Was ist Bouldern? Klettern in Absprunghöhe oder mehr?

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Jedes Jahr trifft sich die Boulder-Elite einmal mehr zu einem Stelldichein im Münchner Olympiastadion und bouldert um die Wette. Aber was genau ist eigentlich dieses Bouldern?

Ganz einfach: Bouldern ist die Maximalkraft-Disziplin des Sportkletterns. Kurze Routen  mit wenigen, oft relativ weit auseinanderliegenden Zügen an kleinen Griffen und verminderten Trittmöglichkeiten, meist in stark geneigten Überhängen. Sie bieten dem kraftorientierten Kletterer die ultimative Herausforderung. Bouldern ist also in erster Linie ziemlich geil!

Übersicht:

  • Was ist Bouldern?
  • Woher kommt das Bouldern?
  • Warum heißt Bouldern „Bouldern“?
  • Trainingstipps für Boulderer
  • Wo kann ich Bouldern lernen?
  • Risiken und Gefahren beim Bouldern

Was ist Bouldern?

Verallgemeinert gesagt, ist das Bouldern „Klettern ohne Seil und Klettergurt“ in Absprunghöhe. Bouldern kann man am Fels oder an künstlich angelegten Boulderwänden, Kletteranlagen und Boulderhallen. Zum Sichern, also als Sturzpolster, verwendet man eine tragbare Weichbodenmatte, das so genannte Crashpad.

Im Unterschied zum Sportklettern, liegt beim Bouldern der Fokus mehr auf maximalkräftigen Zügen und einer entsprechenden Klettertechnik.

Wer hat das Bouldern erfunden?

John Gill, US-amerikanischer Sportkletter- und Boulderpionier, hat in den 1960er Jahren staunenden Beobachtern erstmals gezeigt, dass der Reiz des Kletterns nicht unbedingt im Gipfelsturm liegen muss, sondern auch in der reinen Schwierigkeit eines kurzen, aber physisch ungemein anspruchsvollen Kletterproblems zu finden sein kann. Für den traditionellen Bergsportler uninteressante Wände und unscheinbare Gesteinsbrocken mutieren für den Boulderer zum Maß der Selbsterprobung.

Auch spannend: Schulterschmerzen nach dem Klettern und Bouldern. Was tun?

Bouldern, Klettern und Turnen: natürliche Verwandtschaft

John Gills sportliche Herkunft vom Turnen ließ ihn einen anderen Blick auf diese Art Klettern bekommen. Er entdeckte die Verwandtschaft der Kletterwand mit einem kraftintensiven Turngerät wie den Ringen und sah die Kletterei als eine mit dem Turnen durchaus vergleichbare Kürübung an.

Gills berühmte Kraftleistungen, es kursieren seit Jahren einige Fotos von ihm im Internet, die ihn bei einarmigen Hangwaagen und ebenfalls einarmigen Klimmzügen (an einem Finger plus Zusatzgewicht!) zeigen, verdankte er nach eigener Aussage teilweise dem Ringeturnen. (Klettern: Supereffizienter Ganzkörpersport)

Warum heißt Bouldern Bouldern?

Der Begriff „Bouldern“ leitet sich vom englischen Wort für Felsbrocken, dem „boulder“ ab. Man bouldert also ungesichert und in Absprunghöhe auf einen Feldblock.

Boulderlastige Kletterrouten

Auch für mich erwies sich das Bouldern bereits in den ersten Klettermonaten als die effektivste Methode zur Maximalkraftsteigerung. Wichtig: Kletterpartner, ob in der Kletterhalle oder wie hier am Fels, sorgen für Sicherheit, „mentalen Rückenwind“ und ... mehr Spaß!

Blicken wir einmal auf Wolfgang Güllich, eine der deutschen Sportkletter-Ikonen, und seine Bewältigung der Action Directe, damals als erster Mensch im XI-UIAA-Schwierigkeitsgrad, ins Jahr 1991 zurück.

Die Beschreibung seiner „Heldentat“ im renommierten Kletter-Magazin rotpunkt Nr. 2/1992 liest sich wie ein Kurz-Krimi, zwar nur 70 Sekunden lang, aber trotzdem Suspense pur: Eine 12-Meter-Route mit 12 Zügen (ein sog. „Zug“ definiert eine vollständige Kletterbewegung, also die Bewegung von einem Griff zum nächsten), davon ein einziger mit zwei, der Rest mit nur einem Finger an leistenartigen, abfallenden Einfingerkuppenlöchern, keine erleichternde Klemmwirkung möglich.

„Action Directe ist eine einzige Schlüsselstelle“, so Güllich. Zugleich könnte man genau das als Essenz des Boulderns bezeichnen: leichte Züge gibt’s nicht und kaum Stellen zum Ausruhen.

Diese Wahnsinnsleistung, bei der es jedem Szene-Kenner nach wie vor wohlig-elektrisierende Wonneschauer über den Rücken jagt, inspiriert auch heute noch die meisten ambitionierten Sportkletterer.

Trotzdem – um Missverständnisse zu vermeiden – auch beim Bouldern geht es zuvorderst um möglichst effizientes, das heißt kraftsparendes, Klettern.

Trainingstipps fürs Boulder-Einsteiger

Auch beim Bouldern gilt, erst so viele Bewegungs-Erfahrungen wie möglich „am Gerät“ zu sammeln, ähnlich wie der Fußball-Anfänger so viel wie möglich am und mit dem Ball üben sollte. Separates (Kraft-)Training folgt erst ab der mittleren Leistungsstufe. Mehr dazu folgt in einem weiteren meiner Artikel hier bei trainingsworld in der Kategorie Klettern.

Bouldern mit Freunden und Gleichgesinnten

Beim Bouldern sollten sich zwei oder mehrere Kletterkameraden zusammenfinden, die einander helfen und sichern bzw. „spotten“, mentalen Rückenwind liefern und motivieren, Probleme bewältigen helfen, und durch abwechselndes Klettern für einen natürlichen Belastungs-Pause-Rhythmus sorgen. Ein heißer Tipp zum raschen Erreichen des nächsten Levels: Möglichst viele unterschiedliche Boulder (ideal: zwischen acht und 12 Zügen) gemeinsam kreieren. In der Halle bedeutet dies auch: selber die Griffe und Routen schrauben und möglichst viele „Tops“ schaffen.

Ich rate zu maximal vier Versuchen pro Boulder. Die Belastungsdauer liegt also zwischen 15 Sekunden und ca. einer Minute. Die Pause zwischen den Versuchen beträgt ca. 3-4 Minuten – zwischen den Bouldern können auch längere „Breaks“ eingebaut werden, bis zu 20 min.

Wichtig: Niemals völlig „ausbrennen“, also noch Kraft im Tank lassen! Ich ziehe die unterste Grenze, speziell bei Einsteigern, bei ca. 80 Prozent der „Ausgangskraft“, bei weniger wird es Zeit für diesen Tag ans Ausklettern bzw. Cooldown zu denken. Dies ist insbesondere auch aus Verletzungsprophylaktischen Gründen sinnvoll.

Fazit: Qualität geht definitiv vor Quantität, individuelles Körpergefühl vor festen Vorgaben.

Wo kann ich das Bouldern lernen?

Bouldern lernst du am Besten in einer Kletter- oder Boulderhalle deiner Wahl. Schau einfach ins Internet. Jede Boulderhalle hat inzwischen eine eigene Homepage. Die großen Kletterhallen bieten meistens auch einen Boulderbereich mit an.

Risiken und Gefahren beim Bouldern

Das Bouldern in Boulder- und Kletterhallen findet immer über gepolsterten Weichbodenmatten statt. Somit besteht keine Gefahr für ensthaftere Verletzungen. Trotz allem besteht immer das Risiko leichter bis mittelschwerer Verletzungen an Muskeln, Sehnen, Bändern und Knochen.

Typische Verletzungen beim Bouldern

  • Schultergelenksverletzungen wie das Impingementsyndrom der Schulter
  • Verletzungen in den Fingergelenken
  • Verletzungen im Knöchelbereich durch unsaubere bzw. unkontrollierte Landung aufgrund rutschiger Griffe

Deshalb gilt: Immer ausreichend Aufwärmen und konzentriert Abspringen, soweit möglich. Verletzungen unbedingt ausheilen lassen, und permanente Belastungen vermeiden. Langsam steigern!

Worin unterscheidet sich Bouldern vom Klettern?

„Toppen wir ein Maximalkraftprojekt nicht beim dritten oder vierten Mal, wechseln wir zur nächsten Herausforderung. Unsere gemeinsame Bouldervielfalt in unserem Trainingsraum ist groß und wird so quasi nur um eine wertvolle Herausforderung für künftige Workouts ergänzt. Denn die ungelösten Probleme werden dann ein andermal wieder versucht.“ (François und Arnaud Petit, mehrfache Weltcupsieger und Europameister im Sportklettern)

Und zum so wichtigen, spielerischen Element beim Bouldern meinten auch diese französischen Top-Experten:

„Was Kraft und Ausdauer angeht, nehmen wir die Trainingslehre recht ernst. Beim Bouldern etwas weniger. Da macht jeder das, was ihm gerade einfällt: Weite Sprünge, Abklettern, einbeinige Züge… mehr ein Spiel als verbissenes Training.“

Bouldern ist bereits seit über einem Jahrzehnt eine der drei Weltcupdisziplinen und somit längst eine anerkannte und eigenständige Wettkampfsportart im Sportklettergeschehen.

Essenziell ist es, sich selbst zu beobachten und kennenzulernen: Wo liegen Stärken und Schwächen? Auch erfahrene Kletterpartner, Kletterlehrer oder Trainer können hier, unabhängig vom Könnerlevel, Gold wert sein: Nur ein Außenstehender sieht oft den „blinden Fleck“ des eigenen Könnens.

Ein solcher Coach kann Sie somit gezielt in ein Training einweisen, um diesen Fleck rasch auszumerzen. Den Fleck zu kennen bestimmt auch in hohem Maße das später sehr wohl erforderliche Zusatz- und Ausgleichstraining in Halle und Studio. Mehr hierzu lesen Sie in einem meiner nächsten Artikel.

Somit wünsche ich Ihnen erneut viele Bouldertops und vor allem … Fun, Fun und noch mehr … FUN!

Autor: Jürgen Reis (mit Nikolai Janatsch)

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Über den Autor

Reis Mit Nikolai Janatsch Jürgen

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