Zielarten im Sport: „Nicht jeder Pfeil trifft, worauf er gezielt ist.“ (Horaz)

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Eigentlich sollte man doch ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass gerade leistungsorientierte Sportler (und natürlich auch Trainer) um die besondere Bedeutung der Zielsetzungsthematik wissen und die Zielsetzung dementsprechend bewusst und professionell angehen. Denn letztlich geht es doch insbesondere im Sport immer wieder um das Erreichen von Zielen. Doch weit gefehlt!

Viele Athleten und Trainer befassen sich erfahrungsgemäß mit dem Thema „Zielsetzung/Zielerreichung“ oberflächlich und nicht konkret genug. Wenn Athlet und/oder Trainer die Zielsetzung für eine bestimmte Zeit festlegen, müssen zahlreiche Punkte bedacht und spezifische Kriterien erfüllt werden, damit die Wahrscheinlichkeit möglichst groß ist, dass das anvisierte Ziel auch wirklich erreicht wird. Das Thema „Zielsetzung/Zielerreichung“ ist deshalb letztlich recht mannigfaltig und gar nicht banal. Ein Teilaspekt der Thematik ist die Frage nach den „Zielarten“, um die es in diesem Artikel gehen soll. Neben anderen wichtigen Punkten in Bezug auf die Zielsetzung müssen sich Sportler und Trainer bewusst machen, welche Arten von Zielen es eigentlich gibt, und entscheiden, welche Art von Ziel man sich für welchen Zweck setzen will. Im Großen und Ganzen kann man 3 Zielarten unterscheiden. Deren Kernelemente werden im Folgenden kurz und bündig beschrieben. 

  

Ergebnisziele

Ergebnisziele sind im Sport allgegenwärtig, da Sportler sich oft ganz bewusst mit anderen messen wollen, um ein besseres Ergebnis zu erreichen. Diese Ziele beschreiben also, welches Ergebnis, welche Platzierung im Wettkampf angestrebt wird (zum Beispiel Weltmeister werden wollen oder den 3. Tabellenplatz erreichen wollen, Qualifikationsränge sichern etc.). Ergebnisziele haben einen großen Einfluss auf die Motivation des Sportlers, gerade dann, wenn dauerhafte Motivation über lange Zeiträume mit harten Trainingsphasen gefordert ist. Hierbei ist aber zu bedenken, dass dieser schöne Motivationsschub nur dann zum Tragen kommt, wenn das angestrebte Ergebnis auch realistisch ist. Unrealistisch hoch gesteckte Ziele können dagegen sogar starken Stress und Versagensängste bei Sportlern auslösen. Die Konzentration auf die sportliche Handlung wird dadurch unter Umständen empfindlich gestört. Besonders anfällig dafür sind Athleten, die tendenziell misserfolgsängstlich sind.

Noch aus einem weiteren Grund müssen Ergebnisziele gut überdacht werden. Neben der Frage, ob die Erreichbarkeit einer bestimmten Platzierung überhaupt realistisch ist, muss bedacht werden, dass Ergebnisziele in zweifacher Hinsicht nicht unbedingt allein in der Hand des Sportlers liegen. Es gibt also immer auch Faktoren, die sich dem eigenen Einflussbereich des Sportlers entziehen. Einerseits weiß man letztlich nie, wie die Konkurrenz am Wettkampftag drauf ist. Vielleicht sind die Gegner an diesem Tag einfach mal besser?! Andererseits stammen die Ergebnisziele möglicherweise gar nicht vom Sportler selbst, sondern wurden durch externe Größen (zum Beispiel Verein, Trainer) vorgegeben.

Aus gutem Grund sollte sich der Sportler deshalb nicht nur Ergebnisziele setzen, sondern auch Leistungs- und Prozessziele, die das Ergebnisziel absichern und sinnvoll unterstützen.

 

Leistungsziele

Leistungsziele beschreiben individuelle Leistungsparameter, die nur in Bezug auf den Sportler selbst gelten (selbstgesteckte Referenzwerte und Maßstäbe), also nicht von anderen Sportlern abhängig sind. Als Leistungsziel könnte sich ein Leichtathlet für die kommende Saison zum Beispiel vornehmen, seine Zeit für die 400-Meter-Distanz um 3 Zehntel zu verbessern. Ein Fußballer möchte dagegen seine Trefferquote in der kommenden Saison um 15 % steigern. Leistungsziele sind für die stetige Leistungsentwicklung sehr wichtig, denn sie zeigen ja die gemachten Fortschritte auf. Damit wirken sie sich positiv auf Selbstvertrauen und Motivation aus. Das ist natürlich immer nützlich, wenn man zum Beispiel den gesamten Trainingsprozess in sinnvolle überprüfbare Teilziele aufteilen will. Außerdem bieten Leistungsziele während des Trainings eine Möglichkeit, die Wettkampfsituation zu simulieren.

 

Prozessziele (Handlungsziele)

Prozessziele definieren bestimmte Handlungen beziehungsweise die qualitative Ausführung einer Handlung. Sie beantworten also die Frage danach, wie bestimmte Strategien oder Fertigkeiten in einer bestimmten Situation umgesetzt werden sollen. Beispiele für Prozess- oder Handlungsziele sind die richtige Körperhaltung und –spannung einer Turnerin beim Abgang von einem Gerät, der rhythmische Schwung beim Golf, die korrekte Beinführung beim Brustschwimmen etc. Handlungsziele haben den großen Vorteil, dass sie eine begrenzte und überschaubare Größe darstellen und nur von den Fertigkeiten des betreffenden Sportlers abhängen. Sie leiten den Fokus auf den jetzigen Moment und die hier und jetzt geforderte Aufgabe. Das dient der Konzentration und Aufmerksamkeit auf das Wesentliche. Handlungsziele sind deswegen zum Beispiel auch besonders nützlich, um (in Wettkampf und Training) negative Gedanken zu unterbinden oder die Angst vor Versagen zu drosseln. Aufgrund ihrer bewussten Beschränkung auf die aktuelle Situation und Handlung haben Prozessziele verständlicherweise jedoch weniger starken Einfluss auf die langfristige Motivation.

 

Fazit

Aus den hier dargestellten Aspekten zu den verschiedenen Zielarten lässt sich zum einen der Schluss ziehen, dass keine der beschriebenen Zielarten zwangsläufig an sich besser oder schlechter ist als die anderen. Jede Zielart bringt für bestimmte Situationen und Aufgaben jeweils bestimmte Vor- und Nachteile mit. Dabei spielt natürlich aber immer auch die individuelle Persönlichkeit des Sportlers eine Rolle. Zum anderen wird deutlich, dass die größten Aussichten auf dauerhaften Erfolg für einen Sportler dann bestehen, wenn er alle Zielarten für seine konkrete Zielsetzung synergistisch nutzt und in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander bringt.

 

Jörg Schönenberg

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