Warum die Wiederherstellung der Faszienstruktur nach einer Verletzung unglaublich wichtig ist

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Eine Sportverletzung hat oft weitreichende Folgen. Sie können u.a. zur Einschränkung der Beweglichkeit oder Kompensationsmustern führen, die wiederum andere Verletzungen provozieren. Wir haben mit Faszientraining-Experte Berengar Buschmann über das Training nach einer Verletzung gesprochen.

trainingsworld.com: Wie wichtig ist es die Faszienstruktur nach einer Verletzung wieder herzustellen? 

Berengar Buschmann: Unglaublich wichtig, weil man insbesondere in der Proliferationsphase, also in der Wundheilungsphase (etwa 5. – 21. Tag) allgemein darauf abzielt wieder eine Kollagensynthese herzustellen und anzustreben, um neue kollagene Fasern zu produzieren, welche alle faszialen Anteile wieder resistenter, wieder stabiler werden lassen, damit diese der alten Anforderung wieder gerecht werden können. Da die meisten Verletzungen myofaszial bzw. im Bindegewebe sind, muss man dementsprechend auch speziellen Wert durch Übungen darauf legen, dass genau diese Kollagensynthese dort wieder hergestellt wird, wo es das Gewebe benötigt. Gleichzeitig sollten Störfelder behoben werden, sodass eine optimale Kraftweiterleitung und ein einwandfreier Flüssigkeittransport möglich sind, was durch lösen der verklebten, fibrotisierten Strukturen geschieht. 

Nach Verletzungen möglichst schnell wieder in Bewegung kommen

trainingsworld.com: Wann sollte man mit den Übungen bzw. dem Lösen der verklebten Strukturen beginnen? 

Berengar Buschmann: Man ist heute der Ansicht, dass man Immobilisation möglichst vermeiden sollte. Das gilt mittlerweile für fast alle Operationen oder andere Ruhigstellungen. Es geht in die Richtung, dass man versucht, möglichst schnell wieder in Bewegung zu kommen und das Gewebe schnell wieder zu bewegen. Aber es gibt die festgelegten Wundheilungsphasen und manche Kontraindikationen für zu frühe Bewegung. Man sollte in der vaskulären und zellulären Entzündungsphase auch abwarten, fünf Tage Minimum und dann fängt ganz langsam die Proliferationphase, der Umbau des Gewebes an. Dort orientiert man sich an der Irritierbarkeit des Patienten und Reaktionen des Gewebes. Das heißt, man kann ungefähr eine Woche nach Verletzung beginnen, mit leichten Stimulationen das Gewebe wieder dahin zu führen, das hängt aber natürlich auch von dem Ausmaß der Verletzung ab. 

Spannungsmuster breiten sich entlang der myofaszialen Leitbahnen aus

trainingsworld.com: Die Faszienregeneration ist im Sport, insbesondere im Freizeit- und Breitensport, noch nicht allzu weit verbreitet. Wie viel größer ist die Verletzungswahrscheinlichkeit ohne Widerherstellung der kollagenen Strukturen? 

Berengar Buschmann: Regenerative Prozessbeschleunigungen sind schon verbreitet, nur sehr stark ignoriert. Hier fehlt zu vielen Anwendungsparametern auch noch die wissenschaftliche Evidenz. Klar ist hingegen, dass das myofasziale System eine enorm hohe Bedeutung dabei hat. Wie die Auswirkung hierbei auf Re-Rupturen u.ä. ist, ist schwierig zu messen. Optimaler Weise müsste man mal eine gesamte oder mehrere Mannschaften über eine komplette Saison beobachten, in der es solche Fälle gab. Festzustellen ist auf jeden Fall, dass sich Spannungsmuster entlang der myofaszialen Leitbahnen ausbreiten und darüber auch größere Verletzungen entstehen können, wenn es nicht austherapiert wird und man keine Rücksicht darauf nimmt. 

Klassisches Beispiel ist das Supinationstrauma, also das Umknicken im Sprunggelenk und den myofasialen Auswirkungen in der Lateral Line. Diese wird traumatisch überstreckt und es breitet sich zumindest in der Kette aus. Wenn ich jetzt lediglich den Knöchel mit einer Schiene versorge und das Ganze vier Wochen ruhig stelle, dann fibrotisiert das Gewebe und die myofasziale Kette nimmt sich dieser veränderten Situation an. Im ersten Moment schütze ich das Gewebe erst einmal und schone es, was auch indiziert sein kann, aber ich muss auch berücksichtigen es wieder gleitfähig zu machen und in Bewegung zu kommen. Wenn ich das nicht mache, kann es durchaus sein, dass sich darüber bis hoch in die Oberschenkel Außenseite bis in Gesäß-Region, zum Knie, zur Hüfte, Spannungsmuster ausbilden, die mir dann eine Gelenkunsicherheit geben, eine veränderte Sensomotorik produzieren. Darüber können auch langfristige Gelenkschäden entstehen. 

Kompensationsmuster können auch nach Jahrzehnten zu Problemen führen

trainingsworld.com: Was kann man einem Sportler empfehlen, der sich verletzt. hat. Wo soll er hingehen, was soll er am besten tun? Kann er selber schon etwas tun?

Berengar Buschmann: Selber kann jeder Sportler nach unterschiedlichen Verletzungsmustern die Foam Roll zur Selbstmassage nutzen. Es empfiehlt sich allerdings, dass er sich mit einem Experten abspricht, der eine Ausbildung hat, damit auch die entsprechende Qualität und Anleitung dahinter steht, wann die Foam Roll wie eingesetzt wird. Dann sollte er einen Physiotherapeuten seines Vertrauens oder einen guten Sportwissenschaftler aufsuchen, der sich mit Foam Rolling auskennt und ihm Übungen zeigen kann, die er täglich in seinen Heilungsprozess einbauen kann. Dass er genau die betroffenen Strukturen auch richtig befreit. Ist das System dann „genullt“ können myofasziale Bewegungsübungen zur motorischen und strukturellen Integration durchgeführt werden. 

trainingsworld.com: Konkret noch einmal zum Supinationstrauma. Wie würde man vorgehen? 

Berengar Buschmann: Ich würde den Sportler erst einmal fragen, wie lange das Trauma her ist und ob er noch irgendwelche Probleme mit der Verletzung hat und selbst wenn er keine spürbaren Einschränkungen mehr hat, untersuche ich das myofasziale System, da es sein kann, dass sich das irgendwann wieder bemerkbar macht. Es kann auch Jahre oder Jahrzehnte gut gehen und irgendwann breitet sich ein Spannungsmuster durch eine erneute kleine Überbeweglichkeit o.ä. aus und dann bekommt man auf einmal z.B. ein Knie- oder Hüftproblem. Deswegen ist es wichtig, von Anfang an dementsprechend die richtigen Areale zu therapieren, auszurollen und das Bindegewebe wieder funktionstüchtig zu machen. Das muss man sich aber individuell in der Diagnostik anschauen. Die Probleme können sich verlagern oder verschieben. Das geht durch den ganzen Körper, je nachdem was es auch für Kompensationsmuster nach sich zieht. Sicherlich kann der Verletzte nicht viel falsch machen, wenn er sich nach einem Supinationstrauma auf die Suche nach Spannungsfeldern macht und die Plantarfaszie, den gesamten Unterschenkel und im Verlauf der Lateral Line, zumindest bis zum Gesäß die Foam Roll nutzt. Wichtig ist hierbei nur zu Beginn nicht auf der Rissstelle zu rollen.

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Zur Person:

Berengar Buschmann ist Geschäftsführer und Gründer von TYMGYM®-Transform Your Movements, Erfinder der FMT-Methodik, angehender Physiotherapeut und im Bereich der Sportwissenschaft ausgebildet. Seine Verbindungen zum Fitness– und Gesundheitswesen entstanden vor 5 Jahren, als er verletzungsbedingt als Sportinvalide den Berufsfußball endgültig aufgeben musste. Schon zu Zeiten seines Leistungssports war Funktionstraining sein „täglich Brot“. Seither begeistert ihn der menschliche Organismus und die Kombination aus Therapie und Training. Daher erweiterte er die Betreuung im Personal Training um therapeutische Aspekte. Die gesammelten Erfahrungen vermittelt er seit Jahren auch als Referent (Head-Master-Trainer Pavigym DE, Physio Training Academy- Myofascial Taping, DFAV e.V.) Zusammen mit Dennis Krämer gründete er vor drei Jahren die Firma TYMGYM®, mit dem gemeinsamen Ziel, die ganzheitliche Betreuung mit einer aussagekräftigen Diagnostik und der Kombination aus Bewegung und Behandlung zu optimieren. Ein wesentlicher Faktor hierbei war stets das myofasziale Netzwerk. Daraus entstand eine eigens entwickelte Trainings- (Functional Myofascial Training) und Therapiemethodik. Hierbei konzentrieren sie sich auf die nachhaltige Therapie von Schmerzen und die individuelle Leistungssteigerung. Berengar ist Experte auf dem Gebiet des Funktionellen Myofaszialen Trainings, dem Myofascial Release, der myofaszialen Diagnostik und dem Myofascial Taping.

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Über den Autor

Thomas Spoering

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