

Wie wird ein sensorischer Reiz verarbeitet?

Das Gehirn bezieht seine sensorischen Informationen primär über das visuelle, das vestibuläre und das propriozeptive System. In diesem Artikel betrachten wir speziell die Rezeptoren, die der Propriozeption zuzuordnen sind. Denn sowohl Trainer als auch Therapeuten finden aufgrund ihrer primär biomechanisch konzentrierten Ausbildung und Arbeit in der Praxis so wesentlich schneller Anknüpfungspunkte.

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen. Das Gehirn verarbeitet sensorische Informationen zuerst im hinteren Teil, bevor sie im weiteren Verarbeitungsprozess die vorderen Hirnareale erreichen. Unser Motorkortex, der mit anderen Instanzen Bewegung plant und initiiert, liegt im Frontallappen und erhält die sensorischen Informationen, die zur Bewegungsplanung benötigt werden, erst nachdem diese verarbeitet wurden. Dabei ist das Gehirn auf ausreichende und hochwertige Informationen angewiesen. Liefern bestimmte Bereiche weniger und unklare Informationen, beispielsweise aufgrund von Bewegungsmangel, fehlender oder sehr wenig variierender Reize, kann unser Gehirn die Gesamtsituation des Körpers schlechter bewerten und schränkt direkt unsere Leistung ein. Denn unserem Gehirn geht es – außer in akuter Lebensgefahr – immer zuerst um Sicherheit, bevor es Leistung zulässt.

Was gibt es für sensorische Reize?

Setzen wir im Training nun sensorische Reize, generieren wir zusätzliche Informationen, die unser zentrales Nervensystem in die Gesamtbetrachtung einbezieht. Jeder zusätzliche Reiz kann zu einer Verbesserung, keiner Veränderung oder sogar einer Verschlechterung der Beurteilung der Sicherheitslage durch das ZNS führen.

Für unsere Trainierenden wollen wir primär positive Reize setzen, um die Sicherheitslage des ZNS zu erhöhen. Denn je sicherer das Gehirn die aktuelle Lage bewertet, desto weniger Maßnahmen zur Einschränkung von Bewegung, z. B. Schmerzen, geringe Kraftentfaltung, Bewegungseinschränkungen, hoher Muskeltonus usw., sind aus Sicht des ZNS notwendig. Für die Praxis ist das entscheidend. Kleben wir ein Tape auf die Haut, nutzen eine Faszienrolle oder ein Vibrationsgerät an einem Gelenk, aktivieren wir spezifische Rezeptoren, deren zusätzliche Aktivierung sich positiv, neutral oder negativ auf die Bewegung auswirken können.

Wir arbeiten also mit den Prozessen, die im Vorfeld einer motorischen Handlung ablaufen, damit daraus das bestmögliche motorische Programm entworfen werden kann. Dazu benötigen wir individuell passende und fördernde Reize.

Was ist sensorische Wahrnehmung?

Einen weiteren Faktor in diesem Zusammenhang nimmt der sensorische Homunculus ein. Denn wie gut wir bestimmte Körperteile ansteuern und bewegen können, hängt auch damit zusammen, wie diese im Kortex sensorisch und motorisch repräsentiert werden.

Unsere Hände und Finger, der Mund, unsere Zunge, die Füße und Zehenweisen alle eine hohe Rezeptordichte auf. Sie sind auf der sensorischen Landkarte wesentlich stärker repräsentiert als unsere Beine, Arme und der Rumpf, die allesamt eine viel geringere Rezeptordichte aufweisen.

Wieso ist diese sensorische Landkarte spannend für unser Training?

Wenn wir in gering repräsentierten Körperteilen aufgrund von Bewegungsmangel oder sensorischen Defiziten weniger Input generieren, kann dies die Ursache von Schmerzen und Bewegungseinschränkungen sein. Denn diese Bereiche, die sowieso schon weniger Input liefern, können vom Gehirn dann auch noch schlechter bewertet werden. Wird die Situation als potenziell bedrohlich oder unklar eingestuft, setzt unser zentrales Nervensystem häufig Schmerzen als Aktionssignal ein, um uns zu einer Situationsveränderung zu bewegen.

Unser zentrales Nervensystem nutzt Schmerzen als Kommunikationsmittel, um uns vor potenziellen Gefahren zu schützen, da die Areale bzw. Sensoren, die die Bedrohungslage erfassen, im Unterbewusstsein liegen. Die Faktoren, die dabei als bedrohlich eingestuft werden, sind multifaktoriell und haben wenig mit unserem rationalen Bewusstsein von Bedrohungen zu tun.

Mit welchen Werkzeugen können wir sensorische Reize setzen?

Im Gehirn liegt die sensorische Landkarte direkt neben der motorischen. Wenn du deinem rechten Fuß sensorischen Input gibst, verbessert sich häufig auch die Motorik des Fußes. Das liegt daran, dass die Verbindung zwischen sensorischen Kortex und dem Motorkortex sehr eng ist. So kann z. B. ein Abklopfen der Arme zu einer höheren Kraftleistung führen. Oder es kann eine Warm-Kalt-Anwendung am verletzten Sprunggelenk zu einer besseren Bewegungskontrolle und zu einer größeren Bewegungsamplitude führen. Die Anzahl an Werkzeugen, die Trainer und Therapeuten hier nutzen, kennt keine Grenzen. Doch was macht eine sinnvolle Auswahl und Anwendung eines solchen Werkzeugs aus? Worauf sollte man in der Praxis achten und welche Limitationen gibt es?

Die Faszienrolle

Viele Fasziengurus propagieren seit Jahren: „Kein Training ohne Rolle!“ Für sie sind die Vorteile der Faszienrolle nicht von der Hand zu weisen – unabhängig davon, wer sie überhaupt anwendet. Mehr Beweglichkeit, entspanntere Muskeln, weniger Schmerzen, strafferes Bindegewebe, kürzere Regenerationszeiten … Die Liste ist so lang, dass die Götter im Olymp einen Nektarbecher für denjenigen leeren sollten, der dieses wunderbare Werkzeug auf. den Markt gebracht hat. Doch bleiben wir lieber kritisch! Hat ein Ausrollen der Faszien wirklich einen so allumfassenden Nutzen? Profitiert tatsächlich jeder von der Rolle? Und ist die Faszienrolle bei alldem, was sie verspricht, immer auch diejenige Methode, die das am effektivsten und effizientesten erreicht?

Was sind Faszien überhaupt?

Als ein den gesamten Körper durchziehendes, aktives und formgebendes Spannungsnetzwerk aus elastischem Bindegewebe werden der Spannungszustand und die Gleiteigenschaften der Faszien nonstop über das ZNS geregelt. Die Faszien entscheiden also nicht selbst, ob sie Schmerzen haben oder in ihrer Bewegung eingeschränkt sind – das regelt die Schaltzentrale. Aber Achtung: Das ZNS fällt Entscheidungen auf Basis aller eingehenden Informationen aus der Innenwelt und der Umwelt nicht einfach allein auf den Informationen, die es aus den lokalen Nervenenden der Faszie speist. Die sensorischen Informationen der Faszien stellen am Gesamtkonstrukt also nur einen kleinen Teil dar.

Wie helfen die sensorische Reize der Faszienrollen in der Theorie?

Durch das Ausrollen mit der Faszienrolle aktiviert man über tiefen, festen Druck bestimmte Nervenenden in der Faszie, die dem ZNS weitere sensorische Informationen speziell für den behandelten Bereich zukommen lassen.

Die Gleichung ist simpel: Eine bessere Versorgung des ZNS führt zu einer besseren Beurteilung der Gesamtsituation, zu mehr Sicherheit und somit im Umkehrschluss zu einer Spannungsverminderung in den bearbeiteten Faszien. Schmerzen und „Verklebungen“ werden minimiert, Bewegungen optimiert. Ist es wirklich so einfach? Nein! Denn wenn die zusätzlichen Informationen, die das ZNS bekommt, für die vorliegende Einschränkung als nicht relevant eingeschätzt werden, ist ein weiteres Training mit der Faszienrolle sinnlos und entsprechend reine Zeitverschwendung. Der zusätzliche Stimulus führt zu keiner positiven Veränderung. Im schlimmsten Fall können die zusätzlichen Informationen sogar zu einer Verschlechterung der Beurteilung der Gesamtsituation durch das ZNS führen – weitere Schmerzen, Verspannungen etc. können die Folge sein.

Ein blinder und unreflektierter Einsatz der Faszienrolle kann demnach Probleme verstärken oder sogar neue aufkommen lassen. Ob der Einsatz der Rolle (oder anderer Stimuli) förderlich ist oder nicht, muss man stets individuell testen und entscheiden. Dazu eignen sich am besten Neuro-Self-Assessments.

Neuro-Self-Assessments

Neuro-Self-Assessments sind Bewertungsmodule, über die der Trainierende herausfinden kann, ob die bestimmte Trainingsintervention einen positiven, einen neutralen oder gar einen negativen Effekt ausgelöst hat. Dazu wird eine bestimmte Bewegung (z. B. der Toe Touch oder die Beweglichkeit der Schulter) vor der Applikation des sensorischen Stimulus getestet. Nach der Durchführung der Intervention werden sie wiederholt und mit dem Ausgangswert verglichen.

Kann der Trainierende, wie in diesem Fall, die Hände nun flach auf den Boden legen, wo er vorher nur mit den Fingerspitzen unter seine Füße gewandert ist, wird von einem positiven Effekt des ausgeübten Reizes ausgegangen. In Bezug auf die Sensorik sollten unterschiedliche Sinnesmodalitäten getestet werden, unterschiedliche Applikationsdauern und natürlich auch die unterschiedlichen Werkzeuge, mit denen Verspannungen gelöst und Bewegungen optimiert werden können. Eine Verbesserung der motorischen Funktion lässt dabei immer auf einen positiven Stimulus schließen.

Fazit

Es gibt eine schier unendliche Vielzahl an Werkzeugen zur Bewegungsoptimierung und Spannungsreduktion durch sensorische Reize. Faszienrollen, Flossing, Vibration, Dry Needling, Massage, Kinesio-Tapes und viele mehr. Die über diese Werkzeuge applizierten sensorischen Reize können helfen, müssen es aber nicht. Eine Einteilung in „gut“ und „schlecht“ ist unmöglich. Kein Werkzeug ist die finale Antwort. Warum? Ein Werkzeug erreicht aber immer nur bestimmte Rezeptoren. Ob das ZNS auch genau diese Rezeptorstimulierung zur Erhöhung der Sicherheitslage benötigt, kann im Vorhinein gar nicht gesagt werden. Dafür benötigen wir weitreichende Tests. Vor der langfristigen Anwendung eines Tools muss Klarheit darüber herrschen, ob der Athlet den spezifischen sensorischen Stimulus benötigt oder eben nicht. Das kann von Werkzeug zu Werkzeug unterschiedlich sein.

Autoren und Sportexperten:

Yassin Jebrini – Der Sportwissenschaftler M.A. und Z-Health-Absolvent arbeitet als Neuroathletiktrainer mit Profi- und Freizeitsportlern. Zusätzlich ist er als Referent tätig und bildet Trainer in Neuroathletik aus.

Tim Jost – Der Masterstudent an der Deutschen Sporthochschule Köln ist als Buchautor tätig und schreibt für Jebrini Training den Newsletter und die Beiträge auf den Social-Media-Kanälen.

www.jebrini-training.de

Unser Tipp für alle Trainer: Das Trainermagazin

Trainer ist das Fitness-Magazin für alle, denen die Fitness ihrer Trainierenden am Herzen liegt!
Unser Magazin richtet sich speziell an Personal Trainer, Fitnesstrainer, Physiotherapeuten, sowie an ambitioniert Mannschafts-, Wettkampf- oder Freizeit-Trainer und bietet seit nun mehr als 20 Jahren Know-How zu folgenden Rubriken:

  • Groupfitness
  • Kraft & Cardio
  • Personal Training
  • Gesundheit & Forschung
  • Functional Training
  • Community & Lifestyle
  • Bildung & Business
  • Service

 

Tipp: Du kannst das Trainer-Magazin hier sowohl als Einzelheft oder ganz bequem im Jahresabo abonnieren.

 

Teilen

Über den Autor

Trainingsworld

Leave A Reply