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Spermidin: Anti-Aging-Wunder oder leeres Versprechen?

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Spermidin-Präparate erfahren momentan einen Hype. Sie sollen den Alterungsprozess aufhalten, Krankheiten heilen und überschüssige Kilos purzeln lassen. Dr. Moritz Tellmann nimmt das Trendpräparat genauer unter die Lupe.

Was bewirkt Spermidin?

Spermidin, auch als Monoaminopropylputrescin bezeichnet, ist ein biogenes Polyamin. Es entsteht als Zwischenprodukt bei der Bildung von Spermin aus Putrescin und decarboxyliertem S-Adenosylmethionin. Spermidin wurde bereits 1870 – wie der Name schon verrät – im Ejakulat entdeckt. Obwohl dieser körpereigene Stoff auch vielen Experten aus dem medizinischen Bereich noch nicht bekannt ist, hat er in den letzten Jahren verstärkt das Interesse der Forschung auf sich gezogen. Auch die Supplement-Industrie hat Spermidin wegen seiner angeblich zahlreichen positiven Effekte entdeckt und eine Vielzahl von spermidinhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln auf den Markt gebracht.

Spermidin hat im menschlichen (und in fast allen tierischen) Lebewesen viele Wirkungen, wie z. B. antioxidative Eigenschaften, Erbgut (DNA, RNA)-Stabilisation und Stärkung der Zellstrukturstabilität. Ebenso scheint es die Transkription von Genen zu Proteinen (Proteinbiosynthese) und die Modulierung des mTOR-Signalwegs, der maßgeblich an Prozessen wie Zellwachstum und Proliferation beteiligt ist, zu beeinflussen. Eine der spannendsten Wirkungen ist sicherlich die Fähigkeit, die sogenannte Autophagie auslösen zu können.

Das bedeutet, dass vor allem intrazelluläre Reinigungs- und Abbauprozesse („Auffressen von geschädigten Zellbestandteilen und Organellen“) angestoßen werden. Damit ist ein möglicher Effekt auf vor allem degenerative Krankheitsprozesse naheliegend, bei denen oft Zellen aufgrund einer irreversiblen Schädigung – durch welchen Einfluss auch immer – degenerieren und untergehen. Speziell bei neurodegenerativen Erkrankungen wie einigen Demenzformen wie Morbus Alzheimer oder auch Motoneuronerkrankungen (ALS) oder Morbus Parkinson könnte dies einen Vorteil bringen.

Fasten ohne Verzicht?

Gerne fällt auch das Synonym „caloric restriction mimetic“, was so viel bedeutet wie „eine Kalorienrestriktion nachahmend“. Tatsächlich werden auch bei Fastenepisoden autophage Prozesse angestoßen, weshalb damit zumindest teilweise die Einflüsse einer Kalorien- und Nahrungskarenz auf das möglicherweise höhere Lebensalter (zumindest im Tiermodell) erklärbar werden. Es ist außerdem davon auszugehen, dass ein zusätzliches Intervallfasten die Wirkungen des Spermidins verstärken kann. Kinische Studien konnten für eine gezielte Supplementation eine moderate Steigerung der Gedächtnisleistung zeigen – zumindest bei einer älteren Patientenklientel. Zusätzlich konnte gezeigt werden, dass eine niedrigere Spermidin-Aufnahme aus Lebensmitteln möglicherweise mit einem verfrühten Tod (im Mittel 5 Jahre) assoziiert sein kann.

Anti-Aging Effekte

Einige Untersuchungen zeigten im Tiermodell an Fadenwürmern und Mäusen, dass eine exogene, zusätzliche Zufuhr die Telomerlänge positiv beeinflusste, sodass es zu einer Verlängerung der Zelllebenszeit kam. Ebenso wurde durch eine Zufuhr von Spermidin der altersbedingte Haarausfall gebremst und die Organfunktionen von Leber und Nieren blieben erhalten wie bei jungen Tieren. Somit ist Spermidin eine Substanz, die durchaus von Interesse sein könnte, wenn es um das Thema „molekularer Jungbrunnen” geht. Bisher gibt es aber keine Studien am Menschen dazu, sodass sich konkrete Anti-Aging-Empfehlungen nicht ableiten lassen.

Wie sollte man Spermidin einnehmen?

Zur Bioverfügbarkeit von exogen zugeführtem Spermidin finden sich sehr unterschiedliche Angaben in der Literatur. Dabei gibt es von 100-prozentiger Resorption bis hin zur überwiegenden Spaltung von biogenen Aminen im Verdauungstrakt mit fehlender Verfügbarkeit viele unterschiedliche Angaben. Auch scheint das Mikrobiom einen Einfluss auf die Bioverfügbarkeit von Spermidin zu haben. Auch muss diskutiert werden, ob Spermidin zwar resorbiert wird, dann aber bereits vor Erreichen der Zellen, also ihrem Wirkort von Interesse, abgebaut und gespalten wird, sodass es seine Wirkung gar nicht erst entfalten kann.

Eine Supplementation über sehr spermidinhaltige Lebensmittel kann grundsätzlich empfohlen werden. Denn es sind per se Lebensmittel, die Teil einer ausgewogenen Ernährung sein können. Insbesondere Weizenkeime eignen sich sehr gut als natürliches Supplement. Spermidinhaltige Arzneimittel gibt es bisher nicht, da es keine klinischen Studien mit Evidenzlast dazu gibt. Grundsätzlich kann eine Einnahme von 1,2–6 mg als Supplement probiert werden und scheint gesundheitlich zumindest zum aktuellen Zeitpunkt unbedenklich zu sein. Für Schwangere und Stillende sollte die Einnahme kritisch hinterfragt werden.

Hilft Spermidin gegen Corona?

Brandaktuell ist sicherlich eine Veröffentlichung von der Charité rund um das Team von Prof. Christian Drosten, in der eine durch das SARS-Cov-2- Virus induzierte Autophagie abgeschwächt war, je niedriger die Spermidin-Spiegel waren (auch als Ursache des erniedrigten Spermidin-Spiegels). Eine Gabe/Supplementation von Spermidin konnte die intrazelluläre Viruslast deutlich reduzieren.

Fazit

Aktuell sind trotz einiger spannender Erkenntnisse noch keine Medikamente oder Pharmaka auf der Basis von Spermidin zugelassen. Die Evidenzlast ist einfach noch zu gering und ein endgültiger Beweis für eine medizinische Wirksamkeit bisher nicht erbracht. Als Fazit bleibt klar zu sagen: Spermidin als Bestandteil gesunder Lebensmittel scheint die deutlich sinnvollere Zufuhrvariante zu sein. Denn hier sind Nebenwirkungen nahezu ausgeschlossen und keine Begleitstoffe notwendig. Mit einer spermidinhaltigen Ernährung, die durchaus der modernen mediterranen Ernährung entsprechen kann, tut man sich sicherlich auf mehreren Ebenen etwas Gutes. 1–2 Esslöffel Weizenkeime als tägliche Nahrungsergänzung sind auch aus Sicht der weiteren Nährstoffdichte absolut zu empfehlen.

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Autor: Dr. med. Moritz Tellmann

Das chronische Erschöpfungssyndrom erklärt von Dr. med. Moritz TellmannDer Autor ist Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Zusatzbezeichnung Gesundheitsförderung und Prävention, i. W. Manuelle Medizin/Chirotherapie, ästhetische Medizin. Außerdem ist er Personal Trainer und Dozent an der IST-Hochschule.

www.diemuskelbox.de

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Über den Autor

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