Anzeige

Athletiktraining vs. Functional Training – Wo liegt der Unterschied?

0

Die Begriffe „Athletiktraining“ und „Functional Training” werden in der Fitnesszene momentan schon fast inflationär verwendet. Doch wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen diesen beiden Trainingsmethoden? Jesper Schwarz klärt auf.

Woher kommt der Begriff „Athletiktraining“?

Schaut man sich den Begriff „Athlet“ näher an, führt dieser ins Altgriechische (athlētēs) oder auch ins Lateinische (athleta). In beiden Sprachen lässt sich der „Athlet“ als „Wettkämpfer“ übersetzen. Das Athletic Training ist also ein Training für Wettkämpfer. Das Athletic Training dient dabei der Vorbereitung auf eine möglichst gute Performance im Wettkampf. Das Ziel ist daher zum einen die Steigerung der sportartspezifischen Leistungsfähigkeit und zum anderen die Reduzierung des Verletzungsrisikos.

Je weiter man aber beim Athletic Training ins Detail geht, desto mehr unterschiedliche Meinungen herrschen vor. Inbesondere über die Herangehensweise. Es stellt sich z. B. die Frage, ob das Athletic Training eine rein ergänzende Funktion einnimmt oder ob sich das physische Training überhaupt von den sportartspezifischen Inhalten trennen lässt.

Was versteht man unter Athletiktraining?

Eine gute „Athletik“ zeichnet sich nicht dadurch aus, wie weit oder wie schnell ein Sportler laufen kann. Vielmehr geht es darum, dass der Sportler zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Bewegung ausführt. Und das lernt er nicht unbedingt durch ein isoliertes Training im Kraftraum. Selbstredend kann mit dem gezielten Einsatz einzelner Trainingsmethoden zur Verbesserung bestimmter athletischer Fähigkeiten und Fertigkeiten beigetragen und durch sportartfremde Methoden und Übungsformen die allgemeine Leistungsfähigkeit erhöht werden.

Elemente aus der Leicht- oder Schwerathletik wie Reißen, Stoßen oder Umsetzen, die häufig im Training von Sportlern zu finden sind, können sicher jedem dabei helfen, Explosivkraft zu entwickeln. Übungen wie den Snatch, den Clean oder den Squat kann man auf Sprint- und Laufbewegungen übertragen. Explosive Pushups oder Bankdrücken bilden hingegen Drückbewegungen wie beim Zweikampf mit einem Gegenspieler im American Football ab und können daher auch Bestandteil eines Athletic Trainings sein.

Sportartspezifische Inhalte im Athletiktraining

Forward Lunges und Depth Jumps können dabei helfen, Landungen nach einem Korbleger oder einem Kopfballduell vorzubereiten. Letztlich geht es aber für einen Sportler darum, diese Leistungsfähigkeit auch auf das Spielfeld zu transferieren. Daher spielt im Athletiktraining auch das On-Field-Training, also das Training auf dem Spielfeld, eine sehr große Rolle, bei dem konkrete Inhalte aus der Sportart auch auf dem spezifischen Untergrund und unter den realistischen Platzverhältnissen durchgeführt werden.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass das Athletic Training ein wettkampforientierter Trainingsmix aus allen relevanten konditionellen Fähigkeiten ist. Weiter bedarf es für eine hohe Wettkampf-Performance auch eines optimalen Verhältnisses von Belastung und Erholung, einer individuellen Ernährungsstrategie sowie entsprechender mentaler Fähigkeiten, die im weitesten Sinne auch alle unter dem Begriff „Athletic Training“ zu berücksichtigen sind.

Was hat es mit dem Functional Training auf sich?

Functional – zu Deutsch funktionell – bedeutet erst einmal, dass etwas eine Funktion erfüllt. Michael Boyle beschreibt in seinem Buch „Functional Training“ (Riva Verlag, 2017) den Begriff „funktionell“ wie folgt:

„Funktionelle Bewegungsformen integrieren immer mehrere Muskeln und Muskelgruppen gleichzeitig.“

Dieser Definition nach fallen vor allem mehrgelenkige Bewegungen unter den Begriff „Functional Training“, das damit einen klaren Kontrast zum klassischen Bodybuilding, bei dem gezielt und isoliert Muskeln gestärkt werden, darstellt. Haben diese Übungen aber unter Berücksichtigu0ng der eigentlichen Bedeutung von „functional“ keine Funktion? Oder ist das gezielte Auftrainieren eines einzelnen Muskels nach einer Verletzung unfunktionell? Es herrscht noch immer Unklarheit über den Inhalt und den Ablauf eines „Functional Trainings“. Ist der für diese Trainingsform entscheidende Faktor, dass eine Übung über mehrere Gelenke geht oder dass diese Übung eine Funktion für den Trainierenden erfüllt?

Functional Movements – was ist das?

Viele Trainer beantworten diese Frage folgendermaßen: Ein „Functional Training“ beinhaltet vor allem komplexe Bewegungsmuster, die meistens mithilfe des eigenen Körpergewichtes oder mit Kleingeräten durchgeführt werden und vor allem die lokalen Stabilisatoren des Körpers, besonders die des Rumpfes, kräftigen. Hier liegt wahrscheinlich auch die enge Verbundenheit von Mark Versteegen (Core-Training) mit dem „Functional Training“ begründet.

Das Prinzip des Core-Trainings bzw. des Functional Trainings darf in keinem Fall mit dem herkömmlichen Bauchmuskeltraining verwechselt werden. Vielmehr folgt es der Funktion der entsprechenden Muskulatur und diese ist nicht, wie so häufig beim Sit-up trainiert, das Beugen allein, sondern die Bauchmuskulatur stabilisiert in Zusammenhang mit den weiteren Muskeln des Körperkerns die Wirbelsäule.

Anpassung an den Trainierenden

Ein starker Körperkern (Core) ist bei komplexen Bewegungsmustern Voraussetzung für eine optimale Kraftübertragung und eine hohe Bewegungsqualität. Aufgrund der Veränderung des Bewegungsverhaltens ist der Core aber bei vielen von uns zu schwach ausgeprägt. Hier wäre es wenig funktionell und eher kontraproduktiv, direkt mit komplexen Bewegungsmustern und deren hohen Anforderungen an den Übenden zu beginnen.

Ein Bauarbeiter muss andere Funktionen erfüllen als ein Buchhalter – und genau hier setzt das „Functional Training“ an. Funktionelles Training umfasst nicht nur eine Bewegungsform oder eine Trainingsmethode, vielmehr bedient es sich verschiedener Trainingsformen und -methoden, um dem Trainierenden ein möglichst zweckmäßiges Training zu gewährleisten. Die eigentliche Anforderung an den Trainierenden bestimmt demnach die Auswahl der Übungen und der Belastungsparameter.

Hoher Alltagsbezug des Functional Trainings

Für die meisten Trainierenden stehen aufgrund ihrer beruflichen Rahmenbedingungen und Anforderungen alltagsnahe und komplexe Bewegungsformen im Vordergrund. Daher bilden diese auch die Kernbewegungen des „Functional Trainings“. Man sollte jedoch nie vergessen, dass auch isolierte Bewegungen für manche Personengruppen (z. B. im Bodybuilding oder in der Rehabilitation) ihren Zweck erfüllen.

Damit ein Training wirklich zweckmäßig ist, muss es allerdings noch weitere motorische Beanspruchungen als lediglich Kraft umfassen – auch die spezifische Ausprägung von Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination muss berücksichtigt werden.

Athletiktraining vs. Functional Training

Wenn sich das „Functional Training“ also am Trainierenden und seinen körperlichen Aufgaben orientiert, so muss sich das Athletic Training am Wettkämpfer orientieren und alle Anforderungen im Wettkampf berücksichtigen. Diese sind sehr individuell und hängen natürlich vor allem von der ausgeübten Sportart ab. Dieser Definition nach ist es selbstverständlich, dass sich das Athletic Training eines Schachspielers deutlich von dem Athletic Training eines Fußballspielers unterscheiden muss.

Die Anforderungen an ihre konditionellen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordinationsfähigkeit, Schnelligkeit und Stabilität sind deutlich verschieden. Entsprechend unterschiedlich muss das Training auch gestaltet werden, um den Athleten optimal auf seinen Wettkampf vorzubereiten. Sowohl das Functional Training als auch das Athletic Training orientiert sich also an den Anforderungen an den Trainierenden. Der wesentliche Unterschied besteht im Wettkampfcharakter, den das Athletic Training zusätzlich im Fokus haben muss.

Unterschiedliche Zielsetzungen

Das Ziel des Athletic Trainings muss es sein, den Athleten in eben diesem Wettkampf besser zu machen, während das Ziel des Functional Trainings darin besteht, die Funktionen des Körpers und die Bewegungsanforderungen im Alltag zu verbessern. Letztlich scheint es, als würden beide Ansätze das gleiche Ziel verfolgen, jedoch auf unterschiedlicher Ebene.

Das Functional Training orientiert sich am „Wettkampf im Alltag“, also an den beruflichen und alltäglichen Anforderungen und überträgt sozusagen die Inhalte und Ziele des Athletic Trainings auf Nicht-Wettkampf-Sportler. Weiter kann festgehalten werden, dass das Functional Training durch die Ausnutzung, beziehungsweise Wiederherstellung, des vollen Bewegungsspektrums und eine optimale Entwicklung von Kraft auf effiziente sportartspezifische Bewegungsmuster bei gleichzeitig größtmöglicher Verletzungsprävention vorbereitet und diese ermöglicht.

Belastungsprofil des Trainierenden im Fokus

Egal ob Functional oder Athletic Training: Der Trainer muss im Gegensatz zum klassischen Fitnesstraining, das im Allgemeinen gesundheitliche oder ästhetische Ziele verfolgt, das Beanspruchungs- und Belastungsprofil des Trainierenden in den Vordergrund stellen. Die Trainingsinhalte und die Belastungsnormative müssen sich an den entsprechenden Anforderungen orientieren und für diese zielführend und sinnvoll für den jeweiligen Sportler zusammengestellt werden.

Damit ähneln sich die Vorgehensweisen beider Trainingsformen sehr. Zunächst bedarf es einer umfangreichen Analyse der körperlichen Anforderungen an den Trainierenden. Darauf aufbauend folgt die Erstellung eines differenzierten Anforderungsprofils.

Ähnlich mit Unterschieden

Ein Athletiktraining muss dabei nicht immer unbedingt funktionell sein. Ob der Arm eines Baseball-Pitchers für mehre hunderttausend Würfe während seiner Karriere ausgelegt ist, ist fragwürdig. Das Athletic Training verfolgt aber das Ziel, genau diese Aktion zu verbessern und diese sportartspezifische Leistungsfähigkeit zu steigern.

Nebenprodukte dieses Athletiktrainings sind die Verringerung des Verletzungsrisikos durch Ausgleichbewegungen, die Vermeidung von Dysbalancen und auch strukturierte Regenerationsmaßnahmen, was dann wiederum als funktionell zu bezeichnen ist. Insgesamt gibt es also viele Schnittpunkte zwischen beiden Trainingsformen. Wie genau das Training aber bezeichnet wird, hängt von den spezifischen Anforderungen an den jeweiligen Trainierenden ab. Entscheidend ist immer nur, dass die persönlichen Ziele und die individuellen Voraussetzungen eines Trainierenden beachtet werden.

Autor und Sportexperte: Jesper Schwarz

Der Autor ist M. A. Sportwissenschaft und arbeitet seit vielen Jahren als Reha- und Athletiktrainer im Fußball. In seiner Arbeit konzentriert er sich auf die Individualisierung des Trainings- und Rehabilitationsprozesses. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im sportartspezifischen Return-to-Play, im Monitoring und dem daraus resultierenden individuellen Load Management.

www.soccathletix.de

Unser Tipp für alle Trainer: Das Trainermagazin

Trainer ist das Fitness-Magazin für alle, denen die Fitness ihrer Trainierenden am Herzen liegt! Denn unser Magazin richtet sich speziell an Personal Trainer, Fitnesstrainer, Physiotherapeuten, sowie an ambitioniert Mannschafts-, Wettkampf- oder Freizeit-Trainer und bietet seit nun mehr als 20 Jahren Know-How zu folgenden Rubriken:

  • Groupfitness
  • Kraft & Cardio
  • Personal Training
  • Gesundheit & Forschung
  • Functional Training
  • Community & Lifestyle
  • Bildung & Business
  • Service

 

Tipp: Du kannst das Trainer-Magazin hier sowohl als Einzelheft oder ganz bequem im Jahresabo abonnieren.

Teilen

Über den Autor

Trainingsworld

Leave A Reply