German Champion: Sebastian Vollmer im Interview

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Sebastian Vollmer ist der erfolgreichste deutsche American Football-Spieler aller Zeiten. Kürzlich hat er sein Buch veröffentlicht und ist sofort auf die Bestsellerlisten geschossen. Wir haben den ehemaligen NFL-Profi und zweifachen Superbowlgewinner im Rahmen seiner Buchveröffentlichung getroffen. In einem sehr persönlichen Interview mit Trainingsworld Chefredakteur Nicolai Napolski erzählt er über seinen Karriere, seine Ängste und seine Beziehung zum NFL-Superstar Tom Brady.

Sebastian Vollmer, wie kam es zu deiner Karriere als Footballer?

Wie bist du gestartet, und wie hat dich dein Weg in die NFL geführt? Gab es als junger Mensch nicht auch die Überlegung, eine andere Sportart zu betreiben?

Sebastian Vollmer: „Klar, wie viele andere Kinder auch, habe ich im Grundschulalter mit Fußballtraining und Schwimmen angefangen. Als das Schwimmtraining intensiver wurde, habe ich mit dem Fußballtraining aufgehört, und mich nur noch auf das Schwimmen konzentriert. Mit 14 Jahren hatte ich allerdings keine Lust mehr und habe meine Karriere als Leistungsschwimmer an den Nagel gehängt. Ich war damals schon zwei Meter groß und sehr kräftig. Ich hatte leider nicht die ideale Schwimmerfigur.

Danach habe ich zwei bis drei Jahre erst mal gar nichts gemacht, und wurde aufgrund des akuten Trainingstopps von fünf bis sieben Trainingseinheiten pro Woche auf quasi null sehr schnell ziemlich breit und massig. Ein Mitschüler hat mich dann damals gefragt, ob ich es nicht mal mit Football probieren möchte, und ich habe einfach mal ja gesagt. Über Umwege bin ich dann bei den Düsseldorfer Panthern gelandet und habe mich da in den Sport verliebt, obwohl mir eigentlich noch gar nicht klar war, was er beinhaltet.

Ich habe mich dann relativ schnell in den Sport reingearbeitet, was mir auch aufgrund meiner Größe und Stärke leichter fiel, als vielleicht anderen Spielern meines Alters. Über die Nationalmannschaft und die Europaauswahl habe ich dann letztendlich mein Stipendium an der Uni in Houston bekommen, wo ich dann auch meine Abschlüsse als Kommunikationswissenschaftler und Volkswirt gemacht habe. 2009 wurde ich von den New England Patriots gedraftet und habe da dann acht Jahre lang gespielt.“

War die NFL Europe nie ein Thema für dich?

Sebastian Vollmer: „Meine Trainer hatten mir damals abgeraten. Die Liga stand kurz vor der Auflösung, und man galt übertrieben ausgedrückt bereits als Profi, wenn man auch nur ein T-Shirt vom Verein, sprich irgendeine Gegenleistung, erhalten hat. Somit hätte ich mir die Chance verbaut, an einer Uni in den USA Football zu spielen, weil das ehemaligen „Profis“ nicht erlaubt ist. Collegespieler müssen Amateure sein.“

Welche Position hast du als Footballer eingenommen und was war deine Aufgabe?

Sebastian Vollmer: „Ich war in der Offensive Line, das sind die dicken, korpulenten und starken Jungs in der ersten Linie. Davon war ich ein „Right Tackle“, d. h. ein Rechtsaußen, und sehr vereinfacht ausgedrückt war ich der Bodyguard von Tom Brady, das ist der „Quarterback“, also der Passgeber. Ich musste ihm den Rücken freihalten, damit er seine Pässe an den Mann bringen konnte. Meine zweite Aufgabe war Raumgewinn für den „Running Back“ zu schaffen, indem ich den gegnerischen Verteidiger weggedrückt habe.“

Wen würdest du im Nachhinein als deinen wichtigsten Mentor/Wegbegleiter bezeichnen?

Sebastian Vollmer: „Ich hatte das Glück, das mir viele Menschen geholfen haben, und im Prinzip jeder sein Stück zu meinem Werdegang beigetragen hat: Das fing bei meinen Eltern an, die mich immer zum Training gefahren und die Kosten für meine Ausrüstung übernommen haben. Oder Steffen Breuer, mein Jugendtrainer in Düsseldorf, der mich 4 Jahre unter seinen Fittichen hatte. Außerdem Thomas McGahee, der Coach, der mir das Stipendium gegeben hat, und natürlich Bill Belichick, der Headcoach der New England Patriots.“

Wie war der Support aus Deutschland während deiner aktiven Zeit? Bekommt man davon überhaupt etwas mit?

Sebastian Vollmer: „Interessant ist der Wandel während dieser Zeit. Am Anfang hat es bis auf die wirklichen „Hardcorefans“ im Prinzip keinen interessiert, und jetzt veröffentliche ich mein eigenes Buch und die Leute stehen drei Stunden lang an um ein Autogramm zu bekommen. Das fängt bei dreijährigen kleinen Kids an und endet bei der 80 jährigen Oma. Inzwischen ist also alles vertreten, und das ist auch schön, meinen Sport den Leuten näher zu bringen.“

Wie unterscheiden sich die Fans in Deutschland und USA?

Fußball ist bei uns ja sowas wie ein Volkssport, die Ultras genießen großen Respekt und bestimmen das Geschehen in den Kurven. Leider kommt es aber auch immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen oder mit der Polizei. Gibt es so etwas auch beim Football?

Sebastian Vollmer: „Nein, das gibt es gar nicht. Den Vergleich kann man auch schwer ziehen. In den Stadien gibt es nur Sitzplätze, und außerdem sind die Eintrittskarten sehr teuer. Das billigste Ticket liegt bei 150 Dollar, Parken kosten 50 Dollar, ein Bier 20 Dollar. Man kann also nicht schnell mal mit seinen Kumpels zu einem Spiel gehen, ein paar Bier trinken und Spaß haben. Es gibt auch viele Businesseats, deren Besitzer die Karten an ihre Kunden weitergeben.

Das ist vielleicht nicht überall so, aber so war es zumindest bei den Patriots. Es gibt auch keine Fangesänge in den Stadien, sondern es ist einfach Lärm. Die Stimmung ist anders, nicht so lebhaft. Aber dafür ist es vom Spielfeld weg ein sehr friedlicher Sport. Gewalt ist eigentlich kein Thema. Dafür ist der Besuch auch zu besonders. Man muss sich vorstellen, für viele Menschen ist ein Stadionbesuch ein einmaliges Erlebnis, viele sparen jahrelang darauf hin. Die machen sich dann einfach einen schönen Tag. Es sind ja auch nur acht Heimspiele pro Saison plus Playoffs.“

Dein langjähriger Quarterback Thomas Brady…

…hat ja auch jüngst sein Buch, die „TB 12-Methode“, veröffentlicht. Du warst sein Bodyguard auf dem Spielfeld. Wie ist euer Verhältnis?

Sebastian Vollmer: „Wir sind seit Beginn meiner Karriere bei den Patriots wirklich gute Freunde. Das hat jetzt aber nichts damit zu tun, dass er einer der besten Spieler aller Zeiten ist, sondern für mich ist einfach der Mensch Tom Brady wichtig. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, und natürlich kam durch meine Position auch irgendwann so etwas wie Stolz dazu. Du willst diesem Mann den Rücken freihalten, sonst liegt er nämlich schmerzverzerrt am Boden.

Nein, es hat halt zwischenmenschlich einfach gepasst, auch familienbedingt. Die Ehefrau von Tom Brady, Giselle Bündchen hat deutsche Wurzeln, unsere Kids sind zweisprachig aufwachsen etc…Außerdem ist er ein paar Jahre älter als ich und man konnte sich immer ein paar Tipps abholen. Wir sind also auch nach meiner Karriere noch gute Freunde.“

Gibt es eine Situation mit Tom Brady, an die du besonders gerne zurückdenkst?

Ein „Sack“ oder so, für den du verantwortlich warst? (Im Football bezeichnet man es als „Sack“ wenn der Quarterback bei einem Passversuch zu Fall gebracht wird.)

Sebastian Vollmer: *Lacht* „Klar, da gibt es unzählige. Es waren viele Spiele, die nicht zu 100 % optimal liefen. Aber es gab eine Situation, da hab ich den Block total verhauen, also den Gegner gar nicht angefasst. Keine Ahnung, was damals passiert ist. Ich dreh mich halt nur um, und der Typ rennt mit Vollgas auf meinen Quarterback zu. Tom hat nicht mal in unsere Richtung geblickt.

Mir blieb nichts anderes mehr übrig, als laut seinen Namen zu schreien. Tom ließ sich einfach nur einknicken, machte einen Schritt nach vorne, so dass der Gegner ins Leere lief, und brachte den Ball an den Mann. Danach hat er mich nur zwinkernd angeschaut. Man entwickelt einfach so etwas wie eine Beziehung auf dem Platz. Er hat meine Panik damals an der Stimme erkannt, und instinktiv gehandelt.“

Wie stehst du zu Colin Kaepernick und der Rassendiskussion in den USA?

(Auszug aus Wikipedia: Am 14. August 2016 kam es vor einem Trainingsspiel der San Francisco 49ers zu einem Eklat, als 240 Militärkräfte auf dem Footballfeld eine große US-Flagge präsentierten und Kaepernick sich für die US-amerikanische Nationalhymne, die vor jedem Spiel vorgetragen wird, nicht erhob. Mit seiner Weigerung wollte er gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten protestieren.

„Ich werde nicht aufstehen und stolz für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze und andere Farbige unterdrückt.“ Während des Trainings seiner Mannschaft trug er Socken, auf denen Polizisten als Schweine zu sehen waren. Am 21. April 2018 wurde Kapernick von Amnesty International für sein Verhalten als Botschafter des Gewissens ausgezeichnet.

Im September 2018 wurde Kaepernick neben Serena Williams und Basketballer LeBron James das Gesicht einer Jubiläumskampagne von Nike, mit welcher das Unternehmen seinen Slogan feierte. Teilweise verbrannten Kritiker von Kaepernick deshalb ihre Nike-Sportschuhe oder zerschnitten Socken von Nike und posteten es in sozialen Medien.)

Sebastian Vollmer: „Naja, die offizielle Version ist ja, dass er keinen Job bekommt, weil er nicht gut genug ist. Ob das so ist, lassen wir mal so dahingestellt. Klar, er ist kein Tom Brady, aber hatte bei San Francisco ein gutes Jahr. Leider fällt es dem Eigentümer des Clubs nicht ganz leicht damit umzugehen. Die Presse rennt dir die Bude ein, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Das bringt auch einen gewissen Grad an Ablenkung mit und ist es vielen Eigentümern nicht wert. Das Risiko finanzieller Einbußen ist wohl einfach zu hoch, um so einen polarisierenden Spieler weiter zu beschäftigen. Im Unterschied zum deutschen Profifußball befinden sich die Clubs im Privat- bzw. Familienbesitz, und jeder Eigentümer hat das Recht, die Dinge zu bestimmen. Und das größte Problem für Colin Kaepernick ist wohl die lange Praxispause, das wäre für jeden Spieler so. Es ist wohl keine wirkliche Lösung in Sicht.“

Chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz CTE

Footballstar Sebastian Vollmer ganz privat

Der ehemalige Footballstar heute ganz privat © Sebastian Vollmer

Inwieweit hat dich der Film „Erschütternde Wahrheit“ beeinflusst? Wie geht man als NFL-Footballer damit um? Hast du dich während deiner aktiven Karriere damit beschäftigt und gab es Rücktrittsgedanken, wie zum Beispiel bei San Franciscos Linebacker Chris Borland oder Miamis Tight End Jordan Cameron?

(Auszug aus Wikipedia: CTE ist eine eigenständige neurologische Erkrankung, langsam fortschreitende Tauopathi,  mit eindeutig durch Außeneinwirkungen, Kopfverletzungen, begründeter Ursache. Nach heutigem Wissensstand ist jeder neuropathologisch bestätigte CTE-Fall mit früheren wiederholten Schlägen oder Stößen an den Kopf verbunden. Die neurale Degeneration ist vermutlich Folge kleiner, traumatisch bedingter Blutungen. CTE tritt meist Jahre nach Beendigung einer Sportkarriere mit progressivem Verlauf auf. Bei 34 American Football-Spielern, deren Gehirn nach ihrem Tod histologisch untersucht wurde, korrelierte der Ausprägungsgrad der CTE mit der Dauer der Sportausübung, der Zeit nach Beendigung der Sportkarriere und dem Todesalter.)

Sebastian Vollmer: „Puh, das ist ein ganz schwieriges Thema. Ich habe den Film auch gesehen. Ist ein Hollywoodfilm, sehr aufwühlend und sehr pathetisch. Muss wohl auch so sein. Zur Studie: Bei 99 von 100 ehemaligen Profifootballern wurde CTE diagnostiziert. Dazu muss halt auch gesagt werden, dass es sich dabei um eine freiwillige Abgabe von Gehirnen handelte, d. h. die Frauen oder Mütter der verstorbenen Spieler hatten bereits eine Vorahnung, dass da etwas mit diesem Menschen nicht stimmt, und sie wollten Gewissheit haben.

Deshalb gaben sie die Gehirne zur Untersuchung frei. Wenn ein Spieler mit 80 Jahren stirbt, der nie verhaltensauffällig war, dann untersucht man ja auch nicht das Gehirn. Ich möchte aber deshalb nicht sagen, dass es diese Krankheit nicht gibt, oder dass es nicht gefährlich ist. Da ich selbst als ehemaliger Profi im Fadenkreuz stehe, beschäftigt mich das ganz klar. CTE lässt sich aber nicht messen oder diagnostizieren, außer du schneidest halt den Kopf auf. Das ich mir Sorgen mache, ist wohl übertrieben. Ich versuche so gesund wie möglich zu leben, sowohl für meinen Körper als auch für mein Gehirn.

Außerdem ist es im Prinzip auch schon zu spät, ich kann jetzt nichts mehr dagegen tun. Ich kenne viele ältere Spieler die lange Zeit vor mir gespielt haben. Zu Zeiten, die viel brutaler waren, und denen geht es sehr gut. Da ist halt gar nichts von CTE zu erkennen, deshalb konzentriere ich mich lieber darauf, in diese Kategorie zu fallen. Ich fühle mich gut, bin in der Lage eine Konversation zu halten, und fühle mich nicht anders als vor 10 Jahren.

Aber klar, das Risiko besteht. Jetzt in Angst zu leben, macht für mich keinen Sinn. Ich möchte mein Leben genießen. Manche Dinge werden überanalysiert. Du vergisst den Autoschlüssel und denkst, ah, jetzt ist es soweit, aber das sind nun mal Dinge die jedem von uns im Alltag passieren.“

 

Wie hältst du dich nach deiner Karriere fit?

Würdest du dich aufgrund deiner zahlreichen Verletzungen selbst als Sportinvaliden bezeichnen?

Sebastian Vollmer: „Sportinvalide ist wohl der richtige Ausdruck im Hinblick auf Leistungssport. Das wär nicht mehr möglich. Ansonsten bin ich immer noch ein sehr sportlich aktiver Mensch. Ich lebe am Strand, mache viel Paddle Boarding (SUP) und gehe sechs mal die Woche ins Fitnessstudio. Natürlich trainiere ich nicht in den Umfängen, wie als aktiver Footballer. Das Augenmerk liegt auf Gesundheit und Lebensqualität, verbunden mit viel Dehnen, Yoga…..“

Das heißt, du bist körperlich nicht eingeschränkt?

Sebastian Vollmer: „Eingeschränkt in bestimmtem Maße. Meine Schulter ist halt ein bisschen vorbelastet, und 1000 Mal einen Ball zu werfen, würde nicht funktionieren. Und klar, diverse Operationen sind einfach Dinge die hängenbleiben. Aber im Endeffekt geht’s mir gut, ich kann mit meinen Kindern spielen, kann Kniebeugen machen, mich hinlegen und von selbst wieder aufstehen, also alles paletti.“

Was machst du aktuell und was sind die Pläne für deine Zukunft?

Sebastian Vollmer: „Den typischen „Nine-to-Five-Job“ übe ich aktuell nicht aus, sondern meine Tätigkeiten sind eher projektbezogen. Das bedeutet Arbeiten für das Fernsehen, Podcasts, Buch schreiben, eher solche Dinge…“

Siehst du dich irgendwann mal als Trainer?

Sebastian Vollmer: „Nein, darin sehe ich mich eher nicht. Ich glaube das sind sehr besondere Menschen, vor allem auch in Deutschland, die ehrenamtlich arbeiten und auf vieles verzichten. Diese Gabe, das Einfühlvermögen, vor allem bei Kindern, ich weiß es nicht, vielleicht könnte ich es, vielleicht auch nicht. Klar, in den USA sind die Jobs als Trainer sehr gut bezahlt, aber die arbeiten noch mehr als die Spieler. Die Coaches sind so gut wie nie zuhause und sehen ihre Familien kaum. Ich weiß, dass es mir das nicht Wert ist, also meine Familie aufzugeben.“

Letzte Frage, dein Rat an alle deutschen Kids und Nachwuchsspieler…

…die mit dem Gedanken spielen, eine Karriere als Footballer/Profi einzuschlagen? Was kann man denen mitgeben?

Sebastian Vollmer: „Auf jeden Fall Englisch zu lernen, damit man den Stress nicht hat, wenn man auf das College geht, das hatte ich ein wenig versäumt. Und sucht euch in Deutschland auf jeden Fall Vereine aus, die solide Arbeit verrichten und von vorneherein nichts Schlechtes beibringen. Sogenannte Bad Habits, also schlechte Angewohnheiten, sind sehr schwer wieder rauszukriegen. Jeden Tag besser sein als davor, dann geht es eigentlich los.“

Wir bedanken uns für das tolle Interview und wünschen Sebastian Vollmer für seine Zukunft alles Gute!

 

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Trainingsworld

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