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Wie viel Beweglichkeit brauchen wir wirklich?

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Beweglichkeit: Während sich als Kind jeder von uns viel bewegt hat, geht dieser natürliche Drang mit den Jahren immer mehr verloren. Zunehmende Bewegungsarmut wirkt sich negativ auf uns aus und kann zu chronischen Schmerzen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer führen. Basierend auf einem neurozentrierten Ansatz zeigt Patrick Meinart in diesem Auszug aus seinem Buch „Zurück zur Beweglichkeit“, warum es wichtig ist, unsere Beweglichkeit zu trainieren und zu erhalten.

Wir verlieren unsere Beweglichkeit

Sich frei bewegen zu können – sowohl körperlich als auch geistig –, ist ein Geschenk. Wir sind nicht so sehr auf bestimmte Eigenschaften spezialisiert wie viele Tiere, sondern sind variabler in unseren körperlichen Fähigkeiten. Es gibt kein Tier auf der Welt, das in seinem Bewegungsrepertoire derart vielfältig ist wie der Mensch. Die Grundlage für unsere Bewegungskompetenz schaffen wir in der frühkindlichen Entwicklung. Wir sind geboren, um zu rennen, zu klettern und Millionen von anderen Dingen zu tun. Als Kind lernen wir dies durch Spielen. Das Spiel ist unser Weg der motorischen Entwicklung, die beste Möglichkeit zu lernen, auf unsere Umwelt zu reagieren, und es bietet uns den optimalen Rahmen, uns in ihr nicht nur zurechtzufinden, sondern uns ihr auch anzupassen.

Die Variabilität der Bewegung ermöglicht gleichzeitig Flexibilität in Bezug auf die unmittelbare Umgebung. Spiele ermöglichen Kindern, sich nicht nur körperlich, sondern auch sozial zu entwickeln. Dies beginnt bereits sehr früh in Kindergruppen und wird bis in den Sportunterricht im Jugendalter fortgesetzt. Leider ist der Sportunterricht die Unterrichtsstunde, die laut Statistik am häufigsten in Deutschland ausfällt. Während Spiel und Bewegung im frühkindlichen Alter noch ganz selbstverständlich zur Entwicklung des Menschen dazugehören, scheint dieser Aspekt nach Erreichen der Selbstständigkeit schnell wieder vergessen zu werden. Daraus resultieren Probleme mit der Gesundheit, die sich bis in das hohe Alter ziehen können.

Von Bewegungsmangel bis Profisport

Dieser Umstand wird begleitet durch eine Vielzahl von Erkrankungen auf körperlicher und mentaler Ebene. Chronische Schmerzen und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer stehen im deutlichen Zusammenhang mit Bewegungsarmut und sich daraus entwickelndem Übergewicht. Als Lösungen werden neue Fitnesstrends entwickelt, die jedoch nicht unseren natürlichen Spieltrieb berücksichtigen.

Diese Ideen und Trends legen den Fokus auf Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen, und auf sichere Trainingsgeräte, die ein Mindestmaß an motorischen Fähigkeiten benötigen. Auf der anderen Seite entwickelt unsere Kultur immer mehr Athleten, die sich früh einem Sport verschreiben. Frühe Spezialisierung in einer Sportart führt unweigerlich zu Höchstleistungen in dem jeweiligen Sport, aber auch gleichzeitig zu einer hohen Verletzungsquote und einem frühen Ausscheiden aus dem Profisport. Unsere Spezialisierung geschieht oft auf Kosten unserer Gesundheit.

Was gehört alles zur Beweglichkeit?

Doch zwischen Bewegungsmangel und Profisport gibt es viele Zwischenstufen. Das Beweglichkeitstraining ist in seinen Inhalten so umfassend wie das Spielen von Kleinkindern. Ziel ist es, exploratorisch die Grenzen der eigenen körperlichen Fähigkeiten zu erfahren und dabei seine Grenzen auszuloten. Nicht umsonst wird Mobilitätstraining häufig als eine kontrollierte Gelenkbewegung innerhalb einer möglichst großen Bewegungsamplitude definiert. Dabei ist Mobilitätstraining nur ein Teilbereich des Beweglichkeitstrainings.

Beweglichkeitstraining basiert auf der Idee, dass jedes Erlernen oder jede Schulung von Bewegungsabläufen Sie beweglicher macht, weil Ihre gesamte Koordination dadurch besser wird. Neben dem Mobilitätstraining ist das Training der Flexibilität ein weiterer wichtiger Teilbereich. Flexibilitätstraining steigert Ihre Beweglichkeit im Umfang, während es bei der Mobilität immer auch um Kontrolle geht, also vielmehr um die Qualität der Bewegung. Beweglichkeit ist also eine Kombination aus Flexibilität, Mobilität und koordinierten Bewegungen und Beweglichkeitstraining bedeutet nicht primär, dass Sie Ihre Beweglichkeit quantitativ maximieren, sondern dass Sie Ihre koordinative Leistung verbessern.

Welche Bedeutung hat die Beweglichkeit?

Gibt es nur ein spezifisches Maß an Beweglichkeit, welches an die Notwendigkeit einer bestimmten Sportart gekoppelt ist, oder gibt es auch ein konkretes Maß an „genereller“ Beweglichkeit, das man haben sollte? Es gibt zumindest keine klare Verbindung zwischen Beweglichkeit und chronischen Schmerzen. Diverse Untersuchungen konnten keinen klaren Zusammenhang aufzeigen, dass mehr Beweglichkeit automatisch zu weniger Schmerzen führen würde. Gleichzeitig fehlt auch der Zusammenhang zwischen Beweglichkeit und Verletzungsanfälligkeit im Sport.

Da ich oben bereits angemerkt habe, dass Mobilitätstraining nur ein Teil des Beweglichkeitstrainings ist, muss man an dieser Stelle „Beweglichkeit“ etwas differenzierter betrachten. Es gibt leider nur wenige Untersuchungen zum „Mobility-Training“. Diese konnten jedoch aufzeigen, dass zum Beispiel Mobility-Training in Kombination mit einem Core-Training zu weniger Rückenschmerzen geführt hat. Eine Verbindung zwischen einem spezifischen Maß an Mobilität und Schmerzen konnte jedoch nicht aufgezeigt werden. Bereits das Training unabhängig von der Ausgangssituation führte zu einer Verbesserung der Schmerzwahrnehmung.

Was ist Beweglichkeit im Sport?

Wie sieht es denn mit Stretching aus? Was haben wir von einer verbesserten Beweglichkeit beziehungsweise von einer verbesserten Bewegungsamplitude (ROM)? Eines der häufigsten Argumente für Stretching ist, dass es sich gut anfühlt. Doch für ein Gefühl kann man sich nichts kaufen. Beweglichkeitstraining hat sicherlich nicht den tollen Effekt, den sich viele Sportler gerne wünschen würden. Vergleicht man Beweglichkeitstraining mit Krafttraining, zeigt die Studienlage, dass beide Maßnahmen im selben Ausmaß die Beweglichkeit verbessern. Doch durch das Krafttraining bauen wir zusätzlich Muskeln auf, fördern unsere Kraft und sorgen für eine bessere aktive und passive Gelenksicherung im Vergleich zum Stretching.

Wir brauchen daher weder ein bestimmtes Maß an Mobilität noch benötigen wir ein konkretes Maß an Flexibilität. Das Training kann zwar zu einer Verbesserung diverser koordinativer Eigenschaften führen, was jedoch nicht bedeutet, dass wir ein spezifisches Maß benötigen, welches sinnvoll ist. Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass der Weg das Ziel ist. Bereits die Ausführung eines strukturierten Beweglichkeitstrainings kann Vorteile bieten, unabhängig davon, wie die Ausgangslage war und wie stark die Verbesserung ausgefallen ist. Gleichzeitig sollte differenziert betrachtet werden, ob man Stretching, Mobility-Training oder Krafttraining nutzt, um die Beweglichkeit zu verbessern.

Was hat es mit der „Nervenbeweglichkeit“ auf sich?

Ähnliches gilt auch für Mobilisationstechniken in Bezug auf das periphere Nervensystem, wie es zum Beispiel beim „Neuro Flossing“ der Fall ist. Hierbei ist das Ziel, periphere Nerven durch Beweglichkeitstraining in Bezug auf das umliegende Gewebe gleitfähiger zu machen und mögliche Restriktionen zu lösen. Diverse Mobilisationstechniken des Nervensystems finden bereits seit Jahren in der Therapie Anwendung. Dennoch gibt es nur sehr beschränkte Ergebnisse, die die Zuverlässigkeit dieser Methode aufzeigen. Auch in diesem Fall gibt es kein spezifisches Maß an „Nervenbeweglichkeit“, welches erforderlich ist. Die Mobilisation des Nervensystems kann bei diversen Indikatoren wie Fibromyalgie, chronischen Rückenschmerzen oder Karpaltunnelsyndrom hilfreich sein. Doch es lässt sich nicht bestimmen, wie viel Beweglichkeit tatsächlich sinnvoll ist und wie viel nicht.

Kann man zu beweglich sein?

Die Suche nach einer „normalen“ ROM ist wenig zweckdienlich, da man sich dadurch höchstens mit dem Durchschnitt vergleichen kann. Tatsächliche Beweglichkeit und das bloße Gefühl der Beweglichkeit sind individuell und sollten auch so betrachtet werden. Daher sollte sich jeder eher fragen: „Wofür bin ich beweglich?“ Die Zielsetzung ist immer wichtiger als der Vergleich mit anderen, erst recht der Vergleich mit dem Durchschnitt der Bevölkerung.

Es gibt keine ultimative Beweglichkeit, da diese immer spezifisch ist, also kontextbezogen. Es gibt keine optimalen Werte für die Beweglichkeit der Gelenke. Die Werte, die zum Beispiel die Physiotherapie benutzt, sind nur statistische Messgrößen, basierend auf der Arbeit mit Patienten im therapeutischen Zusammenhang. Wir können nicht pauschal sagen, welcher Mensch welches Maß an Beweglichkeit benötigt. Doch je größer unsere Fähigkeit, uns zu bewegen, ist, desto besser kommen wir mit Alltagsbelastungen klar und können besser mit neuen Anforderungen in unserem Leben umgehen.

Fazit

Es lässt sich festhalten, dass es kein optimales Maß an Beweglichkeit oder Mobilität gibt. Zumindest kann dies die Studienlage nicht bestätigen. Gleichwohl wissen wir jedoch, dass Beweglichkeitstraining je nach Art und Ausführung diverse positive gesundheitliche Effekte mit sich bringt. Wir sollten uns daher darauf konzentrieren, unsere Beweglichkeit zu erhalten und das Training als täglichen Bestandteil einer „Körperhygiene“ zu sehen. Bewegen Sie sich gut und bewegen Sie sich viel. Damit sind Sie auf körperlicher Ebene auf alles vorbereitet sind, was Ihnen im Sport und im Alltag abverlangt werden kann.

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Autor: Patrick Meinart ist Sporttherapeut, Psychologe sowie Gründer der Release Fitness Academy. Außerdem ist er Ausbilder im Bereich des neurozentrierten Trainings und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Krafttraining, Therapie und Sport auf Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse.

www.release-fitness.com

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Über den Autor

Trainingsworld

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