Elastisches Kinesiotapen in der Sportmedizin

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Bunte Pflaster auf Sportlerkörpern gehören seit einigen Jahren zum gewohnten Anblick bei Sportevents. Zusehends wird auch im Alltag bunt beklebte Haut beobachtet. Dahinter verbirgt sich das vom japanischen Kinesiologen und Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase im Jahr 1973 entwickelte Kinesio Taping.

Ende der 1980er Jahre erstmals auf Wettkämpfen an asiatischen Sportlern zu sehen, wurde die Therapierichtung ein Jahrzehnt später vom Profi-Fußballer Alfred Nijhuis, durch seinen Wechsel von den japanischen Urawa Red Diamonds zu Borussia Dortmund, in Europa eingeführt. Gemeinsam mit seinem Schwager Gert-Jan Olthoff gründete er die Firma PhysioTape und vermarktete das Konzept. Seitdem hält das elastische Tapen mit all seinen weiterentwickelten Stilrichtungen unangefochten Einzug in die medizinischen Praxen und ins Fitness-Geschäft

 

Die mögliche Wirkung des Tapens

Das Taping wird als „funktionelle Verbandstechnik“(1) bezeichnet, welche unter Zuhilfenahme von Tapes (tape engl. [Klebe-] Band, Pflasterbinde) durchgeführt wird, die wiederum als mit einer selbstklebenden Masse beschichtete Gewebe unterschiedlicher Art definiert werden können. Die Verbreitung des Kinesiotapes gründet sich einerseits auf dem breiten Indikationsspektrum, das sich auf die Bereiche Prävention, Therapie, Rehabilitation und Leistungssteigerung erstreckt, und anderseits auf den Vorteilen, die dem elastischen Tapen zugesprochen werden. Im Detail sind dies: Die Unterstützung der körpereigenen Heilungsprozesse, kaum negative sensible Belastung oder allergische Reaktionen, reduzierte Kosten durch lange Anlagedauer, Kombination mit anderen Therapien und die Möglichkeit der Eigentherapie.

Das elastische Tapen, als Überbegriff jeglicher Form der Verwendung elastischer Tapes, könnte also wie folgt umschrieben werden:

Elastisches Tapen ist die Verwendung von elastischen Pflastern auf der Haut, um die körpereigenen Heilungsprozesse zu unterstützen. Dabei werden Aspekte der Kinesiologie, TCM, Farbenlehre und manuellen Medizin berücksichtigt.

Die Anwendung erfolgt gemäß dem Grundsatz „Aktivieren statt Fixieren“. Die auf diesem Grundsatz basierenden Wirkmechanismen sind neben einer Muskeltonusregulierung, auch als „Normotonisierung“ bezeichnet, und einem verbesserten Lymph- bzw. Blutfluss vor allem in der Unterstützung der Gelenk- und Muskelfunktion mittels propriozeptiver Stimulierung zu finden. Weitere förderliche Funktionen sind die passive Unterstützung, die mechanische Korrektur, die „Memory“- Eigenschaft, der Summationseffekt und der Einfluss auf die inneren Organe per kutiviszeralem Reflex.

 

Was bedeuten die Farben?

Die stets diskussionsauslösende Thematik der Farbwirkung und daraus resultierenden Farbwahl des Tapes wird an dieser Stelle nur kurz angesprochen. Die Wirkung von Farben ist bereits seit vielen Jahrhunderten bekannt. Auch der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe hat mit seiner Farbenlehre dazu beigetragen. Beim Elastischen Tapen werden die bekannten Wirkungen der Farben gezielt zur Beeinflussung des aktuellen Krankheitszustands eingesetzt. So kommt z. B. ein blaues Tape, welchem eine kühlende und beruhigende Wirkung zugeschrieben wird, vor allem bei akuten Entzündungen zum Einsatz. In einigen Richtungen des Elastischen Tapens werden die Farben mithilfe eines kinesiologischen Tests ermittelt. Auch können verschiedene Farben für ein Krankheitsbild angewandt werden, z. B. ein blaues Tape, um den Lymphabfluss zu steigern oder ein gelbes, um die Funktion neuronaler Strukturen zu sichern. In Tabelle 1 sind exemplarisch einige Farben und deren Wirkung aufgelistet.

 

FarbeWirkung
RotEnergie zuführend, anregend, stimuliert den Stoffwechsel
BlauEnergie entziehend, beruhigend, entspannend
GelbBeruhigend, stärkt Nervenkraft, aktiviert Gehirn, muntert auf
GrünAusgleichend, balanciert Herz und Nieren aus, unterstützt Regeneration

Tab. 1: Tapefarben und deren Wirkung

  

Kontrainidikationen für Tapebehandlungen

Wie bei jeder anderen Therapie gibt es zu beachtende Kontraindikationen, die allerdings ausschließlich relativen Charakter besitzen. Im Einzelnen sind diese:

– Frische Verletzung

– Hauterkrankungen und Erkrankungen mit Hautbeteiligung

Schwangerschaft

– Gefäßpathologien

– Bekannte Allergiebereitschaft

– Maligne Tumore/ Bestrahlung/ Chemotherapie

 

Um Kontraindikationen auszuschließen, wird im ersten Schritt der Behandlung die Diagnose gestellt. Diese ergibt sich aus der Anamnese sowie speziellen Funktions- bzw. Screeningtests.

Eine sich daran anschließende Beratung des Patienten bezüglich des Tapings fördert nicht nur die Compliance, sondern sollte bei jeder Therapierichtung obligatorisch durchgeführt werden.

 

Grundlagen des Tapens

Bevor nun das Tape aufgeklebt wird, ist die Haut zu präparieren. Sie muss sowohl trocken als auch fettfrei sein und eventuell störende Haare sind mittels Rasur zu entfernen. Weiterhin kann die Haut zur besseren Haftbarkeit mit manueller Bearbeitung oder Haftspray, das vor allem bei Sportanwendungen empfehlenswert ist, aktiviert werden. Es folgt das Abmessen des Tapes an der jeweiligen Körperstruktur. Nach dem Zuschneiden in I-,V-,Y-, X-, Kaskaden- oder Vielstreifenform, inklusive Abrunden der Ecken, was aus Sicherheitsgründen beides abseits des Patienten erfolgt, wird das Tape entsprechend der jeweiligen Klebetechnik mittels Handballen-, Pinzetten- oder Obergriff zügig aber kontrolliert, ohne die Klebschicht zu berühren, aufgeklebt. Eine Übersicht der möglichen Techniken ist in Tabelle 2 dargestellt.

 

Muskeltechnik
Ligamenttechnik/ Spacetechnik
Neuraltechnik
Faszientechnik
Lymphtechnik
Korrekturtechnik
Funktionelle Technik
Organtaping
Kombinationstape
Energetisches Tapen
PreCut®

Tab. 2: Taping-Techniken

 

In diesem Beitrag ist es aufgrund der Fülle der unterschiedlichen Techniken leider nicht möglich, deren Spezifika sowie Vor- und Nachteile explizit darzulegen.

Welche Taping-Technik zur Anwendung kommt, entscheidet der erfahrene Therapeut auf der Basis der Diagnose und der gewünschten zu erzielenden Wirkung. Hierbei ist auch eine Kombination von verschiedenen Techniken möglich bzw. häufig sogar zur raschen Linderung der Beschwerden erforderlich.

Das auf der Haut befestigte Tape wird nun durch mehrmaliges Reiben aktiviert. Die abschließende Kontrolle des Patienten und des Tapes beendet die erste Behandlung. Die Stoffwechselaktivität der Haut und der externe Wärme- und Feuchtigkeitskontakt sind exemplarische Faktoren für die Haltdauer des Tapes auf der Haut, die individuell sehr unterschiedlich ist und Stunden bis Wochen betragen kann. Das Entfernen des Tapes erfolgt bestenfalls in der Praxis und dient dem erfahrenen Therapeuten als Diagnostikum für die weiterführende therapeutische Intervention. Das Abziehen des Tapes in Haarwuchsrichtung und das anschließende Auftragen einer dermaprotektorischen Salbe ist empfehlenswert.

Anhand von 2 Praxisbeispielen sollen zum Abschluss noch einmal die Anwendungsmöglichkeiten verdeutlicht werden.

 

Fallbeispiel 1: Cervico-cephale Problematik

Der 26-jährige Tennisspieler hatte Beschwerden der Halswirbelsäule, die sich durch ein verkrampftes Gefühl äußerten und

Abb. 1: HWS-Taping

vom Nacken her bis in den Kopf aufstiegen und sogar teilweise Kopfschmerzen verursachten. Seine Leistung im Wettkampf und Training war daher sehr eingeschränkt. Die Beschwerden bestanden seit ca. 6 Monaten. Neben der Akupunktur und osteopathischen Behandlung kam das Taping zum Einsatz. Hierbei wurden, bis zum Erreichen der Beschwerdefreiheit, innerhalb von 3 Wochen 4-mal der Trapezius descendens sowie die zervikalen Anteile des Erector spinae mit der Muskeltechnik und der siebte Halswirbel (C7) mit einer Ligamenttechnik getapt (siehe Abb. 1). 

 

Fallbeispiel 2: Supinationstrauma

Der Patient war nach einem Supinationstrauma während eines Fußballspiels erstversorgt worden und kam 14 Tage später

Abb. 2: Taping nach Supinationstrauma

nach Abklingen der Schwellung mit weiterhin bestehenden Beschwerden in die Praxis. Die bildgebenden Verfahren ergaben keine Ruptur des Bandkomplexes der Außenseite des Fußes. Ein Hypertonus der Unterschenkelmuskulatur war manuell ebenso wie eine Druckschmerzhaftigkeit des Ligamentum calcaneofibulare festzustellen. Die Behandlung erfolgte mit einem Ligamenttape des algetischen Bandes und einer Korrekturtechnik in Pronation (siehe Abb. 2). Diese ersten Tapes hielten 4 Tage und wurden dann aufgrund der Normalisierung des Muskeltonus nur durch ein Ligamenttape ersetzt. Dieses hielt eine Woche und erzielte bereits Beschwerdefreiheit.

 

Fazit

Wie aufgezeigt handelt es sich beim Kinesio Taping um ein Therapeutikum, das bei fachmännischer Anwendung gegen eine große Bandbreite unterschiedlicher Verletzungen und Erkrankungen wirkungsvoll eingesetzt werden kann und mehr ist als farbenfrohes Equipment. Es ist jedoch ratsam, nicht in Eigenregie angeschlagene Körperstellen zu bekleben, sondern dies einem eigens dafür geschulten Experten zu überlassen.

Lesen Sie auch: Eine sinnvolle Hilfe oder doch nur viele bunte Streifen? 

 

Matthias Engel & Gabriel Duttler

 

Literaturangaben:

1. Eder, K. & Mommsen, H., 2007, Richtig Tapen – Funktionelle Verbände am Bewegungsapparat optimal anlegen. Balingen: Spitta.

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Trainingsworld

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