Osteoporose ohne Medikamente behandeln

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Für die Entstehung einer Osteoporose sei Bewegungsmangel sei ein wesentlicher Risikofaktor, sagt Dr. Bernhard Dickreiter im Interview. Ideal zur Prävention sei eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining. Trainer sollten um die Erkrankung und die Gefährdung der Trainierenden durch eine ausgeprägte Osteoporose wissen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was versteht man unter Osteoporose?
  2. Warum neigen Frauen häufiger zu Osteoporose?
  3. Was sind die Risikofaktoren?
  4. Früherkennung und Diagnose
  5. Kraftsport und Bewegung als Gegenmittel
  6. Supplementierung von Vitamin D und Kalzium
  7. Trainingsplanung bei Osteoporose-Patienten
  8. Zusammenarbeit von Fitnesstrainer und Arzt

Was versteht man unter Osteoporose?

Dr. Bernhard Dickreiter: Ungefähr bis zum 30. Lebensjahr nehmen die Knochendichte und damit die Knochenmasse des Menschen kontinuierlich zu. Danach beginnt der Körper, den Knochen langsam wieder abzubauen. Die Knochenstruktur verändert sich und seine Tragfähigkeit reduziert sich, was zu einer Instabilität des Skeletts führt. Bei einer ausgeprägten Reduzierung der Knochenmasse sind Brüche schon bei kleinsten Fehltritten möglich. Bereits ein Stolpern kann da zur Katastrophe, sprich zu einem Wirbelbruch, führen. Betroffen sind meist ältere Menschen in der zweiten Lebenshälfte, vor allem Frauen. Mit den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel und die Knochen bauen sich dadurch schneller ab. Mediziner unterscheiden zwei Formen der Erkrankung: die primäre Osteoporose, für die keine direkte Ursache bekannt ist; es wird ein enger Zusammenhang mit Bewegungsmangel, mit Veränderungen im Hormon- und Vitaminhaushalt, dem Alter, genetischer Vorbelastung und dem Kalziumstoffwechsel angenommen. Die sekundäre Osteoporose entsteht infolge einer Krankheit, etwa Kalziumstoffwechselstörungen, Nebenschilddrüsen-Überfunktion, Diabetes oder Rheuma.

Warum neigen Frauen häufiger zu Osteoporose?

Dr. Bernhard Dickreiter: Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Schätzungsweise sechs Millionen Patientinnen leiden hierzulande unter Osteoporose. Denn bei ihnen beschleunigt sich der natürliche Knochenabbau durch die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren dramatisch. Fast 30 Prozent aller Frauen sind nach der Menopause betroffen. Empfehlenswert sind deshalb bereits ab dem 50. Lebensjahr regelmäßige Knochendichtemessungen beim Orthopäden oder Radiologen. Durch diese Verfahren lässt sich Osteoporose zuverlässig erkennen. Männer sollten sich etwa ab dem 60. Lebensjahr zu dieser Vorsorgeuntersuchung begeben. In der Regel sind Verlaufsmessungen nach zwei bis fünf Jahren ratsam – je nach Lebensumständen des Patienten.

Was sind Risikofaktoren für eine Osteoporose?

Dr. Bernhard Dickreiter: Bewegungsmangel, ein Übermaß an Alkohol und Nikotin, Mangel an Vitamin D und an Mikronährstoffen sind einige der wesentlichen Risikofaktoren. Aber auch eine genetische Veranlagung oder etwa das zunehmende Alter spielt eine wesentliche Rolle. Ein weiterer ganz erheblicher Faktor ist ungesunde Ernährung: Phosphatreiche Lebensmittel wie Wurst sollten vom Speiseplan weitgehend verbannt werden, denn das sind wahre Kalziumräuber. Zurückhaltung ist auch beim Konsum von Alkohol und Tabak ratsam. Und auch Milch ist nur bedingt hilfreich: Wurde bisher im Zusammenhang mit Osteoporose stets die Zufuhr von Milch empfohlen, so stellen neue Studien diese Empfehlung infrage. Denn Milch enthält zwar tatsächlich reichlich Kalzium, aber auch Phosphor, das die Kalziumaufnahme im Darm hemmt.

Wie stellt der Arzt die Diagnose bzw. wie kann die Erkrankung früh erkannt werden?

Dr. Bernhard Dickreiter: Durch eine Knochendichtemessung erkennt der Facharzt den Abbau des Knochengerüstes. Besteht der Verdacht auf eine solche Erkrankung, so lässt sich per Röntgenbild eine stark fortgeschrittene Osteoporose durch eine vermehrte Knochentransparenz im Vergleich zum gesunden Knochen feststellen. Sinnvoll ist zudem im Winter regelmäßig eine Kontrolle des Vitamin-D-Spiegels; dabei lässt sich eine Unterversorgung in dieser Jahreszeit recht einfach feststellen. Im Sommer liegen die Werte dagegen meist deutlich höher beziehungsweise im Normbereich.

Was hilft am besten gegen Osteoporose?

Dr. Bernhard Dickreiter: Tägliche Bewegung ist die Basis einer effizienten Osteoporose-Prävention. Denn: Ungefähr bis zum 30. Lebensjahr nehmen die Knochendichte und damit die Knochenmasse des Menschen zu. Danach beginnt der Körper, den Knochen langsam wieder abzubauen. Die Knochenstruktur verändert sich und die Tragfähigkeit des Knochens reduziert sich, was zu einer Instabilität des Skeletts führt. Frühzeitig mit Sport begonnen, lässt sich die Knochendichte positiv beeinflussen.

Egal ob ich gehe, laufe, Fahrrad fahre oder Kraftsport betreibe: Hauptsache ist, ich mache es regelmäßig. Denn dadurch fördere ich die Durchblutung und die basischen Verhältnisse in den Knochen. Diese gewinnen an Stabilität, die Gangsicherheit erhöht sich und das Sturzrisiko sinkt. Am besten ist eine relativ intensive Belastung durch den permanenten muskulären Wechsel von Zug und Druck, wie etwa beim Krafttraining. Gerade der Druck bewirkt eine Kräftigung der Knochentrabekel – der kleinen bälkchenartigen Strukturen –, die dem Knochen die Festigkeit verleihen. Eine Studie in den USA mit über 10 000 Seniorinnen hat gezeigt, dass Muskelaufbau durch moderates Krafttraining einer medikamentösen Osteoporose-Behandlung deutlich überlegen ist.

Ob Prävention oder Therapie: Körperliche Bewegung ist von entscheidender Bedeutung. Sie wirkt sich grundsätzlich positiv auf den Knochenbau bzw. die Knochenfestigkeit aus – und kann somit das Risiko einer Osteoporose sowie eventueller Frakturen erheblich senken. Regelmäßige Bewegung stimuliert die knochenaufbauenden Zellen – die sogenannten Osteoblasten – sowie den Stoffwechsel von Knochen und Muskeln.

Was sollte man bei Osteoporose essen?

Dr. Bernhard Dickreiter: Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung ist ebenfalls ein Basisfaktor für eine effiziente Osteoporose-Prävention und -Behandlung. Deshalb sollte man möglichst viele Spaziergänge bei Sonnenlicht unternehmen. Durch das UV-B-Licht der Sonne kann der Körper Vitamin D selbst bilden, was die Einlagerung von Kalzium im Knochen fördert. Bei einem Mangel ist die medikamentöse Zufuhr von Vitamin D ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Osteoporose-Therapie.

Belegt die Knochendichtemessung eine Osteoporose und besteht ein Vitamin-D-Mangel, so empfiehlt sich über ein Jahr hochdosiert einmal wöchentlich 20.000 i.E. Vitamin D. An den anderen Tagen der Woche wird 1 000 mg Kalzium genommen. Eine Knochendichtemessung nach einem Jahr überprüft die Veränderung. Ist keine Verbesserung erkennbar, so wird zu Biphosphonat oder Alendronsäure gewechselt. Darüber hinaus können auch die Patienten selbst aktiv etwas tun – in erster Linie, indem sie ihre Lebensweise umstellen. Um den Knochenstoffwechsel zu beeinflussen, ist eine kalziumreiche Ernährung ganz wichtig. Denn so lässt sich das Risiko von Knochenbrüchen senken. Als wahre Kalziumspender gelten unter anderem grünes Gemüse, Käse, Nüsse, Kräuter und Hülsenfrüchte.WI

Welcher Sport ist gut bei Osteoporose?

Dr. Bernhard Dickreiter: Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft empfiehlt es sich, mindestens zweimal die Woche ein Training von einer bis anderthalb Stunden zu absolvieren. Ideal ist eine Kombination aus beispielsweise Nordic Walking, Krafttraining sowie Koordinationsübungen. Regelmäßige Physiotherapie oder Wassergymnastik fördert den Knochenstoffwechsel und damit auch die Knochendichte. Empfehlenswert sind zudem Sportarten wie Wandern, Schwimmen, Yoga, Pilates oder Skilanglauf. Sanftes gerätegestütztes Kraft- oder Vibrationstraining wirkt sich positiv auf die Knochendichte aus. Regelmäßiges Hüpfen fördert nicht nur den Stoffwechsel, sondern zudem Herz und Kreislauf. Relativ ungeeignet sind hingegen beispielsweise Tennis, Fußball – aufgrund der Sturzgefahr – oder Kampfsportarten. Das Training im Fitnessstudio – insbesondere bei Männern und Frauen ab dem 40. Lebensjahr – kann sehr gut die notwendige Variation der Bewegungsarten, die Beratung und die Motivation bieten.

Trainieren darf jede Person. Je nach Alter und je nach gesundheitlichen Einschränkungen muss selbstverständlich die Intensität der körperlichen Belastung individuell angepasst werden. Prinzipiell sollte eine Übersäuerung, also ein Training im anaeroben Bereich, vermieden werden, um gesundheitliche Risiken zu vermeiden.

Fitnesstrainer sollten über die Gefährdung der Trainierenden durch eine ausgeprägte Osteoporose unterrichtet sein. Ferner ist ein Wissen über das Krankheitsbild der Osteoporose, über die Risiken, die Prävention und die nicht medikamentösen Therapiemaßnahmen überaus sinnvoll. Diese Kenntnisse vermittelndem Teilnehmer Sicherheit und ein Gefühl der Kompetenz.

Wie kann eine sinnvolle Kooperation von Fitnessstudios und Ärzten aussehen?

Dr. Bernhard Dickreiter: Die Fitnesstrainer können sehr wohl von Ärzten in der Prävention und Therapie der Osteoporose unterrichtet werden. Darüber hinaus können die Risiken des körperlichen Trainings aufgezeigt und vermieden werden. Auch das Problem des Umgangs mit Vorerkrankungen kann erörtert und vermittelt werden. Die Einbeziehung der Selbsthilfegruppen kann eine solche Schulung abrunden, da die Erfahrung von Betroffenen wertvolle Beiträge zur Motivation, zur Sicherheit und zur Akzeptanz bietet.

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Über den Autor

Bernhard Dickreiter

Prof. Dr. Stephan Geisler ist Veranstaltungspräsident der ersten NSCA Germany Online-Conference, die am 4. und 5. Dezember 2021 stattfindet. Ziel der NSCA Germany ist es dabei, in einem offenen Verhältnis eine Plattform zum wissenschaftlichen Austausch mit dem gemeinsamen Ziel der Qualitätssicherung im Bereich Strength & Conditioning zu schaffen. Darüber hinaus ist er Professor für Fitness und Gesundheit an der IST-Hochschule Düsseldorf, Dozent für Olympisches Gewichtheben an der Deutschen Sporthochschule Köln, Mitbegründer des Fitnesswissenschaftsrats und als „Fitnessprofessor“ von Youtube bekannt.

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