Agilität im modernen Leistungssport

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Agilität gilt als eine der wichtigsten Fähigkeitskomplexe, die ein moderner Athlet in allen Spielsportarten, aber auch vielen Individualsportarten besitzen sollte. Welche Komponenten bei der Entwicklung einer optimalen Agilität nicht zu vernachlässigen sind, ob FitLights und Koordinationsleitern überhaupt geeignete Tools zum Trainieren von Agilität sind und wie wir mit diesem Wissen unser Training optimieren können, möchte ich dir in diesem Artikel zeigen.

Lässt sich Agilität definieren?

Beim Versuch Agilität zu definieren lassen sich viele Parallelen zwischen unterschiedlichen Autoren finden, doch so gut wie alle sind sich einig, dass Agilität die Fähigkeit umfasst auf einen Reiz oder Stimulus hin möglichst schnell mit einer Bewegungsantwort in Form eines Richtungs- und/oder Geschwindigkeitswechsels zu reagieren.

David Joyce hat diesem Thema, in seinem vom Riva-Verlag ins deutsche übersetzte „Athletiktraining für sportliche Höchstleistung“, ein ganzes Kapitel gewidmet und dieser folgenden Grafik von Young, James und Montgomery beigefügt. Deutlich wird dabei, dass Agilität hauptsächlich aus den Komponenten der Richtungswechselgeschwindigkeit und der perzeptiv-kognitiven Geschwindigkeit besteht. Wie kommen nun die Autoren dazu Agilität und Richtungswechselschnelligkeit zu trennen? Könnte man nicht vermuten, dass dies ein und dasselbe bedeutet?

Woraus besteht Agilität?

Komponenten der Agilität

Die Komponenten der Agilität

Studien fanden heraus, dass sich Amateure und Profis im Rugby in ihrer Geschwindigkeit bei einem vorgegebenen Richtungswechsel kaum unterscheiden, dagegen aber die Profis bei Hinzunahme einer Entscheidungskomponente in der Testung deutlich besser abschnitten. Hieraus lässt sich ableiten, dass die Komponente der Situationswahrnehmung und Entscheidungsfindung (bzw. perzeptiv-kognitive Geschwindigkeit) einen wahrscheinlich sehr großen Anteil an der Agilitäts-Leistung besitzt.

Welche Modalität besitzt der häufigste Stimulus, der uns im Alltag des Sports begegnet?

Die meisten und auch die wichtigsten Stimuli sind visuell! Das Beobachten des Gegenspielers während ich auf ihn zu dribbele, das Lesen der Körperbewegungen in welche Richtung er sich bewegt und das Erkennen seiner Geschwindigkeit und relativen Position zu mir, sind Faktoren, die unser Wahrnehmungssystem verarbeitet und uns zur Verfügung stellt.

Lässt sich diese Komponente jedoch nun durch visuelle Stimuli von einer aufleuchtenden Lampe oder durch eine Koordinationsleiter trainieren?

Dafür untersuchten Oliver und Myers 2009 zwei Testverfahren, die grundsätzlich den gleichen Testaufbau nutzten, bei dem nach einem 5-Meter Sprint ein Richtungswechsel durchgeführt werden musste. Beim ersten Test sollte ein vorgegebener Richtungswechsel durchgeführt werden, beim zweiten Test musste die Richtung des Cuts auf einen Stimulus eines Lichtes hin ausgewählt werden. Zwischen den Ergebnissen beider Tests fand sich eine extrem hohe Korrelation (r=0,93), was die Autoren dazu verleitete zusammenzufassen, dass die Reaktion auf einen Lichtstimulus wie eines FitLights nur geringe Wahrnehmungsanforderungen besitzt und dass sport-spezifische Situationen mit solch einem Lichtstimulus nicht ausreichend nachgestellt werden können.

Wie lässt sich die Agilität verbessern?

Dies weist darauf hin, dass für die Verbesserung der Agilität auch eine Simulation eines Gegen- oder Mitspielers von Nöten ist, um den Anforderungen zur Verbesserung des Wahrnehmungssystemes gerecht zu werden. Dies zeigt sich auch in der Studie von Jackson et al. in 2006 als sie bei professionellen Rugby-Spielern herausfanden, dass diese in Videoaufnahmen bereits 120ms vor Aufsetzen des Fußes zum Richtungswechsel diesen deutlich präziser voraussagen konnten als Spieler aus dem Amateurbereich. Dies lässt sich nicht durch die Reaktion auf einen Lichtstimulus geeignet trainieren.

Was wir also in diesem Zusammenhang brauchen sind Übungsformen mit Gegenspielern/Mitspielern, nur so kann kontext- und sportartspezifisch ein geeigneter Trainingsreiz für die Entwicklung der Agilität gesetzt werden. Bereits im Kinder- und Jugendalter trainieren wir die Agilität optimal mit kleineren Fangspielen, diese schulen genau die Komponenten, die die Kinder später brauchen, um einem Gegenspieler auszuweichen oder davon rennen zu können. Bei all den neuen Trainingsmethoden und der allseits währenden Suche nach immer besseren Strategien Athleten zu fördern, manchmal reichen auch klassische Übungsformen vollkommen aus, um maximale Fortschritte in einem Trainingsbereich zu ermöglichen. Nutze dafür zum Beispiel verschiedene Spielformen auf verkleinerten Feldern, um so auch geeignete Übungen für fortschrittene Athleten zu erstellen.

Die Koordinations- bzw. Agilitätsleiter

Abschließend kommen wir noch ganz kurz zu unser so beliebten Koordinations- bzw. Agilitätsleiter. Macht sie Sinn? Durchaus! Kann sie die Agilität verbessern? Die Antwort lautet dabei: Eher nein! Da die Bewegung von vornherein vorgegeben ist, befinden wir uns eindeutig beim Thema Change of Direction, also ein Richtungswechsel, der nicht auf einen Stimulus hin stattfindet (Den Beginn einer Übung anzupfeifen macht auch aus einer COD-Übung keine Agilitäts-Übung!). Neben diesem Faktor ist noch ein ganz entscheidenedes Wahrnehmungssystem vernachlässigt, welches keine sportspezifischen und relevanten Reize erhält: Die Augen.

Ich persönlich habe noch keinen Athleten gesehen, der einem Gegenspieler perfekt ausgewichen ist während er auf den Boden geschaut hat. Fußarbeit und Koordination kann mit solch einer Leiter verbessert werden, aber der Übertrag dieser auf die Agilitäts-Leistung ist nur sehr geringfügig!

Weitere Artikel und Informationen rund um die Themenkomplexe Speed & Agility oder optimaler Entwicklung von Leistungsfähigkeit findest du auf meiner Facebook-Seite Develop Athletes bzw. auf meinem Blog www.develop-athletes.com. Über einen Besuch würde ich mich sehr freuen!

Viel Erfolg beim Umsetzen deines neuen Wissens!

Autor: Kevin Speer

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Quellen:

Jackson, R. C., Warren, S., & Abernethy, B. (2006). Anticipation skill and susceptibility to deceptive movement. Acta psychologica, 123(3), 355-371.

Oliver, J. L., & Meyers, R. W. (2009). Reliability and generality of measures of acceleration, planned agility, and reactive agility. International journal of sports physiology and performance, 4(3), 345-354.

Young, W., & Farrow, D. (2013). The importance of a sport-specific stimulus for training agility. Strength & Conditioning Journal, 35(2), 39-43.

 

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Über den Autor

Nicolai Napolski

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