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Myokine: Wie Sport unseren Körper von innen heilt

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Warum eigentlich ist Sport gesund? Diese alte Frage beantwortet eine relativ neue Studie aus Dänemark. Weil in unseren Muskeln Myokine schlummern – Heilstoffe, die nur darauf warten, durch Bewegung ihr ganzheitlich gutes Werk zu tun.

Was ist an Sport so gesund?

Der Blick aus dem Fenster lässt keine Fragen offen: Es ist kalt und nass und nicht selten windig da draußen. Nicht nur das Coronavirus hat seine Blütezeit, auch Grippe und bakterielle Infektionen haben Hochsaison. Kurzum: Es ist die Zeit, in der unser Immunsystem unter Beschuss ist wie in keiner anderen Jahreszeit. Und es ist auch die Zeit der Vitaminpräparate: Zink, Eisen und heiße Zitrone – die Wege, unser Immunsystem zu stärken, sind uns lieb und teuer. Die Sache ist nur: Das meiste davon kann man sich sparen, wenn man seinen Körper im Rest des Jahres ordentlich in Schwung hält. Wenn man mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und zum Einkaufen läuft. Und bestenfalls sogar seinen Kreislauf ein paar Mal in der Woche kräftig in Wallung bringt.

Nein, es ist keine neue Erkenntnis, dass Sport für den Menschen eine gute Idee ist. Im Gegenteil: Schon der Vater der modernen Medizin kam vor knapp zweieinhalb Jahrtausenden zu diesem Schluss. „Wenn wir jedem Individuum das richtige Maß an Nahrung und Bewegung zukommen lassen könnten“, schrieb Hippokrates von Kos, „hätten wir den sichersten Weg zur Gesundheit gefunden.“ Sogar Winston Churchill (eigentlich berühmt für sein „No sports!“-Statement) befand einmal, dass „keine Stunde, die man mit Sport verbringt, verloren ist“. So weit, so bekannt. Genau wie die subjektiv empfundenen Segnungen des Sports. Wer sich regelmäßig bewegt, fühlt sich frischer, stärker und tatsächlich: auch gesünder.

Eine aktuelle Studie der Sporthochschule Köln stellt fest, dass Sport eine Art „Impfung für das Immunsystem“ sei und möglicherweise sogar einen gewissen Schutz vor der Ansteckung mit dem Coronavirus biete. Aber was genau ist es nun eigentlich, das Sport so unerhört gesund macht? Welches sind die Prozesse, die im Körper dafür sorgen, dass er so guttut?

Was machen Interleukine?

Nun, die aktuell vielleicht revolutionärste Forschung über das, was da eigentlich so Heilsbringendes in Sportlerkörpern passiert, kommt aus Dänemark. Sie hat mit unseren Muskeln zu tun – und mit etwas mehr als 600 verschiedenen Botenstoffen, die erst 2007 offiziell entdeckt worden sind. Aber der Reihe nach. 1990 begann Bente Klarlund Pedersen, Professorin am Rigshospitalet in Kopenhagen, der Uniklinik der dänischen Hauptstadt, mit einer lang angelegten Studie. Schon früher hatte sie über die entzündungshemmende Wirkung von Sport geforscht und geschrieben, aber jetzt wollten sie und ihre Kollegen am „Zentrum für Inflammation und Metabolismus“ es genauer wissen: Gut 32 000 Probanden ließ sie in den darauffolgenden 18 Jahren unter Aufsicht trainieren. Die Forscherin und ihr Team untersuchten die Sportler danach eingehend auf Herz, Nieren und so einiges mehr.

Es sollte allerdings bis 2007 dauern, bis sie eine verblüffende Entdeckung machte: Im Blut ihrer Schützlinge fand Klarlund Pedersen nach jeder Bewegungseinheit einen signifikanten Anstieg von Interleukin-6. Interleukine (IL), das war längst bekannt, sind Botenstoffe, die dabei helfen, Entzündungen im Körper zu regulieren. Allerdings war man immer davon ausgegangen, dass diese IL ausschließlich in den Immunzellen des Körpers produziert werden. Klarlund Pedersen aber stellte fest: Das Interleukin-6 ihrer Probanden wurde in den Muskelzellen hergestellt.

Diese Entdeckung war sensationell, denn auf einmal waren Muskeln weitaus mehr als bloß nützliche Kraftmaschinen – sie produzierten heilsame Informationsträger für entzündliche und andere ungesunde Prozesse im ganzen Körper. Und zwar nur das Interleukin-6. Über 600 verschiedene Botenstoffe machte die dänische Forscherin in den Muskeln ihrer Untersuchungsobjekte aus und gab dieser Gruppe von Informanten einen neuen Namen: Myokine. „Mys“ ist das griechische Wort für Muskel, „kinema“ das für Bewegung.

Muskelaktivität erzeugt Myokine

Und damit ist dann auch gleich erklärt, wie die Myokine entstehen: durch Bewegung der Muskeln. Je mehr Bewegung, desto mehr entstehen von diesen hormonartigen Substanzen. Sie strömen von den Muskeln über den Blutkreislauf in den Körper aus, tasten die Zellen ab und docken an den Zellrezeptoren an, um dann von dort Signale an die Zellen zu senden, die eine biologische Reaktion auslösen. „Muskeln sind also nicht nur zum Laufen und Stehen da, sie unterhalten sich mit anderen Organen“, sagt Klarlund Pedersen: „Würde man die Substanzen hören, erklängen Botschaften im ganzen Körper.“ Und die sind immer positiv – Myokine ermuntern den Körper dazu, den Fettstoffwechsel anzuregen, die Durchblutung zu verbessern, Knochen wachsen zu lassen, Entzündungen zu heilen und sogar die Neubildung von Gefäßen zu fördern.

Das Interleukin-6 aber ist der Star unter den kommunikationsfreudigen Botenstoffen; von ihm findet man im Blut eines Sportlers nach dem Training die höchste Konzentration – besonders nach dem Krafttraining. Und dann hilft es massiv dabei, das besonders ungesunde viszerale Bauchfett zu reduzieren. Es bringt den Zucker in die Muskelzellen, was eigentlich die Aufgabe von Insulin ist. Und das verhindert die Ausbildung von Typ-2-Diabetes. Mehr noch: Aktuelle Studien gehen davon aus, dass dieser Muskelheilstoff sogar Typ-2-Diabetes im frühen Stadium heilen kann – und sogar die Produktion natürlicher Killerzellen pusht, die verhindern, dass Tumore entstehen oder sich vergrößern. Tatsächlich: Das Interleukin-6 ist offenbar ein ausgewiesener Krebsbekämpfer.

Myokine: Botenstoffe fürs Gehirn

Das Myokin BDNF (sein voller Name: „Brain-derived neurotrophic factor“) wiederum wirkt an anderer Stelle segensreich. Es überwindet die Blut-Hirn-Schranke und stimuliert den Hippocampus, die Gedächtnispforte des Menschen. Und das beugt nicht nur Demenz vor, sondern kann auch vor Depressionen schützen. Aber das ist noch längst nicht das Ende der Geschichte. Myokine wirken ganzheitlich auf Körper und Seele – geradezu jedes Organ speisen sie mit Informationen darüber, was an förderlichen Prozessen zu passieren hat. Und wer immer auch beim Joggen das Glück hatte, ein „Runners High“ zu verspüren – auch das: hergestellt durch Myokine.

Klarlund Pedersen und ihr Kopenhagener Team haben also in unseren Muskeln eine gut ausgestattete Apotheke mit einer Reihe von Premium-Arzneien entdeckt – beziehungsweise das Potenzial dafür. Denn die dänische Professorin macht auch klar: Wer seine Muskeln nicht bewegt, der ist anfälliger für Viren, neigt zur Adipositas, erhöht sein Herzinfarktrisiko, erleidet eher einen Schlaganfall und hat längst nicht so viele Killerzellen zur körpereigenen Abwehr zur Verfügung, wenn sich ein Tumor bildet. Den Schutzschild aus Myokinen müssen wir uns verdienen. Aber was ist die beste Art dafür?

Welcher Sport ist gut für die Gesundheit?

Nun, zunächst einmal gilt: Jedes Ansprechen der Muskulatur hilft. Das bereits zuvor erwähnte regelmäßige Radfahren ins Büro, der regelmäßige Spaziergang im Wald – schon mal nicht schlecht. Aber damit die Myokin-Apotheke so richtig gut bestückt wird, braucht es schon ein bisschen mehr, zum Beispiel gezielten Muskelaufbau: Durch regelmäßiges Krafttraining werden Muskeln kräftiger und belastbarer. Dafür hilft der Gang ins Fitnessstudio mit Hantelbank und massiven Gewichten. Aber auch mit funktionellem Training – entweder mit dem eigenen Körpergewicht oder mit Hanteln und Gummibändern – lässt sich die Muskelkraft trainieren.

Myokine aktivieren!

Und eigentlich gibt es wirklich keine Ausreden: Planks, Push-ups, Burpees, Dips und Mountain Climbers erfordern weder viel Platz noch Zeit, sind aber intensive und effektive Myokinbooster. Schon ein Spaziergang im Wald aktiviert die Muskeln und damit die Apotheke in ihnen. Dazu wirken dann noch Terpene auf das Immunsystem ein. Ebenfalls ein Botenstoff, der von Bäumen produziert wird und kaum weniger heilsam ist als die Myokine. Aber regelmäßiges Training kurbelt die Produktion deutlich mehr an. Aktuelle Studienergebnisse legen den Schluss nahe, dass schon zwei bis drei Ausdauer- oder Krafttrainingseinheiten von 15 bis 20 Minuten pro Woche ausreichen, um die optimale Menge an Myokinen zu bilden – und sie sind allemal effektiver, als einmal in der Woche für eine Stunde Fußball oder Tennis zu spielen.

Wie viel Sport ist gesund?

Mehr Bewegung schadet auch nicht. Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Auch beim Sport und seinen Folgen für den Körper gilt, was auf so vieles im Leben zutrifft: Es kommt auf die Dosis an. Übertraining ist kontraproduktiv. Der Körper und die Muskulatur brauchen Zeiten der Regeneration, um ausreichend Myokine herzustellen. Direkt nach einem intensiven und erschöpfenden Training zum Beispiel kann das Immunsystem vorübergehend sogar geschwächt und angreifbar sein. Wer zu viel macht riskiert außerdem, dass sein Hormonhaushalt aus der Balance gerät. In diesem Fall produziert der Körper zu viel vom Stressor Cortisol und zu wenig Testosteron; die Muskeln verweigern in der Folge die Aufnahme von Energie, die Kalorien werden in Fett umgewandelt. Man neigt zur Unkonzentriertheit und zu schlechter Laune, weil der Sympathikus im Nervensystem überreizt wird.

Auch die Infektanfälligkeit steigt, kurz: So ziemlich jede Segnung, die ein maßvolles und, so nennt es Klarlund Pedersen, „sinnvolles Training“ für die innere Apotheke bedeutet, wird durch übergroßen Ehrgeiz und falsch verstandenen Eifer ins Gegenteil verkehrt. Aber das muss ja nicht sein. Sport dagegen schon. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wer glaubt, keine Zeit für körperliche Fitness zu haben, wird früher oder später Zeit zum Kranksein haben müssen.“

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Autor:

Dr. Marc Weitl war Kunstturner und hat in Sportmedizin promoviert mit dem erklärten Ziel, den plötzlichen Herztod bei Sportlern zu bekämpfen. Aus dieser Motivation heraus gründete er 2001 nach vielen Jahren in Klinik und Forschung in Hamburg die cardioscan GmbH für eine bessere Diagnostik, damit Training einfach funktioniert. Sein aktuelles Buch „Immunbooster Muskulatur: Der Geheimcode ist entschlüsselt“ ist bei Insight Publishing erschienen und kostet 14,90 Euro.

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Trainingsworld

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