Neuroathletik: Das visuelle System

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Das visuelle System spielt eine äußerst wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle für unsere Leistungsfähigkeit. Nahezu alle Bewegungen werden über die visuelle Wahrnehmung koordiniert. Mit über 10 Millionen Daten pro Sekunde liefert es im Vergleich zu den anderen Systemen die meisten Informationen an das Gehirn und das zentrale Nervensystem. Durch den über die Augen vermittelten Input werden dem Gehirn die essenziellen Informationen über unsere Umgebung mitgeteilt, sodass unser Gehirn einen Lageplan der Umwelt erstellt, in der wir uns dann zielgerichtet bewegen.

Grundlagen des visuellen Systems und des Augentrainings

Da es die Hauptaufgabe des Gehirns ist, uns am Leben zu halten, und es dafür alle Informationen dahingehend auswertet, ob die Situation, in der wir uns gerade befinden, vorhersehbar und sicher ist oder nicht, ist es auf qualitativ hochwertige visuelle Daten angewiesen. Hier kommt dem Augentraining eine entscheidende Rolle zu.

Als Sportler muss man sich bewusst sein, dass schon geringe Informationsverluste oder Störungen in diesem komplexen System dazu führen, dass die Situation, in der wir uns befinden, als nicht 100 Prozent vorhersagbar eingestuft wird und dadurch die Leistung gemindert wird.

Das Gehirn geht dann lieber auf Nummer sicher und zieht die Handbremse – unabhängig davon, ob wir uns gerade im Fitnessstudio befinden oder uns ohne Sicherung an einer Felswand frei kletternd bewegen.

Sehen wir mit den Augen oder mit dem Gehirn?

Während visueller Prozesse sind über 30 Hirnareale an der Aufnahme, Verarbeitung und Auswertung von Informationen beteiligt. Durch ein gutes Augentraining werden auch die Geschwindigkeit und die Präzision der verarbeitenden Prozesse verbessert, die im Sport oft über Sieg oder Niederlage entscheiden. Vor allem im Mannschaftssport, wo der Sportler auf Situationen unverzüglich reagieren muss, bestimmt sein visuelles System seine Leistung.

In solchen Momenten geht es darum, wie schnell die Situation erkannt und bestmöglich ausgewertet wird, um unmittelbar und optimal zu reagieren. Nicht derjenige ist hier der Schnellste, der die besten Sprintwerte hat, sondern derjenige, der sich früher und präziser bewegt als sein Gegner. Grundlegend sollte das visuelle System eines jeden Menschen und Sportlers Folgendes können:

1. Das visuelle System sollte visuelle Klarheit liefern.
2. Das visuelle System sollte Augenbewegungen gut kontrollieren können.
3. Das visuelle System sollte die Tiefenrelation zu Objekten präzise bestimmen können.
4. Das visuelle System sollte eine gute periphere Wahrnehmung gewährleisten.

Grundsätzliches zum Augentraining

Für Brillenträger ist es im Allgemeinen ratsam, das Augentraining ohne Brille durchzuführen. Brillen reduzieren das Ausmaß der Augenbewegungen, da sie eine Art visuellen Käfig bilden. Der Bereich außerhalb der Brillengläser ist meist deutlich unschärfer wahrnehmbar und damit bildet der Brillenrahmen eine Grenze, über die die Augen nicht hinausbewegt werden. Die Augenmuskeln werden in der Folge schwächer, bewegen sich unkoordinierter und weniger, was sich häufig negativ auf unsere Bewegung und unsere Haltung auswirkt.

Wenn Sie also auf die Brille beim Training verzichten oder auf Kontaktlinsen zurückgreifen können, wäre das von Vorteil. Allerdings kann jede Übung natürlich auch mit Brille ausgeführt werden, sollten Ihre visuellen Fähigkeiten ohne Sehhilfe zu stark eingeschränkt sein, um überhaupt ein Training der Augen zuzulassen.

Die Vorbereitung und Übungsauswahl

Aufgrund der komplexen Verschaltungen und Wechselwirkungen des visuellen Systems mit dem zentralen Nervensystem sowie des meist recht einseitigen Gebrauchs der Augen im Alltag ist das Augentraining oft anstrengender, als man zunächst glauben mag. Es kann daher schnell ermüden und bedarf oft einiger Vorbereitung und einer gut abgestimmten Übungsauswahl. Das Training wird deshalb in zwei Stufen eingeteilt: ein Basistraining und ein Fortgeschrittenentraining, denen jeweils ein allgemeines Vorbereitungsprogramm vorgeschaltet wird. Innerhalb der einzelnen Stufen sind die Übungen auch nach ihrer Anforderung progressiv aufgebaut.

Die visuellen Fertigkeiten, die für die Sicherheit und Vorhersagbarkeit der Situation den größten Nutzen haben, sind zu Beginn des visuellen Trainings von vorrangiger Bedeutung und werden daher im Basistraining aufgearbeitet. Im Fortgeschrittenentraining werden die Übungen komplexer und intensiver, hier ist dann vor allem visuelle Präzision gefragt.

Assessments für das visuelle System

Um festzustellen, welche Effekte das Augentraining auf das zentrale Nervensystem hat, sollten Sie vor und nach dem Training immer Assessments durchführen. Teilen Sie dann auf Grundlage der Assessmentergebnisse die Übungen in die Kategorien »High Performance«, »neutral/leicht positiv« und »Aufarbeitung« ein.

Beweglichkeit und Kraft

Wie bereits in den vorhergehenden Kapiteln beschrieben, werden zum Schutz des Organismus unter anderem als Erstes die Beweglichkeit und Kraft reduziert, wenn eingehende Informationen als nicht vorhersehbar wahrgenommen werden. Beweglichkeits- und Krafttests sind daher auch beim Augentraining ein geeignetes Mittel, die zentralnervöse Antwort auf die Übungen festzustellen.

Koordination und Technik

Die Orientierung der Bewegung als Grundlage der Koordination ist stark an das visuelle System gebunden. Zusätzlich wird über die Bewegung der Augen der mittlere Anteil im Kleinhirn aktiver, welcher in die Regulierung der Rumpfstabilität involviert ist. Ein stabiler Rumpf ist eine weitere wichtige Voraussetzung für effiziente und koordinierte Bewegungen. Durch Koordinationstests und die Beurteilung der technischen Ausführung lassen sich daher die Effekte des visuellen Trainings gut überprüfen.

Vorbereitende Übungen und unterstützende Maßnahmen

Ein gut funktionierendes visuelles System ist aufgrund seiner besonderen Stellung innerhalb des Nervensystems das effektivste Mittel, um die sportliche Leistung zu verbessern. Aber genau wegen dieser besonderen Stellung und seiner komplexen neuronalen Verschaltungen und Wechselwirkungen sollte mit Bedacht vorgegangen werden. Für viele Menschen ist ein Training des visuellen Systems sehr fordernd und anstrengend.

Da im zentralen Nervensystem nahezu alles darauf ausgerichtet ist, das visuelle System zu unterstützen, bietet es sich an, vor dem Augentraining das propriozeptive System und das Gleichgewichtssystem zu trainieren. Besonders die High-Performance- Übungen dieser beiden Systeme eignen sich hervorragend, um das visuelle System und damit auch das Augentraining zu unterstützen.

Die Vorbereitung und die unterstützenden Maßnahmen haben einen hohen Stellenwert im Augentraining. Diese können auch als eigenständiger Trainingsinhalt betrachtet und trainiert werden.

Regeneration des visuellen Systems

Das visuelle System ist täglich sehr vielen Reizen und Anforderungen ausgesetzt. Daher ist es zusätzlich ein wichtiger Aspekt des visuellen Trainings, dass Sie lernen, wie Sie Stress für Ihr visuelles System reduzieren können, um die Augen vor und nach dem Augentraining zu entspannen. Reduzieren Sie visuellen Stress vor dem Training durch einige kurze, aber effektive Regenerationsmaßnahmen.

Vorbereitung mit Lochbrille

Material: Loch- beziehungsweise Rasterbrille

Lochbrillen können vielen Sportlern effektiv helfen, visuellen Stress, der durch störende Randstrahlen auf der
Netzhaut entsteht, zu reduzieren. Lochbrillen reduzieren die Zerstreuungskreise des Lichtes und verbessern dadurch die Tiefenschärfe beim Sehen.

Tragen Sie die Lochbrille bis zu 10 Minuten während des Aufwärmens beziehungsweise der Vorbereitung auf das Augentraining oder einfach im Alltag

Mehr zum Thema:  Neuroathletik – Das propriozeptive System

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