Doping – Individueller Betrug oder Systemzwang?

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Um der Ausgangsfrage näher zu kommen, lohnt sich die Auseinandersetzung mit zurückliegenden Dopingskandalen sowie mit einigen grundlegenden Erkenntnissen der Sportwissenschaft, die zum Verständnis der hinter dem Dopingproblem vermuteten Konstellationen und Strukturen unumgänglich sind.

Nachdem Lance Armstrong von der US-Anti-Doping-Agentur langjährige Dopingpraktiken nachgewiesen und ihm alle sieben Tour-de-France-Titel durch den Radsport-Weltverband aberkannt wurden, erreichte die Ernüchterung der durch zahlreiche Dopingskandale bereits desillusionierten Sportkonsumenten einen erneuten Tiefpunkt. Die Sportwelt beteuert, hier nur Fälle aufzuarbeiten, die ein längst zurückgelassenes, dunkles Kapitel der eigenen Geschichte zeigen – jetzt freilich, könne so etwas nicht mehr passieren, denn die neue Generation an Sportlern sei „sauber“. Stimmt das wirklich, haben Profisportler heute keinen Anreiz mehr zu dopen? 

 

Strukturelle Dynamik oder einzelne Sünder?

Nach wie vor reagiert die Öffentlichkeit skandalisierend und personalisierend auf aufgedeckte Dopingfälle. Zuletzt häufiger, aber schleppend, dringen einige tiefer gehende Erklärungsansätze des Dopingproblems in die Debatte ein, die über die Stilisierung einzelner Athleten als vermeintliche „schwarze Schafe“ hinausgehen. Zunehmend werden auch Personen in der Peripherie des Sports, die Soziologie nennt sie „Umfeldakteure“, in der Dopingstrukturen beschreibenden, öffentlichen Wahrnehmung erkannt. Diese Erweiterung der Debatte über den einzelnen Sportler hinaus führt zur Schlussfolgerung, man sei im professionellen Sport mit strukturellen Dynamiken konfrontiert, die das Dopingproblem verstärken oder gar erst ermöglichen können. Nicht nur einzelne „Sünder“ im Sinne der personalisierten Sichtweise stechen immer wieder Konkurrenten und Öffentlichkeit aus, sondern auch einem Systemdruck unterlegene Athleten können zum Doping veranlasst werden.

Die Sozialwissenschaften wissen schon seit langem von den im modernen Sport problematischen Konstellationen. Sie können mit Modellen, die meist aus anderen Wissenschaftsdisziplinen entlehnt sind, Strukturen verdeutlichen und daraus mögliche Lösungsansätze ableiten. Dennis Sandig wies an dieser Stelle bereits auf diese Erkenntnisse hin, die der öffentlichen Debatte entgegenstehen und verstehen helfen, warum in den Anti-Doping-Bemühungen immer wieder Rückschläge hingenommen werden müssen: Warum dopen manche Sportler? 

Abb. 1: Doping als connected game

Im Zentrum der soziologischen Überlegungen steht der einzelne Athlet, in den Sozialwissenschaften Akteur genannt. Seine Interaktion mit anderen Akteuren lässt sich vereinfacht auf zwei Handlungsebenen darstellen. Diese sind auf einer horizontalen Ebene zunächst seine Konkurrenten im sportlichen Wettbewerb (siehe Abb.1). Mit diesen befindet er sich in einem sogenannten Konkurrenzspiel. Hinzu kommen jene Personen, die das sportliche Umfeld, wie Trainer, Ärzte, Betreuer, Teamkollegen aber auch Familienangehörige bilden. Ebenso von Bedeutung in diesem vertikalen Spannungsfeld sind all jene Personen, von welchen die Athleten in verschieden Arten abhängig sind, vor allem Sponsoren, Medien, Verbände und letztlich auch wir, die Zuschauer.

 

Das Konkurrenzspiel als Gefangenendilemma

Betrachten wir zunächst die Konkurrenzsituation der Sportler untereinander. Hier hat sich das sogenannte „Prisoner´s Dilemma“ („Gefangendilemma“) als Modell der Spieltheorie bewährt, um die Systemdynamiken des Leistungssports auf der Ebene der Konkurrenzsituation der Akteure untereinander zu verstehen. Die Spieltheorie, eigentlich mit dem Ursprung in Mathematik und ökonomischen Wissenschaftsdisziplinen, ist auch der soziologischen Gesellschaftsforschung von Nutzen, wenn das Entscheidungsverhalten rationaler Individuen in sozialen Konfliktsituationen untersucht werden soll. Dort lenkt sie die wissenschaftlichen Überlegungen weg vom eigenverantwortlich handelnden Individuum hin zu einem Akteur, der sein Handeln einer permanenten wechselseitigen Abhängigkeit zum möglichen Verhalten der Konkurrenten ausgesetzt sieht und kann beschreiben, wie sich ein rational handelnder Akteur bei einer gegebenen Anzahl von Handlungsalternativen entscheidet.(1) Diese Akteure können Staaten, Firmen oder, im konkreten Fall des Sports, einzelne Athleten sein.

Die Anwendung spieltheoretischer Erkenntnisse auf das Dopingproblem des professionellen Sports leisteten erstmals die Sportwissenschaftler Gunnar Breivik (2) sowie Otto Keck und Gert Wagner(3). Beide Arbeiten übertrugen das für die Spieltheorie grundlegende Gefangenendilemma auf das Konkurrenzspiel der Sportler.

Das Gefangendilemma modelliert eine Entscheidungssituation zweier Mordkomplizen, die gefasst wurden. Diese stehen vor der Wahl, entweder ein Geständnis abzulegen oder zu schweigen. In Abhängigkeit von der Entscheidung des Partners ist die eigene Entscheidung mit einer vorab bekannten Haftstrafe verbunden. Würden beide gemeinsam schweigen, wäre ihnen nur illegaler Waffenbesitz nachzuweisen. Die Haftstrafe für beide wäre dann sehr gering. Böte sich einer der Beschuldigten als Kronzeuge an und würde gestehen, während der andere weiter schweigt, käme der Geständige frei, der andere müsste derweil mit der Höchststrafe rechnen. Bei einem beiderseitigen Geständnis läge die Strafe unter der Höchststrafe, aber noch über der Strafe für illegalen Waffenbesitz.

Ausgehend von risikoaversen und rationalen Individuen versuchen beide, eine möglichst niedrige Strafe zu erhalten. Da sich beide, ohne sich absprechen zu können, simultan entscheiden müssen, versucht jeder die Strategiewahl des Gegenübers zu erahnen und für sich das optimale Resultat zu erreichen.

Ihre Handlungsalternativen mit der verknüpften Strafe können wie folgt illustriert werden:

 

Gefangener B/GestehenGefangener B/Schweigen
Gefangener A/Gestehen

A: Höchststrafe minus Geständnisprämie

B: Höchststrafe minus Geständnisprämie

A: Freilassung

B: Höchststrafe

Gefangener A/Schweigen

A: Höchtstrafe

B: Freilassung

A: geringe Strafe

B: geringe Strafe

Auszahlungsmatrix im klassischen Gefangenendilemma (nach: Keck & Wagner, 1990, S. 110)

  

Die Auswahl der Alternativen führt letztlich dazu, dass beide gestehen und damit beide die unter den vier möglichen Auszahlungen (keine Strafe, sehr geringe Strafe, Strafe für Mord unter Berücksichtigung des Geständnisses und Höchststrafe) nur „drittbeste“ erhalten. Zu diesem Resultat trug maßgeblich die Unsicherheit bezüglich der Entscheidung des jeweils anderen bei.

Den Akteuren ist keine Möglichkeit gegeben, sich auf gleichzeitiges Schweigen zu verständigen, denn ‚Gestehen‘ ist immer besser, egal wie sich der andere entscheidet: Im optimalen Fall, falls der Komplize in Erwartung beidseitiger Kooperation schweigt, lässt sich der Höchstnutzen realisieren. Falls dies nicht der Fall ist, hat der risikoaverse Spieler immerhin nicht die Höchststrafe erhalten.

 

Eigennützigkeit führ zu Selbstschädigung

Beide Komplizen wollen eine möglichst geringe Strafe und erreichen doch nur das drittbeste Resultat, wenn sie als opportunistische Individuen agieren. Die rationalen Akteure berücksichtigen nur die drohende Haftstrafe als Gratmesser für ihren persönlichen Nutzen, der auf einem sehr geringen und wenig zufriedenstellenden Niveau maximiert wird. Das Schweigekartell kommt auch deshalb nicht zustande, da derjenige, der von der für beide optimalen Strategie abwich, nicht nachträglich „bestraft werden kann“. Diese Situation wird als „kollektive Selbstschädigung“ bezeichnet und wird wieder auftauchen, wenn wir das Gefangenendilemma auf den Sport übertragen.

 

Teil 2 dieses Artikels überträgt das Gefangenendilemma auf den Sport

 

Daniel Kilb

 

Literaturangaben:

1. Bette, Karl-Heinrich & Schimank, Uwe (2006). Doping im Hochleistungssport. Anpassung durch Abweichung (2. erw. Auflage). Frankfurt am Main: suhrkamp, S. 248.

2. Breivik, Gunnar: The Doping Dilemma (1987). Some game theoretical and philosophical considerations. Sportwissenschaft, 17 (2), 83-94.

3. Keck, Otto & Wagner, Gerd (1990). Asymmetrische Information als Ursache von Doping im Hochleistungssport. Zeitschrift für Soziologie, 19 (2), 108-116.

 

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