Prävention und Rehabilitation von Verletzungen der ischiocruralen Muskulatur

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Verletzungen der „ischiocruralen Muskulatur“ gelten vor allem bei Spielsportarten und bei Läufern als die dritthäufigste Verletzung, nach Verletzungen an Knien und Sprunggelenken. Wie kann man Vorbeugen und wie sieht eine Behandlung aus?

Unter der „ischiocruralen Muskulatur“ versteht man die Bein beugende Muskulatur. Hierzu zählen die Muskeln M. biceps femoris, M. semitendinosus und der M. semimembranosus. Verletzungen dieser Muskelgruppe, vornehmlich Zerrungen und Muskelfaserrisse, gelten vor allem bei Spielsportarten und bei Läufern als die dritthäufigste Verletzung, nach Verletzungen an Knien und Sprunggelenken. Der Anteil der Verletzung wird in der Literatur mit Werten zwischen 12 % und 30 % aller auftretenden Verletzungen angegeben.(1,2)

Die Zeit bis zum Wiedereinstieg in das Training beträgt normalerweise 8–25 Tage, je nach Schweregrad und Lokalisation der Beeinträchtigung, was wiederum für die rehabilitativen Maßnahmen von Bedeutung ist. Der M. biceps femoris ist hierbei zu etwa 80 % betroffen.(1) Grundlegend werden 3 Grade unterschieden (Siehe Tab. 1).(3)

 

Grad

Pathophysiologie

Symptome/Zeichen

1. Grad

Weniger als 5 % der Muskel-/Sehnen-Einheit gerissen

Geringe Schwellung, leichte Schmerzen, ohne Kraftverlust

2. Grad

Ernstere Verletzung mehrerer Fasern ohne kompletten Abriss der Muskel-/Sehnen-Einheit

Klarer Kraftverlust mit deutlichen Schmerzen

3. Grad

Kompletter Abriss der Muskel-/Sehnen-Einheit

Verlust der Muskelfunktion und deutliche Hämatombildung

Tab. 1: Verletzungsgrade der ischiocruralen Muskulatur

 

Ein weiteres großes Problem dieser Verletzung ist ihr Wiederauftreten nach der Rückkehr zur sportlichen Aktivität. Die Gefahr einer erneuten Verletzung beträgt etwa 30 % und ist vor allem in den ersten 2 Wochen nach Wiedereinstieg am höchsten.(6) Dies liegt meist an dem zu frühen Wiedereinstieg, der nicht ausreichenden Rehabilitation oder einer Kombination aus beidem.

 

Verletzungsmechanismen

Zu Muskelfaserrissen kommt es meist, wenn Muskeln aktiv über ihre eigentliche Länge gedehnt werden (lesen Sie dazu auch: Sportverletzungen: Der Muskelfaserriss – Risikofaktoren und Therapie). Ein einfaches Dehnen, ohne den Muskel zu aktivieren, oder eine Aktivierung, ohne den Muskel zu dehnen, führt noch nicht zu einer Verletzung. Erst, wenn der aktivierte Muskel gleichzeitig zu stark gedehnt wird, kann es zu einer Verletzung kommen. Alle 3 Muskeln der ischiocruralen Muskulatur sind biartikular. Das heißt, dass sie im Bewegungsverhalten verschiedene Funktionen erfüllen. Neben ihrer Aufgabe als Kniebeuger fungieren sie gleichzeitig als Hüftstrecker.

Das führt dazu, dass sie sich bei gebeugter Hüfte und gleichzeitig gestrecktem Knie unter hoher Spannung befinden. Daher geschehen die meisten Verletzungen beim Laufen auch während des Endes der Schwingphase, kurz bevor das freie schwingende Bein wieder Kontakt mit dem Untergrund bekommt. Denn die Muskeln, vornehmlich der M. biceps femoris, sind dabei stark gedehnt und werden zusätzlich aktiviert, um die nächste Stützphase einzuleiten.(1,2,4) Dies geschieht häufig, wenn beim Laufen der Unterschenkel kurz vor Aufsetzen des Fußes zu weit nach vorne reicht. Neben der Überbelastung können sich auch Ermüdung, eine geringe Flexibilität oder ein falsches Kraftverhältnis zwischen den Beinstreckern und Beinbeugern verletzungsfördernd auswirken.

Dies ist auch ein Grund, weswegen es nach Wiedereintritt häufig zu erneuten Verletzungen kommt. Da sich derartige Verletzungen meist am Muskel-Sehnen-Übergang ereignen, kommt es nach der Regeneration der muskulären und kollagenen Fasern häufig zu einer Formation von Narbengewebe, welches die Flexibilität und damit das Längen-Spannungs-Verhältnis der Muskulatur ändert.(4)

  

Rehabilitationsmöglichkeiten

1. Akute Phase

Kontrolle der Entzündung, Bewegung in der sagitalen Ebene

2. Subakute Phase

Schmerzfreies Dehnen, leichtes Fahrrad fahren, isolierte Kräftigungsübungen für die ischiocrurale Muskulatur

3. Remodellierungsphase

Vermehrt progressive, immer noch isolierte Kräftigungsübungen, zu-sätzlich exzentrische Belastung, schmerzfreies Dehnen

4. Funktionelle Phase

Laufen, Sprinten, sportartspezifische Übungen, weiteres Kräftigen und Dehnen auch der angrenzenden Muskulatur

Tab. 2: Phasen der Rehabilitation

 

Ein Muskelfaserriss der ischiocruralen Muskulatur sollte nicht einfach nur „ausgesessen“ werden, da hier die Gefahr besteht, dass das ursprüngliche Längenverhältnis nicht mehr stimmt und es zu weiteren Verletzungen kommt.

Grundlegend lässt sich die Rehabilitation in 4 Phasen, basierend auf den theoretischen Heilungsprozessen der verletzten Strukturen, unterteilen:(3)

Es lässt sich deutlich aufzeigen, dass ein zusätzliches Beweglichkeitstraining beispielsweise in dynamischer Form mit einer Koordinationsleiter, zu wesentlich weniger Wiederverletzungen führt als ein Dehn- und Kräftigungsprogramm allein. Sherry & Best verglichen hierzu 2 verschiedene Rehabilitationsprogramme und konnten zeigen, dass die Wiederverletzungsrate bei der Gruppe, welche statisches Dehnen und isoliertes Kräftigen absolvierte, nach 1 Jahr bei 70 % lag.(3) Im Gegensatz dazu wies die 2. Trainingsgruppe, welche dynamisches Dehnen, Kräftigungs- und Agilitätsübungen absolvierte, einen Wiederverletzungswert von nur 7,7 % auf. Dementsprechend ist zu sagen, dass ein Rehabilitationsprogramm nicht nur aus Dehnübungen, sondern zusätzlich auch aus Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen bestehen sollte. Dabei kann der Sportler durch die Arbeit in verschiedenen Hüftwinkeln zusätzlich eine Gewichtsverschiebung und Kontrolle der Rumpfbewegungen erlernen.(4) Für eine genauere Auswahl an Übungen sei auf den Artikel von Sherry, M.A. et al. verwiesen.(4)

  

Präventionsmöglichkeiten

Bevor es überhaupt zu einer Verletzung kommt, kann der Sportler allerdings präventiv arbeiten um die ischiocrurale Muskulatur zu kräftigen. Hierzu bieten sich vor allem dynamische Aufwärmübungen, wie z. B. Marschieren mit gestreckten oder gebeugten Beinen, Ausfallschritte oder aktive Dehnübungen an.(4)

 

Auftreten

plötzlich

Schmerz

mild bis stark

Funktion

Probleme beim Gehen und Rennen

Lokales Hämatom

primär bei schwereren Verletzungen

Palpation

erheblich erhöhte Spannung ggf. Delle ertastbar

Abnahme der Kraft

beträchtlich

Abnahme der Flexibilität

beträchtlich

Slumptest

negativ

Bildgebende Diagnostik (Ultraschall, MRT)

Abnormalitäten

Tab. 3: Symptome der Verletzung

Des Weiteren sollte ein gezieltes Krafttraining, inklusive exzentrische Übungen, durchgeführt werden. Denn gerade nach exzentrischen Übungen lässt sich ein deutlicher Rückgang von Verletzungen verzeichnen. Brughelli, Cronin schreiben hier von einer Reduktion von 67 % nach nur 10 Wochen des Trainings.(1)

Hierfür bieten sind u. a. Übungen wie exzentrische Boxdrops, Ausfallschritte rückwärts, Glutaenbrücke mit langsamem Zurücklaufen, exzentrisches Kreuzheben mit gestreckten Beinen, einbeiniges Kreuzheben oder Nordic Biceps Curls an.(1,2) Ergänzend ist ein Techniktraining zum Erlernen der richtigen Lauftechnik hilfreich und sinnvoll.

 

Fazit

Verletzungen sind im Sport ein sehr kostenintensives Geschehen. Zum einen kosten Therapie und mögliche invasive Maßnahmen viel Geld, zum anderen fällt der Sportler mitunter eine längere Zeit aus, so dass Trainingszeit verloren geht und ein Rückschritt in der Leistungsfähigkeit ausgeglichen werden muss. Auch wenn Verletzungen der ischiocruralen Muskulatur häufig auftreten, lässt sich nicht nur rehabilitativ sondern auch präventiv viel dagegen tun. Das Einbauen exzentrischer Krafttrainingsübungen in den regulären Trainingsplan (ein bis zwei pro Woche) kann sowohl den Schweregrad der Verletzung mindern, als auch deren Heilungsprozess beschleunigen.(1) Falls es mal zu einer Verletzung gekommen ist, sollte darauf geachtet werden, dass der Sportler keinen Schmerz mehr verspürt, das komplette Bewegungsausmaß wieder erlangt hat und auch sportartspezifische Belastungen ohne Probleme ausführen kann. Außerdem sollte auch kein Kraftdefizit in der verletzten im Vergleich mit der gesunde Extremität bestehen, bevor der Athlet seine Tätigkeit wieder aufnimmt.

Gregor Rosenkranz

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Literaturangaben:

1. Strength and Conditioining Journal, 2008, Bd. 30 (1), S. 55–64

2. Hamstring Strain Injuries: Recommandations for Diagnosis, Rehabilitaion, and Injury Prevention. In: Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2010, Bd. 40 (2), S. 67–81

3. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2004, Bd. 34, S. 116–125

4. Strength and Conditioning Journal, Bd. 33(3), S. 56–71

5. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 2003, Bd. 13, S. 244–250

6. Orchard, J.W. / Best, T.M. (2002): The Management of Muscle Strain Injuries: An early return versus the risk of recurrence. Clinical Journal of Sport Medicine, 2002, Bd. 12, S. 3–5

7. Starkey, C./ Brown, S.D./ Ryan, J.L. (2010): Examination of Orthopaedic and Atheltic Inujuries. 3rd Edition. F.A. Davis Company Philadelphia

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Trainingsworld

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