„Steinzeiternährung“ – Begründung mit Fehlschlüssen?

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Bei der Paleo Diet sollen nur Lebensmittel verzehrt werden, die bereits während der Steinzeit existierten. Dies soll chronisch degenerative Erkrankungen dezimieren. Grundsätzlich erscheint die Idee logisch, aber wie gesichert ist das Wissen über die tatsächliche Ernährung in der Steinzeit.

Was die Begründung der Paleo Diet anbelangt, würde es den Rahmen sprengen, an dieser Stelle alle Thesen genauestens zu untersuchen. Es gibt jedoch einen nennenswerten Aspekt auf der evolutionstheoretischen Ebene, der hier aufgezeigt werden soll. Eine immer wieder von Protagonisten der Steinzeiternährung aufgezeigte Begründung ist die bereits in Teil 1 angesprochene Anpassungsthese. Ihr zufolge sind alle physiologisch-biochemischen Merkmale des Menschen Anpassungen also Adaptationen (d.h. auf Selektion zurückzuführen). Der menschliche Organismus hat sich genetisch an die damals vorhandenen Lebensmittel bzw. ihre Inhaltsstoffe angepasst, weil sie für sehr lange Zeiträume (während des Paläolithikums) zur Verfügung standen. Somit sei aus präventiv-medizinischer Sicht diejenige Ernährungsweise optimal für Ihren Organismus, die unsere Vorfahren praktizierten. Die heutige Ernährungsweise, die nicht der des Paläolithikums entspricht, führe zu chronisch-degenerativen Erkrankungen. Kritisch anzumerken, ist hierbei, dass nicht jedes Merkmal eines Organismus das Ergebnis von Anpassung ist. Es kann ebenso eine Passung, also eine Aptation an bestimmte Umweltfaktoren bestehen, ohne dass es zu einer Adaptation kam. Hierbei wird die entscheidende Differenzierung der Begrifflichkeiten von den Vertretern der Paleo Diet nicht berücksichtigt, was zu Fehlschlüssen führt. So heißt es nicht automatisch, dass Merkmale von Organismen, die zu einem bestimmten Zweck evolviert sind, auch auf diesen Zweck beschränkt sind. Funktionswandel ohne genetische Anpassung ist ein Merkmal des Lebens. Der vermeintlich vegetarisch lebende Pandabär zum Beispiel weist die für Fleischfresser typischen Magen-Darm-Strukturen und Verhältnisse auf. Trotz deutlichem Wandel der Ernährungsweise zeigt die Magen-Darm-Morphologie noch immer das Nahrungsspektrum seiner Vorfahren auf. Der Gastrointestinaltrakt zeigt keine Anpassungen an die veränderte Ernährung auf. So ist der Magen-Darm-Trakt nicht zum Zweck des Bambusessens evolviert, ist aber in der Lage diese Funktion heute einzunehmen. (3) 

Lebensmittelauswahl der steinzeitlichen Ernährungsweise 

Es liegt auf der Hand, dass die prähistorische Ernährungsweise nicht direkt zugänglich ist und alle Überlegungen wie die Ernährung vor 2,5 Millionen Jahren ausgesehen hat, hypothetischer Art sind. Trotz archäometrischer Rekonstruktionen und anatomisch-morphologischen Befunden sind Fehlinterpretationen wahrscheinlich. Mit Jäger- und Sammlervölkern des 19. Und 20. Jahrhunderts fanden sich Modelle für das Ernährungsverhalten des Paläolithikums. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Völker die Ernährungsweise der Altsteinzeit adäquat repräsentieren. Als Jäger und Sammler werden Bevölkerungsgruppen im engeren Sinne bezeichnet, die ihre Ernährungsbedürfnisse ausschließlich über Jagd, Fischfang und das Sammeln von Nahrung decken und so ausschließlich von Wildfleich, Fisch, Nüssen, Obst und Gemüse leben. Doch auch dies ist nicht so eindeutig, wie es anmutet. Tatsächlich praktizieren viele als „Jäger und Sammler“ bezeichneten, heute eine Mischung aus Jagen und Sammeln einerseits und Pflanzenanbau und Tierzucht andererseits. Zumal die angesprochene prozentuale Verteilung je nach geographischen und klimatischen Verhältnissen, von der Jahreszeit sowie Erfolgen/ Misserfolgen der Jagd abhängig ist. Dadurch ergeben sich durch Analysen von Jäger- und Sammlergemeinschaften immense Variationsbreiten für die Nährstoffverteilung. Betrachtet man die Nahrungsmengen, stammen zwischen 0 und 85% aus pflanzlichen Produkten und zwischen 15 und 100 % aus tierischen Lebensmitteln. Das lässt konkrete Aussagen fast unmöglich erscheinen. Die einzig sichere Aussage zur Paleo Diet kann daher nur sein, dass diese ausschließlich aus gesammelten Wildpflanzen und erjagtem bzw. gefischtem Wildfleisch bestanden hat. (4) 

Schlussendlich bleibt abzuklären, ob eine Ernährungsempfehlung im Sinne der Paleo Diet ernährungsphysiologisch sinnvoll und empfehlenswert ist. Dies ist jedoch nicht so einfach zu beantworten. Letztendlich geht es doch um die prozentuale Verteilung der Hauptnährstoffe und die ist in der paläolithischen Ernährungsweise nicht festzulegen.

Hanna Sandig

 

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Literatur: 

1. New England Journal of Medicine (1985). 312, S. 283-289 

2. Journal of Nutritional & Environmental Medicine (2003). Bd 13 (3), S. 149–160 

3. Ernährungsumschau (2006). Bd 53 (1), S. 10-16 

4. Ernährungsumschau (2006). Bd 53 (2), S. 52-58

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Hanna Sandig

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