Leistungssteigerung beim Golf durch positives Denken

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Ein bekanntes Golf-Sprichwort lautet: „Die größte zu überwindende Distanz auf dem Golfplatz sind die 15 cm zwischen den Ohren.“ Gut 20 Golfspieler – überwiegend im Alter von 20–35 Jahren – traten im Jahr 1994 an mich heran. Sie waren von ihrer Spieltechnik her alle sehr qualifiziert, hatten jedoch mentale Defizite, die sie mit meiner Hilfe zu überwinden hofften.

Die meisten Spieler hatten recht ähnliche Probleme: a) mangelndes Selbstvertrauen, b) Zweifel an ihrer Leistungsfähigkeit, c) Konzentrationsprobleme, d) Angst sich zu blamieren, e) Anspannung, f) Unvermögen sich zu entspannen, g) Wettkampfangst und h) negatives Denken. Einige hatten diese Probleme während des gesamten Spiels, andere nur bei bestimmten Phasen des Spiels, z. B. beim Putting, während des kurzen Spiels oder beim Abschlag.

Selbsteinschätzung
17 der Spieler waren zumindest 2-mal in meiner Beratung. Diese lief bei jedem Spieler ähnlich ab. Die erste Sitzung umfasste 2 Stunden und diente dazu, sich gegenseitig kennen zu lernen und eine Vertrauensbasis zu schaffen. Dem Spieler wurde mitgeteilt, dass er die Sitzung jederzeit beendet könne, falls er sie für nicht sinnvoll erachtete. Er wurde ebenfalls darüber informiert, dass alles Besprochene streng vertraulich behandelt würde. Der Spieler gab daraufhin einen Abriss über seine bisherige Golflaufbahn, wobei viele der Befragten ihre spezifischen Probleme herausstellten. Danach sollte er in einem Fragebogen Auskunft über seine technischen Fähigkeiten sowie seine mentalen Befindlichkeiten geben.
Der Fragebogen umfasste Aspekte wie die körperlichen Fitness, das kurze Spiel, das lange Spiel und das Putten. Einige der Befragten ergänzten beim Ausfüllen für sie relevante Faktoren, wie z. B. häuslichen Druck, Reise- oder finanzielle Probleme. Die Golfspieler bewerteten ihre mentalen Fähigkeiten auf einer Skala von 0 bis 10. 10 stand hier für maximales Selbstvertrauen, 0 für nicht vorhandenes Selbstvertrauen. Bewertet wurden nun a) Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, b) die Fähigkeit vor und während des Spiels zu entspannen, c) Konzentrationsfähigkeit im entscheidenden Augenblick, d) Nervenstärke während des Wettkampfs, e) Kontrolle negativer Gedanken und f) Visualisierungstechniken. An Hand dieser Skala sollten die Spieler ihre Fortschritte überprüfen können, während sie gleichzeitig ihr mentales Spiel weiter entwickelten. Zur Kontrolle erhielt ich ebenfalls eine Kopie der Skala.

 

Die Kraft des positiven Denkens
Während der nächsten Sitzung bekam der Golfspieler verschiedene mentale sowie muskuläre Entspannungstechniken gezeigt. Wir begannen mit einer Atemübung, bei der die Spieler mit geschlossenen Augen durch die Nase einatmen und danach tiefer durch den Mund ausatmen sollten. Während des Ausatmens sollte er innerlich „Entspanne Dich“ zu sich sagen. Wir gingen dann zu einer zweiten Übung über: der Muskelan- und -entspannung nach Jacobsen (auch progressive Muskelentspannung genannt). Dabei sollte der Spieler wieder seine Augen schließen und verschiedene Muskelgruppen seines Körpers anspannen. Nachdem er die angespannte Muskelgruppe bewusst wahrgenommen hatte, sollte er daraufhin die Spannung entweichen lassen. Dies sollte ihm zeigen, dass er selbst in der Lage ist, diese physischen Vorgänge zu kontrollieren. In dem Maße, in dem der Golfspieler vertrauter mit dieser Art von Techniken wurde, stieg auch sein Vertrauen in die Fähigkeit sein Spiel zu kontrollieren.

Obwohl der physische und mentale Bereich auf dem Fragebogen voneinander getrennt waren, standen sie in der Praxis doch in engem Zusammenhang zueinander. Für einige Spieler war „negatives Denken“ eine Kernfrage. Ein Spieler sagte aus, dass er bei Puttschlägen von rund einem Meter eine innere Stimme höre, die ihm sagen würde: „Den schaffst Du nicht.“ Ein anderer Spieler war vor Puttschlägen über einen halben Meter angespannt. Die meisten Spieler hatten eine negative Einstellung, nachdem ein Schlag missraten war. So sagten sie sich z. B. innerlich nach einem Ball ins Rough: „Mein Gott, hoffentlich wird der nächste nicht genauso schlecht.“ Diese Spieler brachten sich in der Regel selbst in eine Abwärtsspirale. Für sie bestand die geeignete Technik darin, ihre Psyche mit positiven Gedanken und Bildern zu füllen, die sie dann vor und während des Spiels abrufen konnten. (So löste der eine Spieler sein Halb-Meter-Putt-Problem mit dem simplen Satz: „1, 2, 3, rein.“)

3-Stufen-Visualisierungsmodell
Nur wenige der Spieler hatten zuvor Erfahrungen mit Visualisierungstechniken gemacht. Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass viele Spieler vor dem ersten Anwenden der Techniken Angst haben. Daher habe ich ein 3-Phasen-Modell entwickelt, um diese Ängste zu abzubauen. Zuerst bitte ich den Spieler, sich in einen Sessel zu setzen, die Augen zu schließen und die gleichen Atemübungen wie schon zuvor durchzuführen. Wenn er nach eigenen Angaben völlig entspannt ist, gehen wir zur Phase 1 über. Hierbei bitte ich ihn, sich auf ein angenehmes Erlebnis – wie z. B. eine Familienfeier oder einen Urlaub – zu konzentrieren. Er soll sich die entsprechenden Bilder, Geräusche und sogar Gerüche des Erlebnisses in Erinnerung rufen: die Kleidung der anwesenden Leute, die Tageszeit, das Wetter, die Farbe des Rasens, die Möbel, den Strand, die Gerüche des Essens, eines Parfums, des Meeres etc. Indem der Golfspieler sich eine schöne Erinnerung ins Gedächtnis ruft, erfährt er Freude. So erlernt er die Visualisierungstechnik in einer unbedrohlichen Situation, bevor wir dann zu golfspezifischen Themen übergehen.
In der Phase 2 konzentriert er sich unter anderem auf ein zurückliegendes tolles Golfspiel, ein Spiel, bei dem er viel Spaß hatte und aus dem er große Befriedigung ziehen konnte. Dieses Mal wird er gebeten, das Spiel ab dem Verlassen des Clubhauses und dem ersten Abschlag nachzuvollziehen. Er soll jeden Schlag erneut erleben, das Erlebnis genießen, sich noch einmal beim Abschlag, beim kurzen Spiel und beim Putten richtig wohl fühlen. Dadurch erinnert der Spieler sich, dass er oder sie ein guter Golfspieler/eine gute Golfspielerin ist und dass er schon einmal richtig gut gespielt hat. Dadurch wird Selbstvertrauen aufgebaut.

Die Phase 3 besteht darin, zu entspannen, sich auf den nächsten Wettbewerb und letztendlich auf die einzelnen Abläufe des Wettbewerbs zu konzentrieren.

Ziele setzen

Aus meiner Erfahrung mit professionellen Golfspielern heraus ist es für diese schwierig, sich Ziele zu setzen und an diesen dann auch festzuhalten. Daher sollte der Spieler im nächsten Teil der Sitzung einen großen Kreis aufmalen und diesen in 3 Abschnitte unterteilen. Im ersten Abschnitt sollte er seine kurz-, mittel- und langfristigen Spielziele aufführen. Im zweiten Abschnitt sollte er seine Zielerreichungsstrategien darlegen; hierunter fielen sowohl mentale Strategien als auch Fitness oder Strategien zur Verbesserung der technischen Fähigkeiten. Im dritten Kreisabschnitt sollte er aufführen, welche Schritte er als Ergebnis dieser ersten Sitzung unternehmen würde. Dadurch erhielt der Golfspieler Kontrolle über seinen eigenen Aktionsplan und über die Methode, mit der er seine selbst gesetzten Ziele erreichen konnte. Um die Wirkung der Sitzungen zu verstärken gab ich ihm eine personalisierte Kassette zur Verinnerlichung der Übungen zur Atmung, zur Muskelkontrolle sowie den Visualisierungstechniken, die er während der Sitzung erlernt hatte.

Die zweite Sitzungsperiode diente dazu, die Fortschritte der Spieler zu überprüfen. Die Spieler schätzten dazu ihre mentalen Fortschritte selbst ein und führten sie auf einem neuen Fragebogen auf. Dabei stiegen die Werte der 17 Spieler von der ersten zur zweiten Sitzungsperiode bei einer maximalen Punktzahl von 10 wie folgt:
Das Selbstvertrauen von 2,6 auf 6,2; die Fähigkeit zu entspannen von 3,0 auf 5,6; die Konzentrationsfähigkeit von 3,5 auf 5,9; die Nervenstärke während des Wettkampfs von 3,4 auf 5,8; die Kontrolle negativer Gedanken von 2,6 auf 6,0 und die Visualisierungstechniken von 2,5 auf 9,1.
Die positive Selbsteinschätzung der Spieler im Hinblick auf ihre verbesserten mentalen Fähigkeiten wurde durch ihr eigentliches Spiel noch unterstrichen. So konnte beispielsweise der Golfprofi Kevin Merry aus Essex sein Spiel verbessern, ein Turnier gewinnen und den dritten Platz bei einem großen Profi-Turnier belegen. Dany Williams aus Kent überwand eine Krise beim Putten aus geringer Distanz. Um gegen sein negatives Denken anzugehen, bat ich ihn, während der Vorbereitung zu seinen Ein-Meter-Problem-Putts einen neutralen Satz zu wiederholen. Und es funktionierte.

Jack Lamport Mitchell
 

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Trainingsworld

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