Starke und gesunde Hamstrings – Interview mit Sportwissenschaftler Prof. Dr. phil. Thomas Gronwald

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Wir haben den Buchautor und Sportwissenschaftler Prof. Dr. phil. Thomas Gronwald getroffen. In seinem Buch „Starke und gesunde Hamstrings – Mehr Kraft, Beweglichkeit und weniger Verletzungen durch Training der ischiocruralen Muskulatur“ beschreibt er, warum die hintere Oberschenkelmuskulatur insbesondere beim Sport sehr anfällig für Verletzungen ist und stellt wirkungsvolle Präventionsstrategien, Übungen und Trainingsmethoden vor.

Hallo Thomas, erzähl uns doch erstmal etwas zu deiner Person

Ich bin Trainingswissenschaftler mit dem Schwerpunkt der Belastungs- und Beanspruchungssteuerung im Fitness-, Gesundheits- sowie Leistungssport. Im Speziellen beschäftige ich mich mit Auswirkungen von Ermüdungsprozessen auf das autonome und zentrale Nervensystem und daraus folgend mit Neuroenhancementstrategien durch variable Trainingsreize und Verletzungspräventionsstrategien im sportlichen Training.

Derzeit bin ich als Professor für Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Medical School Hamburg in Lehre und Forschung tätig. Ich bin zudem Mitgründer der Senmotion GmbH, die sich im Digital-Health-Bereich mit einem Sensor- und Algorithmen-basierten Ansatz der Prävention und Therapie von Verletzungen und Schäden des Stütz- und Bewegungsapparates und anderen Krankheitsbildern auseinandersetzt.

Aktuell liegen besondere Interessen im funktionellen Kraft- und Ausdauertraining sowie in Trends im Fitness- und Gesundheitssport. Hierbei dreht sich alles um den positiven Einfluss von Bewegung, körperlicher und sportlicher Aktivität für den Menschen. Im Fokus steht dabei die Entwicklung und Evaluation von bewegungs- und sportbezogenen Interventionskonzepten in unterschiedlichen Settings sowie mit unterschiedlichen Zielgruppen in der Lebensspanne.

Warum bist du Sportwissenschaftler? Was treibt dich an?

Als Kind in einer Kleinstadt mit viel Beton lernte ich schnell, die urbanen Gegebenheiten für kreative Bewegungsansätze zu nutzen. Die Vereinslandschaft brachte zudem frühzeitig Struktur durch die Mitgliedschaft in Sportvereinen für Fechten, Gewichtheben und Basketball. Eine bewegte Jugend lieferte schlussendlich die Basis für das Interesse, Bewegung und Sport für die Gesundheitsförderung, Prävention von Erkrankungen und Steigerung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit zu nutzen und mehr über wissenschaftliche Zusammenhänge zu erfahren.

Mein Interesse für die Sportwissenschaft als Querschnittswissenschaft mit vielen Einflüssen aus den Mutterwissenschaften Medizin, Psychologie, Pädagogik… habe ich bereits als junger Teenager entwickelt.

Inspiriert durch einen Mitschüler konnte ich in den 1990er-Jahren wertvolle Erfahrungen in der Fitnessstudiokultur sammeln. Ich konnte so unterschiedliche Zugänge für Bewegung, körperliche Aktivität und Sport kennenlernen. Insbesondere das Krafttraining ist bis heute ein fester Bestandteil meines Lebens geblieben.

Wie kamst du zu deiner Buchidee und was hat dich dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?

2015 habe ich den Biomechaniker Prof. Dr. Thomas Ertelt als Kollegen kennen und schätzen gelernt. Er ist Experte für biomechanische Analysen, vor allem im Rahmen der zweigelenkigen Muskulatur (z.B. M. gastrocnemius, M. biceps femoris).

Durch gemeinsame Interessen konnten wir unsere Expertisen zusammenlegen und ein Forschungsprojekt zur Hamstringmuskulatur durchführen. Hieraus ist der praxisorientierte Ratgeber „Starke und gesunde Hamstrings“ entstanden, der unser Forschungsprojekt und die Ergebnisse schließlich in die Praxis für Übungsleiter und Trainer transferiert.

Welche Kernaussage möchtest du deinen Lesern vermitteln?

Es gibt viele Tools im Rahmen der Diagnostik und unendlich viele Trainingsmittel und Trainingsmethoden für die Gestaltung von Bewegungs- und Trainingsprogrammen egal für welches Ziel und Anwendungsfeld. Baut euch ein eigenes System auf oder adaptiert ein funktionierendes System mit dem ihr die wesentlichen Planungs- und Steuerungsgrößen im Trainingsprozess umsetzen könnt.

Betrachtet dabei Neuerungen stets kritisch, seid aber zugleich offen für neue Ansätze. Seht weniger „schwarz“ und „weiß“, es kommt häufig darauf an. Beachtet wesentliche Trainingsprinzipien und baut Interventionen mit methodischen Reihen sowie Pro- und Regressionen auf. Wählt dabei immer einen ganzheitlichen Ansatz und achtet auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Sportart.

Was ist das Geheimnis eines guten Trainers?

Ein Trainer, Therapeut oder Übungsleiter sollte ein Menschenfreund sein und empathisch auf die jeweilige Zielgruppe eingehen können. Menschen in der Lebensspanne, von Kindern und Jugendlichen bis hin zu Erwachsenen und Senioren, haben zumeist unterschiedliche Zugänge für Bewegung, körperliche Aktivität und Sport.

Diese Zugänge gilt es zu finden, um die Motivation und Compliance für Trainings- oder Bewegungsprogramme zu sichern. Im Rahmen der Planung und Steuerung von Interventionen gilt es zudem oftmals, das geplante in der konkreten Situation flexibel anzupassen, um die Individualität und Belastbarkeit der Trainierenden aufzugreifen. Reflektiert euch und euer Verhalten regelmäßig.

Dein Rat an alle Neueinsteiger?

Investiert in Bildung und setzt euer Wissen und eure Kompetenzen auf eine stabile Basis. Bevor ihr außerhalb der Box nachdenkt, solltet ihr die Box verstehen.

Was war für dich die wichtigste positive Veränderung/Erkenntnis der letzten Jahre aus deinem Spezialgebiet?

Das Trainingsprinzip der Variabilität ist wahrscheinlich der Schlüssel zum Erfolg in allen Anwendungsfeldern des Sports, aber vor allem im Leistungssport, in dem Umfänge und Intensitäten schon am Limit sind. Andere Trainingsprinzipien sind dabei trotzdem nicht zu vernachlässigen.

Hast du schon Ideen für dein nächstes Projekt? Worauf dürfen wir uns als nächstes freuen?

Als nächstes würde ich gern im nächsten Jahr einen Ratgeber für das Training während der Schwangerschaft schreiben und konzipieren. Hierzu gibt es zwar viele Empfehlungen, aber keine strukturierten Vorschläge. Einen Anfang habe ich dazu im letzten Jahr im Functional Training Magazin veröffentlicht:

http://www.functional-training-magazin.de/training-in-der-schwangerschaft-methodische-vorschlaege-fuer-ein-funktionelles-kraftausdauertraining-im-2-trimester/

Und zum Abschluss: Was liest du gerade? Hast du einen Literaturtipp für das Wochenende?

John J. Ratey – Spark: The Revolutionary New Science of Exercise and the Brain

Buchtipp aus der Redaktion: STARKE UND GESUNDE HAMSTRINGS

Mehr Beinkraft und Beweglichkeit sowie weniger Verletzungen durch Training der ischiocruralen Muskulatur

Die hintere Oberschenkelmuskulatur, auch als ischiocrurale Muskulatur bezeichnet, ist insbesondere beim Sport sehr verletzungsanfällig. Aktuelle Statistiken speziell aus dem Fußball und dem American Football zeigen, dass trotz aktiver Prävention in Training und Spielvorbereitung die hohe Verletzungsrate der sogenannten Hamstrings im Wettkampf in den letzten zehn Jahren konstant blieb und durch höhere Anforderungen im Training sogar anstieg.

Die funktionelle Wirkungsweise dieser Muskelgruppe wird häufig unterschätzt, der hohen Verletzungsanfälligkeit kann jedoch durch differenziertes Training vorgebeugt werden.
In diesem Ratgeber betrachten die Autoren die ischiocrurale Muskulatur ganzheitlich, erklären die Biomechanik anschaulich und stellen Risiko- und Schutzfaktoren basierend auf den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen dar.

Wirkungsvolle Präventionsstrategien, Trainingsmethoden wie funktionelles Kraft- und Mobilitätstraining, zahlreiche reaktiv-plyometrische Übungen, die detailliert beschrieben und bebildert sind, sowie Anregungen zum Programmdesign können sofort in die Praxis umgesetzt werden.

Das vorliegende Buch können wir Ihnen nur wärmstens empfehlen! Es bietet den derzeit umfassendsten Ratgeber zur Muskelgruppe der Hamstrings im deutschsprachigen Raum.

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