Gleichgewichtsstörung: Was Sie dagegen tun können | Ratgeber, Training

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Gleichgewichtsstörung: Viele haben ein falsches Verständnis von Gleichgewicht und Gleichgewichtstraining. Gleichgewicht bedeutet so viel mehr, als auf einem Bein zu stehen. Denn es beeinflusst sehr viele Körperfunktionen, von Atmung über Körperhaltung bis hin zum Blutdruck. Gleichgewicht ist ein komplexes System mit vielen Wechselwirkungen im Körper. In diesem Artikel befassen wir uns mit Gleichgewichtsstörung und dem körperlichen Gleichgewicht. Es ist das Zusammenspiel aus Gleichgewichtssinn und Balancefähigkeit.

Was ist Gleichgewicht?

Aus medizinischer Sicht kann man den Begriff Gleichgewicht in drei Ebenen aufteilen:

  1. Körperliches Gleichgewicht: Durch die Koordination derMuskeln wird ein stabiler Körperzustand erreicht, der zu einer ausgeglichenen Gewichts­verteilung führt, der sogenannten Balance. Dies geschieht sowohl in Ruhe als auch in Bewegung. Ermöglicht wird das durch den Gleichge­wichtssinn, der unter anderem auf der Wahrnehmung des Gleichge­wichtsorgans in den beiden Innenohren beruht.
  2. Psychisches Gleichgewicht: Der geistige Zustand emotionaler Ausgegli­chenheit.
  3. Chemisches Gleichgewicht: Es finden keine sichtbaren Reaktionen oder Veränderungen statt. Das ist oftmals der Fall, wenn sich Reaktionen, sogenannte Hin- und Rückreaktionen, gegenseitig aufheben.

Was macht das Gleichgewicht?

Unser Gleichgewicht erfüllt die folgenden Funktionen:

  • Das Gleichgewicht hält uns aufrecht.
  • Es bewirkt, dass wir uns im Raum orientieren.
  • Es stabilisiert uns gegen die Schwerkraft.

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Was es allerdings nicht macht: Es stabilisiert nicht unser Fußgelenk. Gleich­gewicht entsteht im Gehirn, nicht im Fußgelenk. Immer wieder höre ich: »Ich mache Gleichgewichtstraining. Ich habe so ein Wackelbrett und da stehe ich immer wieder mal drauf.« Das kann ein gutes Training für das reaktive Zusammenspiel der Tiefenwahrnehmung und der Bewegungsant­wort darauf sein. Je nach Leistungsstand kann es die Beweglichkeit der Sprunggelenke verbessern, oftmals ist diese Form von Training aber über­fordernd und erzielt nicht den gewünschten Effekt der Stabilisierung oder eines verbesserten Gleichgewichts. Es ist eben kein Gleichgewichtstrai­ning. Im Gegenteil. Wenn du schon Probleme mit deinem Gleichgewicht hast, solltest du das laut aktueller Studienlage sogar lieber lassen.

Sowohl der Gleichgewichtssinn als auch die Balancefähigkeit werden im Gehirn gesteuert, nicht im Sprunggelenk. Der Fuß gibt zwar die Bewegun­gen weiter, was du damit aber trainierst, ist die Stabilität im Sprunggelenk und die Fähigkeit der Muskeln, darauf zu reagieren. Du trainierst aber nicht, dich aufrecht im Raum zu bewegen oder zu halten. Das, was viele als Gleichgewichtstraining bezeichnen, hat tatsächlich nur sehr wenig damit zu tun, Gleichgewichtsstörung zu beheben und ein ein besseres Gleichgewicht und mehr Stabilität zu erreichen.

Was macht der Gleichgewichtssinn?

Dein Gleichgewichtssinn beantwortet ständig folgende zwei Fragen:

  1. Wo ist oben?
  2. In welche Richtung bewege ich mich?

Aufbauend auf dieser Information ist ein funktionierendes Gleichge­wichtssystem an einer Reihe von Funktionen beteiligt. Diese umfassen:

  • automatische Anpassungen zur Aufrechterhaltung von Haltung und Stabilität
  • Muskelspannung anpassen und Körperteile zueinander in Position brin­gen
  • die Aufrichtung der Wirbelsäule und die Anpassung der Kopf- und Au­genposition
  • klar sehen während der Bewegung
  • Orientierung in Bezug auf die Schwerkraft
  • Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung bestimmen
  • Ausrichtung von Atmung und Blutdruck

Das Gleichgewichtssystem ist damit wie ein eingebauter Kompass. Ein eigenes Koordinatensystem, das in jeder Millisekunde deine Position im Raum bemisst und deinen Körper entsprechend ausrichtet.

Was unterscheidet Gleichgewichtssinn und Balancefähigkeit?

Grundsätzlich gilt es, zwischen diesen zwei Eigenschaften zu unterschei­den. Wir haben den Gleichgewichtssinn und die Balancefähigkeit.

Der Gleichgewichtssinn ermöglicht es dem Körper, sich gegen die Schwer­kraft aufzurichten. Dies geschieht durch das Erkennen und Korrigieren von Bewegungen. Dafür verantwortlich sind hauptsächlich die Streck­muskeln. Die Rückenstrecker übernehmen hier einen großen Anteil der Arbeit. Beispielsweise dann, wenn du über eine Kante stolperst und deine Rückenmuskeln sofort anspannen, um einen Sturz zu verhindern.

Die Balancefähigkeit erlaubt es uns, unseren Körperschwerpunkt über der Standfläche zu stabilisieren. Je kleiner die Standfläche, umso schwieri­ger wird es, die Balance zu halten. Das ist der Grund, warum du im engen Stand, mit beiden Füßen aneinander eher ins Schwanken gerätst, als wenn du deine Füße etwa schulterbreit auseinanderstellst.

Für welche Aufgaben ist das Gleichgewicht zuständig?

Gleichgewicht ist das dynamische Zusammenspiel von Gleichgewichtssinn und Balancefähigkeit. Dabei wissen viele nicht, dass das Gleichgewicht Einfluss auf so viele unterschiedliche Körperfunktionen hat. Für die meis­ten ist die Assoziation zu Gleichgewicht das Balancieren auf dem Schwe­bebalken in der Schule oder das Laufen auf einer Linie beim Nüchterntest der Polizei. Das Gleichgewicht verantwortet aber noch viel mehr. Wuss­test du, dass es unter anderem für folgende Aufgaben zuständig ist?

  • Klar sehen in Bewegung
  • Die Orientierung behalten in Bezug auf Gravitation
  • Richtung und Geschwindigkeit halten, während du dich bewegst
  • Automatische Anpassung von Stabilität und Körperhaltung
  • Anpassung von Atmung und Blutdruck

Gleichgewichtsstörung: Warum ist Gleichgewicht im Alltag wichtig?

Ob Sturzprophylaxe, Bewegungssicherheit oder sportliche Fertigkeiten: Was würde ein besseres Gleichgewicht für dich bedeuten? Gleichge­wichtssinn und Balancefähigkeit sind trainierbare Fähigkeiten. Es braucht ein grundlegendes Verständnis dafür, dass Bewegung und Gleichgewicht im Gehirn entstehen. Das Gehirn ist der Chef deines Körpers! Hier lau­fen, wie in einem Kontrollzentrum, alle Informationen zusammen, und hier werden die Entscheidungen getroffen, was zu tun ist.

Dein Gehirn entscheidet, was du machst, wie du es machst, wo du es machst und ob du es machst. Es geht dabei immer darum, dein Überleben zu sichern und dich vor Gefahren zu bewahren. Entscheidend sind dafür die drei Systeme, die deine Bewegung steuern. Diese bewegungssteuernden Systeme sind deine Augen, dein Gleichgewicht und deine Körperwahrneh­mung. Die Körperwahrnehmung sagt dir, wo sich deine Gliedmaßen, also deine Arme, deine Beine, dein Kopf und dein Rumpf befinden.

Jedes dieser Systeme ist wichtig für das Überleben. Denn wer als Autofahrer den querenden Fußgänger nicht sieht, hat mehr als nur ein Problem. Wer am Abhang bei der Gebirgswanderung das Gleichgewicht verliert, befin­det sich in großer Gefahr. Und wer seinen Körper nicht wahrnimmt und koor­diniert bewegen kann, ist der Umwelt schutzlos ausgeliefert.

Nur wenn alle drei Systeme gut miteinander arbeiten, kannst du ge­sund und leistungsfähig sein. Für das Überleben an sich sind die Augen am wichtigsten, dann kommt der Gleichgewichtssinn und dann erst die Körperwahrnehmung.

Gleichgewichtsstörung: Gezieltes Training kann helfen

Und nun überlege dir, wie oft du in den letzten Monaten, Jahren und viel­leicht sogar Jahrzehnten deine Augen und dein Gleichgewicht gezielt trai­niert hast. Merkst du etwas? Bisher ist dir im Training also viel Potenzial verloren gegangen. Aber das wird sich nun ändern.

Der menschliche Körper passt sich spezifisch an die gestellten Anforderungen an. Das, was du im Laufe des Tages, von Wochen, Monaten, Jahren und Jahr­zehnten immer wieder machst, daran passt sich dein Körper an. Oder noch einfacher: Du wirst besser in dem, was du tust. Auf das Training bezogen be­deutet das: Was auch immer du trainierst, daran passt sich dein Körper an.

  • Trainierst du, länger als acht Stunden zu sitzen, passt sich dein Körper an diese Anforderung an.
  • Trainierst du, langsam spazieren zu gehen, passt sich der Körper daran an.
  • Findet das Training auf instabilen Unterlagen statt, passt sich der Körper daran an.
  • Trainierst du mit unterschiedlichen Augen- und Kopfpositionen und Bewegungen, passt sich der Körper daran an.
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Acht Typische Symptome bei Gleichgewichtsstörung: Woran erkennst du Auffälligkeiten?

Hier sind ein paar typische Beispiele bei Gleichgewichtsstörung, die darauf hindeuten, dass dein Gleichgewicht trainiert werden sollte. Denke daran, jeder Mensch ist individuell und Gleichgewichtsstörungen können sich auf vielfältige Weise manifestieren.

1. Weite Standposition, breiter Stand

Personen mit Gleichgewichtsproblemen gewöhnen sich einen breiten Stand an. Wenn die Füße weiter auseinanderstehen, vergrößert sich die Standfläche. Es ist dann einfacher, das Gleichgewicht aufrechtzuerhal­ten, ohne zu schwanken. Das ist auch der Grund, warum mit breite­rem Stand viele Übungen leichter fallen. Das kannst du zum Beispiel bei Kniebeugen testen.

2. Blick zum Boden

Ein eingeschränktes Gleichgewicht nimmt dir die Sicherheit beim Lau­fen, Um zusätzliche Informationen und damit Sicherheit zu bekom­men, hilft der Blick auf den Boden. Das führt dazu, dass viele Perso­nen beim Laufen statt geradeaus auf den Boden schauen. Das spricht fast immer für Gleichgewichtsprobleme. Normalerweise möchte dein Körper sehen, wo du hinläufst, und nicht, was auf dem Boden vor dir passiert.

3. Schlangenlinien laufen

Kennst du das, wenn man mit jemandem spazieren geht und man immer aneinanderstößt? Schließen wir mal einen Flirtversuch aus, handelt es sich hierbei meistens um Gleichgewichtsprobleme. Der Person fällt es schwer, geradeaus zu laufen und eine Richtung einzuhalten. Das führt zu sogenannten Schlangenlinien. Das passiert zum Beispiel auch unter Alkoholeinfluss. Der Alkohol schränkt den Gleichgewichtssinn ein. Da­durch fällt es Betrunkenen so schwer, auf einer Linie zu laufen.

4. Veränderte Körperhaltung (bis hin zu Skoliose, Hohlkreuz und Rundrücken)

Die Körperhaltung ist direkt abhängig vom Gleichgewicht. Das bedeu­tet, dass sich Gleichgewichtsprobleme direkt auf die Körperhaltung auswirken. Der Körper passt sich an die Informationen an, die er aus dem Gleichgewichtsorgan bekommt. Sind hier Probleme vorhanden, gleicht der Körper sie durch Veränderung der Körperhaltung aus. So kann es zum Hohlkreuz oder zum Rundrücken kommen. Selbst Sko­liose, eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, wird mittlerweile auf Dysbalancen im Gleichgewichtssystem zurückgeführt.

Gleichgewichtsstörung: Auffälligkeiten 5-8

5. Kopfposition: Seitneige oder Rotation

Genauso wie mit der Körperhaltung hat auch die Kopfposition einen Einfluss auf das Gleichgewicht und umgekehrt. Neigt eine Person den Kopf immer wieder zu einer Seite oder dreht ihn zu einer Seite, spricht das oft für Auffälligkeiten des Gleichgewichtssystems. Durch die Seit­neige oder die Rotation wird auf einer Körperseite das Gleichgewichts­organ mehr aktiviert und auf der gegenüberliegenden Seite kommen weniger Informationen an.

6. Beidseitige Rückenschmerzen oder Verspannungen

Sind die Rückenmuskeln auf beiden Seiten stark verspannt und bren­nen, kann das mit dem Gleichgewicht zusammenhängen. Wenn dein Körper ständig versucht, deine Körperposition im Raum zu justieren, sind die Muskeln unter Dauerspannung. Das führt mittel- und langfris­tig zu Verspannungen.

7. Reiseübelkeit

Du kannst im Bus oder Zug nicht lesen? Wenn du im Auto hinten sitzt, wird dir schlecht? Die Ursache liegt sicher in deinem Gleichgewichts­organ. Dein Gehirn kann die unterschiedlichen Informationen deines Körpers nicht miteinander verbinden. Du sitzt und gleichzeitig zieht an deinen Augen die Umgebung vorbei. Bei jedem Anfahren drückt es dich in den Sitz. Diese unterschiedlichen Informationen passen für dein Gehirn nicht zusammen.

8. Stillhalten des Kopfes beim Gehen

Statt der natürlichen Bewegung, die über die Wirbelsäule von den Bei­nen auf den Kopf übertragen wird, halten viele Betroffene den Kopf sehr ruhig, fast schon steif und bauen dadurch eine hohe Spannung im Schulter-Nacken-Bereich auf. Dementsprechend empfinden sie es als unangenehm, beim Gehen den Kopf zu bewegen, beispielsweise nach rechts und links zu schauen oder hochzuschauen. Das führt dann zu Gleichgewichtsstörung und einem unsicheren und langsamen Gang.

Autorin: Luise Walther

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Luise Walther erklärt anschaulich die komplexen und faszinierenden Zusammenhänge zwischen Augen, Balance, Bewegung und Atmung und zeigt mit einfachen Beispielen und Übungen, wie wir sofort aktiv werden und unser Gleichgewicht trainieren können – in jedem Alter.

Ein verbessertes Gleichgewicht wirkt sich positiv auf unsere Körperhaltung und unsere Mobilität aus und wir können uns wieder frei und ausgeglichen bewegen.

Über die Autorin

Mit ihrem Neurozentrierten Training sorgt Luise Walther für Aufsehen in der Gesundheits- und Fitnessbranche. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Individualisierung und Professionalisierung von Trainingsprozessen, um Schmerzen zu reduzieren und Bewegungsabläufe zu optimieren.

Die Spezialistin für Rehabilitation, Verletzungsprophylaxe und Performance- Steigerung stellt die ganzheitliche Betrachtung der körperlichen Leistungsfähigkeit in den Vordergrund. Die zentrale Grundlage ihrer neuroathletischen Arbeit ist die Erkenntnis, dass Schmerzen im Gehirn entstehen.

Aus diesem Grund, so die Überzeugung von Luise Walther, muss Training radikal neu gedacht und umgesetzt werden. Ihre Expertise und internationale Qualifikation besitzen deutschlandweit nur einige wenige Trainer, weshalb namhafte Unternehmen und Medien auf ihre Expertenmeinung zählen. Auch das begeisterte Feedback ihrer Kunden gibt ihrer langjährigen Arbeit und Erfahrung recht.

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Über den Autor

Luise Walther

Luises Schwerpunkt liegt auf der Individualisierung und Professionalisierung von Trainingsprozessen, um Schmerzen zu reduzieren und Bewegungsabläufe zu optimieren. Die Spezialistin für Rehabilitation, Verletzungsprophylaxe und Performance-Steigerung stellt die ganzheitliche Betrachtung der körperlichen Leistungsfähigkeit in den Vordergrund. Die zentrale Grundlage ihrer neuroathletischen Arbeit ist die Erkenntnis, dass Schmerzen im Gehirn entstehen.

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