Gentechnik und Sport

0

Es ist wirklich eine Schande wenn eine stolzer Athlet zur Flasche greift. Aber es kann noch schadhafter sein – und beängstigend dazu – wenn diese Flasche einen Cocktail beinhaltet, der den Wettkampfsport für immer verändern kann. Und in dieser Frankensteinwelt, wo die Gentechnik mit dem Sport in Berührung kommt, bewegen wir uns mittlerweile.

“Ich denke, dass bestimmte Methoden bereits begonnen wurden,“ sagte Johann Olav Koss, der Weltmeister von 1994 im Eisschnelllaufen aus Norwegen, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sowie Arzt.

 

In vielen Wettkampfsportarten liegt der Unterschied zwischen einer Goldmedaille und dem Rest bei nicht mehr als einem Bruchteil einer Sekunde. Kein Wunder, dass sich jeder danach umschaut, was die neue Technologie zu bieten hat. Die sportlichen Verbesserungen im letzten Jahrzehnt hängen immer mehr von wissenschaftlichen Fortschritten in Sachen Training, Ernährung und operativen Eingriffen ab. Aber vielleicht ergibt sich ein Großteil aus leistungssteigernden Mitteln.

 

Bei dem weit verbreiteten Gebrauch von Steroiden, Wachstumshormonen und EPO (Erythropoietin, ein Hormon, dass die Produktion der roten Blutkörperchen reguliert und dazu verwendet wird, die Sauerstoffbindefähigkeit zu erhöhen und somit die Ausdauerleistungsfähigkeit der Sportler zu steigern), haben Läufer, Radfahrer oder Schwimmer allen Grund dazu ihren Gegnern verdächtig gegenüberzustehen. Nun wird die Palette an leicht verfügbaren und leicht zu verbergenden Pharmazeutika auch noch um eine weitere umstrittene Waffe / Komponente erweitert – hinzu kommt nämlich die Gentechnik.

 

Einige viel versprechende leistungssteigernde Genmanipulationen wurden bereits erfolgreich an Tieren getestet. Diese sorgen für den Zuwachs an explosiven, schnellzuckenden Muskelfasern und stimulieren die Freisetzung von Wachstumshormonen (GHRH), die die Rezeptoren sowohl stärken als auch schwächen können.

 

Medizinische Anwendungen von Gentherapien zur Heilung und Vorbeugung beim Menschen sind rudimentär aber in einem sich schnell entwickelnden Stadium. Statt Defizite mit Spritzen von Medikamenten zu behandeln, sind Ärzte bald in der Lage genetische Behandlungen anzuordnen, die das körpereigene System dazu anregen Proteine zu produzieren, die zur Bekämpfung von Krankheiten nötig sind.

 

“Es ist nichts Außergewöhnliches,“ sagt Theodore Fridemann, Direktor des Gentherapieprogramms an der University of California in San Diego und Mitglied des medizinischen Forschungskomitees der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). “Wenn Sie irgendeinen Studenten der Molekularbiologie fragen, wie man Gene einpflanzen kann um die Muskelfunktion zu verändern, dann könnte er Ihnen drei oder vier Wege nennen dies zu tun.“(1)

 

Dieses von Wissenschaftlern zitierte Modell – der experimentelle Patient, der Greene, Kipketer, und Khannouchi Angst einjagt, ist He-Man, eine Maus, die endlose, anstrengende Runden in einem Käfig im Keller des physiologischen Labors an der University of Pennsylvania läuft.

 

Vor zwei Jahren wurde He-Man eine synthetische Genversion gespritzt / injiziert, die insulin-ähnlicher Wachstumsfaktor 1 (IGF-1) genannt wird. Ein Protein, das die Muskeln aufbaut und regeneriert. Heute sehen die Maus, die einst so winzig war, und ihre gen-modifizierten Brüder wie türkische Gewichtheber aus, z. B. wie Naim Suleymanoglu. Nachdem der IGF-1 die He-Man’s Muskelmasse um mehr als 60 % aufbaute, kann er nun eine Leiter hinaufklettern und trägt dabei das 3-fache seines Körpergewichts. „Wir nennen diese ’Schwarzenegger – Mäuse’“, sagt Nadia Rosenthal, Mitarbeiterin des Professors an der Harvard Medical School, die die Studie begleitete. „Ich wäre völlig überrascht gewesen, wenn diese Sache am Sport vorbeigegangen wäre. Jene, die aussichtslos an Krebs und Aids erkrankt sind wollen wissen ‚Was hält mich am Leben? ‚ Athleten dahingegen ‚Was wird mir zum Sieg verhelfen?’“(2)

 

Wie die doping-verdorbenen Systeme in Ostdeutschland und in der Sowjetunion bewiesen haben, sind Sportler und ihre Manager zu immensen Einbußen bereit um einen unmittelbaren Erfolg zu erreichen. Dies war allerdings nicht nur ein kommunistisches Phänomen: in einer Studie an knapp 200 amerikanischen Olympiateilnehmern sagten mehr als die Hälfte, dass sie eine verbotene Substanz fünf Jahre lang zu sich nehmen würden, die ihnen den Sieg garantieren würden, auch wenn sie letztlich zum Tode führen könnte.

 

Wo Mäuse im Labor vorne laufen, da werden Athleten auf dem Feld ganz vorne sein

“Wenn dies an Mäusen durchgeführt wird, dann habe ich keine Zweifel, dass dies auch bald an Menschen ausprobiert wird,“ sagt Bengt Saltin, ein früherer Wettkampfläufer, Leiter des Muskelforschungsinstitut in Kopenhagen, und ebenso ein Mitglied der WADA. „Es wäre wegen unbekannten Nebenwirkungen riskant, jedoch sind die Grundsteine des genetischen Fortschrittes gelegt. Wenn die Wissenschaftler zu einer Kooperation bereit sind, dann werden Athleten an sich selbst herumdoktern.“

 

Wie bei herkömmlichen Genen, bestehen die künstlichen Gene aus DNA, dem Rohmaterial des menschlichen Lebens. Der direkte Übertragungsweg wäre die Injektion der DNA in die Muskulatur. Die Fasern würden dann die DNA aufnehmen und diese in den normalen Genpool einfügen. Da diese Methode noch nicht sehr ergiebig ist, verwenden Forscher oftmals Viren um die Genladung in den Zellkörper zu transportieren. Auf diesem Wege wurde das IGF-1 Gen transportiert, so dass He-Man entstand. Im Gegensatz zu der direkten Injektion werden die Gene leider auch in viele andere Zellen transportiert. Neben den beabsichtigten Zielzellen landen sie auch z. B. in Blut- und Leberzellen. Ein dritter Ansatz beinhaltet, dass bestimmte Zellarten dem Patienten entnommen werden, zu denen dann künstliche Zellen im Labor addiert werden und die dann wieder in den Körper eingepflanzt werden. Da die künstlichen Gene Proteine produzieren würden, die in vielen Fällen mit den normalen Proteinen übereinstimmen, kann man sich von den effektiven Dopingkontrollmaßnahmen verabschieden.

 

Saltin hat einen wiederkehrenden Alptraum. Er stellt sich ein Szenario vor, bei dem sich ein Elitesprinter, der besessen danach ist, der schnellste Mann der Welt zu werden, in einen abtrünnigen Genetiker verwandelt, der der neuesten Forschung über Genveränderungen an den Muskelfasern nachkommt. So kraftvoll wie die menschliche Muskulatur dem Laien erscheint, kann es aber in Relation zu der explosiven Kapazität der Muskeln vieler Säugetiere, inklusive Mäuse, die Energieschübe benötigen um ihren Feinden zu entkommen, keine Hantel halten. Obwohl die schnellsten Muskeln in langen inaktiven Genen eingebettet sind. Gentechniker haben kürzlich ein Protein entwickelt, das als „Transkriptionsfaktor“ unter dem Namen Velociphin bekannt ist und die Gene aktivieren kann.

Nur einige Injektionen dieser DNA in den Quadrizeps, Oberschenkelbeuger, Gluteus und die Muskelfasern wird anfangen das Velociphin anzukurbeln, so dass die schnellen Myosingene aktiviert werden. Innerhalb von Wochen werden die Muskeln größer und voller Energie sein. Es gibt keine erkennbaren Nebenwirkungen und die Genmanipulation bleibt unentdeckt, wenn keine direkte Muskelbiopsie durchgeführt wird.

Es ist das lang ersehnte Rennen zur olympischen Unsterblichkeit. Knall! Der genetisch gedopte Athlet sprintet nach vorne und baut mit jedem Schritt immer mehr Vorsprung auf. Nach 65 Metern, ganz weit vor dem Feld, führt ein plötzliches Zucken zum Kitzeln im Oberschenkelbeuger. Saltin greift die Geschichte auf und erzählt weiter.

 

Nach 80 Metern, explodiert das Zucken in einen überwältigenden Schmerz, da er sich den Oberschenkelbeuger gezerrt hat. Eine Zehntelsekunde später gibt die Patellasehne nach, da sie den hohen Kräften, die vom Oberschenkelbeuger ausgehen, nicht standhalten kann. Die Patellasehne zieht einen Teil des Schienbeinknochens heraus, das dann abbricht, so dass der gesamte Quadrizeps am Oberschenkelknochen entlang nach oben rutscht. Der Athlet fällt zu Boden und es ist das Ende seiner Sprintkarriere.

“Dies ist nicht das Szenario, dass einem generell in Verbindung mit einem “genmanipulierten Superathleten” den Sinn kommt“, bemerkt Saltin, aber es ist zumindest ein Teil der Realität.(3) Beispielsweise haben Forscher eine Hausfliege genetisch so verändert, dass deren Muskeln 300 % stärker als normal waren. Es mag sich viel versprechend anhören, aber die Fliege hat eigentlich an Kraft verloren, da sie ihre Flügel nicht schnell genug bewegen konnte um die zusätzliche Muskelmasse zu bewegen, merkte H. Lee Sweeney an, Co-Autor der He-Man-Studie.(1)

Während die Gesellschaft begonnen hat den menschlichen Körper als eine unsichtbare Maschine zu betrachten, ist dieser tatsächlich eine belastbare aber dennoch empfindliche Zusammensetzung aus Sehnen, Knorpel, Muskeln und Fett. Dies ist eine Zusammensetzung, so dass Ängste radikal, permanent und vielleicht gefährlich verändert werden.

 

Und doch gibt es unkalkulierbare Risiken

Neben der ethischen Frage, gibt es ein praktisches Problem. Dies hat verständlicherweise zu einer großen Besorgnis im medizinischen und ethischen Bereich geführt. „Die einzige Sache, die die Athleten davon abhält Genmanipulation zu betreiben, ist das Kontrollsystem,“ sagt Saltin. „Sie können die Produktion nicht abstellen auch wenn Sie das wollen.“ Beispielsweise führt eine Injektion von Velociphin zu einer Produktion von explosiven Fasern ohne eine weitere Injektion. Gentechniker, die mit dem Gen experimentieren, das EPO kodiert, haben herausgefunden, dass eine einzige Injektion ins Bein von Affen zu signifikant hohen Werten an roten Blutkörperchen innerhalb von 20 bis 30 Wochen führt. Dies könnte für Anämiepatienten eine Wohltat sein und für Ausdauerathleten zu neuen Höchstleistungen führen. Allerdings bleibt ein Problem: mit dem Fehlen eines Mechanismus, der die Produktion einschränkt, könnte der Körper sich in eine unkontrollierbare EPO-Fabrik verwandeln, was zu einer Blutverdickung führen könnte, die Schlaganfälle, Herzinfarkte und eventuell den Tod mit sich bringt.

 

Aber solche Probleme sind oftmals nur eine Frage der Zeit. Helen Blau, Vorsitzende der Molekularpharmakologischen Abteilung an der Stanford Medical School hat gezeigt, dass ein Gen in eine Maus eingeführt werden kann, so dass Wachstumshormone im Blutkreislauf stimuliert werden und ausgeschaltet werden kann indem ein Antibiotikum oral eingenommen wird. „Theoretisch ist es möglich, dass ein Athlet gentechnisch manipuliert werden kann, so dass sich dessen Muskelkraft erhöht, er damit trainiert und er sie wieder abstellen kann, wann immer er das will“, sagt sie.(4) Solch eine Entwicklung würde nicht nur verhindern, dass eingeführte Gene außer Kontrolle geraten, sondern es würde die Aufdeckung von Doping fast unmöglich machen.

 

Bei all diesen Frankenstein-ähnlichen Szenarios, wäre es eine leichte Entscheidung die Gentechnik bei Athleten aus ethischen Gründen zu verbieten. „Das Argument, das für die Erlaubnis solcher Maßnahmen spricht, basiert auf unseren Traditionen dem Einzelnen ein hohes Maß an Autonomie über den eigenen Körper zu überlassen“, sagt Eric Juengst, ein Ethiker an der Case Western Reserve University in Cleveland. „Die Grenzen bei dieser Art von Freiheit sind zwischenmenschlich. Sobald ihre Handlungen soweit gehen, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen beeinträchtigen, haben wir das Recht einzugreifen.“(5)

 

Überraschenderweise stimmt dem nicht jeder zu und in der Tat stellen sich diese ethischen Fragen bei näherer Betrachtung als sehr finster heraus. Die aktuellen Anti-Doping Regeln erlauben nicht den Gebrauch von Steroiden. Auch nicht wenn sie aus medizinischen Gründen verordnet sind, z. B. um die Regeneration nach einer Verletzung zu beschleunigen. Dies ist jedoch genau das, wozu Genmanipulation bei Athleten zunächst einmal betrieben wird – eine Injektion von IGF-1 zur Stimulation der Muskelregeneration. Dessen Anwendung könnte einem Athleten theoretisch erlauben auf einem optimalen Niveau Leistung zu erbringen, obwohl dieser nicht mehr in seinen besten Jahren ist. Oder stellen Sie sich einen Athleten vor, der Genmanipulation betreibt um ein angeborenes Asthma oder andere genetische Abnormalitäten zu beheben.

 

IOC Präsident Jacques Rogge ist in dieses ethische Dilemma bereits zu Beginn diesen Jahres hineingetappt. „Genmanipulation existiert zur Behandlung von kranken Menschen und nicht zur Behandlung von Gesunden“, sagt er. „Ich bin mir darüber sehr im Klaren.“ Nur sehr wenige Gentechniker oder Ethiker sind sich ebenso klar darüber. Es besteht eine äußerst diffuse und umstrittene Linie, die die „Gesundheitserhaltung“ von der „Leistungssteigerung“ trennt.(6)

 

Der Fall Helen Smith, ein international renommierter Schwimmstar aus Großbritannien kommt in den Sinn. Smith, die als Quadriplegiker an Wettkämpfen teilnimmt, wurde von den paralympischen Spielen in Sydney im Jahre 2000 ausgeschlossen, da sie Medikamente zu sich nahm, die zwar für sie lebensnotwenig waren, aber als leistungssteigernd galten.

Eine ähnliche Kontroverse besteht im Elitesport unter den reicheren Ländern, die auf dem neuesten Stand der Technologie in Sachen Ausrüstung, Ernährung und Medizin gegenüber dem Rest der Welt stehen, der nur so vor sich her dümpelt. Worin unterscheidet sich dann die Gentechnik, so lange sie nur darauf ausgerichtet ist, einige reale – oder wahrgenommenen –verletzungsbedingten Defizite zu beheben?

 

Eine weitere Frage tritt bei jeglicher Art von Genmanipulation auf, die vor der Geburt von gut-meinenden Eltern angewendet wird. Wie Mauric Greene anmerkte: „Was ist wenn man mit etwas geboren wurde, das einem angetan wurde?“ Würde die Manipulation eines Ei oder Embryo als Täuschung angesehen werden, wenn man, so wie es Maurice Greene meint, ‘nichts dafür könnte?“(7) Es wäre unfair jemanden dafür zu bestrafen, aber auch problematisch diesen gegen einen unmanipulierten antreten zu lassen.

 

Bei der Betrachtung der Gesundheitsaspekte im Hinblick auf Gentechnik, so scheint es sicherlich eine Methode der Leistungssteigerung zu sein, die akzeptabler sei als die Einnahme von Drogen. Das IOC hat eine Beratergruppe für Gendoping zusammengestellt, jedoch scheint diese verwirrt von diesen komplexen Angelegenheiten zu sein. „Die Information aus der Genwissenschaft wird zu besseren Behandlungsmethoden von Krankheiten führen, aber es füttert ebenso die Sportindustrie innerhalb der nächsten 5 bis 10 Jahre“, sagt Bruce Lynn, ein Seniorneurophysiologe at University College London’s School of Human Health and Performance.

 

Es steht sogar im Gespräch ein Handicap für genetisch manipulierte Wettkämpfer einzuführen oder sogar offizielle Wettkämpfe aufzustellen, die nur für leistungsgesteigerte Athleten zugänglich sind. „Dies ist ein schrecklicher Gedanke“, jammert Saltin. „Wenn Genmanipulation sanktioniert wird, bedeutet dies, wie wir alle wissen, das Ende des Sports. Der Sport wird dann ein Umfeld an unglaublichen Leistungen sein.“

 

Vielleicht. Rein aus der Perspektive des Wettkampfes, wäre die Leichtathletik spannender, ginge bis an die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten und die Grenzen der Geschwindigkeit und Ausdauer würden weit über das hinausgehen, was die Wissenschaft momentan annimmt.

Soweit bis die Patellasehne und der Quadrizeps abbricht und ein einst beherzter Athlet von der Bahn getragen wird, der vielleicht nie mehr gehen kann.

 

Jon Entine

 

Quellenangaben:

  • Swift, EM & Yaeger, D, Irish Examiner (July 10, 2001)
  • Cromie, WJ, Harvard Gazette (Feb 11, 1999)
  • Andersen, JL, Schjerling, P & Saltin B, Scientific American (Sept 2000)
  • Longman, J, New York Times (May 11, 2000)
  • Compton M, DNA Dispatch (July 2001)
  • Clarey, C, Intl Herald Tribune (Jan 26, 2001)
  • Chandel, A, Tribune (India) (May 18, 2001)
  • Teilen

    Über den Autor

    Leave A Reply