Leistungssteigerung mit psychologischen Techniken

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Wenn es um Sportpsychologie geht, wird oft angenommen, Sportler hätten entweder das, worauf es ankommt – oder es mangele ihnen unabänderlich an mentalen Fähigkeiten.

Ich habe während der Ausübung meines Berufs eine beträchtliche Zeit damit verbracht, sowohl Trainer als auch Athleten davon zu überzeugen, dass mentale Fähigkeiten ebenso erlernbar sind wie körperliche – durch systematisches Training.
Überlegen Sie einmal, wie oft Sie schon von Sportlern gehört haben, die ihren Erfolg oder ihr Versagen der Zuversicht, Motivation oder Konzentration zuschreiben. Dann überlegen Sie, wie viel Zeit Sportler, die ihr Versagen mentalen Faktoren zuschreiben, mit mentalem Training verbringen und versuchen, Bereiche festzulegen, die verbessert werden könnten. Ich kann Ihnen versichern, dass kaum ein Zusammenhang besteht zwischen dem Erkennen des Problems und der Anwendung einer angemessenen Lösung.
Menschen, die mit psychologischem Training nicht vertraut sind, realisieren oft nicht die Vielfalt an Möglichkeiten, die ihnen zur Verbesserung ihrer Leistung zur Verfügung stehen. Zudem sind die psychischen Techniken, die zur Leistungssteigerung führen können, oft einfach zu erlernen und leicht in das reguläre Training mit einzubeziehen. Das wahre Können eines Psychologen oder Trainers liegt darin, die Bedürfnisse jedes Athleten mit der angemessenen Technik zu verbinden.

Wenn ein 5.000-Meter-Läufer gegen Ende des Rennens an Geschwindigkeit verliert, würde ein guter Trainer dies erkennen und ein Trainingsprogramm entwerfen, das dieses spezielle Problem angeht. Die Lösung bestünde nicht darin, einfach mehr Runden pro Trainingseinheit zu laufen. Sie wäre in Übungen, die auf die Geschwindigkeit abzielen, zu finden. Auch bei psychischen Faktoren, die Aufmerksamkeit erfordern, muss das Eingreifen auf die spezifischen Bedürfnisse maßgeschneidert sein.

Stärken und Schwächen besser bewerten

Während Geschwindigkeit – oder ein Mangel an solcher – sofort ins Auge fällt, bleiben psychische Faktoren oft verborgen. Ein Schlüsselproblem für Trainer, die solche Probleme anzusprechen versuchen, ist es, das Problem zu finden, ohne zu wissen, was im Kopf ihrer Athleten vor sich geht. Eine direkte Frage liefert nicht immer nützliche Resultate, da Sportler zumindest anfangs unwillig darauf reagieren können, solche Dinge zu besprechen.
Ein bei Sportpsychologen und Trainern immer beliebter werdender Ansatz ist das Erstellen von Leistungsprofilen. Dieser Ansatz besitzt große Vorteile und ist nützlich, um technische Fähigkeiten wie auch psychologische Faktoren zu beurteilen. Das Bewerten von Schwächen und Stärken ist ein wertvoller Prozess, der bei der Planung von Trainingsprogrammen und der Identifikation von Langzeitzielen als Fokus zur Selbstverbesserung helfen kann.
Lange Zeit ähnelte die typische psychologische Bewertung einer medizinischen Untersuchung. Der Psychologe gab seine Beurteilung ab und entschied über Techniken für eine Änderung, während der Sportler eine eher passive Rolle spielte. Butler und Hardy(1) identifizierten jedoch eine dem Prozess innewohnende Schwäche. Studien hatten gezeigt, dass die immanente Motivation der Sportler bei der Anwendung äußerer Kontrolle geschwächt werden konnte.(2) In einfachen Worten ausgedrückt: Damit Athleten motiviert am Training ihrer psychischen Fähigkeiten festhalten, müssen sie mehr in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.
Durch das Erstellen eines Leistungsprofils bleibt der Sportler selbstbestimmt. Seine Perspektive steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, nicht am Rande. Butler empfiehlt diese Technik nicht nur, er hält auch einen Mechanismus bereit, mit dessen Hilfe Sportler Aspekte ihrer Leistung erforschen können, die sie vielleicht für selbstverständlich gehalten haben. Trainer und Psychologen können tiefere Einsichten in die kognitiven Prozesse ihrer Athleten erlangen.(3)

Welchen Zweck erfüllt das Leistungsprofil?

Die Beweise der Forschung zu Leistungsprofilen unterstützen diese These. Graham Jones von der Loughborough Universität berichtete beispielsweise von der erfolgreichen Anwendung der Technik bei einer Tennisspielerin auf Eliteniveau.(4) Diese Sportlerin litt unter Stimmungsschwankungen, wenn sie unter Druck geriet. Das Profil identifizierte eine ihren besonderen Bedürfnissen angebrachte Intervention. Nach einem 6-monatigen kognitiven Verhaltenstraining zeigte sie bedeutende Verbesserungen im Umgang mit Leistungsdruck.
Jones zufolge hat eine Leistungsprofilerstellung 3 Hauptzwecke:

  • zu helfen, eine angebrachte Intervention zu finden;
  • die Leistungsmotivation des Sportlers und sein Festhalten am Programm zu maximieren;
  • jegliche Veränderungen in einem Zeitraum festzuhalten.
  • Über die letzten Jahre ist das Erstellen von Leistungsprofilen zu einem Routineaspekt der Verbesserungsprogrammegeworden, die von vielen Psychologen und Trainern verwendet werden. Für Trainer, die es bis jetzt noch nicht ausprobiert haben, bietet der nächste Abschnitt einige nützliche Hinweise, basierend auf der Arbeit von Butler und Hardy.

    Stufe 1: Die Einführung der Idee

    Dem Athleten muss bewusst gemacht werden, dass das Erstellen von Leistungsprofilen helfen kann, das Training in die Richtung spezifischer Bedürfnisse zu lenken. Dieser Prozess profitiert von einer Stimmung gegenseitigen Vertrauens. Es sollte klargestellt werden, dass jede Information über den Athleten streng vertraulich bleibt. Trainer sollten betonen, dass es keine richtigen oder falschen Antworten in diesem Prozess gibt, eine ehrliche Beurteilung jedoch ein produktiveres Ergebnis fördert. Sie müssen deutlich machen, dass der Prozess sich auf die momentanen Gefühle des Sportlers in Bezug auf seine Wettkampfvorbereitung konzentriert. Es kann helfen, dem Athleten andere in der Vergangenheit erstellte Profile zu zeigen.

    Stufe 2: Festlegung der psychischen Schlüsselfaktoren

    Der Athlet wird in dieser Stufe aktiv mit einbezogen, und die folgende Frage sollte direkt an ihn (oder an die Gruppe) gestellt werden: „Was sind deiner/eurer Meinung nach die fundamentalen Qualitäten oder Charakteristika eines Elitesportlers in deiner/eurer Sportart?“
    Die nächsten 5–10 Minuten sollten Sie damit verbringen, eine Liste der Qualitäten und Charakteristika aufzustellen, die der Athlet als wichtig empfindet. Sollte ein Athlet dies schwierig finden, können Sie ihn ermutigen. Jedoch sollte allein der Sportler entscheiden, welche Charakteristika oder Faktoren er wählt. In meiner Rolle als Sportpsychologe bringe ich Sportler dazu, eine Liste mit psychischen Schlüsselfaktoren zu erstellen. Der gleiche Prozess kann auch für technische Fertigkeiten oder körperliche Attribute wie Stärke, Geschwindigkeit, Beweglichkeit, Balance usw. verwendet werden. In einer typischen Sitzung kann ich den Athleten 15–20 Faktoren entlocken.

    Stufe 3: Beurteilung

    Auf einer Skala von 0 (total unbedeutend) bis 10 (extrem wichtig) bewertet der Athlet die empfundene Bedeutung (B) jedes Faktors für einen Leistungssportler in seiner betreffenden Sportart. Diese Bewertungen müssen sehr spezifisch sein, da unterschiedliche Sportarten unterschiedliche Anforderungen an den Sportler stellen.
    Als Nächstes verwendet der Athlet die gleiche Skala, um seine momentane Selbstwahrnehmung (subjektive Selbsteinschätzung oder sSE) in Bezug auf einen Idealzustand von 10 (ideale Selbsteinschätzung oder iSE) vorzunehmen. Dann kann eine einfache Rechnung ausgeführt werden, um die Bedeutung beider Faktoren – „Konstrukt“ und subjektive Selbsteinschätzung – in Bezug auf das Ideal festzustellen. Das Ergebnis ist der so genannte „Diskrepanzwert“. Eine höhere Diskrepanz deutet auf Gebiete hin, die durch Training oder andere Maßnahmen angesprochen werden müssen. Abbildung 1 stellt ein hypothetisches Beispiel dieser Berechnungen für das Profil eines Tennisspielers dar. Für diesen Sportler scheinen die wichtigsten Punkte eine erneute Fokussierung auf seine Fehler und auf seine Konzentration zu sein. Beide sollten per Interventionsstrategien wie Gedanken loslassen, Selbstgespräche oder eine schnell erlernte Routine angesprochen werden, abhängig von den genauen Umständen und den Vorlieben des jeweiligen Athleten.
    Ist das Profil einmal abgeschlossen, sollte das Ergebnis in einer sichtbaren und einfach dargestellten Form vorgelegt werden (siehe Abbildung 1 als Beispiel). Dies kann die Basis für einen Dialog zwischen Ihnen und Ihrem Athleten bilden. Der Sportler kann sich ermutigt fühlen, Ihnen weitere Informationen bezüglich der Schlüsselfaktoren zu geben und an diesen zu arbeiten, um seine Leistung zu verbessern.

    Das Leistungsprofil kann auch verwendet werden, um Fortschritte zu überwachen. Und wenn die Trainingsstrategien als passend und effektiv anerkannt werden, sollte der Diskrepanzwert im Laufe der Zeit sinken. Normalerweise empfehle ich Athleten, ihren Vorbereitungsstand wenigstens alle paar Monate neu zu beurteilen, da es motivationssteigernd wirkt, wenn deutliche Fortschritte zu sehen sind. Es kann aber auch die Notwendigkeit für weitere Änderungen des Trainings aufzeigen, wenn keine Fortschritte zu sehen sind. Denken Sie daran, dass eine Wiederbeurteilung sich immer auf dieselben Faktoren beziehen sollte, die mit dem einführenden Profilerstellungsprozess identifiziert wurden.

    Das oben angeführte Beispiel ist ein Weg, um mit einem Leistungsprofil zu arbeiten, es gibt jedoch Variationen, die Sie nutzen können, um zusätzliche Informationen zu erhalten. Beispielsweise kann der Trainer anhand der übereinstimmenden Faktoren des Profils seine eigene Beurteilung des Sportlers vornehmen. So kann er Bereiche, die gleich wahrgenommen werden, von denen, die abweichend empfunden werden, genau festlegen. Die meisten werden mir zustimmen, dass das Verhältnis von Trainer zu Athlet(en) sehr viel enger ist, wenn deren Vision, Ziele und Kurs übereinstimmen. Umgekehrt können Schwierigkeiten auftreten, wenn das Gegenteil der Fall ist.
    So könnte beispielsweise ein Boxtrainer eine hohe Priorität auf Schlagkraft setzen (Einschätzung auf der Skala: 10) und glauben, sein Boxer müsse sich hier mehr anstrengen, da er dessen Leistung hier nur mit 6 bewertet. Der Boxer andererseits könnte seine Schlagkraft als angemessen empfinden, da er diesen Faktor als weniger wichtig erachtet als die Schnelligkeit seines Schlags. Er könnte annehmen, das Arbeiten an seiner Kraft könne seiner Schnelligkeit schaden. Aus diesem Grund könnte er jeder Empfehlung bezüglich der Stärkung seiner Kraft ablehnend gegenüberstehen.
    Wenn man beide Parteien in den Profilerstellungsprozess involviert, werden Schwierigkeiten sichtbar. Erst dadurch können sie dann effektiv in einem Dialog behandelt werden. Butler und Hardy erklären, dass unter solchen Umständen der Trainer und der Sportler daran arbeiten können, Kraft durch technische Modifikationen zu entwickeln, um die Schlaggeschwindigkeit, die der Boxer höher einstuft, zu erhalten. So hilft das Profil, Konflikte zu vermeiden und das Training auf eine produktivere Weise in den Mittelpunkt zu stellen.
    Abbildung 2 unten zeigt die Selbstbeurteilung eines Tennisspielers und die Beurteilung seines Trainers bezüglich seiner Rückhand. Es wird deutlich, dass Trainer und Athlet eine generelle Übereinstimmung bezüglich der meisten relevanten Faktoren haben, nicht aber in Bezug auf das Rückhandspiel.
    Unter solchen Umständen kann eine Videoanalyse des Spielers hilfreich sein, um Unterschiede aufzudecken und eine Übereinstimmung für das weitere Vorgehen zu finden. Eine weitere nützliche Variante des Standardleistungsprofils: Der Sportler vergleicht seinen augenblicklichen Status in Bezug auf die vereinbarten Faktoren mit einem vorhergehenden Bestleistungsstandard statt mit dem Idealwert. Falls ein Sportler sich durch eine Verletzung zurückentwickelt, könnte dies ein realistischeres und motivierenderes Kurzzeitziel sein.

    Fazit

     

    Butler und Hardy zufolge können Leistungsprofile Trainern und Psychologen helfen, ihre Athleten besser zu verstehen, in dem sie:

  • wahrgenommene Stärken und Schwächen aufzeigen,
  • die Vorstellung der Schlüsseldeterminanten für Höchstleistung sowohl des Trainers als auch des Athleten deutlich machen sowie Unterschiede darstellen,
  • Bereiche öffnen, in denen der Sportler Veränderungen für unnötig hält (wie wir an der als niedrig empfundenen Bedeutung eines oder mehrerer Faktoren gesehen haben),
  • die Möglichkeit bieten, Fortschritte zu überwachen,
  • Diskrepanzen zwischen den Leistungsbeurteilungen des Sportlers und denen des Trainers hervorheben.
  • Zusammengefasst erscheint das Leistungsprofil ein besonders nützliches Werkzeug zu sein, um beim Entwerfen spezifischer mentaler, körperlicher oder technischer Trainingsprogramme zu helfen. Das Miteinbeziehen des Athleten in den Prozess ist ein wichtiger Bestandteil, der die Motivation steigern und das Festhalten an jeder angeratenen Interventionsstrategie verstärken kann. Es stärkt ebenso das Trainer-Athleten-Verhältnis, indem es die Kommunikation fördert und wahrgenommene Diskrepanzen anspricht. Darüber hinaus kann das Profil als Überwachungsmittel zur Beurteilung der Effektivität jeder Intervention verwendet werden. Und es kann Bereiche, in denen gute oder nur geringe Fortschritte gemacht werden, hervorheben.

    Lee Crust

    Quellenangaben
    1. The Sport Psychologist, Bd. 6, S. 253–264
    2. Deci, E.L. und Ryan, R.M., 1985, Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior, New York, Plenum Press
    3. Butler, R.J., 1989, Psychological Preparation of Olympic Boxers. In: Kremer, J. und Crawford, W. (Hrsg.), The Psychology of Sport: Theory and Practice. Leicester, S. 74–84
    4. The Sport Psychologist, Bd. 7, S. 160–172

     

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