Das Umknicktrauma des Sprunggelenks – keine orthopädische Banalität

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Das obere Sprunggelenk ist das bei Sportverletzungen mit etwa 25% das am häufigsten betroffene Gelenk überhaupt. Je nach Verletzungsmechanismus reißen die Bänder auf der Außen- und Innenseite ganz oder teilweise.

Die erste Hilfe besteht aus dem bekannten „PECH“-Schema – Pause, Eis, (C)ompression und Hochlagern. Die manuelle Untersuchung durch einen Spezialisten, die selbstverständlich auch die Gegenseite im Seitenvergleich einschließt, sollte möglichst in den ersten 1 bis 2 Tagen erfolgen. Je nach Sportart besteht bei bis zu 80% der Sportler schon eine Vorverletzung am Sprunggelenk. Eine Röntgenaufnahme sollte zum Ausschluss einer Fraktur durchgeführt werden. Eine Kernspin-Untersuchung (MRT) sollte bei deutlicher Instabilität und bei Verdacht auf weitere Begleitverletzungen durchgeführt werden. Das sind vor allem Verletzungen des Knorpels und der Syndesmose, der Verbindung zwischen Schien- und Wadenbein.

Bewegungen genau analysieren

In den leichten bis mittelschweren Fällen kann die Verletzung nach einer kurzfristigen Entlastung mit Hilfe einer stürzenden Orthese frühfunktionell behandelt werden. Das ist vor allem der Fall, wenn es sich nur um eine Teilruptur oder eine Komplettruptur von einem Bandanteil handelt. Zur Unterstützung werden Salbenverbände angelegt werden und pflanzliche Präparate und Enzyme eingenommen werden. Von einer längeren Einnahme der klassischen Schmerzmittel wird heute abgeraten. Studien haben wiederholt die Gleichwertigkeit pflanzlicher Präparate bei geringeren Nebenwirkungen nachgewiesen.

Von entscheidender Bedeutung für ein nachhaltig gutes Behandlungsergebnis ist die umfangreiche Physiotherapie und ein individuelles funktionelles Training. Idealerweise wird das funktionelle Ergebnis der Therapie mit speziellen Bewegungsanalysen überprüft (Functional Movement Screen und Y-Balance Test). Mit dieser Vorgehensweise, die im Spitzensport schon zum Gold-Standard gehört, wird gewährleistet, dass nicht nur die Verletzung lokal wieder hergestellt ist, sondern auch der gesamte Bewegungsapparat optimal funktioniert. Vergleicht man es mit einem Computer, der eine neue Graphik-Karte bekommt („Hardware“ – Bandheilung/-Rekonstruktion), so wird diese nur dann optimal funktionieren, wenn auch die entsprechenden Treiber installiert werden („Software“ – funktionelles Training). Dann steht einem Wiedereinstieg in das Training (Return-to-Play) nichts mehr im Weg.

Bänder oft nicht ausreichend vernarbt

In 20-40 Prozent der Fälle entwickelt sich trotz optimaler Therapie eine chronische Instabilität im oberen Sprunggelenk. Ein instabiles Sprunggelenk hat mit 60-90% Wahrscheinlichkeit ein deutlich erhöhtes Risiko auf die Entwicklung einer Arthrose (Gelenkverschleiss) und erhöht außerdem das Risiko für weiterer Sportverletzungen. Ein Umknicktrauma des Sprunggelenks ist damit keine orthopädische Banalität, sondern sollte von allen beteiligten Behandlungspartnern ernst genommen werden.

Eine Instabilität liegt meistens vor, wenn mehrere Bandanteile am Sprunggelenk betroffen oder die Bänder auf Grund wiederholter Unfälle nicht ausreichend vernarbt sind. Eine MRT Untersuchung sollte in diesem Fall durchgeführt werden, um neben den Bändern und Sehnen auch den Knorpel ausreichend gut beurteilen zu können.

Chronische Entzündungen schonend behandeln 

Durch die Weiterentwicklung der Sportorthopädie in den letzten Jahren ist bei richtiger Indikationsstellung eine minimalinvasive Gelenkspiegelung (Arthroskopie) mit besonders kleinen Instrumenten möglich. Auf diese Weise können häufig vorliegende Vernarbungen, chronische entzünden der Schleimhaut und kleinere Knorpelschäden schonend behandelt werden. Die verletzten Bänder werden anschließend über einen kleinen Hautschnitt mit Hilfe von bioresorbierbaren Ankern anatomisch rekonstruiert. Sollte die Verbindung zwischen Schien- und Wadenbein (Syndesmose) verletzt sein, so kann man diese mit einem speziellen Seilzug (Tight Rope) rekonstruieren. Der Vorteil ist, dass dieser nicht entfernt werden muss. So wird eine Stellschraube vermieden, die nach 6 Wochen in einem zweiten Eingriff entfernt werden muss.

Abgestimmter Trainingsplan mit korrektiven Übungen

Eine klar strukturierte Nachbehandlung sichert anschließend das operative Ergebnis. Dabei arbeiten der zuweisende Arzt, der Operateur und der Physiotherapeut eng zusammen und helfen ihnen dabei schnell wieder fit zu werden. Vor ihrem Wiedereinstieg in den Sport steht auch bei einem operativen Vorgehen die Bewegungsanalyse (Functional Movement Screen) und eine abschließende Trainingsempfehlung zur Vermeidung einer erneuten Verletzung am oberen Sprunggelenk.

Besser noch als jede Behandlung einer Sprunggelenksverletzungen ist die Prävention. Eine differenzierte Anamnese und körperliche Untersuchung wird ergänzt durch die oben schon erwähnte Bewegungsanalyse (Functional Movement Screen) und der Sportler erhält in einem auf ihn abgestimmten Trainingsplan mit korrigierenden Übungen. So steigert er seine Leistungsfähigkeit und reduzieren nachweislich sein Verletzungsrisiko.

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