„Der Mensch ist kein Roboter“: Neuroathletiktraining und die Rolle des Gehirns beim Sport

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„Es läuft nichts ohne das Gehirn“. Damit bringt es Lars Lienhard eigentlich schon auf den Punkt. Er bringt auf den Punkt, was es ausmacht, das Neuroathletiktraining. „Neuro-“, das stammt vom griechischen Ausdruck „neuron“, was zu Deutsch „Nerv“ bedeutet. Beim Neuroathletiktraining geht es also nicht bloß darum, den Körper physisch herauszufordern und zu stärken. Sondern vielmehr darum, zugleich das Hirn zu beanspruchen und hinsichtlich der ausgeübten Sportart zu schärfen. Das Prinzip des Neuroathletiktrainings ist ein holistisches. Ganz nach dem Motto: Fit im Kopf, fit auf den Beinen.

Aber wer ist Lars Lienhard überhaupt? Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde der Sportwissenschaftler und Athletiktrainer im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Im Vorfeld und während des Turniers durfte Lienhard als externer Trainer mit der deutschen Fußballnationalmannschaft zusammenarbeiten. So schlecht kann die Entscheidung nicht gewesen sein. Schließlich war es die DFB-Elf, die den WM-Pokal am 13. Juli 2014 in den Nachthimmel von Rio de Janeiro strecken durfte. Als 2004 Jürgen Klinsmann das Chefruder beim DFB-Team übernahm, reagierte man vielerorts mit Verwunderung. Da sprangen beim Training Fußballspieler plötzlich mit bunten Gummibändern herum, zogen sich mit Seilen und Gewichten über den Platz. Auch solche Methoden wurden zunächst belächelt, sind heute aber ganz normal. Insofern ist Neuroathletiktraining bloß die Weiterentwicklung eines ganzheitlichen Bewusstseins im Leistungssport.

Das Gehirn: Ein ahnungsloser Überlebenskünstler

Laut Lienhard sind wir nur so stark, wie unsere schwächste Stelle. Hinkt das Gehirn hinterher, leidet also auch die sportliche bzw. körperliche Leistung. Zunächst mal muss man die Schnittstelle zwischen Neurowissenschaft und modernem Athletiktraining aber überhaupt erst verstehen. Aus evolutionstechnischer Sicht ist das Gehirn ein Organ, das darauf ausgelegt ist, dass wir überleben. Das Gehirn weiß nicht, ob wir gerade Fußball im Garten spielen oder vor einem Löwen um unser Leben rennen. Lienhard bezeichnet das Gehirn als einen Filter. Immer, wenn wir etwas tun, stellt es sich die Frage: Wie gefährlich ist das, was ich gerade mache? Wenn das Gehirn etwas wahrnimmt, was nicht eindeutig identifiziert und nicht kontrolliert werden kann, schaltet es automatisch in den Schutzmodus. Das äußert sich in Form von Schutzreflexen. Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn wir Schüsse hören, legen wir uns automatisch auf den Boden.

Weg mit dem Schutzreflex

Beim Neuroathletiktraining geht es auch darum, diese Schutzreflexe auszuschalten. Natürlich nicht so sehr, und das betont Lienhard, dass wir echte Gefahren ignorieren. Vielmehr werden Gefahren durch einen optimierten Bewegungsablauf von vornherein vermieden. Das propriozeptive System versorgt unser Gehirn mit den Informationen darüber, wie wir uns dreidimensional im Raum bewegen. Je besser die Informationen, desto effizienter kann unser Gehirn arbeiten. Wenn Gelenke an bestimmten Stellen, zum Beispiel am Fuß, blockiert sind, dann können von dort keine klaren Informationen zum Hirn gesendet werden. Lienhard spricht dann von „blinden Flecken“.

Ein Traumpaar: Situationsanalyse und Motorik

Es kommt zu Schutzreflexen und die nichtkontrollierbaren Bereiche werden geschont. Das müssen andere Bereiche kompensieren und sie werden umso mehr belastet. Die Verletzungsgefahr steigt. Mit anderen Worten: Wir üben den jeweiligen Sport dann nur noch „auf Sparflamme“ aus und sind zudem gefährdet, uns zu verletzen. Ergo: Je besser das propriozeptive System ausgebildet ist, desto genauer und kraftvoller kann unser Körper arbeiten. Verbesserte Situationsanalyse und verbesserte Motorik gehen Hand in Hand.

„Der Mensch ist kein Roboter“

Lienhard ist davon überzeugt, dass eine Korrektur des neuronalen Bereichs insbesondere dann notwendig ist, nachdem sich ein Sportler verletzt hat. Er meint: „Wenn ein Gewebe verheilt ist, sind halt oftmals noch lange nicht die Ursachen für die Verletzung behoben, nämlich die Aktivitätsmuster im Gehirn und die dadurch im Körper zu findenden Kompensationsmuster.“

Die Hardware, das ist für Lienhard der Körper des Sportlers. Die Software, der sogenannte „Bewegungsplan“, ist dagegen im Gehirn zu finden. Lienhard spricht von einer „neuronale[n]Reprogrammierung“ der Software. Ohne eine solche seien nach einer Reha Folgeverletzungen vorprogrammiert. Speziell im Fußball kritisiert Lienhard, dass Rehaprogramme ausschließlich biomechanisch aufgebaut seien, also einzig und allein auf die Bewegung an sich schauen: „Es gibt im Fußball genügend Beispiele, die eine Biografie von schweren Folgeverletzungen aufweisen. Das ist kein Pech! Der Mensch ist kein Roboter. Es geht nicht nur um die Heilung des geschädigten Gewebes, sondern vielmehr um die neuronalen Systeme, also die ‘Bewegungssoftware’ im Gehirn.“

Mit den richtigen Drills zum Erfolg

Aber wie genau geht ein Neuroathletiktraining nun vor sich? Zunächst wird eine Anamnese erstellt. Der Sportler wird also ganz genau zu seiner Krankengeschichte befragt, damit der Trainer weiß, worauf er bei der Konzeption des Programms zu achten hat. Lienhard arbeitet dann mit sogenannten Drills. Ein Drill ist eine Übung, die das bewegungssteuernde System betrifft und an das „Neuro-Profil“ des jeweiligen Sportlers angepasst ist. Es handelt sich dabei um verschiedene Gleichgewichts-, Augen- und Gelenkkontrollübungen, die ins Aufwärmen integriert werden.

Nehmen wir an, Lienhard hat bei der Analyse seines Schützlings festgestellt, dass dieser über ein Koordinationsdefizit auf der linken Seite verfügt. Anschließend absolviert er solche Drills, die das linke Kleinhirn aktivieren, damit es langfristig an Leistung gewinnt. Bei einem einzelnen Drill folgt in der Regel auf einen starken Reiz ein schwächerer Reiz. In den Worten Lienhards: „Augen rechts stabilisieren, dann Kopfbewegungen nach links oder links oben oder rechts unten, gefolgt von nicht-linearen Bewegungen auf der linken Seite.“

Schnell ist nicht gleich schnell

Um Lienhards Programm etwas besser zu veranschaulichen: Wenn er mit Fußballern arbeitet, werden nach der oben erwähnten Verbesserung der Bewegungssteuerung die Punkte Torschuss und spezifische Wahrnehmung in Angriff genommen. Sehr interessant ist nun: Für Lienhard umfasst Schnelligkeit im Fußball nicht bloß Sprintleistung und Richtungswechsel. Ein viel größeres Problem sei es, dass viele Spieler Situationen langsamer wahrnehmen und somit zu spät reagieren. Mit anderen Worten ist im Fußball nicht unbedingt derjenige der Schnellste, der sich am schnellsten bewegt. Sondern derjenige, der sich als erstes bewegt. Mit der interessanten Konsequenz, so Lienhard, dass etwas schnell aussehen kann, obwohl es eigentlich bloß früher und effizienter ausgeführt worden sei.

Auch beim eigentlichen Torschuss kann das Neuroathletiktraining bei Teilaspekten helfen, denen man bisher vielleicht kaum Beachtung geschenkt hat. Beim Schuss müssen die Augen des Spielers ein Objekt verfolgen können und dabei unter Umständen von einer nahen in eine ferne Position umschalten. Nur so werden dem Gehirn optimale Daten bezüglich Tiefe und Geschwindigkeit geliefert. Das Problem: Was das eine Auge dem Gehirn vermittelt, unterscheidet sich oft von dem, was das andere Auge dem Gehirn vermittelt. Ergo kann das Gehirn nur „schätzen“, wo sich das Objekt befindet und die Bewegung ist nicht so exakt, wie sie sein könnte.

Mehr Aufmerksamkeit für den Prozess

Nicht minder wichtig ist für Lienhard, worauf die Aufmerksamkeit während der Schussbewegung gerichtet ist. Viele Spieler seien beim Schuss viel zu wenig prozessorientiert und zu sehr zielorientiert. Der Blick geht zu früh weg vom Ball und hin zum Zielobjekt (sei es ein Mitspieler oder das Tor). Das ist eigentlich ganz logisch: Wer beim Schuss zu früh den Blick vom Ball abwendet, kann nicht so exakt flanken bzw. ins Tor schießen, wie es eigentlich möglich wäre. Lienhards Ziels ist es hier also, dass der Sportler dem Prozess viel mehr Aufmerksamkeit widmet. Langfristig gesehen erhöht sich dadurch die Präzision beim Schuss deutlich. Das prozessorientierte Handeln im Sinne des Neuroathletiktrainings mag zunächst mühsam und ungewohnt sein. Irgendwann geht es beim Sportler aber in Fleisch und Blut – und Hirn! – über.

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Über den Autor

Niklas Nowak

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