Sportcoaching

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Das Sportcoaching basierte zu lange auf dem Vorherrschen eines reduktionistischen Herangehens – nämlich darauf zu bestehen, dass alles hinunter bis in die grundlegenden Komponenten analysiert werden muss. Autoritätsgrenzen zwischen wissenden Trainern und denen, von denen man annahm, dass sie kein Wissen hatten, dominierten.

 Diese Herangehensweise geht Hand in Hand mit der Verleugnung des Angeborenen, des Instinktiven und Intuitiven, und es hat die Weiterentwicklung des Sportcoachings in Europa und anderswo 25 Jahre lang gebremst.

Dies ist ein großer Anspruch und eine starke Anklage gegen das Sport-Establishment, aber ich werde in diesem Artikel meine Beschuldigung ausführlich erläutern und Sie zu dem Prozess einladen, lange gehaltene Glaubenssätze in Frage zu stellen, selbstständig zu denken, Ihre Gefühle einzubeziehen und Ihre eigene Entscheidung zu treffen. Wenn Sie das tun, werden Sie die wahren Elemente guten Coachings in die Praxis umsetzen können, von denen ich behaupte, dass sie so unterbewertet und zu wenig eingesetzt werden.

Die Glaubenssätze und Annahmen, mit denen Trainer aufwachsen, sind die gleichen, die Lernen, Leistung und Vergnügen untergraben. Sie können mit den folgenden Behauptungen illustriert werden:

  • Man kann eine neue Fähigkeit nicht lernen, ohne dass man sie von einem Experten erklärt und/oder gezeigt bekommt.
  • Wenn Sie versuchen, etwas ohne Expertenhilfe zu lernen, werden Sie schlechte Gewohnheiten entwickeln.
  • Irrtümer und schlechte Angewohnheiten können nur von einem Experten erkannt und korrigiert werden.
  • Es gibt für die meisten Aktivitäten eine richtige Technik, eine, die gelehrt werden muss.
  • Intellektuelles Verständnis ist eine Voraussetzung, um gute Technik zu lernen.
  • Trainer müssen Experten in dem speziellen Sport oder der Aktivität sein, die sie trainieren.

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass diese Sätze in einer Debatte als absolut behauptet werden, aber in dieser absoluten Form untermauern sie die Position, die die große Mehrheit der Trainer einnimmt, bewusst oder unbewusst. Durch meine Emotionen bin ich in Versuchung hinauszuschreien, dass sie alle falsch sind – aber wenn ich das täte, würde ich einfach auch in die Autoritätsfalle tappen, die ich infrage stelle, also werde ich es anders ausdrücken. Meiner Meinung nach beschränkt das Festhalten an solchen Glaubenssätzen ernsthaft unsere Fähigkeit, effektive Trainer zu sein. Es folgt daher, dass die meisten Trainer – und darunter sind viele, die für ihre Erfahrungen und Erfolge renommiert sind – nicht annähernd so effektiv sind, wie sie sein könnten. Auch sind sie nicht so effektiv, wie sie glauben, denn sie haben als Vergleich nur die Ergebnisse anderer Trainer, die nach ähnlichen Richtlinien praktizieren. Alternative Herangehensweisen sind nicht auf ihrem Monitor.

Trainerausbildungsprogramme müssen radikal überprüft werden

Ich glaube, die grundlegende psycho-physikalische Basis des Coachings, wie es im Sport praktiziert wird, ist fehlerhaft und muss infrage gestellt werden. Ich zweifle nicht daran, dass die meisten Trainer mit dem bestehenden Training das Allerbeste tun, was sie können. Es sind die Dachverbände der individuellen Sportarten und ihre Trainerausbildungsprogramme, die radikal überprüft werden müssen. Die Rolle und der Einfluss der nationalen Trainerverbände beispielsweise war enttäuschend, weil sie nicht das große Ganze verstanden haben. Der Wandel wird schwieriger gemacht, weil Akademiker, Analysten und Reduktionisten immer noch unsere verbreitete Ausbildungskultur dominieren. Sie werden Interventionen nur innerhalb der Grenzen ihres eigenen, veralteten Modells bewerten.

Wenn ein Bild mehr sagt als 1000 Worte, könnte man auch sagen, dass eine Erfahrung mehr sagt als 2000! Aber lassen Sie uns mit dem Bild beginnen. Ich liefere 2- bis 5-tägige Programme für Manager über das Thema „Coaching für Leistung im Geschäft“. Ich argumentiere theoretisch für das, was ich das „neue Coaching“ nenne, aber an einem bestimmten Punkt zeige ich ein 7-minütiges Video (spontan und ohne Drehbuch geschrieben) von zwei Anfängern, die zum 1. Mal versuchen, einen Golfball zu schlagen. Einer wird konventionell mit technischen Anweisungen unterrichtet, und ich trainiere den anderen, ohne ihm irgendwelche Instruktionen zu geben oder auch nur zu sagen, wie er den Schläger halten soll!

 

Sokrates: Möglicherweise der erste „neue Trainer“ der Welt

Ein Vergleich der 2 Prozesse und ihrer Ergebnisse macht immer großen Eindruck auf die Kursteilnehmer. Sie machen sich ausnahmslos lustig über die Anstrengungen des konventionellen Lehrers, aber oft fügt jemand hinzu: „Ich hatte eine solche Lehrstunde. Ich habe es gehasst und habe Golf an meinem allerersten Tag aufgegeben.“ Überflüssig zu sagen, dass der Anfänger, mit dem ich das „neue Coaching“ einsetzte, erfreut und erstaunt war über die Ergebnisse seines Selbstlernprozesses. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte!

Wenn das Wetter, die Zeit und die Räumlichkeiten es zulassen, nehme ich dann die Gruppe mit nach draußen und teile sie in Paare auf, bei denen ein unerfahrener „neuer Trainer“ einen Spieleranfänger einweist. Der Fortschritt ist immer wieder erstaunlich, aber wichtiger ist: Das zerschmettert die konventionellen Annahmen und Glaubenssätze, die ich vorher aufgelistet habe. Der immer noch unerfahrene Trainer, der nichts über Golf weiß, ist begeistert von den Fähigkeiten, die der Spieler entdeckt hat und von der Schlussfolgerung, dass es vollkommen möglich ist, jemanden in einer Fähigkeit zu trainieren, die er selbst nicht besitzt. Für den Spieler ist es begeisternd zu entdecken, dass er eine neue Fähigkeit lernen kann, ohne von einem Experten abhängig zu sein. Eine solche Erfahrung sagt mehr als 2000 Worte.

Wenn dieses „neue Coaching“ wirklich neu wäre, hätte man erwartet, dass die Sporterzieher darauf versessen wären, es zu übernehmen, obwohl das Sport-Establishment dafür bekannt ist, keine Abenteurer einzugehen und gegen frische Ideen Widerstand zu leisten. Aber in der Tat ist das „neue Coaching“ nicht wirklich neu. Sokrates, der 399 v. Chr. starb, war wahrscheinlich der erste „neue Trainer“. In neuerer Zeit, etwa vor 30 Jahren, ließ der kalifornische Tennistrainer Tim Gallwey den alten Philosophen wieder auferstehen, um beim Tennis zu helfen. Tim Gallwey schrieb ein Buch mit dem Titel Das innere Spiel des Tennis, das ein Bestseller nicht nur unter Freizeitspielern, sondern auch bei Leuten aus anderen Sportarten wurde. Viele Trainer waren jedoch skeptischer, vielleicht weil die Botschaft des Buchs ihren Lebensunterhalt zu bedrohen schien. Im Folgenden umschreibe ich Gallwey, um die Prinzipien des Inneren Spiels zusammenzufassen.

Sie beginnen, das Innere Spiel zu spielen, wenn Sie erkennen: Der Gegner in Ihrem eigenen Kopf ist einschüchternder als derjenige auf der anderen Seite des Netzes. Das äußere Spiel wird mit einem Schläger und einem Ball gegen einen anderen Spieler gespielt; das Innere Spiel wird gegen Angst, Selbstkritik, Anspannung, Frust, einem Mangel an Selbstvertrauen, Furcht und Ärger gespielt. Ihr Potenzial ist Ihre Leistung minus Ihre inneren Hindernisse. Der Prozess des Inneren Spiels zielt darauf ab, diese inneren Hindernisse gegen Leistung, Lernen und Vergnügen zu beseitigen und dadurch Ihr Potenzial freizusetzen.

Allen Sportlern sind solche inneren Hindernisse vertraut, und sie sind scharf darauf, sie zu überwinden, aber weit weniger von ihnen teilen die Zuversicht Gallweys, dass beim Schwinden dieser Hindernisse ein natürlicher, technisch kompetenter Spieler irgendwie hochkommt, und zwar ohne das Zutun von Experten. Wie geschieht das? Die besten Darstellungen dieses Prozesses kommen meiner Erfahrung nach aus dem Skifahren, weil Skifahrer aller Klassen mit Ängsten behaftet sind. Es gibt die Angst zu fallen, sich zu verletzen, blöd auszusehen, die Kontrolle zu verlieren, sogar die Angst, zurückgelassen zu werden oder verloren zu gehen. Diese Ängste erzeugen riesige Mengen an Muskelspannung und eine unangemessen defensive Körperhaltungen. Entfernen Sie die Angst und die Haltung wird natürlich – anders gesagt, sie korrigiert sich selbst.

 

Wie innere Hindernisse die Leistung beeinträchtigen

Vertrauen veranlasst uns, eine vorwärts geneigte Haltung einzunehmen, was für das Skifahren sehr wichtig ist. Dagegen bringt uns die Angst dazu, uns zurückzulehnen, wodurch die Ski beschleunigen und instabil werden, was wiederum die Angst verstärkt und so weiter, was zum unvermeidlichen Abschluss führt. Das ist ein ziemlich einfaches Beispiel dafür, wie innere Hindernisse die Leistung beeinträchtigen. Lassen Sie uns jetzt eine komplexere Darstellung betrachten. Wenn man auf Skiern eine Piste überquert, ist die richtige Technik, damit die Skikante nicht den Griff verliert, die Schultern nach außen und das Gesicht zum Tal hinunter zu drehen. Zuerst scheint dies eine unnatürliche Haltung zu sein. Skianfänger finden das abschreckend und wollen sich nach innen drehen, um zur Sicherheit näher am Berg zu bleiben, wodurch sie die Kontrolle über die Skier verlieren. Ist das eine technische Frage oder ein inneres Hindernis?

Wenn wir Skifahrern helfen, ihre Angst zu beseitigen, nehmen sie ganz automatisch die Haltung an, die ihnen den besten Griff gibt – das ist etwas, was sie aus der Resonanz der Skier erkennen. Dieses Feedback oder die „sensorische Wahrnehmung“ ist unerreichbar, wenn jemand von Angst überwältigt wird. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn man jemanden fragt, was er oder sie am Rand des Skis fühlt – dem Kontaktpunkt mit dem Schnee – zwingt ihn das, seine Aufmerksamkeit darauf zu konzentrieren, um die Antwort zu finden. Das wiederum lässt keinen Raum für andere Gedanken und Emotionen, wie Angst und die Anspannung, die sie begleitet. Unkritische, fokussierte Aufmerksamkeit auf das Erfahren (Wahrnehmen) löst dadurch innere Störungen. Die erhöhte Quantität und Qualität des Feedbacks und das Fehlen von Angst liefern die technisch korrekte Haltung für diese Person.

Es gibt nicht nur eine korrekte Haltung für jeden, denn wir unterscheiden uns alle in Größe, Gewichtsverteilung, Kraft und Elastizität. Es gibt für jeden von uns einen optimalen persönlichen Stil, den wir nur durch unsere Selbstwahrnehmung finden. Jeder Beobachter, auch wenn er Experte ist, sieht nur die Oberfläche, das Symptom, und kann nur allgemeine Ratschläge geben. Das Problem ist jedoch, dass ein Lernender oft eine allgemeine Aussage als spezifisch interpretiert und danach strebt, den Rat streng zu befolgen. Dabei überreizt man seine Eigenwahrnehmung, was zu einem kontraproduktiven Anstieg der Anspannung führt.

Lassen Sie uns noch ein weiteres Beispiel aus dem Skifahren betrachten. Die Beine eines Skifahrers sind seine Federung, und elastische Knie mit genügend freier Beweglichkeit nach oben oder unten wären ratsam. Die häufigste technische Anweisung, die Skilehrer geben, ist „beug die Knie“, worauf die Skifahrer dazu neigen, eine feste gebeugte Haltung einzunehmen, was zu steifer Federung und schlechtem Griff des Skis führt. Die Anweisung war technisch korrekt, aber es war kontraproduktiv, sie zu geben. Dieses Paradox wird oft von konventionellen Trainern nicht erkannt, die ihre Kommandos sogar noch eifriger wiederholen. Der effektivste Weg, um den gewünschten sanften Federungseffekt zu erzielen, ist, spezielle Coachingfragen zu stellen, die die Wahrnehmung fördern, wie: Wie sehr beugen sich deine Knie; wann beugen sie sich in einer Kurve am meisten; was passiert, wenn sie am meisten gebeugt sind etc.

Ich werde oft gefragt, wie lange dieses Lernen dauert, wenn die Technik nicht erklärt wird. Durch Wahrnehmung und Entdecken besser zu lernen oder mehr zu leisten, unterscheidet sich stark davon, wenn einem jemand sagt, was zu tun ist. Was man Ihnen sagt, geht in Ihren Geist ein, aber es ist der Körper, nicht der Geist, der Tennis spielt oder Ski fährt. Wahrnehmung führt zu Körper-Lernen, und wie wir alle vom Fahrradfahren wissen, vergisst der Körper viel weniger leicht als der Geist. Taktiken sind weitgehend intellektuell, aber die Technik ist körperlich.

 

Baut Ihr Coaching inneres Selbstvertrauen auf?

Es gibt eine Vielzahl weiterer wichtiger Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten Coaching, aber ich werde mich auf einen beschränken, der meiner Meinung nach der wichtigste von allen ist. Wenn wir durch Entdecken lernen, fühlen wir uns völlig verantwortlich für unser eigenes Lernen. Wir fühlen, dass wir es selbst gemacht haben, und das baut unseren Glauben und das Vertrauen in uns selbst auf. Wenn ich einem Sportler irgendeiner Sportart ein Geschenk geben könnte, das, als Erfolgsmotor, ein größerer Antrieb ist als technische Fähigkeiten und physische Fitness zusammengenommen, dann wäre es genau dieses durch Entdecken lernen.

Wie gut dient also das konventionelle Anweisungscoaching als Methode, um den Glauben an sich selbst aufzubauen? Nicht gut! Und wenn Sie dazu die Frustration hinzufügen, die von manchen Trainern ausgeht und die Kritikwut, die sie an ihren Schülern, besonders an Kindern, auslassen, haben wir eine ausgezeichnete Formel, um den Glauben an sich selbst zu reduzieren. Natürlich bewegen sich viele Trainer von den alten Methoden weg, aber das geschieht auf ihre eigene Initiative, und nicht weil Trainerschulungen den Wechsel anführen würden. In manchen Kreisen werden sie immer noch als Außenseiter betrachtet. Der Wechsel ist im Kommen und wird kommen, aber es wird zu wenig und zu spät sein.

Vor etwa 25 Jahren ging ich mit Tim Gallwey zu einem Treffen mit einer führenden Persönlichkeit im britischen Tennis, und man zeigte uns schnell die Tür. Vor 25 Jahren hielten wir Kurse über „inneres Skilaufen“ in Zermatt, bis uns traditionelle Skilehrer aus der Stadt trieben, die unsere Methoden als grotesk betrachteten.

Vor 2 Jahren bat mich die British Tennis Coaches Association, Schulungen zu Innerem Tennis für Trainer einzurichten. Ebenfalls vor 2 Jahren startete eine Skischule für „neues Coaching“ in Zermatt, und die alte Skischule kämpft jetzt ums Überleben, weil die Kunden sie verlassen und zu etwas Besserem gehen. 23 Jahre sind eine lange Zeit, aber vieles im Sport-Coaching schläft immer noch.

 

Wahrnehmung ist das Schlüsselprinzip im „neuen Coaching“

Während ich kämpfen musste, um in das Establishment beim Tennis und Skifahren vorzudringen, fand ich glücklicherweise eine offene Tür auf einem unerwarteten Gebiet: Dem Geschäft. Coaching war kein Begriff, der vorher im Geschäft benutzt worden war, also hatte er nicht das schwere Gepäck alter Glaubenssätze und Annahmen angesammelt. In der Folge konnten wir vor etwa 20 Jahren „neues Coaching“ auf geschäftliche Leistungen und Lernprozesse bei Trainern, Managern und leitenden Angestellten anwenden. Ich schrieb ein Buch mit dem Titel Coaching for Performance, um die Coaching-Praxis im Geschäft zu definieren. Es wurde bald ein Bestseller, der in 12 Sprachen übersetzt wurde, und geht jetzt in die 3. Auflage, in der ich die Grenzen für Coaching neu abstecke. Es wird nett, wenn der Sport bis zu dieser Grenze aufholt!

Die Änderungen beim Coaching sollten mit der Entwicklung psychologischen Verständnisses Schritt halten, aber die Trainerausbildung reagiert nur sehr langsam. Das alte Coaching basierte auf lange bestehenden Verhaltens- und Erkenntnisprinzipien, die schon in den 60er Jahren als unvollständig entlarvt und durch humanistische Prinzipien weiterentwickelt wurden. Tim Gallwey wuchs in dieser Zeit auf, und das Innere Spiel zieht Parallelen zu humanistischen Prinzipien, zu denen Wahrnehmung der Schlüssel war. Aber Gallwey und andere schauten schon weiter zur nächsten Entwicklung der Psychologie, die in den Startlöchern stand; bekannt als „transpersonale Psychologie“: Sie umfasst Willen, Wahl und persönliche Verantwortung und sieht Menschen und ihre Entwicklung sogar noch ganzheitlicher. Dieser Begriff findet schnell seinen Weg in die Geschäftspraxis.

Meiner Meinung nach muss die psychologische Entwicklung die Coaching-Methodik anführen. Menschen aus jeder Sportart machen Lippenbekenntnisse zu dem Gedanken „es ist alles im Geist“, aber für manche Coaches bleibt technisches Wissen das Ein und Alles.

John Whitmore

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