Neuronale Heilung: Die Zusammenarbeit von Gehirn und Nervensystem | Lars Lienhard

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Neuronale Heilung: Sie möchten Ihre eigene körperliche, geistige, mentale und emotionale Gesundheit wieder aktiv selbst in die Hand nehmen? Dann ist es wichtig, Ihre Aufmerksamkeit den Aufgaben, Gesetzen und Prinzipien des Gehirns und des Nervensystems zu widmen. Gehirn und Nervensystem kontrollieren und regulieren alle Prozesse im Körper.

Neuronale Heilung: Das Gehirn als Chef im Körper

Es wird mit Recht behauptet, dass das Gehirn der Chef des Körpers ist. Wenn Sie einen Blick auf die neuronalen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten werfen, hilft Ihnen dies nicht nur dabei, Ihre Symptome und Probleme besser zu verstehen und einzuordnen, sondern eröffnet Ihnen auch neue Wege, aktiv auf Ihre Gesundheit einzuwirken. Sprechen wir hier über das Gehirn und neuronale Zusammenhänge, so sind nicht, wie oftmals damit assoziiert, mentale oder psychische Aspekte gemeint.

Neuronale Prozesse im Gehirn

Es geht vielmehr um die neuronalen Prozesse der Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung – mit anderen Worten: um die »Software im Hintergrund «. Gehirn und Nervensystem sind ursprünglich darauf ausgerichtet, den Körper vor Gefahren zu schützen und seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Hierbei sind, vereinfacht dargestellt, drei Schritte von Bedeutung:

  • Schritt 1: Gehirn und Nervensystem nehmen über die verschiedenen Sinnesorgane Informationen, die aus der Umwelt, eigenen Bewegungen und sämtlichen inneren Prozessen wie der Organtätigkeit oder der Atmung stammen (Input), auf und leiten diese zum Gehirn weiter.
  • Zweiter Schritt: Diese Informationen werden nun integriert, analysiert und miteinander abgeglichen (Interpretation).
  • Schritt 3: Auf der Basis der ausgewerteten Informationen wird ein Programm für die nächste Handlung erstellt und zur Umsetzung in die verschiedenen Bereiche des Körpers gesendet (Output).

Den Begriff der Handlung als Umsetzung des »neuronalen Outputs« möchten wir, um Missverständnisse zu vermeiden, etwas näher erklären. Die Handlung, von der wir hier sprechen, stellt nicht nur eine bewusst ausgeführte Tätigkeit dar, wie dies im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden wird.

Die hier gemeinten Handlungen sind vielmehr Vorgänge, die im Körper eingeleitet werden: Sie regulieren beispielsweise den Blutdruck, passen die Atemfrequenz an, koordinieren die Muskelspannung bei Bewegungen oder sind verantwortlich für die Entstehung von Emotionen und Gedanken.

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Die Arbeitsweise von Gehirn und zentralem Nervensystem. Sie empfangen sensorischen Input, verarbeiten und integrieren diesen und leiten die nächste Handlung ein.

Ihr körperliches Wohlbefinden, Ihre Leistungsfähigkeit, Ihre Gesundheit und Ihr Verhalten hängen immer zu großen Teilen davon ab, wie gut die Qualität der aufgenommenen Informationen, der Weiterleitung dieser Informationen sowie der verarbeitenden Prozesse ist, die in Ihrem Gehirn und im zentralen Nervensystem ablaufen.

Gefahrenfilter im Gehirn

Die verschiedenen Informationen, die vom Gehirn aufgenommen werden, durchlaufen hierbei eine Art »Gefahrenfilter«, welcher aus verschiedenen älteren Hirnarealen besteht. Diese Areale, die evolutionsgeschichtlich schon früh entstanden sind, »überprüfen « durch ihre Integrations- und Analysefunktion, ob das, was Sie gerade tun, sicher erscheint oder ob das Gehirn die Situation als unsicher interpretiert, weil nicht eindeutig ist, was gerade passiert.

Hierbei müssen Sie sich im Klaren darüber sein, dass diese Prozesse unbewusst und blitzschnell ablaufen. Ihr Gehirn wertet also im Bruchteil einer Sekunde den jeweiligen Zustand der Umwelt und Ihres Körpers aus und passt sich den Informationen immer neu an. Um sich die Komplexität und Tragweite dieser »Gefahrenanalyse« vor Augen zu führen, müssen Sie sich bewusst sein, dass die hierfür ausgewerteten und auf ihre Qualität beurteilten Informationen aus allen Bereichen des Körpers stammen.

Ihr Gehirn muss hierfür zum Beispiel Informationen aus all Ihren Gefäßwänden, Ihren Lungenflügeln, Ihren Gelenken, Sehnen und Muskeln beider Körperhälften, Ihrem Gleichgewichtssystem, aus beiden Augen und Ihren Ohren analysieren.

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Alle eingehenden Informationen werden in den alten Hirnarealen ausgewertet und auf ihre potenzielle Gefahr hin überprüft.

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, wie gut diese Informationen bei Ihnen tatsächlich sind? Wie würden Sie die Informationen aus Ihrem eigenen Körper bewerten?  Alle diese Informationen werden zu jeder Millisekunde analysiert und bestimmen die empfundene Bedrohungs- und Gefahrenlage für Ihr Gehirn zu großen Teilen mit.

Dabei geht es nicht nur darum, eine reale Gefahr zu erkennen. Sondern auch darum, die Vorhersagbarkeit der Situation zu beurteilen. Was durch die Qualität und Quantität aller gleichzeitig eingehenden Signale gegeben ist – oder aber auch nicht. Unzureichende Informationen, auch aus Ihrem Körperinneren, werden von Ihrem Gehirn als nicht vorhersehbar und oft als bedrohlich eingestuft.

Wenn das der Fall ist, wird ein bestimmter Bereich des Nervensystems stärker aktiviert. Der sogenannte Sympathikus.

Was macht der Sympathikus?

Der Sympathikus ist dafür verantwortlich, dass unser Körper in Gefahren-, Stress- oder Leistungssituationen aufmerksamer und wachsamer ist. Der Gegenspieler dazu ist der Parasympathikus. Er beruhigt und unterstützt die Erholung. Obwohl beide gleichzeitig und im stetigen Wechselspiel miteinander agieren sollen und müssen, kann es hierdurch schnell zu einem Ungleichgewicht auf Kosten des Parasympathikus kommen.

Damit diese beiden wichtigen Anteile des Nervensystems wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, wird eine Art »Vermittler« benötigt. Nämlich die sogenannte Inselrinde, auch Cortex insularis genannt. Sie ist erst in jüngster Zeit wieder mehr und mehr in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Man hat erkannt, welche bedeutende Rolle sie für unsere Gefühlswelt und die innere Wahrnehmung spielt. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, das Verhältnis von Parasympathikus und Sympathikus zu regulieren.

Neuronale Heilung

Um Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden zu verbessern, müssen Sie also für eindeutige und gute Informationen aus der Umwelt, der eigenen Bewegung und dem Körperinneren sorgen. So ermöglichen Sie Ihrem Gehirn eine klare Vorhersehbarkeit und vermitteln ihm Sicherheit. Auf dieser Basis kann Ihr Gehirn alle Prozesse optimal regulieren und damit die Grundlage für Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit schaffen. Natürlich sind nicht nur die Informationen über den aktuellen Zustand und deren Verarbeitung allein entscheidend. Auch die Zuordnung und der Abgleich dieser Informationen mit vorangegangenen Erlebnissen, Erfahrungen oder Befürchtungen sind wichtig. Somit kann man die gegebene Situation bestmöglich einschätzen.

Grundlagen für die neuronaloe Heilung

Beachtet man diese neuronalen Grundlagen nicht, so ist es oft sehr schwierig, auf die Ursachen von Problemen zu kommen, die Sie vielleicht schon längere Zeit beschäftigen. Es geht Ihrem Gehirn in erster Linie darum, eine Situation klar vorherzusagen. Dafür benötigt es alle Informationen, die Aufschluss über die Situation liefern können. Die Qualität dieser Informationen und deren Verarbeitung ist Grundlage für die nächsten Schritte und Handlungen.

Dies bedeutet: Sind die eingehenden Informationen aufgrund ihrer Qualität oder Quantität nicht ausreichend oder sind die verarbeitenden Hirnareale aufgrund ihres Aktivitätsniveaus nicht in der Lage, dem Gehirn zu vermitteln, dass das, was Sie gerade tun, klar, sicher und vorhersehbar ist, werden die Handlungen und körperlichen Prozesse genau diesen Informationen angepasst. Wird dieser in seiner Leistung geminderte »Schutzzustand« über eine längere Zeit aufrechterhalten, passen sich Ihre körperlichen Prozesse und die neuronale Grundlage nach und nach diesen neuen, nicht optimalen Bedingungen an.

Am Ende äußert sich dies in einer dauerhaft eingeschränkten körperlichen, mentalen und emotionalen Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Mögliche negative Erscheinungsformen

  • reduzierte Beweglichkeit und Kraft
  • eine allgemein schlechtere Bewegungssteuerung
  • Schmerzen
  • Schwindel
  • inadäquate situationsspezifische Gefühle
  • Verdauungs- oder Gewichtsprobleme
  • komplexere Phänomene wie Stress- oder Angstsymptome
  • ein schlechtes Körpergefühl
  • Schwierigkeiten, Impulse zu zügeln
  • eine zu hohe Muskelspannung
  • ständige Kampf- und Alarmbereitschaft mit einhergehenden Schlafstörungen

Somit sind sämtliche körperliche Prozesse sowie alle Symptome letzten Endes immer auch darauf zurückzuführen, dass das Gehirn und das zentrale Nervensystem sensorische Informationen unzureichend aufnehmen, weiterleiten, verarbeiten oder integrieren.

Autoren: Lars Lienhard, Dr. Eric Cobb, Ulla Schmid-Fetzer

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Sie wollen Ihre körperliche, geistige und emotionale Gesundheit verbessern? Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die wichtigsten Bereiche des Körpers: auf Gehirn und Nervensystem. Dr. Eric Cobb, der weltweit führende Experte für neurologisch ausgerichtete Sportprogramme, Lars Lienhard, der führende Experte für neurozentriertes Training in Europa, und Ulla Schmid-Fetzer, Neuroathletiktrainerin, zeigen, wie Gehirn und Nervensystem sämtliche Prozesse im Körper kontrollieren und durch spezifische Übungen unterstützt werden können.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Vagusnerv. Er ist an der Regulation fast aller Organe beteiligt und hat großen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden. Gemeinsam mit der Inselrinde, einem Hirnareal, in dem Informationen aus dem Körperinneren mit Sinneseindrücken abgeglichen werden, bildet er die Grundlage unserer Selbstwahrnehmung.

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