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Schnelligkeit ist eine Entscheidung des Gehirns | Von Lars Lienhard

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Schnelligkeit – genetisch bedingt oder trainierbar? Es gibt im Sport wohl nur wenig faszinierendere Phänomene als die Schnelligkeit. Die Fähigkeit, schnell, gewandt, präzise und mit hohen Geschwindigkeiten zu agieren, beeindruckt die meisten Menschen und prägt unser Verständnis von Sport.

Wie werde ich schneller?

Schneller zu werden, ist ein Bedürfnis, das die meisten Sportler antreibt und eine wichtige Motivation zum Training ist. Doch ist das Schnelligkeitstraining im Vergleich zum Ausdauer- oder Krafttraining intensiver, komplexer. Es birgt ein hohes Verletzungsrisiko und zeichnet sich zusätzlich oft durch recht langsame Trainingsanpassungen aus.

Es ist daher für viele Sportler ziemlich ernüchternd zu erleben, wie anstrengend das Training ist und wie lange es dauert, bis sie sich verbessern und nachhaltig schneller werden. Unzureichende Schnelligkeit ist im Sport jedoch ein leistungslimitierender Faktor, der zumindest in den allermeisten Sportarten unumstritten ist.

Was ist Schnelligkeit

Betrachtet man die Schnelligkeit im Sport aus einer wissenschaftlichen Perspektive, handelt es sich hierbei, wie Manfred Grosser es definiert, um »die Fähigkeit, aufgrund kognitiver Wahrnehmungsprozesse, maximaler Willenskraft und der Funktionalität des Nerv-Muskel-Systems (Koordination) höchstmögliche Reaktions- und Bewegungsgeschwindigkeiten unter bestimmten gegebenen Bedingungen zu erzielen«. Sicherlich gibt es neben dieser allgemeinen Definition noch weitere Punkte, die in der Wissenschaft betrachtet werden. Die wichtigsten Aspekte sind in dieser Aussage jedoch enthalten.

Inhalte des Schnelligkeitstrainings – die variablen Komponenten

Schnelligkeit ist in sehr hohem Maße abhängig von der Wahrnehmung. Also der Aufnahme und Verarbeitung sensorischer Informationen, sowie den koordinativen und technischen Fertigkeiten des Sportlers. Vereinfacht gesagt kann jeder Aspekt, der die Wahrnehmung oder die koordinativen und technischen Grundlagen des Sportlers optimiert, auch die Schnelligkeitsleistung verbessern. Aus diesem sich in der Trainingspraxis täglich bestätigenden Fakt ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten, wie man die Schnelligkeit eines Menschen verbessert.

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Schnelligkeit aus neurozentrierter Perspektive

Betrachtet man Schnelligkeit im Allgemeinen sowie die variablen Einflussfaktoren im Speziellen aus einer neurozentrierten Perspektive und stellt damit die bewegungssteuernden Aspekte des Gehirns in den Mittelpunkt, so geht es letztendlich darum, eine Bewegungsaufgabe optimal beziehungsweise maximal schnell zu lösen.

Hierfür muss das Gehirn die Situation, in der die Bewegungsaufgabe erfolgen soll, klar erkennen, ein adäquates Bewegungsprogramm entwerfen, ausführen lassen und regulieren. Vor allem in kontextabhängigen Sportarten, wie in Mannschaftssportarten, sind das schnelle Wahrnehmen und Einordnen des Augenblicks schnelligkeitsentscheidende Faktoren. Je schneller man die Situation analysiert, versteht und einordnet, desto früher und schneller kann man agieren oder reagieren.

Aufgaben und Arbeitsweisen des Gehirns

Das Gehirn hat in allererster Linie die Aufgabe, den Organismus am Leben zu erhalten. Um diese Aufgabe erfolgreich zu erfüllen, besitzt es die Fähigkeit und Kompetenz, anpassungsfähige, komplexe Bewegungen zu erzeugen und flexibel auf die sich verändernden Bedingungen der jeweiligen Situation zu reagieren. Die Interaktion mit der Umwelt wird also über situativ angepasste Bewegung erzeugt. Auch schnelle Bewegungen und das Erzeugen hoher Geschwindigkeiten sind als grundlegende Funktionen sowie als Mittel zu betrachten, um eine Aufgabe bestmöglich zu lösen. Um sicher mit der Umwelt in Interaktion zu treten, ist es notwendig, eine Vorhersage über den Zustand der Umwelt und des eigenen Körpers sowie die Bewegung selbst, also über die eigene Lage und Stellung im Raum, die sogenannte Propriozeption, treffen zu können.

Hierfür nimmt das Gehirn mittels Rezeptoren der Sinnesorgane Informationen aus der Umwelt, aus dem Körperinneren und aus der Bewegung auf. Diese Informationen werden zum Gehirn transportiert, dort integriert und miteinander abgeglichen. Nun kommt das Entscheidende und für die meisten Sportler Neue: Aufgrund dieser eingehenden sensorischen Informationen und deren Integration wird jetzt unmittelbar situationsspezifisch entschieden, wie die nächste Interaktion aussehen soll. Diese Interaktion mit der Umwelt erfolgt über Bewegung. Jede Bewegung ist also das Ergebnis einer Entscheidung, die das Gehirn trifft.

Die Arbeitsweise des Gehirns und Nervensystems: Sie empfangen sensorischen Input, verarbeiten und
integrieren diesen und antworten mit einer Bewegung.

Schnelligkeit ist eine Entscheidung des Gehirns

Wie viel Kraft, Stabilität oder Schnelligkeit in einer Bewegung erzeugt wird, ist primär abhängig von der Entscheidung, die das Gehirn getroffen hat. Und zunächst einmal nicht bestimmt von den genetischen, physiologischen und konstitutionellen Bedingungen und dem Potenzial einer Person oder ihrer Muskulatur. Natürlich können die physiologischen und konstitutionellen Bedingungen sehr förderlich für die verschiedenen körperlichen Fähigkeiten sein. Jedoch sind die Muskeln, die das Bewegungsprogramm ausführen, in erster Linie nur ausführendes Organ und zunächst nicht verantwortlich für das Ausmaß der Leistungsfähigkeit.

Alle eingehenden Informationen werden also vom Gehirn ausgewertet und überprüft. Fühlt sich Ihr Gehirn in der jeweiligen Situation sicher, sind Sie in der Lage, höhere Beschleunigungen zuzulassen und im besten Fall, wenn die technischen und koordinativen Grundlagen dies erlauben, diese auch optimal umzusetzen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen besteht also darin, dem Gehirn ausreichend Sicherheit während der Bewegung zu bieten. Man kann hier von Rahmenbedingungen sprechen, die gegeben sein sollten, um optimale körperliche Leistungsfähigkeit zuzulassen.

Wie baut man ein Schnelligkeitstraining auf?

Um Ihr Schnelligkeitstraining optimal zu gestalten, ist es daher wichtig zu wissen, welche sensorischen Informationen ausschlaggebend sind und welche Gehirnbereiche für diese reflexive Regulierung der Stabilität verantwortlich sind. Mit diesem Wissen können Sie dann gezielt Einfluss auf diese wichtige Rahmenbedingung nehmen.

Je schneller eine Bewegung abläuft, vor allem bei alternierenden Grundbewegungen wie dem Laufen, Radfahren oder Schwimmen, desto entscheidender sind die sogenannten zentralen Mustergeneratoren. Dies sind Gruppen von Nervenzellen, die Großteile dieser grundlegenden Bewegungen, über die wir nicht nachdenken, regulieren. Zum Beispiel die Rhythmisierung der Arm- und Beinbewegung. Dies bedeutet, dass eine Laufbewegung, vor allem wenn Sie sich maximal schnell bewegen, über diese zentralen Mustergeneratoren mitbestimmt wird.

Sie regulieren und rhythmisieren vor allem über sensorisches Feedback aus den Armen und Beinen die Bewegung bereits über das Rückenmark. Denn insbesondere bei Schnelligkeitsprozessen würde es zu viel Zeit in Anspruch nehmen, jeden Schritt im Gehirn willkürlich zu initiieren, zu regulieren und zu steuern. Daher ist es ein wichtiger Punkt Wege vorzustellen, wie Sie Grundlagen schaffen. Damit diese schnelligkeitsrelevanten Mustergeneratoren in der Lage sind, gut zu arbeiten.

Autor: Lars Lienhard

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Schnelligkeit ist oft der ausschlaggebende Faktor, der im Sport über Sieg oder Niederlage entscheidet. In welchem Ausmaß Schnelligkeit vom Gehirn wahrgenommen und durch den Körper umgesetzt wird, ist an zentralnervöse und technisch-koordinative Steuerungsprozesse gebunden. Nur wenn das Gehirn eine Situation als sicher einstuft, lässt es eine optimale Schnelligkeitsentwicklung zu.

Lars Lienhard zeigt wie Sportler ihr Schnelligkeitstraining über die neuronalen Grundlagen auf ein neues Level heben können. Dafür erklärt er neben den wichtigsten technischen Voraussetzungen die effizientesten Methoden. Somit kann man das volle Potenzial dieses spezifischen Ansatzes nutzen und Wahrnehmungsgeschwindigkeit, Reaktionsvermögen und Laufschnelligkeit deutlich verbessern. Die über 70 bebilderten Übungen sind verständlich dargestellt und leicht umzusetzen. Spezielle Pläne helfen, das Training zu optimieren und Spitzenleistung zu erreichen.

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