Die zweite Halbzeit

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Eines der Dinge, die in jedem Fußball-Coaching gelehrt werden sollten, ist die Tatsache, dass es in der Halbzeit eines Spiels nicht nur um Auftanken und Physiotherapie geht. Die Halbzeit ist darüber hinaus absolut entscheidend für Trainer und Team, um die Gedanken zu sammeln und sich mental auf die Herausforderungen der zweiten Spielhälfte vorzubereiten. Und laut Jim Petruzzi ist die Wichtigkeit der effektiven Kommunikation kaum zu überschätzen.

Blickt man auf die Halbzeit im Europäischen Champions League Endspiel 2005 zurück, in der Liverpool gegen den AC Mailand 3 zu 0 verloren hatte, war der Mannschaftskapitän Steven Gerrard laut seinen Liverpooler Kollegen fassungslos und kurz davor, die Niederlage einzugestehen. Im Nachhinein konnte er sich im Hinblick auf die Halbzeit lediglich daran erinnern, dass der Manager seinen Stift herausholte, die gewünschten Veränderungen im Vorstand notierte und das Team anwies, ein schnelles erstes Tor zu schießen, weil das den Gegner nervös machen würde. Gerrard sagte jedoch, dass er sich, um ehrlich zu sein, nicht konzentrieren konnte. Alles Mögliche ging ihm durch den Kopf. Er saß da, den Kopf in den Händen abgestützt. Er dachte wirklich, es sei vorbei.

 

Die Halbzeit in einem Spiel stellt in der Regel eine emotionale Erfahrung für Spieler und Trainer dar. Ein gründlicher Rückblick sollte einen oder zwei Tage nach dem Spiel erfolgen, das dann im Allgemeinen frei von emotionalen Reaktionen auf das Spiel selbst analysiert werden kann. In der Halbzeit ist der Ausgang des Spiels jedoch noch unentschieden. Die Pause dauert nur ungefähr 15 Minuten und bietet die einzige direkte Gelegenheit für den Trainer, mit allen Spielern zu sprechen und auf Leistung und Erfolg in der zweiten Spielhälfte Einfluss zu nehmen.

 

Das Gespräch in der Halbzeit hängt natürlich vom Spielstand und davon ab, wie der Trainer das Spiel beurteilt. Wichtig ist aber auch die Beachtung anderer variabler Faktoren wie der Umstände des Spiels – z. B. ob es sich um ein Pokalspiel handelt, bei dem der Verlierer hinausfliegt. Ob es sich um ein Ligaspiel handelt und wie die Ligapositionen der Teams aussehen, die das Spiel bestreiten. Ob alles dafür spricht, dass ein Team das Spiel gewinnen wird. Ob das Team zwar gewinnt, aber nicht gut spielt.

 

Insbesondere Fußball ist ein Sport, der viele psychologische Anforderungen an die Spieler stellt, wie z. B. Vertrauen, Motivation und Konzentration, und diese Anforderungen können dadurch beeinflusst werden, wie die Spielsituation zur Halbzeit aussieht. Wenn z. B. ein Team 3 zu 0 gewonnen hat und sehr gut spielt, wird es mit einer anderen psychologischen Perspektive in die Halbzeitpause gehen als ein Team, das verliert. Hat ein Team jedoch 2 zu 0 gewonnen und hat unmittelbar vor der Halbzeitpause das verlierende Team ein Tor geschossen, sodass es jetzt 2 zu 1 steht, ist die psychologische Perspektive für beide Teams unterschiedlich; das verlierende Team gewinnt neuen Optimismus durch das spät geschossene Tor und das Team, das einen Gegentreffer hinnehmen musste, ist frustriert! Die Halbzeit ist auch psychologisch wichtig, weil die Spieler nun zum ersten Mal seit Spielbeginn die Möglichkeit haben, sich bewusst über eine längere Zeit Gedanken zu dem Spiel zu machen.

 

Die Rolle des Trainers in der Halbzeit

Das Hauptziel des Trainers in der Halbzeitpause ist es, die zweite Spielhälfte so positiv wie möglich zu beeinflussen. Der Trainer kann den Spielern ein Feedback zu ihrer individuellen sowie zu der kollektiven Leistung geben und technische, taktische und körperbetonte Aspekte des Spiels mit ihnen diskutieren, einschließlich Spielsysteme, Spielstile, Tempoveränderungen und Spielfeldbedingungen.

 

Ein entscheidendes Element eines erfolgreichen Austausches in der Halbzeit ist die Kommunikation. Es handelt sich dabei um einen wechselseitigen Prozess, der aus dem Geben und Erhalten von Informationen besteht. Trainer können in der Halbzeit viel über die Entwicklung des Spiels erfahren, indem sie zuhören und den Teammitgliedern Fragen stellen, die eine wechselseitige Diskussion fördern. Doch während Trainer typischerweise gut darin sind zu reden, Verantwortung zu übernehmen und Anweisungen zu geben, sind sie oft schlechte Zuhörer.

 

Wichtig ist auch sich bewusst zu machen, dass Kommunikation nicht nur verbal abläuft. Schon in den 60er Jahren hat die Kommunikationsforschung darauf hingewiesen, dass das nonverbale Verhalten (d. h. die Körpersprache) eine wichtige Rolle bei der Kommunikation spielt.(1-3) Wissenschaftler haben festgestellt, dass nur ungefähr 7 % dessen, was wir kommunizieren, das Resultat von Worten oder Kommunikationsinhalten sind; 38 % unserer Kommunikation mit anderen sind Resultat unseres nonverbalen Verhaltens, wozu Stimmlage, Klangfarbe, Tempo und Volumen gehören; und 55 % unserer Kommunikation mit anderen sind Resultat unserer nonverbalen Kommunikation wie Körperhaltung, Atmung, Hautfarbe und Bewegung.

 

Führungsstile

Der Führungsstil hat auch einen bedeutenden Einfluss auf die Effektivität des Gesprächs in der Halbzeit. Es gibt verschiedene Führungsstile einschließlich des autoritären, des demokratischen und des „Laissez-faire“. Ein Trainer kann in verschiedenen Situationen verschiedene Methoden einsetzen und es ist wichtig festzuhalten, dass Persönlichkeitstyp, kulturelles Verhalten und andere Faktoren ebenfalls Einfluss auf die einzelnen Führungsstile haben.

 

Einige Trainer legen eine Kombination der verschiedenen Führungsmerkmale an den Tag, während andere vor allem einen Stil bevorzugen. Ein guter Trainer wird seinen Führungsstil an Erwartungen, Wissen, Erfahrungen und Gruppenmitglieder anpassen. Ist eine Gruppe z. B. feindlich eingestellt, kann der Trainer sich durchaus für einen autokratischen Stil entscheiden. Ist die Gruppe hingegen freundlich eingestellt, entscheidet sich der Trainer möglicherweise für einen demokratischeren, personenzentrierteren Stil. Probleme können entstehen, wenn die von dem Trainer eingesetzten Vorbereitungsstrategien nicht den Gruppenerwartungen des Teams entsprechen.

 

Psychologie des Spieleraustauschs in der Halbzeit

Genau wie andere Faktoren eines Spiels, wie z. B. das Schießen eines Tors oder eine schlechte Schiedsrichterentscheidung, kann die Psychologie des Spieleraustauschs in der Halbzeit die taktischen Aspekte eines Spiels verändern und Einsicht in die Gemütsverfassung des Managers geben. Hat ein Team z. B. zur Halbzeit 2 zu 0 gewonnen und der Manager des gewinnenden Teams tauscht einen Angriffsspieler gegen einen Abwehrspieler aus, könnte dies als schlechte Taktik aufgefasst werden und möglicherweise als Anzeichen dafür, dass der Manager nicht das Vertrauen in das Team hat, dass es im gleichen Stil weiterspielt, oder als Statement des Managers, mit dem er sagen will: „Wir wollen lieber unser 2 zu 0 halten, statt die Initiative zu ergreifen und den Spielstand weiter zu verbessern“.

 

Zu einem früheren Zeitpunkt in diesem Jahr setzte sich der Trainer der englischen Rugby-Mannschaft Andy Robinson der Kritik aus, indem er den Mannschaftskapitän Martin Corry während der 18 zu 12 Niederlage im Sechs Nationen-Cup gegen Schottland austauschte. Brian Moore (englischer Ex-Spieler, der heute als Sportreporter arbeitet) kommentierte: „Ich denke, man sollte niemals den Mannschaftskapitän austauschen, es sei denn, es kommt zu einer Verletzung; der Austausch des Mannschaftskapitäns ist ein schwerer psychologischer Schlag.“

 

Die Kriterien für die Entscheidung, wer ausgetauscht wird, hängen vom Kontext des Spiels ab; es gibt viele taktische Faktoren, die einen Einfluss darauf haben, ob ein Spieler ausgetauscht werden sollte und wer in der Halbzeit eingesetzt wird. Der Austausch des Mannschaftskapitäns, wenn er vielleicht nicht so gut spielt, kann jedoch massive Auswirkungen auf den mentalen Zustand des Teams haben. Er kann z. B. den negativen Einfluss haben, im Team die Vermutung aufkommen zu lassen, dass der Trainer in Panik geraten ist. Es kann jedoch eine gute Idee sein, einen Ersatzspieler ins Spiel zu bringen, der in der Regel gut gegen den momentanen Gegner spielt, da das bei dem gegnerischen Team Panik erzeugen könnte.

 

Manchmal zeigt sich die Leistung eines Teams nicht immer im Spielstand. Spielt das Team gut und geht trotzdem als Verlierer in die Pause, stellt sich die Frage, ob sich das Vertrauen, dass es auch in der zweiten Halbzeit gut spielt, und die Hoffnung lohnen, dass der Durchbruch kommen wird oder ob der Manager Veränderungen vornehmen und riskieren soll, den Fluss des Spiels zu stören und dadurch die Leistung des Teams zu beeinflussen?

 

Der Einsatz des neurolinguistischen Programmierens in der Halbzeit-Psychologie

Im Wesentlichen handelt es sich bei der neuro-linguistischen Programmierung (NLP) um das Studium der subjektiven Erfahrung, wie wir denken, wie wir uns verhalten und wie wir kommunizieren. NLP liefert eine Reihe von Techniken, Fertigkeiten und Methodiken, die zur Entwicklung von Strategien eingesetzt werden können, die uns befähigen, unser Potential in allen Lebensbereichen zu entfalten. Das Gehirn kontrolliert nicht nur den Einsatz von Fertigkeiten und strategischen Handlungen, sondern beeinflusst auch die Körperbewegungen, die Menschen gewöhnlich als automatisch ansehen. NLP kann Sportlern und Sportlerinnen helfen, Kontrolle über die so genannten „automatischen“ Funktionen unserer Neurologie zu erlangen. Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Vorstellung eines Geschehens den gleichen Effekt auf die Strukturen unseres Gehirns hat wie das Geschehen selbst!

 

So wurde z. B. an der University of Chicago für Forschungen zur Visualisierung bei Basketballspielern eine Anzahl von Spielern in 3 Gruppen unterteilt.(4) Jede Gruppe wurde beim Werfen von Freiwürfen getestet. Den Gruppen wurden unterschiedliche Anweisungen gegeben:

  • Gruppe 1 trainierte 30 Tage keine Freiwürfe
  • Gruppe 2 trainierte 30 Tage jeden Tag Freiwürfe
  • Gruppe 3 trainierte 30 Tage Freiwürfe nur in der Vorstellung (Visualisierung)

Nach 30 Tagen wurden die 3 Gruppen erneut getestet:

  • Gruppe 1 zeigte absolut keine Verbesserung (wie zu erwarten)
  • Gruppe 2 zeigte eine Verbesserung um 24 % (nicht besonders zufrieden stellend in Anbetracht des einmonatigen Trainings mit Ball)
  • Gruppe 3 zeigte eine Verbesserung um 23 % (beeindruckend in Anbetracht der Tatsache, dass die Gruppe 30 Tage keinen Ball zu Gesicht bekommen hatte!)

Der Einsatz von NLP in der Halbzeit

NLP kann in der Halbzeit auf verschiedene Arten eingesetzt werden, indem man das Prinzip der positiven Instruktion anwendet. Die Ansage, was man will, anstelle was man nicht will, kann einen äußerst positiven Effekt haben, doch viele Trainer sagen den Spielern noch immer, was sie nicht wollen, und tragen damit zum Entstehen negativer Gedanken bei.

„Wenn du den Ball hast, verpass das Tor nicht“, kann die Anweisung des Trainers an einen Spieler lauten; aber wäre es nicht viel besser, den Spieler aufzufordern, das Tor zu treffen? Wenn jemand Ihnen sagt, nicht an die Farbe schwarz zu denken, woran denken Sie sofort? Genau an das, woran Sie nicht denken sollen! Sätze wie „gefoult wird nicht“, „verpass den Ball nicht“, „verliert das Spiel nicht“ können alle durch positive Anweisungen ersetzt werden.

 

Es folgen einige Halbzeittechniken, die der Reihe nach eingesetzt werden können, um die richtige Geisteshaltung bei Trainer und Spielern zu erzeugen. Es sind die Techniken „Dissoziation“, „Reframing“ und „Ankern“. Sie zielen darauf ab, den Trainer in der Halbzeit logisch denken und die Spieler in einer mentalen Toppverfassung in die zweite Spielhälfte gehen zu lassen, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

 

Dissoziation

Bei der Dissoziation geht es darum, eine zurückliegende Erfahrung aus der Perspektive eines Außenstehenden oder Beobachtenden wiederherzustellen. Das bedeutet, dass man nicht die ursprüngliche Emotion noch einmal erlebt sondern die unparteiischen Emotionen eines „Beobachters“. Dies versetzt den Trainer in die Lage, logisch und nicht emotional zu denken. Der Einsatz der Technik der Dissoziation ist unmittelbar vor der Halbzeit hilfreich, weil sie den Trainer bei dem Gespräch in der Halbzeit logisch und nicht emotional denken lässt.

 

Reframing

Unter Reframing versteht man den Prozess der Veränderung der Problemnatur. Es ist der Prozess der Veränderung einer negativen Aussage in eine positive, indem man den Referenzrahmen verändert, der zur Interpretation der Erfahrung genutzt wird. Wenn jede Aussage Kontext gebunden ist, führt eine Veränderung des Kontextes auch zu einer Veränderung der Aussage.

 

Abhängig von der Situation zum Ende der ersten Halbzeit, können wir entscheiden, von welcher Perspektive aus wir in die zweite Halbzeit gehen wollen. Ein perfektes Beispiel für ein Reframing war das European Champions League Endspiel 2005, bei dem der Liverpooler Manager Rafa Benítez seine Spieler aufforderte, „rauszugehen und das erste Tor zu schießen und zu sehen, was dann passiert“. Hätte er gesagt „geht raus und schießt 3 Tore“, wäre die Aufgabe möglicherweise zu groß gewesen. Ein anderes mögliches Reframing ergibt sich, wenn ein Team verliert; der Coach kann ein Reframing der Situation vornehmen, indem er das Team anweist, die erste Spielhälfte zu vergessen und sich lediglich darauf zu konzentrieren, in der zweiten zu gewinnen.

 

Ankern

Ein Anker ist ein Stimulus, der entweder in Ihnen oder in einer anderen Person eine Resonanz erzeugt. Hat ein Individuum, das sich in einer intensiven emotionalen Gemütsverfassung befindet, den Höhepunkt einer Erfahrung erreicht, kann ein zur Anwendung gebrachter spezifischer Stimulus eine neurologische Verbindung zwischen dem emotionalen Zustand und dem Stimulus herstellen. Ankern kann natürlich erfolgen oder bewusst inszeniert werden und helfen, Zugang zu früheren Gemütsverfassungen zu bekommen und diese früheren Gemütsverfassungen mit gegenwärtigen oder zukünftigen Gemütsverfassungen zu verknüpfen. Ankern kann von Trainern und Spielern genutzt werden, um eine Geistes- oder Gemütsverfassung zu erzeugen, die in einer gegebenen Situation von Vorteil ist.

 

Jim Petruzzi arbeitet als Leistungstrainer mit den Schwerpunkten Sportwissenschaft und Sportpsycholgie. Er arbeitet mit verschiedenen Profifußballclubs und internationalen Teams.

 

Quellenangaben:

  • Journal of Counseling Psychology 1967; Bd. 31, S. 248-52
  • European Journal of Social Psychology 1970; Bd. 1, S. 385-402
  • RL Birdwhistle (1970) Kinesics and Context, Philadelphia: University of Pennsylvania
  • Journal of Curriculum Studies 1985; Bd. 18, S. 197-209
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