Sportverletzung: Die Kieferfraktur

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Die Kieferfraktur – eine häufige Sportverletzung z. B. bei Kontaktsportarten, aber auch im Fußball, wie vor kurzem Sven Bender vom BVB feststellen musste. Wie es dazu kommt und wie sie behandelt wird erklärt Björn Reindl.

Anatomie

Der Kiefer besteht aus dem beweglichen Teil, dem Unterkiefer (Mandibula), und dem unbeweglichen Oberkiefer (Maxilla). Diese beiden Knochen beinhalten die Zahnreihen. Das Kiefergelenk wird aus dem Gelenkköpfchen des Unterkiefers und der Gelenkpfanne am Schläfenbein des Schädels gebildet.

 

Ursachen

Die Ursachen einer Kieferfraktur sind meistens traumatischer Natur, durch Sport- oder Verkehrsunfälle sowie durch Gewalteinwirkung von außen. Kürzliches Opfer einer solchen Sportverletzung ist z. B. Fußballer Sven Bender vom BVB. Auch beim Boxen ist die Fraktur des Kiefers eine nicht seltene Erscheinung. Auch kann es durch Zysten oder Tumore im Bereich der Kiefer- oder Schädelknochen zu sekundären Frakturen kommen.

Der Kieferknochen ist ein eher platter Knochen, der nicht so widerstandsfähig ist wie z. B. ein Oberschenkelknochen, daher bricht er schneller.

 

Symptome

Traumatisch bedingt kommt es meist zu einer sofortigen Schwellung bzw. Einblutungen mit Schmerzen, zu Bewegungsverlust und ggf. zu sichtbaren Veränderungen der Kontinuität der Kieferknochen. Daher sind Störungen der Mundöffnung und des Mundschlusses in der Regel auch zu finden. Bei pathologischen Frakturen ohne Trauma muss das nicht unbedingt der Fall sein, der Patient hat das Gefühl „die Zähne passen nicht mehr aufeinander“ oder „der Kiefer ist verschoben“.

 

Diagnosestellung

Nach einer Palpationsuntersuchung (Tastbefund) des Kiefers kann meist schon eine Diagnose gestellt werden. Zur genauen Festlegung der Therapie ist es allerdings ratsam ein Röntgenbild, ggf. sogar ein 3D-Bild, anfertigen zu lassen.

 

Einteilung und Behandlung

Man unterscheidet Frakturen des Kieferknochens von denen des Gelenkfortsatzes oder -halses. Auch Luxationsfrakturen sind denkbar. Nicht alle müssen operiert werden, allerdings ist die OP heute das Mittel der Wahl, da sonst die Komplikationen unter der Ruhigstellung den Patienten stark beeinträchtigen.

Je höher die Bruchstelle am Gelenkköpfchen sitzt, desto weniger gut ist sie zu operieren und wird konservativ teilweise nur mit Ruhigstellung versorgt. Bei Kindern steht auch eher die konservative Versorgung im Vordergrund, da das Risiko hoch ist, die Wachstumszonen der Knochen zu verletzen sofern dies nicht durch den Bruch schon geschehen ist.

Bei allen konservativen Versorgungen ist eine Ruhigstellung durch Drahtschlingen zwischen Ober- und Unterkiefer vonnöten. Die Ernährung erfolgt in dieser Zeit ausschließlich über flüssige Nahrung, da der Kiefer wenig belastet werden darf.

Bei Kindern ist die Knochenheilungszeit geringer als bei Erwachsenen. Daher sind die Probleme bei konservativer Behandlung hier nicht so groß. Denn wenn der Kiefer ruhiggestellt ist, kann auch die Mundhygiene nicht in vollem Umfang stattfinden und die Ernährung muss teilweise über eine Magensonde erfolgen. Daher sollte beim Erwachsenen immer über eine OP nachgedacht werden.

Wird ein operatives Verfahren nötig, handelt es sich meistens ebenso um Schienen oder Drähte aus Titan, die operativ in den Kiefer eingebracht werden, um diesen zu stabilisieren. Bei diesem Verfahren kann weitestgehend auf eine Entlastung verzichtet werden.

 

OP-Verfahren

Der häufigste Zugangsweg ist durch die Mundhöhle. Im ersten Schritt wird das Gewebe über dem Frakturbereich eröffnet. Die Frakturenden werden freipräpariert, die Nerven freigelegt und gesichert. Blutstillung ist hier wichtig, um das Hämatom so klein wie möglich zu halten. Die Bruchenden werden vorsichtig gereinigt in ihre ursprüngliche Position gebracht, wo sie mit Titanplättchen gesichert werden.

Im Seitenzahngebiet sind 2 Titanplatten und im Kieferwinkelbereich eine längere Titanplatte in der Regel ausreichend. Ist die Fraktur sehr verschoben oder war es ein Trümmerbruch kann es notwendig sein, den Ober- mit dem Unterkiefer nach der Operation noch einige Zeit ruhig zu stellen. Dies ist in den meisten Fällen aber nicht notwendig.

Auch bei Frakturen des Gelenkfortsatzköpfchens wird durch eine möglichst genaue Rekonstruktion ein langes Ruhigstellen vermieden. Die Entfernung der Fäden erfolgt nach ca. 10 Tagen wie bei anderen OPs auch. Die Titanplatten verbleiben bei Erwachsenen für ca. 6-9 Monate und werden dann über den gleichen Zugangsweg wieder entfernt.

Auf dem Gebiet der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten einiges passiert. Dies ermöglicht heute den Einsatz enossaler (innerhalb eines Knochens) Implantate, sogar unter extrem ungünstigen Vorraussetzungen. Vor allem die Versorgung tumorbedingter Frakturen oder anderweitiger Defekte im Bereich der Kieferknochen hat sich verbessert.

Ist es notwendig, längere Strecken des Unterkiefers zu ersetzen (bis zum Ersatz eines gesamten Unterkiefers), haben sich Fibulatransplantate (Wadenbein) bewährt. Diese bestehen überwiegend aus Kompakta (äußerer Knochenschicht) und sind so geeignet für enossale Implantate. In einigen Fällen entscheiden sich die Operateure auch für ein Transplantat aus einer Rippe.

 

Nach der OP

Die Zeit der Krankschreibung beträgt je nach Schwere der Fraktur 2-6 Wochen. Ist der Kiefer anatomisch korrekt fixiert worden kann der Patient schon kurze Zeit nach der OP wieder den Mund leicht öffnen und schließen. So ist es möglich, weiche Kost wie z. B. Toastbrot, weiche Bananen, Rührei und ähnliches, zu sich zu nehmen. Nach 4-6 Wochen ist die volle Belastbarkeit wieder erreicht. Sollte doch eine längerfristige Ruhigstellung erforderlich sein, kann die Ernährung zunächst nur durch eine Magensonde und erst später wieder oral erfolgen.

Bei Bedarf können Schmerzmittel gegeben werden. Je nach Grad der Schwellung kann die Heilung durch Lymphdrainage und einige Formen der Elektrotherapie beschleunigt werden. Auch die Muskulatur des Kiefergelenks sollte während der Heilungsphase behandelt werden. Es baut sich eine Schutzspannung auf, die unter Umständen in der Zukunft zu Beschwerden führen kann. Nach Erreichen der vollen Belastbarkeit muss gegebenenfalls noch der volle Bewegungsumfang therapeutisch erarbeitet werden.

 

Komplikationen

Abgesehen von den üblichen Narkoserisiken ist bei Operationen im Bereich des Kiefers immer die Gefahr von Zahnverlust gegeben (Zahnverletzungen im Sport). Auch der N. trigeminus (innerviert sensibel das Gesicht und motorisch die Kaumuskulatur) kann unter der OP Schaden nehmen. Die Folgen können von einer tauben Unterlippe bis zum Verlust der Kaumotorik reichen. Wie bei jedem Implantat ist auch hier das Risiko der Infektion des Materials nicht ausgeschlossen.

 

Björn Reindl

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