87 surreale Sekunden – Wieso ein Spiel noch kippt

0

Wunder gibt es immer wieder! Und so war es auch am 15. Spieltag der Beko-Basketball-Bundesliga im Spiel der Telekom Baskets Bonn gegen die Walter Tigers aus Tübingen.

Trotz einer 10-Punkte-Führung 87 Sekunden vor Spielschluss verließen die Bonner Baskets am Ende das Parkett als Verlierer (94:96). „Was da passierte, kann wohl selbst ein Basketballexperte niemandem erklären“, heißt es kurz nach dem Spiel im Spielbericht auf der Tigers-Homepage geschrieben. Trotzdem suchte Basketballexperte Ramy Azrak nach dem Spiel nach Antworten.

Selbst die euphorischsten Fans der Walter Tigers waren im Gedanken wohl schon bei der Rückreise, da sahen sie das, wofür wir alle Basketball lieben. Zumindest bis auf die Fans, Spieler und Funktionäre der Telekom Baskets, die diesen Tag am liebsten so schnell wie möglich aus ihrem Gedächtnis streichen würden. Die Bonner sahen lange wie die sicheren Sieger aus. Doch am Ende durften die Gäste feiern, was sie wohl selbst nicht so richtig glauben wollten, zumal die Bonner vorher nicht den Eindruck gemacht hatten, zu schwächeln. Trotz einer miserablen Vorstellung in den letzten Minuten des Spiels hatten die Bonner Sekunden vor dem Schluss den Sieg noch mehrmals in der eigenen Hand. Der letzte Angriff der Partie, beim Stand von 94:96, war den Bonner vorbehalten. Nach einem gut vorgetragenen Angriff stand Dreierspezialist Venas Veikalas jenseits der Dreipunkte-Linie völlig frei, doch sein Wurf traf nur den Ring und das Spiel war aus.

Wie nah Glück und Pech beieinander liegen erklärte Igor Perovic, Trainer der Tübinger nach dem Spiel: „Wenn Veikalas den letzten Wurf getroffen hätte, dann würden wir jetzt über eine andere Story hier reden und wie Mike (Anmerk. der Redaktion: Michael Koch, der Coach der Telekom Baskets Bonn) einen exzellenten Spielzug für einen offenen Wurf seines besten Schützen kreiiert hat.“

 

„Das Spiel ist, so wie alles im Leben, mental“

Auch wenn am Ende Zentimeter zum Bonner Glück fehlten, die Hauptursache für die Niederlage lag offensichtlich woanders, vor allem wenn man in Betracht zieht, dass die Baskets in den letzten Sekunden des Spiels einen 0:12-Run hinnehmen mussten. Für Michael Koch ist die Ursache für die Niederlage klar: „Das Spiel wurde heute nicht mit Basketball-Skills entschieden, sondern im Kopf entschieden“, so der Trainer der Telekom Baskets Bonn, kurz nach dem Spiel in der Pressekonferenz. Gästetrainer Igor Perovic sah das ähnlich: „Das Spiel ist, so wie alles im Leben, mental. In den letzten zwei Minuten konnte man gut erkennen, dass unsere Spieler mehr Selbstvertrauen hatten und sich besser auf dem Parkett gefühlt haben als die Baskets-Spieler. Der Druck auf den Schultern meiner Spieler war nicht so hoch. Wir hatten in den letzten Minuten nichts mehr zu verlieren, weil das Spiel eigentlich schon entschieden war. Wenn du in den letzten Minuten gegen ein gutes Team wie Bonn mit 10 Punkten zurückliegst, dann ist es sehr hart, es noch umzubiegen. Wir haben das heute mit Glück geschafft und am Ende verdient gewonnen.

 

Details entscheiden über Sieg oder Niederlage

62 Sekunden vor Schluss hatten die Telekom Baskets bei einer 4-Punkte-Führung (94:90) Einwurf in der Spielhälfte der Gäste. Welche Entscheidung würden Sie als Trainer fällen? Zeit runterspielen oder schneller Abschluss? Baskets Spieler Robert Vaden entschied sich sehr früh für einen Dreier, anstatt den Ball zirkulieren zu lassen und die Uhr herunterzuspielen oder ein Foul zu provozieren. Vaden traf den Wurf nicht. Häufig kommt es dann in der Hektik und durch aufkommende Nervosität zu einer Aneinanderreihung von Fehlern und so starteten die Tigers einen schnellen Gegenangriff, der durch den Korb plus Bonusfreiwurf die Führung weiter schmilzen ließ (94:93). Dieses Beispiel picke ich exemplarisch heraus, um darzustellen, dass jeder einzelne Spieler in einer verunsicherten Mannschaft von der Hektik angesteckt wird. Der Psychologie-Professor Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln nennt dieses Phänomen „soziale Ansteckung“. Für den einzelnen Spieler ist es schwierig, in solch einer Phase das Tempo zu bestimmen, Ruhe ins Spiel zu bringen und positive Energie in die eigenen Mannschaft einfließen zu lassen. In dieser Phase wirkten die Baskets-Akteure wie eine wild gewürfelte Schülermannschaft, die letztenendes das Spiel nicht mehr zu ihren Gunsten drehen konnten.

Baskets-Trainer Mike Koch resumiert: „Am Ende brauchen wir den Ball nur noch auszudribbeln, versuchen aber den Korb zu attakieren und verfehlen den Wurf. Am Ende haben wir kopflos gespielt und das Spiel hergeschenkt. Mit 10 Punkte Vorsprung muss man am Ende kleverer spielen, den Ball länger halten, Fouls provozieren und Freiwürfe verwandeln. Oder vorne so spielen, dass man zumindest hinten nicht direkt einen Fastbreak kassiert.“ Andrej Mangold spricht sogar von „Dummheit seiner Mannschaft“ und ergänzt: „Wir wussten, dass der Gegner aggressiver wird, unorthodox doppelt und Harakiri spielen muss, weil nur noch wenig Zeit verbleibt. Und es ist ja nicht so, dass wir im Kern 20-Jährige unerfahrene Spiele auf dem Feld stehen haben, die dann nervös werden.“

 

Gründe für Fehler

Es gibt viele Faktoren, wieso ein sicher geglaubter Sieg noch aus den Händer geraten kann. Fehlende Spielerfahrung aufgrund vom jungen Alter, Zwangspausen durch Verletzungen oder weniger Einsatzzeit wegen Leistungsdefiziten können dazu führen, dass diese Spieler zum Ende eines Spiels die flaschen Entscheidungen treffen. Andere Gründe können fehlendes Selbstvertrauen, Risikovermeidung und Angst sein, Fehler zu machen. Ein typishes Kennzeichen hierfür ist, wenn ein Spieler „sich versteckt“, sich demnach nicht für einen Pass anbietet oder freiläuft. Es kann aber auch genau andersherum sein, also zum Effekt kommen, dass einzelne Spieler Situationen erzwingen wollen. Übermut tut selten gut und so führen schnelle bzw. undurchdachte Aktionen aufgrund von irrationaln bzw. emotionalen Entscheidungen meistens nicht zum Ziel. (Lesen Sie auch: Mehr Selbstvertrauen im Sport!)

  

Ein paar Tipps, wie du es besser machen kannst

Sepp Herberger sagte einst: „Das nächste Spiel ist das wichtigste“. Und ich breche das noch weiter runter und sage: „Die nächste Situation ist die wichtigste“. Der Fokus sollte darauf liegen, sich übergeordnete Ziele zu setzen, aber auch von Play to Play zu denken.

Des Weiteren solltest du nicht mit einer vergangenen Aktion hadern. Eine misslungene Aktion kann ich nicht rückgängig machen, daher sollte ich den Fokus auf die nächste Aktion setzen und mich nicht über einen Fehlwurf ärgern, sondern neu konzentrieren und die Spannung halten.

Negative Assoziationen sind tabu! „Nein“, „geht nicht“, „schaffe ich nicht“ usw. sind in deinen Gedanken tabu. Dann brauchst du gar nicht anzutreten oder kannst dir ein anderes Hobby suchen.

 

Aus Niederlagen lernen

Aus Niederlagen lernt man bekanntlich am besten: Die Telekom Baskets gewannen nur ein paar Tage nach der bitteren Niederlage gegen Tübingen in Hagen mit 103:101, nachdem sie 2 Minuten vor Schluss noch mit 91:99 zurücklagen.

 

Ramy Azrak

Teilen

Über den Autor

Ramy Azrak

Leave A Reply