Mobility-Training als Kampfansage gegen chronische Schmerzen

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Welches Training hilft bei Schmerzen? Beim Mobility-Training haben wir als Trainer es vor allem mit chronischen, lang andauernden Schmerzen zu tun. Oft gehen sie auf Unfälle oder Verletzungen zurück. Klienten, die mit Bewegungsproblemen und Schmerzen zu mir kommen, haben praktisch immer eine solche Vorgeschichte samt alter Narben.

Schmerz als Folge von zurückliegenden Verletzungen

Oft leiden sie an den Folgen, ohne dass sie es wissen, denn sie ordnen ihre Schmerzen den längst vergessenen Narben im Gewebe gar nicht zu. Schmerzen greifen aber auch in die Bewegungsmuster im Gehirn ein, sie löschen und verändern die gespeicherten Body Maps. Diese werden unter chronischen Schmerzen diffuser, etwa so, als würde man durch eine schmierige Brille sehen. Das verschlechtert die motorische Ansteuerung der Muskeln. Aber welches Training hilft gegen Schmerzen?

Reduzierte Bewegungsqualität als Ursache für Schmerzen

Schonen wir uns dann noch, reduzieren wir getreu dem Prinzip »Use it or loose it« die Bewegungsqualität. Das gilt natürlich besonders, wenn über lange Zeit Schmerzen und Schonhaltungen bestehen. Daher ist es ratsam, schnell wieder in Bewegung zu kommen, ohne sich konkret an bestimmte Bewegungsabläufe zu halten. Das Gehirn wird dann schon frühzeitig angeregt und versorgt.

Nach einer Verletzung ist es wichtig, die betroffene Stelle bald wieder zu bewegen. Dies kann aktiv oder passiv, mithilfe eines Physiotherapeuten, geschehen. © wavebreakmedia | shutterstock.com

Welches Training hilft bei Schmerzen?

Die Gleichung ist ganz einfach: Je mehr wir uns in – biopositiver – Weise bewegen, desto mehr aktivieren wir unser Gehirn. In der Behandlung begegne ich daher konsequent den für Schmerz relevanten Mechanismen mit denen, die im Gehirn für Bewegung existieren.

Da es bei Schmerzen auf der einen Seite zu einem sensorischen und auf der anderen Seite zu einem motorischen Verlust kommt, stellt das Bewegen der verletzten Stelle oder rund um die Stelle herum beide Systeme wieder her. Dass die neuen Bewegungen vom Gehirn als harmlos und nicht als bedrohlich interpretiert werden, ist dabei entscheidend.

Gute Bewegungsmuster im Mobility-Training

Zwar arbeiten wir im Mobility-Training immer mit »guten«, biopositiven Bewegungsmustern. Speziell bei Schmerzpatienten ist es aber für jeden Trainer oder Therapeuten eine besondere Herausforderung, die passenden positiven Bewegungen für den individuellen Patienten und sein Problem zu finden.

Je nachdem, welche Störung besteht, kann das sehr verschieden sein. Bestimmte Bewegungen, die normalerweise harmlos sind, können bei einem Schmerzpatienten zum Beispiel Schübe auslösen, weil das Gehirn sich daran erinnert, dass sie bei einem früheren Unfall beteiligt waren.

Woher kommt der Schmerz?

Wenn ich die Arbeit bei einem Klienten mit Schmerz aufnehme, versuche ich zuerst einmal herauszufinden, woher sein Problem stammt. Das ist nicht einfach, obwohl viele simple Modelle dafür existieren, nach dem Motto »Reiz – Reaktion «. Ein international tätiger Strength-Coach hat zum Beispiel behauptet, Rückenschmerzen hätten zu 90 Prozent etwas mit der Störung eines bestimmten langen Muskels in der Wade zu tun, des Musculus flexor hallucis longus.

Doch dass es für Schmerzen eine so konkrete, einzelne Ursache gibt, ist vor allem bei chronischen Beschwerden ein Mythos. Dasselbe gilt für strukturelle Defizite – Schiefstellungen, Beinlängendifferenzen, anatomische Besonderheiten und Abweichungen bei Gelenken und Knochen. Sie können durchaus für den Schmerz verantwortlich sein, müssen es aber nicht.

Denn es gibt keine eindeutige Zuordnung zwischen organischen Störungen im Bewegungsapparat und Schmerzen oder Bewegungsproblemen. Wichtig ist, dass sich der Mensch effizient bewegen kann, unabhängig davon, wie die Struktur aussieht oder welche Probleme ein Röntgen- oder MRT-Bild aufdecken könnte. Wenn die Bewegung an irgendeiner Stelle schmerzhaft und gestört ist, muss die Ursache nicht der anatomische Befund sein.

Befunde von Ärzten sind nicht immer die Ursache von Schmerz

Doch in der Regel kommen die Klienten sogar mit klaren Diagnosen zu uns, die für ihre Probleme verantwortlich sein sollen. Besonders oft sind das:

  • Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose),
  • Beckenschiefstand,
  • muskuläre Dysbalancen,
  • erhöhter Muskeltonus,
  • verspanntes Iliotibialband (Läuferknie),
  • ungünstige Gelenkwinkel,
  • mangelnde Rotationsfähigkeit in der Schulter,
  • Verengung im Hüftgelenk (Impingement-Syndrom),
  • schwache Core-Muskulatur,
  • Platt-, Senk- oder Spreizfuß,
  • allgemein schlechte Haltung.

Dabei suggerieren solche Befunde von Ärzten den Patienten oft schon Probleme, aber sie sind nicht die wirkliche Ursache. Interessanterweise können die Diagnosen andererseits auch einfache Lösungen in Aussicht stellen: »Wenn Sie das auftrainieren, geht es Ihnen garantiert besser!« Verschwindet der Schmerz dann nicht, ist die Enttäuschung groß.

Das passiert besonders oft bei chronischen Rückenschmerzen

Klassische Screening- und Assessment-Methoden, die die Patienten oft durchlaufen, sind in der Regel aber nutzlos, weil sie den Körper oft nur strukturell betrachten und keine Rückschlüsse auf mögliche Verletzungen oder die Leistungsfähigkeit erlauben. Solche Testbatterien messen genau die Übung, die im Screening durchgeführt wird – nicht mehr und nicht weniger.

Zu solchen Tests gehören etwa der »Active Straight Leg Raise« oder der »Hurdle Step«. Beide zeigen, ob die Hüfte genügend beweglich und gut ansteuerbar ist. Hat der Klient in der Bewegung Schmerzen, gilt die Übung als nicht bestanden und das Programm als nicht durchführbar. Korrigierende Übungen sollen das Problem dann beheben.

Doch viele Anwender solcher Screenings verstehen die Komplexität des Schmerzmechanismus nicht. Das kann zu falschen Korrekturstrategien führen, die möglicherweise das Problem nicht nur nicht beheben, sondern es sogar verschlimmern. Die Prämisse, die solchen Tests zugrunde liegt, lautet: Bei Bewegungsdefiziten ist die Ausführung der Bewegung irgendwie ineffizient. Man muss sie nur wieder effizient machen, und schon ist man das Problem los. Doch klassische schematische Korrekturübungen greifen meiner Erfahrung nach selten, vor allem bei Patienten mit lang andauernden Schmerzen.

Schmerzen und Schonhaltungen verändern Bewegungsmuster im Gehirn

Der Ansatz im Mobility-Training zielt daher darüber hinaus, nämlich auf die von Schmerzen und Schonhaltungen veränderten Bewegungsmuster im Gehirn. Hier setzen wir mit variantenreichen Mobility Drills an, um die Landkarten im Gehirn nachzuzeichnen und wieder zu verfestigen. Varianten und neue Bewegungswinkel und -umfänge sind genau der Aspekt, der bei Übungen nach der Schablone »X hilft immer gegen Y« fehlt.

Dazu kommt, dass diese Testkataloge gar nicht für die Behandlung von Schmerzen gedacht sind. Sie dienen nur dazu, einen Sportler auf bestimmte Bewegungen und Fähigkeiten zu testen, deshalb folgen sie starren Abläufen. Trotzdem werden sie häufig dafür benutzt, Schmerzen aufzuspüren, sie zu behandeln oder Ursachen dafür zu finden – die Folge sind unpassende Behandlungsversuche.

Fazit: Welches Training hilft gegen Schmerzen?

Worauf ich beim Mobility-Training gegen Schmerzen achte, ist stattdessen die Individualität: Jeder Körper ist in seiner Anatomie einzigartig und bildet eine selbstständige Funktionseinheit. Dabei von einem idealen, lehrbuchgerechten Zustand auszugehen, ist unrealistisch. Daher prüfe ich als Mobility-Coach bei jedem Klienten oder Schmerzpatienten seine oder ihre individuelle Bewegungsfähigkeit anhand von Drills mit biopositiven Bewegungen.

Von einem perfekten Bausatz gehe ich dabei nie aus, und deshalb gibt es auch keine Schablone von Korrekturen, die ich darüberlegen und darauf anwenden kann. Tatsächlich wirken bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Maßnahmen und Übungen. Was einem Sportler geholfen hat, kann beim nächsten Athleten wirkungslos verpuffen. Das liegt an der außerordentlichen Komplexität des menschlichen Bewegungssystems und daran, dass wir in der Regel nie wirklich wissen, was eine alte Narbe oder Verletzung über Jahre ausgelöst hat.

Daher ist jedes Training bei Schmerzen und Verletzungen eine Spurensuche, die ich individuell angehe.

Autor: Patrick Meinart (Quelle: Mobility – Das große Handbuch)

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