Lethwei, die (Kampf-)Kunst der neun Gliedmaßen

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Lethwei, bzw. Burmese- oder Myanmar Boxing, zählt zweifelsfrei zu den ältesten, härtesten und brutalsten Kampfsportarten der Welt. Denn neben den üblichen Schlagtechniken, die man vom Kickboxen kennt, sind auch Kopfstöße erlaubt. Umso erstaunlicher, dass sich auch Frauen dieser Herausforderung stellen. Wir haben eine der aktuell erfolgreichsten Lethwei-Kämpferinnen für ein Interview gewinnen können!

Kurz vorab: Was ist Lethwei und wie wird beim Lethwei gekämpft?

Im Grunde genommen ist der Kampfstil dem Muay Thai, einer Kickboxdisziplin aus Thailand, sehr ähnlich. Gekämpft wird mit Füßen, Knien, Ellenbogen und Fäusten. Außerdem darf man Beinstellen, Drängen, Werfen und Tiefschläge verteilen.

Aber geschlagen wird wie beim Bareknuckle ohne Handschuhe, d.h. nur mit Bandagen oder Tape. Außerdem sind beim traditionellen Lethwei Kopfstöße, also Schläge mit dem Kopf, erlaubt. Daher auch der Begriff “Die neun Gliedmaßen”. Aufgrund der Treffer durch Fingerknöchel und der legalen Kopfstöße sind schwere Verletzungen im Gesicht und am Kopf leider nicht unüblich.

Lethwei: Regeln und Kampftechniken

Neben Faustschlägen, Kicks und Kopfstößen zählen auch Wurftechniken zu den gängigen Methoden beim Lethwei.

Kampfkunst Lethwei, nicht nur für Männer

Umso erstaunlicher, dass dieser Vollkontaktsport nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen ausgeübt wird! Und es sind nicht nur Südostasiaten, die dieser alten Kampfkunst verfallen sind. Immer mehr Europäer, Amerikaner, Australier oder Kanadier, wie Dave Leduc, der aktuelle Superstar der Szene, kämpfen in der WLC, der World Lethwei Championship.

Lethwei Champion Souris Manfredi aus Frankreich im Interview

Zu den bekanntesten Lethwei-Kämpferinnen zählt die Französin Souris Manfredi. Sie gewann den ersten Frauen-WM-Titel der WLC überhaupt, und hat diesen am 30.01.2020 in Myanmar erfolgreich verteidigt. Wir konnten die aktuelle Nummer Eins der Welt, Souris Manfredi, in Bangkok für ein Interview gewinnen!

Lethwei Kämpferin Souris Manfredi

Souris Manfredi aus Frankreich

Trainingsworld: Souris, du hast dein Debüt im Lethwei letztes Jahr im August gegeben. Erzähl doch mal, wie du zur der Kampfkunst gekommen bist?

Ich habe vor sieben Jahren als MMA-Kämpferin begonnen. Damals habe ich viel Brasilianisches Jiu-Jitsu und Muay Thai trainiert, und auch ein paar Kämpfe bestritten. Aber ich wollte mich gezielt auf einen Kampfsport fokussieren, um darin das Bestmögliche zu erreichen. Da ich mich im Ring wohler fühle als im Oktagon (MMA), entschied ich mich für Muay Thai. Vor zwei Jahren bin ich dann nach Thailand gezogen, um mich vollends meiner Kämpferkarriere widmen zu können.

Trainingsworld: Wie ging es dann mit Lethwei weiter?

Der größte Kampfsportverband im Lethwei, die WLC, kam auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte auf der Tour als Kämpferin zu starten. Da mich Lethwei schon immer fasziniert hat, habe ich diese Möglichkeit natürlich sofort wahrgenommen.

Trainingsworld: Hast du Vorbilder oder Mentoren?

Nein, nicht im Speziellen. Klar gibt es Menschen, die mich inspizieren, aber im Endeffekt geht es doch um mich und meine Persönlichkeit. Ich habe eine klare Idee von der Person und der Athletin, die ich sein möchte.

Trainingsworld: Wie sieht dein Training aus? Wie oft die Woche trainierst du und wie bereitest du dich im Speziellen auf einen Kampf vor?

Ich trainiere an sechs Tagen die Woche jeweils sieben Stunden täglich. 3,5 Std. am Vormittag, und dann nochmal 3,5 Std. am Nachmittag. Ich ordne mein Leben komplett dem Kampfsport unter. Ich trainiere sehr hart. Somit bin ich für jeden Kampf gewappnet, egal wie die Gegnerin heißt. Natürlich passe ich mein Training während der Vorbereitung auf einen Kampf auch auf die jeweilige Gegnerin an.

Lethwei Training und Techniken

Souris beim Training in der Nähe von Bangkok

Trainingsworld: Lethwei ist in Europa noch weitestgehend unbekannt. Hast du Sponsoren, kannst du von den Preisgeldern leben? Oder wie bestreitest du sonst deinen Lebensunterhalt?

Ich habe einen Partner, der mir meine Ausrüstung sponsert, und seit kurzem auch einen Sponsor, der mich finanziell unterstützt. Zum Glück, denn bis vor einem Jahr habe ich noch als Küchenhilfe gearbeitet. Das Preisgeld in Thailand reicht leider für weibliche Kämpferinnen noch nicht zum leben.

Trainingsworld: Glaubst du, dass sich der Bekanntheitsgrad von Lethwei auch außerhalb Südostasiens steigern wird?

Die WLC arbeitet definitiv daran, um Lethwei auch außerhalb Südostasiens bekannter zu machen. Erste Erfolge sieht man bereits in den USA und Japan, aber auch andere Länder zeigen bereits Interesse. Außerdem dürfen immer mehr ausländische Kämpfer an der Tour teilnehmen. Betrachtet man den MMA-Boom, dann geht der Trend ja aktuell eher in Richtung „brutalere und gewalttätige“ Kämpfe. Ich glaube, mit Lethwei sind wir auf einem guten Weg.Im Ring stehen sich Gegner gegenüber, die nicht so leicht aufgeben. Es wird also etwas geboten werden.

Trainingsworld: Zu deiner Rolle als Frau. Hast du als Frau mit Vorurteilen zu kämpfen? Wie gehen Männer damit um, wenn sie erfahren, dass du Champion in einer zugegeben ziemlich brutalen Kampfsportart bist?

Natürlich werde ich mit Vorurteilen konfrontiert! Der Kampfsport ist eine Männerdomäne. Aber es öffnen sich auch immer mehr Türen für Frauen. Zwar verdienen wir immer noch deutlich weniger, und im Kopf vieler Typen werde ich nie so gut wie ein Mann sein, aber es ist genau diese Art von „ewiggestriger“ Mentalität, die mich antreibt. Ich bin hier, um den Unterschied zu machen. Das Feedback ist wirklich gut, und die Leute sagen, dass ihnen mein Kampfstil gefällt.

Trainingsworld: Hast du keine Angst vor Verletzungen, vor allem im Gesicht?

Nein, Angst habe ich keine. Verletzungen gehören zum Spiel! Sollte sich bei mir jemals Angst einstellen, dann ist es an der Zeit, die Sportart zu wechseln. Sich zu verletzen ist ein Teil des Jobs. Man akzeptiert es und arbeitet hart, um nicht getroffen zu werden, oder man tut es nicht und kündigt.

Trainingsworld:  Wie gehen die Männer im Training mit dir um? Bekommst du den nötigen Respekt?

Im Training gibt es gar keine Probleme mit meinen Trainingspartnern. Ich trainiere die meiste Zeit mit männlichen Profikämpfern. Alle kennen den Weg den wir gehen mussten, um unser Niveau zu erreichen. Daher haben wir sehr viel Respekt voreinander.

Trainingsworld: Was würdest du anderen Frauen raten, die mit dem Gedanken spielen, eine Kampfsportart auszüben?

Wenn sie das wollen, dann sollen sie es auch tun!

Trainingsworld:  Hast du schon Pläne für die Zeit nach deiner Karriere als aktive Kämpferin?

Nein, im Moment steht meine Karriere als Kämpferin noch zu sehr im Vordergrund, und ich weiß noch nicht, wie es danach weitergeht. Aber ich werde mir Gedanken machen, wenn es soweit ist!

Trainingsworld: Möchtest du noch etwas loswerden?

Ich möchte mich über diesen Weg bei all denen bedanken, die mir auf meiner Reise als Kämpferin folgen, hinter mir stehen und mich unterstützen. Und ich möchte die Menschen, die mich noch nicht kennen, einladen, sich einmal einen meiner Kämpfe anzusehen, um sich selbst ein Bild über diese faszinierende Kampfsportart zu machen.

Wir bedanken uns bei Souris für dieses tolle Interview und wünschen ihr weiterhin viel Erfolg für ihre Karriere!

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Martin Rooney ist ein international anerkannter Experte für das Fitnesstraining von Kampfsportlern und hat Weltklassekämpfer für Kämpfe der UFC und IFL, die Pride Fighting Championship, die ADCC Submission Wrestling World Championships und Olympische Spiele vorbereitet.

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Trainingsworld

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