Optimieren von Bewegungen – nicht nur ein Ding der Biomechanik

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Optimieren von Bewegungen: Neuroathletiktrainer Yassin Jebrini erklärt, warum dazu nicht nur das Biomechanische System berücksichtigt werden sollte.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was beeinflusst unsere Bewegungen?
  2. Das Propriozeptive System
  3. Das Visuelle System
  4. Das Vestibuläre System
  5. Fazit

Was beeinflusst unsere Bewegungen?

Bevor wir eine Bewegung umsetzen, analysiert unser Gehirn eingehende Informationen aus unserer Um- und Innenwelt, wertet diese aus, integriert sie ins „System Körper“ und entscheidet, wie stark und schnell die geplante Bewegung sein soll. Wie gut wir eine geplante Bewegung also umsetzen können, hängt vor allem von der Qualität der eingehenden Informationen unserer Sinnesorgane ab. Liefert eines dieser Systeme keine optimalen Informationen, drosselt das zentrale Nervensystem sofort die Leistung, schränkt die Bewegung ein oder verhindert diese vorsorglich. Denn unser Gehirn ist primär an der unmittelbaren Sicherheit und nicht an maximaler Leistung interessiert. Wir bemerken dies auf Dauer durch Bewegungseinschränkungen, Schmerzen, Kraftlosigkeit, Koordinationsprobleme und auch eine erhöhte Verletzungsgefahr.

Unsere Sinnesorgane sind maßgeblich an unserer Bewegungsqualität beteiligt. Keine körperliche Bewegung wird ohne sensorische Informationslieferungen ausgeführt. Wie gut wir sehen, hören, tasten oder unser Gleichgewicht halten können, nimmt unmittelbaren Einfluss darauf, wie schwer die Hantellast ist, die wir bewegen, oder wie schnell die Zeit ist, die wir auf einer bestimmten Strecke laufen können. Eine hohe Qualität an sensorischen Informationen garantiert uns die physiologische Sicherheit des Ablaufs. Außerderm spielt sie eine wichtige Rolle beim Erlernen und Ausführen von Bewegungsabläufen.

Optimieren des propriozeptiven Systems

Kommen wir zum unter Trainern und Therapeuten bekanntesten sensorischen System, dem propriozeptiven System. Dieses System ist gleichzusetzen mit dem muskuloskelettalen System, da es alle sensorischen Informationen unserer Muskeln, Gelenke, Sehnen und des Bandapparats vereint. Eine der wichtigsten Aufgaben des propriozeptiven Systems ist es, die Stellung, die Geschwindigkeit und die Bewegung der Gelenke über kleine Sensoren exakt wahrzunehmen und zuzuordnen. Hierdurch wird ein dreidimensionales Bild der eigenen Bewegung erzeugt.

Das propriozeptive System kannst du dir wie eine Landkarte von allen möglichen Bewegungen des Körpers und seiner Körperteile vorstellen. Hierüber nimmt unser Gehirn die eigene Bewegung wahr, kontrolliert und reguliert. All dies geschieht automatisch im Hintergrund; es sind also keine bewussten Denkprozesse hierfür erforderlich. Das propriozeptive System ist das System, mit dem wir als Trainer und Therapeuten am besten klarkommen, weil dieses System in unserer Ausbildung immer vorkommt und sich einer allgemeinen Bekanntheit erfreut. Und erfolgreich ist die Arbeit mit dem propriozeptiven System natürlich auch. Über den sensorischen Input, der über dieses System in unser zentrales Nervensystem gespeist wird, können wir Bewegungs- und Schmerzprobleme bereits auf einer breiten Basis lösen.

Das propriozeptive System zeigt uns, dass der Körper ein einziger großer sensorischer Organismus ist, der Feineinstellungen aufgrund erhaltener Informationen vornimmt. Doch das Ziel eines Trainingsprogramms ist es nicht nur, Muskeln zu stärken. Das Ziel vor allem, eine effiziente Bewegungsform für die jeweilige sportliche Tätigkeit zu entwickeln und einzustudieren. Um effizient zu sein, müssen deshalb nicht nur das biomechanische und das propriozeptive System in den Fokus genommen werden. Es müssen auch weitere Faktoren berücksichtigt werden, die einen Input an unser zentrales Nervensystem liefern. Betrachten wir die Informationen, die unser Gehirn benötigt, um effiziente Bewegungen zu garantieren, stechen vor allem zwei weitere Systeme als Informationsquelle ins Auge: das visuelle und das vestibuläre System.

Optimieren des visuellen Systems

Das visuelle System umfasst den Bereich der Informationsaufnahme, Verarbeitung und Auswertung visueller Informationen im Gehirn sowie die motorischen Fähigkeiten der Augen. Am Sehen selbst sind mehr als 30 verschiedene Hirnareale beteiligt. Es ist davon auszugehen, dass der mit Abstand größte Anteil des Bewegungsentwurfs von der Qualität visueller Informationen und dessen Integration in Bewegung abhängig ist. Die besondere Relevanz des visuellen Systems zeigt sich vor allem in zwei Wegen. So ist die Stabilität und die Präzision einer Bewegung sowie die allgemeine Orientierung im Raum eng an das visuelle System geknüpft. Sobald die Leistungsfähigkeit unserer beiden Augen sinkt, nehmen wir dies direkt durch sich verschlechternde Bewegungsfähigkeiten wahr. Profitieren wir hingegen von großartigen visuellen Fähigkeiten, können wir sportliche Bewegungen zumeist einfacher und schneller erlernen. Kein Wunder: Das visuelle System steht mit allen wichtigen Hirnarealen, die an der Bewegungssteuerung beteiligt sind, in Verbindung. Entsprechend beeinflusst es deren Leistungsmerkmale.

Optimieren des vestibulären Systems

Einen weiteren großen Anteil an unserer körperlichen Leistungsfähigkeit hat unser Gleichgewichtssystem. Etliche sensorische Informationen, die wir über Rezeptoren in unserem Innenohr aufnehmen und unserem Gehirn zur Verfügung stellen, betreffen den Gleichgewichtssinn. Das umfasst auch die Frage nach der Beschleunigung des Körpers in alle Richtungen und die Lage des Kopfes im Raum. Unser Gehirn richtet auf Basis dieser Informationsaufnahme und -verarbeitung den Körper und die Bewegung gegen die Schwerkraft im Raum aus. Es stabilisiert uns, um Bewegungen optimal zu steuern. Es geht hierbei um die tiefen, alten Regionen unseres Gehirns, nicht um Prozesse, die uns bewusst sind. Das Gleichgewichtssystem ist wiederum eng mit den anderen beiden bewegungssteuernden Systemen verzahnt.

Die drei aufgeführten Systeme tragen somit in ihrer Gesamtheit als sensorische Informationslieferanten dazu bei, dass wir uns in der Welt fortbewegen und uns an die Umwelt anpassen können. Dabei werden Informationen sowohl aus der Umwelt als auch aus dem Körper selbst einbezogen. Diese werden dann durch kooperative Interaktion zwischen dem zentralen Nervensystem und dem Muskelsystem zielgerichtet verarbeitet. Jedes System hat dabei einen Anteil am Gesamtergebnis, auch wenn die Gewichtung der Anteile unterschiedlich ausfällt.

Wir stellen somit fest: Die Einteilung in eine biomechanische Welt auf der einen Seite und eine neurologische Welt auf der anderen Seite ist falsch. Jede Bewegung an sich enthält automatisch Anteile von allen sensorischen Systemen, da sie alle Informationen an das zentrale Nervensystem liefern. Dagegen können wir gar nichts tun, das passiert automatisch. Unter neuroathletischen Gesichtspunkten zählt eher die Frage: Trainierst du alle für die Bewegungsoptimierung entscheidenden Systeme? Und zu diesem „alle“ zählen die visuellen, die vestibulären und eben auch die propriozeptiven Inputwege. Sie alle interagieren mit dem zentralen Nervensystem und erlauben physische Adaptationen.

Fazit

Da im Rahmen der Optimierung von Bewegungen, was in irgendeiner Form immer das Ziel von Training ist, neben dem biomechanischen System auch andere Systeme eine dominante Rolle spielen, ist die Einteilung in eine biomechanische und eine neurologische Welt nicht zielführend. Biomechanik und Propriozeption sind Teile des neuroathletischen Trainings. Neuroathletik umfasst schon durch den weitreichenden Einbezug der bewegungssteuernden Instanzen weit mehr als den Faktor Biomechanik. Somit bilden neuroathletische Strategien die eigentliche Grundlage eines jeden Trainings, da sie die für Bewegungen grundlegenden steuernden Instanzen berücksichtigen.

Wir können die propriozeptive Welt nicht von den anderen sensorischen Systemen trennen. Denn alle Systeme liefern Input an das zentrale Nervensystem. Jeder arbeitet mit dem zentralen Nervensystem, auch wenn dies nicht immer bewusst geschieht. Viele ziehen eine Grenze, die es eigentlich nicht gibt. Deshalb gilt: Um den größten Nutzen für das Training herauszuholen, ist ein generelles Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Körpers und seiner Systeme erforderlich.

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Autor: Yassin Jebrini, Sportwissenschaftler (M.A.), Personal- und Neuro-Athletik-Trainer in Köln

www.yassin-jebrini.de

 

 

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Über den Autor

Yassin Jebrini

Yassin Jebrini ist Sportwissenschaftler (M.A.), Personal- und Neuro-Athletik-Trainer in Köln.

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