Darf man mit Diabetes Typ 2 Sport machen? Von Dr. Markus Klingenberg

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Darf man mit Diabetes Typ 2 Sport machen? Sportmediziner Dr. Markus Klingenberg erklärt, warum körperliches Training sich auf das Wohlbefinden von Diabetes-Patienten positiver auswirken kann als Orangensaft und Schulmedizin – und er weiß, worauf Coaches bei der Trainingsgestaltung achten sollten.

Was ist Diabetes und darf ich damit Sport machen?

Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist. Dadurch können mit der Zeit Folgeerkrankungen an den Blutgefäßen, Nerven und unseren Organen auftreten (zum Beispiel Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschwäche, Netzhautschäden, Erektionsstörungen).

Sport und Diabetes Typ 2

Insgesamt gibt es etwa zehn Millionen Betroffene in Deutschland und überdies vermutlich eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer von derzeit noch nicht diagnostizierten Fällen. Dabei leiden 90 Prozent der Erkrankten unter einem Diabetes Typ 2. Auf diese Gruppe gehe ich in diesem Beitrag gezielt ein. Denn neben einer gewissen genetischen Veranlagung sind vor allem das Bewegungs- und das Ernährungsverhalten für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes verantwortlich.

Durch eine Veränderung des Lebensstils ist diese Erkrankung meistens behandelbar und vor allem auch präventiv vermeidbar. Die anderen 10 Prozent der Krankheitsfälle umfassen, neben einigen seltenen Sonderformen, vor allem Diabetes Typ 1. Beim Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung.

Diabetes Typ 2

Diabetes Typ 2 gehört zu den nicht übertragbaren Volkskrankheiten. Dazu gehören unter anderem auch Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte (Hypercholesterinämie), Übergewicht (Adipositas) und körperliche Inaktivität (ja, auch das ist eine Krankheit). Häufig treten diese Erkrankungen kombiniert auf und erhöhen damit das Gesamtrisiko des Patienten.

Welcher Sport bei Diabetes Typ 2?

Welche Rolle kann funktionelles Training für Diabetiker spielen und was müssen Trainer und Sportler berücksichtigen?

Auswirkungen eines solchen Trainings sind in erster Linie eine Verbesserung der Stoffwechselsituation des Sportlers und die Reduktion der medikamentösen Therapie über eine Verbesserung der Empfindlichkeit der Insulinrezeptoren.

Sport bei Diabetes Typ 2: Welche Risiken gibt es?

Welche Risiken muss ich als Trainer besonders berücksichtigen?

Im Folgenden sind einige der häufigen Risikofaktoren aufgeführt, die bei der Trainingsgestaltung und -durchführung demzufolge zu beachten sind.

1. Unterzuckerung

Sport wirkt nach! Der Sportler muss deshalb unbedingt auf das erhöhte Risiko einer Unterzuckerung hingewiesen werden. Bei und nach dem Training sollte Zucker oder schnell verfügbare Energie greifbar bereitgehalten werden. Darüber hinaus ist gerade bei einer neuen sportlichen Herausforderung ein häufiges Messen des Blutzuckerspiegels empfehlenswert.

2. Über- und Fehlbelastungen

Bei einem Einstieg bzw. Wiedereinstieg in den Sport ist eine Über- oder Fehlbelastung schnell erfolgt. Das gilt demzufolge umso mehr, wenn sich verschiedene Risikofaktoren aufaddieren.

3. Neuropathie

Eine Komplikation ist eine Verringerung des individuellen Schmerzempfindens aufgrund einer durch den Diabetes verursachten Nervenschädigung (lat. Neuropathie). Eine Über- oder Fehlbelastung wird demnach unter Umständen nicht bemerkt.

4. Medikamente

Es müssen nicht nur weitere häufige Nebenerkrankungen, sondern auch die Gesamtheit der Medikamente und ihre Nebenwirkungen berücksichtigt werden. Ein klassisches Beispiel sind Betablocker, die den Blutdruck und die Herzfrequenz senken und zu einem verringerten Pulsanstieg unter Belastung führen. Deshalb sollte keine Trainingssteuerung alleine über das Gefühl des Kunden oder Herzfrequenztabellen erfolgen.

Körperliches Training für Diabetiker

Ein körperliches Training führt beim Diabetiker zu einer Verbesserung der Insulin- unabhängigen Blutzuckeraufnahme in den Muskelzellen. Es kommt zu einem Anstieg spezieller Transportmoleküle (GLUT 4) in der Wand der Muskelzellen. Dieser Effekt hält etwa 36 Stunden an und reduziert damit den Insulinbedarf des Sportlers. Das bedeutet auf Körperebene deutlich weniger Stress für die Bauspeicheldrüse (lat. Pankreas). Weiterhin verbessert sich die Sensitivität der Insulin-Rezeptoren.

Mit anderen Worten: Unser körpereigenes Insulin „funktioniert“ wieder besser an der Zelle – der Schlüssel passt wieder besser ins Schloss. Bei Sport und gleichbleibender Dosierung der Medikamente steigt damit das Risiko für eine Unterzuckerung im Anschluss an das Training. Im Idealfall verbessert ein Training bei einem Typ-2-Diabetiker die Stoffwechselsituation so weit, dass er auf Medikamente verzichten kann. Typ-2-Diabetes ist also mit Training und einer Anpassung der Ernährung in bestimmten Fällen sogar heilbar.

Welches Training ist für Diabetiker am besten?

Betrachtet man die aktuelle Studienlage, sind Krafttraining und Ausdauertraining in Bezug auf ihre Wirkung als gleichwertig anzusehen. Eine Kombination beider Trainingsformen entsprechend der allgemeinen Leitlinie ist am sinnvollsten. Seit September 2016 existiert ganz aktuell eine neue nationale Leitlinie: die „Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“.

Diese empfehlen für Erwachsene generell pro Woche ein Mindestmaß an Sport mit 150 Minuten moderater Bewegung oder 75 Minuten intensiverer Bewegung und zwei Einheiten Krafttraining. Betrachtet man das Ausdauertraining, ist bei entsprechender ärztlicher Freigabe ein Intervalltraining mit höheren Intensitäten noch etwas wirksamer als eine Dauermethode.

Voraussetzung für ein sicheres Training ist eine professionelle Ausgangsdiagnostik zu Herz-Kreislauf- System und Bewegungsapparat. Richtig dosiert wirkt sich ein körperliches Training auch positiv auf häufig begleitende Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte aus.

Es gibt keinen Grund, mit Diabetes keinen Sport mehr zu treiben. Das haben einige prominente Beispiele bereits gezeigt

Die Moderatorin und Spinning-Instruktorin Shirin Valentine im Interview

Die Moderatorin und Spinning-Instruktorin Shirin Valentine hat selbst Typ-1-Diabetes und ist mittlerweile zur Expertin für Sport und Diabetes geworden. Unser Autor Dr. Markus Klingenberg hat ihr im Gespräch einige interessante Erfahrungen und Tipps entlockt.

Shirin, wir kennen uns jetzt schon seit über 15 Jahren als Trainerkollegen. Ehrlich gesagt dauerte es ein paar Jahre, bis ich überhaupt registriert habe, dass du einen Typ-1-Diabetes hast. Kurzum, du hast dein Leben ziemlich gut auf diese Krankheit eingestellt und konntest vor allem über dein eigenes Training viel erreichen.

Welche Tipps gibst du anderen Sportlern mit Diabetes, die erstmalig mit Sport beginnen oder als Sportler neue Herausforderungen suchen?

„Sport verändert die notwendige Grundversorgung an Insulin, die sogenannte Basalrate, nach unten. Auch hier tritt mit der Zeit eine Gewöhnung des Körpers auf. Eine normale Spinning-Stunde verändert meinen Blutzuckerspiegel kaum noch. Je ungewohnter, stressiger und intensiver die Belastung für den Sportler ist, desto höher ist allerdings der Anstieg des Blutzuckerspiegels. Beim CrossFit habe ich bei mir schon Werte von 300 bis 400 mg/dl gemessen, der Normwert liegt bei rund 110 mg/dl.

Die Dosierung von Sport und Insulin muss gerade bei Neueinsteigern und bei neuen Belastungen eng aufeinander abgestimmt werden. Ein weiterer positiver Aspekt des Trainings ist eine Verbesserung des Stoffwechsels nach einer Unterzuckerung. Der Körper beantwortet ein Blutzuckertief mit einer vermehrten Ausschüttung des Insulingegenspielers Glucagon. Die Konzentration im Blut wird, einfach ausgedrückt, durch Sport schneller wieder normalisiert.“

Gibt es weitere Faktoren, die der Körper in Bezug auf den Blutzuckerspiegel als Stress empfindet?

„Bei mir selber erkenne ich einen erhöhten Insulinbedarf, wenn ich einen Infekt in mir trage oder beispielsweise meine Tage habe. Stress erhöht die Ausschüttung von Adrenalin und Kortison im Körper und diese beiden Hormone erhöhen den Blutzuckerspiegel. Häufiges Messen hilft dem Diabetiker dabei, seinen Körper und relevante Stressfaktoren besser kennenzulernen. Überdies kann ich an meinem Blutzuckerspiegel sogar erkennen, wenn mich eine Person wirklich nervt.“

Du bist immer auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft. Was ist die Zukunft in der Diabetestherapie?

„Ich nutze schon seit langer Zeit eine Kombination aus Sensor und Insulinpumpe. Bei meiner Minimed 640G überwacht der Sensor im Gewebe automatisch meinen Blutzuckerspiegel, sodass ich ihn ohne Piksen in Echtzeit auf dem Display sehe und meine Insulinmenge ganz individuell anpassen kann. Mit der Smart-Guard- Funktion wird auf diese Weise auch eine Unterzuckerung in der Nacht verhindert, was gerade nach sportlichen Belastungen schnell einmal geschehen kann. Kurzum: In der Summe ermöglicht mir diese Therapie, das Leben zu führen, das ich gerne führen möchte.“

sportmediziner und diabetes-experte dr. markus klingenberg erklärt die zusammenhänge von sport und diabetes typ 2Unser Autor Dr. Markus Klingenberg ist Facharzt für Orthopädie/Unfallchirurgie, Sportmedizin und Manuelle Medizin.

Außerdem ist er leitender Arzt an der Beta Klinik in Bonn und offizieller Ausbilder und Referent bei Perform Better Europe. Mehr Infos unter www.markusklingenberg.de

 

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