Trainieren bei Diabetes mellitus Typ II – Sport als Medikament?

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Diabetes mellitus ist eine erbliche Stoffwechselkrankheit und zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland. Man weiß inzwischen, dass Betroffene nicht nur Sport machen dürfen, sie sollten sogar. Denn sowohl Ausdauertraining als auch Krafttraining hilft gegen Diabetes.

Ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten dringen immer mehr in unseren Alltag. Wer kennt nicht jemanden der unter Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes mellitus Typ II zu leiden hat? Neben der meist notwendigen Medikation stellen die Säulen der Diabetestherapie eine Lebensstilintervention durch vermehrte körperliche Aktivität und Veränderung der Ernährungsgewohnheiten dar. Die Bedeutung der körperlichen Mehraktivität in der Prävention und Therapie des Diabetes mellitus ist seit Jahren unumstritten. Der Fokus lag hier jahrelang auf dem aeroben Ausdauertraining. Seit geraumer Zeit jedoch weiß man, dass Diabetes-Patienten ergänzend dazu von moderatem Krafttraining ebenfalls beachtlich profitieren.

 

Diabetes mellitus

Diabetes tritt in den unterschiedlichsten Krankheitsbildern auf, die sich hinsichtlich ihrer Ursachen, ihren Faktoren zur Entstehung sowie im Krankheitsbeginn und -verlauf unterscheiden. Ihnen ist jedoch Hyperglykämie, Glukosetoleranzstörung und Insulinmangel – absolut oder relativ – gemein. Definiert wird Diabetes mellitus als eine auf erblicher Grundlage beruhende, in höheren Altersklassen häufigere, im Allgemeinen fortschreitende Störung des Kohlenhydrat- sowie Fett- und Eiweißstoffwechsels infolge von Insulinmangel oder verminderter Insulinwirksamkeit.(1)

 

Klassifikationen des Diabetes

Die verschiedenen Krankheitsbilder des Diabetes werden in 4 Klassen eingeteilt:

1. Typ-I-Diabetes

2. Typ-II-Diabetes

3. Andere spezifische Typen

4. Gestationsdiabetes

 

Dem Typ-I-Diabetes liegt eine Zerstörung der β-Zellen der Langerhans-Inseln des Pankreas, also der Bauchspeicheldrüse, zugrunde. Hier werden diejenigen Zellen des Körpers zerstört, die für die Insulinproduktion verantwortlich sind. Beim Typ-I-Diabetes liegt meist ein absoluter Insulinmangel vor, weswegen man auch von Insulin-dependent-Diabetes spricht. Je nach Ursache wird der Typ-I-Diabetes in Typ I a und Typ I b eingeteilt. Beim Typ-I-a- Diabetiker ist die Krankheit immunologisch vermittelt, das heißt, es kommt zu einer Autoimmunreaktion gegen die β-Zellen. Beim Typ-I-b-Diabetiker bricht die Krankheit ohne erkennbare Ursache aus.

Dem Typ-II-Diabetes liegen die Insulinresistenz und später ein daraus resultierender Insulinsekretionsdefekt der β-Zellen zugrunde. Typ-II-Diabetiker leiden meist unter einem relativen Insulinmangel, weswegen man auch vom Non-Insulin-dependent- Diabetes spricht.

Neben den 2 Hauptformen der ersten beiden Klassen werden in der 3. Klasse andere spezifische Diabetes Typen zusammengefasst. Der Gestationsdiabetes der 4. Klasse wird auch als Schwangerschaftsdiabetes bezeichnet, da hier erhöhte Blutzuckerwerte erstmals während der Schwangerschaft auftreten.(2)

 

Wie kommt es zum manifesten Diabetes?

Der Zeitpunkt der Erkrankung des Typ-II-Diabetes liegt meist über dem 40. Lebensjahr. So sprach man lange auch vom so genannten Altersdiabetes. Allerdings erkranken derzeit auch immer mehr jüngere Menschen an Diabetes Typ-II. Diese Diabetesform steht in engem Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom. 80 % der an Typ-IIDiabetes erkrankten Menschen leiden an Übergewicht oder Adipositas.

Voraussetzung für eine manifeste Diabeteserkrankung ist trotzdem eine genetische Disposition. Zu Beginn der Erkrankung steht die genetisch determinierte Insulinresistenz, was bedeutet, dass das Muskelgewebe, sowie das Fettgewebe und die Leber unempfi ndlicher gegenüber Insulin werden. Der Körper versucht dies auszugleichen, indem er vermehrt Insulin ausschüttet um den Glukosetransport in die Zellen zu gewährleisten. Somit liegt ein ständig erhöhter Blutinsulinspiegel vor. Diese Hyperinsulinämie in Verbindung mit einer ungesunden Lebensweise, d. h. mit fettreicher Ernährung und Bewegungsmangel, unterstützt bzw. führt zu Übergewicht und Adipositas und zu den daraus resultierenden typischen Symptomen des metabolischen Syndroms. Dies wiederum verstärkt die Insulinresistenz: Der Körper steckt in einem Teufelskreis.(1) Die Erkrankung an Typ-II-Diabetes findet im Gegensatz zum Typ-I-Diabetes schleichend statt. So wird anfänglich der Glukosestoffwechsel noch kompensiert. Sobald jedoch die β-Zellen die Mehrproduktion an Insulin nicht mehr schaffen, kommt es zur Hyperglykämie und zur Glukoseintoleranz und somit zum manifesten Typ-II-Diabetes.(2)

 

Ernstzunehmende Warnsignale

Frühsymptome sind beispielsweise Muskelschwäche, Abgeschlagenheit und Müdigkeit, die durch den schon verminderten Kohlenhydratstoffwechsel verursacht werden. Weitere Symptome sind der Nachweis von Zucker im Urin und ein damit verbundenes unnatürlich großes Durstgefühl. Signale, auf die Sie achten sollten, sind bei anhaltender Müdigkeit und Abgeschlagenheit ein stark vermehrter Harndrang und übel riechender Atem. Fallen Ihnen derartige Symptome auf, sollten Sie Ihren Hausarzt konsultieren.

 

Die Wirkung sportlicher Betätigung

Wie schon erwähnt, umfasst die Diabetesbehandlung derzeit 3 Bereiche: Medikamente bzw. Insulingabe, Ernährung und Bewegung. Ziel ist es, die akute Stoffwechsellage zu stabilisieren. Langfristig soll sich der Blutzuckerspiegel normalisieren und das diabetische Spätsyndrom verhindert werden. Körperliche Aktivität beim Stoffwechselgesunden führt zu einer Verringerung der Insulinsekretion in der Bauchspeicheldrüse. Die hemmende Wirkung des Insulins ist nicht mehr gegeben und es kommt zum Abbau von Glykogen, der Speicherform der Glukose. Ebenfalls gelangen vermehrt freie Fettsäuren ins Blut. Die Insulinsensitivität steigt. Bei einem gesunden Sporttreibenden reagiert der Organismus mit einer mäßigen Blutzuckersenkung von etwa 30 mg%.

 

Sport als Therapie – großer Nutzen für Diabetiker

Sportliche Betätigung muss für Diabetiker gut dosierbar sein und einen festen Platz im Alltag einnehmen. Nur durch eine langfristige Regelmäßigkeit kann optimal davon profitiert werden. Sie sollten mindestens 2 Trainingseinheiten pro Woche einplanen. Das Blutzuckerverhalten unter Belastung wird außerdem über die Zeit einschätzbarer. Ein positiver Effekt stellt die Möglichkeit der Reduzierung der Insulindosis dar. Glukose wird durch körperliche Aktivität effektiver verstoffwechselt und somit die Glukosetoleranz verbessert, die Gefahr einer Übersäuerung vermindert sich hiermit und es werden weniger Fettsäuren mobilisiert. Bereits ein einziges Ausdauertraining kann die Insulinsensitivität um 16 Stunden erhöhen. Voraussetzung dafür ist jedoch die Regelmäßigkeit der sportlichen Betätigung. (Lesen Sie auch: Auswirkung von Ausdauertraining bei Typ 2 Diabetes-Patienten

 

Krafttraining und seine Bedeutung für Diabetiker

Durch Krafttraining wird die Insulinresistenz in der Muskelzelle positiv beeinflusst. Genau wie beim aeroben Ausdauertraining wurde auch für Krafttraining eine Verbesserung der glykämischen Stoffwechsellage festgestellt. Durch Krafttraining lässt sich eine Veränderung der Körperzusammensetzung zu Gunsten der Muskulatur bewirken. Dies bedeutet ebenfalls eine Reduktion des stoffwechselaktiven, pathophysiologisch bedeutsamen Unterhautfettgewebes. Optimalerweise findet eine Reduzierung des Fettgewebes am Bauch statt. Am günstigsten ist eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining, da synergistische Effekte bezüglich der glykämischen Stoffwechsellage nachgewiesen worden sind.

 

Praktische Empfehlungen für Ihr Krafttraining(3)

– 3-mal pro Woche Krafttraining

– Alle großen Muskelgruppen mit einbeziehen

– Bevorzugen Sie dynamisch-konzentrische Belastungen

– Ihr Ziel: 3 Durchgänge mit jeweils 8–12 Wiederholungen

– Die Intensität sollte moderat bis hoch gewählt sein und somit 70–80 % des Repetition Maximums (RM) entsprechen

 

Dennsi Sandig

 

Quellenangaben:

1. Behrmann & Weineck (2001): Diabetes und Sport. Balingen: Spitta Verlag

2. Rost (Hrsg.) (2005): Sport und Bewegungstherapie bei inneren Krankheiten. Köln: Deutscher Ärzte- Verlag

3. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2011. Bd. 62 (1), S. 5–9 PPE

 

Fachsprache

Hyperglykämie – Bezeichnung für einen zu hohen Blutzuckerspiegel

Glukosetoleranzstörung – Vorstufe des Diabetes mellitus, von einer Glukosetoleranz spricht man, wenn die Kohlenhydratverwertung gestört ist

Metabolisches Syndrom – sich gegenseitig negativ bedingende Zustände wie Übergewicht, Bluthochdruck, Hyperinsulinämie, Glukosetoleranzstörungen, Fettstoffwechselstörungen und Hyperurikämie werden bei gemeinsamem Auftreten als sogenanntes „metabolisches Syndrom“ zusammengefasst

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Über den Autor

Dennis Sandig

Dennis Sandig arbeitet als Sportwissenschaftler am Institut für Sportwissenschaften der Julius-Maximilians Universität in Würzburg.

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