Sportverletzung: Das Klaviertastensyndrom bzw. die Schultergelenksprengung

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Schulterverletzungen durch Stürze sind keine seltene Sportverletzung. Was genau bei einer Schultergelenksprengung (auch Klaviertastensyndrom genannt) im Gelenk passiert und wieso das Schlüsselbein dann wie eine Klaviertaste zu bewegen ist, klären wir im Folgenden.

Der Sturz auf die Schulter ist in Kontaktsportarten wie Handball, Football oder Judo eine häufig auftretende Sportverletzung. Oft tritt ein starker Schmerz auf und das Schlüsselbein steht ein Stück höher als zuvor. Diese Schultergelenksprengung – auch bekannt als Klaviertastensyndrom – wird je nach Schweregrad nach Tossy I, II oder III unterteilt.

Das Acromioclaviculargelenk (ACG)

Das Gelenk zwischen dem Schlüsselbein (Clavicula) und der Schulterhöhe (Acromion) bildet sich aus 2 sehr flachen – auch als inkongruent bezeichneten – Gelenkflächen. Um die Kongruenz herzustellen befindet sich ein Discus artikularis (eine aus Faserknorpel bestehende Zwischengelenksscheibe) zwischen den Flächen.

Da die Clavicula etwas höher steht, zeigt die Gelenkfläche des Acromions nach bauchwärts/ mittig/ kopfwärts (ventral/ medial/ kranial).

Das Gelenk ist durch eine straffe Kapsel und einige Bänder passiv stabilisiert und dadurch in der Beweglichkeit eher eingeschränkt. An der oberen Seite verläuft das Ligamentum (Lig.) Acromioclaviculare – es dient der Stabilisation bei Vor- und Rückbewegungen.

An der vorderen Kante werden durch das Lig. coracoacromiale, Lig. coracoclaviculare, Lig. conoideum und das Lig. trapezoidea (in dieser Reihenfolge von seitlich nach mittig verlaufend) die Bewegungen nach oben und unten (kranial/ kaudal) limitiert.

Die Hauptfunktionen des Gelenkes

Eine aktive Stabilisation findet durch den Musculus (M.) trapezius pars descendens und den M. deltoideus pars clavicularis statt. Die Beweglichkeit im ACG beträgt circa 5-8° um 3 Achsen, wobei die Hauptbeweglichkeit bei einer Armbewegung in die Abduktion-Elevation genutzt wird.

Die Hauptfunktionen des Gelenkes ergeben sich durch die Lage der knöchernen Verbindung zwischen Rumpf und Schultergürtel:

– Stabilisation der oberen Extremität.

– Energietransfer von innen nach außen verlaufend bei sportspezifischen Bewegungen wie Ball werfen oder etwa Schulterwürfen beim Judo.

Wie kommt es zu einer Verletzung und wie kann diese festgestellt werden?

Um eine Verletzung der sehr starken ligamentären Verbindung des ACG zu erreichen, muss eine hohe Kraft von kranial/ventral auf das Acromion wirken – beispielsweise durch einen direkten Sturz auf das Schulterdach mit horizontal abduziertem Arm.

Die hohe einwirkende Kraft stellt die kapsuloligamentären Strukturen auf den Prüfstand, sodass sie meist nur nachgeben können. Ein daraus folgender stark einschießender Schmerz, Rötungen auf dem Schulterdach sowie Schwellungen sind typische Symptome bei einer Tossy-Verletzung. Bei der Klassifikation nach Tossy wird zwischen I, II und III unterschieden (1):

Grad I:

Teilruptur des Lig. Acromioclaviculare, die Beweglichkeit des Gelenkes ist normal.

Grad II:

Komplette Ruptur des Lig. Acromioclaviculare, die Beweglichkeit vor/ zurück weist eine erhöhte Laxität auf.

Grad III:

Ruptur aller Bänder – Lig. acromioclaviculare, Lig. coracoacromiale und dem Lig. coracoclaviculare bestehend aus Lig. conoideum und Lig. trapezoidea – erhöhte Beweglichkeit vor/zurück (anterior/posterior) und nach oben/unten (kranial/kaudal)

→ Durch die komplette Zerreißung der passiven Stabilisatoren kommt es zum sogenannten Klaviertastenphänomen.

Die Wahrscheinlichkeit einer Begleitverletzung ist bei ACG-Sprengungen sehr hoch, da eine deutliche Kraft aufgebracht werden muss, bis die Bänder reißen. Häufig kann es zu Labrumläsionen (Verletzungen der Knorpellippe am oberen Rand der Schulterpfanne) kommen.

Daher ist es sinnvoll, den Verdacht auf Tossy I-III durch bildgebende Diagnostik, beispielsweise durch ein MRT (Video: Belastung und Möglichkeiten von CT, MRT und Röntgen), zu bestätigen.

Behandlungsmöglichkeiten einer Schultergelenksprengung

Abhängig von der Ausprägung der Verletzung sowie Alter, Aktivität und Beschwerden des Patienten wird entschieden, ob die Behandlung konservativ oder operativ erfolgt.

Da bei Tossy I noch keine Zerreißung der Bänder stattgefunden hat, wird in diesem Fall immer konservativ behandelt. Bei starken Beschwerden kann der Arm durch eine Gilchrist-Schlinge ruhiggestellt und mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln und kombinierter Eisbehandlung therapiert werden.

Therapiemethoden nach Tossy

Da der Trend in der Medizin hin zur Selbstheilung der Strukturen geht, wird meist auch Tossy II konservativ therapiert. Die Ruhigstellung wird für circa 1-2 Wochen empfohlen; ergänzend zu den unter Tossy I beschriebenen Therapiemethoden werden krankengymnastische Stabilisationsübungen empfohlen.

Bei Tossy III ist das Mittel der Wahl – zumindest bei aktiven jungen Sportlern – die Operation. Es gibt einige Operationsverfahren, welche sich im Grunde nur durch die Art der Refixation der Bänder unterscheiden. Ob durch einen stabilen Faden, eine Metallplatte, Schrauben oder Drähten, Vor- und Nachteile haben diese Operationen alle, sodass eine individuelle Entscheidung sinnvoll ist.

Nach einer Operation erfolgt zunächst die Versorgung durch einen Gilchrist-Verband. Die physiotherapeutische Betreuung wird schon in den Folgetagen begonnen und startet mit ersten Bewegungsübungen, wobei Bewegungen in der Horizontalebene 4-6 Wochen lang unterlassen werden sollten.

Stabilisationsübungen

Da das Acromioclaviculargelenk ein wichtiger Stabilisator der oberen Extremität ist, stehen in der Behandlung jegliche Stabilisationsübungen in der aufrechten Haltung im Vordergrund.

Eine aufrechte Haltung wird eingeleitet durch eine Beckenkippung nach vorne, die Schulterblätter werden nach hinten unten geführt, das Brustbein hebt sich, das Kinn geht Richtung Kehlkopf und der Nacken wird lang. In dieser Grundstellung muss der Arm in unterschiedlichen Positionen gegen Widerstand stabilisiert werden. Als Eigenübungen eignen sich:

– Vor-und-zurück-Pendeln des Armes mit einem kleinen Gewicht in der Hand (beispielsweise eine 1-kg-Hantel).

– Die Arme gegen die Wand stützend die aufrechte Haltung stabilisieren.

– Wie oben, Gewicht mit einem Arm übernehmen (es bietet sich an, zunächst den gesunden Arm zu belasten, um ein Gefühl für die Stabilisation zu erlangen).

– Wie oben, nur auf einen Pezziball stützen.

– Leichte Liegestütz auf einem Ball an der Wand.

– Unterarmstütz auf dem Boden, gegebenenfalls auf einer wackeliger Unterlage.

Alle Übungen sind frontal, aber auch seitlich zur Wand auszuführen – natürlich mit der Steigerung von leicht nach schwer.

Fazit

Egal, welchen Schweregrad die ACG-Verletzung hat und unabhängig davon, ob die Versorgung operativ oder konservativ erfolgt, zeitnahe degenerative Veränderungen sind in allen Fällen zu erwarten. Zunächst müssen diese nicht schmerzhaft sein, können aber zu Arthrose führen und die Beweglichkeit langfristig limitieren.

Wichtiger Bestandteil der Nachbehandlung sind die Stabilisationsübungen, um die volle Funktionsfähigkeit der Schulter wiederherzustellen und den degenerativen Prozess – Instabilitäten führen zu Funktionsverlust und chronischen Beschwerden – zu verlangsamen beziehungsweise zu unterbinden.

Angi Peukert

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Quellenangaben:

1. Bant, Harald et al.: Sportphysiotherapie. Stuttgart: Thieme, 2011

2. Zalpour, Christoff: Anatomie Physiologie. 2. Auflage, München/Jena: Urban & Fischer

3. Hüter-Becker, Antje et al.: Physiotherapie in der Orthopädie. 2. Auflage, Stuttgart: Thieme, 2009

4. Hochschild, Jutta: Strukturen und Funktionen begreifen. Funktionelle Anatomie – Therapierelevante Details. Stuttgart: Thieme, 2002

5. Niethard, Fritz et al.: Duale Reihe Orthopädie. 5. Auflage, Stuttgart: Thieme, 2005

Über den Autor

Angi Peukert

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