Handverletzungen in Sport und Training

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Die möglichen Verletzungsarten der Hand sind ebenso vielfältig wie deren Auswirkung auf eine bestimmte Disziplin. Erfahren Sie hier Wissenswertes über Handverletzungen in Sport und Training!

Während auch schwere Handverletzungen im Fußball kaum Einfluss auf die Spielfähigkeit haben müssen, können bereits kleinere Blessuren im Sportklettern stark leistungslimitierend wirken. Noch in Erinnerung wird vor allem den Radsportzuschauern sein, wie Tony Martin 10 Etappen der Tour de France mit gebrochenem Kahnbein fuhr, bis er schließlich das Rennen aufgrund der starken Schmerzen beenden musste, knapp 3 Wochen später aber olympisches Silber erringen konnte.

Das Eingangsbeispiel zeigt, dass bestimmte Verletzungsarten akut mit deutlichen Leistungseinbußen verbunden sind, innerhalb individueller Heilungsverläufe aber schnell wieder Wettbewerbsfähigkeit erlangt werden kann. Aufgrund der Vielzahl der Schadensbilder gibt es kaum einheitliche Empfehlungen oder Handlungsanweisungen, wann welche Belastungen in welcher Disziplin wieder möglich sind. Im Nachfolgenden soll daher versucht werden, einige wesentliche Charakteristika von Handverletzungen und deren Auswirkungen auf die Trainings- oder Wettkampffähigkeit darzustellen.

 

Leichte Verletzungen

Leichte Verletzungen der Hand betreffen die Haut, die durch Blasen oder Abschürfungen beeinträchtigt werden kann. Blasen treten dann auf, wenn Trainingsumfänge nach längerer Pause abrupt gesteigert werden (z. B. Tennis, Rudern, Turnen). Sie werden dann problematisch, wenn Kontaktschmerzen einen ungewohnten oder unnatürlichen Griff am Sportgerät provozieren und so Schädigungen oder Überlastungen an inneren Strukturen verursacht werden.(1) (Lesen Sie auch: Verletzungen des Handgelenks bei Tennisspielern)

  

Mittlere und schwere Verletzungen

Das Spektrum der massiveren Handschäden, welche ungefähr 17 % aller Sportverletzungen betreffen, umfasst Knochen, Sehnen und Bandverletzungen an Hand, Handgelenk und Fingern. An letzteren sind Nagelverletzungen besonders häufig. Unterschieden werden muss zudem zwischen akuten Verletzungen und chronischen Schadens- bzw. Leidensbildern. Im Heilungsverlauf akuter Verletzungen steigt die Belastbarkeit der lädierten Hand langsam an. Im Fokus der Nachbehandlungs- und Rehabilitationsmaßnahmen steht sowohl die Wiederherstellung der ursprünglichen Leistungsfähigkeit unter Einbindung gesteigerter Trainingsanforderungen bei gleichzeitiger Reduktion der Bewegungseinschränkungen als auch eine Vermeidung von erneuten Verletzungen.

 

Beispielhafte Handverletzungen

Schäden am Nagel oder Nagelbett gehören zu den häufigsten Verletzungen am Finger. Wenn eine zusätzliche Fraktur ausgeschlossen werden kann, wird ein Trainingseinstieg mit angelegter Schiene nach 1-2 Tagen empfohlen. Unkomplizierte Frakturen der Fingerknochen werden ebenfalls mit Schienen geschützt und heilen im Zeitraum von 3 Wochen ab, wobei die meisten Sportarten jederzeit möglich sind, sofern der betroffene Bereich nicht belastet wird. Komplexere Brüche mit oder ohne Sehnenausriss, die meist operativ versorgt werden müssen, erfordern in der Regel 4-6 wöchige Heilungsphasen, welche sportliche Betätigung ebenfalls nicht ausschließen, wenn die schadhafte Stelle keine äußere Einwirkung erfährt.

Akutverletzungen im Bereich der Handflächen und des Handgelenks können auftreten, wenn einwirkende Kräfte durch falsche Bewegungsausführung oder Schlägerhaltung sowie beim Abfangen von Stürzen in passive Strukturen einwirken. Im günstigsten Fall können schadhafte Strukturen arthroskopisch versorgt werden und der Sport spätestens nach 6 Wochen uneingeschränkt wieder aufgenommen werden. Komplexere Läsionen nach Stürzen mit hoher Geschwindigkeit (z.B. Rad- und Alpinsport) gehen meist mit gleichzeitiger Schädigung der Knochen- und Bandstrukturen einher. Hier variieren die Angaben zum „Return to Sports“ im Bereich zwischen 1,5 und 3 Monaten.(2)

 

PhasePathologieBehandlungszieleReha-Maßnahmen
Akute Verletzung

Gewebeverletzung (Hämatom, Ödem, Inflammation, Nekrose)

Keine Belastbarkeit

Schutz, Reduktion der Verletzung, Schwellung und SchmerzenErstversorgung nach „PECH-Regel“ (Pause, Eis, Compression, Hochlegen)
Initiale Rehabilitation

Fibroblastenstadium, regrendiente Entzündung & Ödem

Zugfestigkeit (0-15 %)

Progressiver schmerzfreier Range-Of-Motion (ROM)Aktiv-assistiver ROM, kurzzeitiger Widerstand, leichte Isometrie, lockeres Aufwärmtraining
Progressive Rehabilitation

Frühe Gewebeparation, einfaches Kollagen und Gewebereifung

Zugfestigkeit (15-50 %)

Steigerung des ROM, Steigerung der Kraft, limitierte Übungen, SchutzPassiver und aktiver ROM, Dehnen, zunehmender Widerstand, isotonische und/oder isokinetische Übungen, forciertes Aufwärmtr.
Integrierte Funktion

Reiferes Kollagen, klare Gewebestrukturen

Zugfestigkeit (50-90 %)

Gesteigerte Übungen und Kraft, aufgehobener SchutzGesteigerte Übungen gegen Widerstand, Dehnungsübungen, koordinatives Training, propriozeptives T.
Rückkehr zum Sport

Gewebe-Remodeling, reife Gewebestrukturen

Zugfestigkeit (90-99 %)

Maximale Übungen, Integration, VorbeugungÜbungen zur Erhaltung der Dehnung und Kraft, gesteigertes koordinatives T., Vorbeugung dererneuten Verletzung

Tab. 1: Wiedererlangung der Handkraft nach einer Verletzung

  

Fazit

Neben den aufgeführten Schadensbildern kommt es zu einer Vielzahl weiterer teils komplexer Sehnen-, Band-, Gelenk- und Knochenverletzungen im Bereich der Hand und des Handgelenks sowie der Finger. Die akuten oder chronischen Schäden schließen meist mehrere betroffene Strukturen ein und sind nicht immer mit einem auslösenden Ereignis oder einer ursächlichen Fehlbelastung in Verbindung zu bringen. Die Erfahrungen in Diagnostik und Therapie basieren auf der Behandlung von Patienten der Normalbevölkerung. Für leistungsorientiert Sporttreibende sind daher spezialisiertere Therapieansätze vonnöten, deren Dauer sich nicht pauschal vorhersagen lassen. Dass insbesondere Profisportler im Fall einer Verletzung in existentielle Nöte kommen können, muss bei Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden. Abwartende konservative Behandlungsformen können nämlich dann problematisch werden, wenn der Athlet vom Umfeld bedrängt und einen Verdienstausfall vor Augen mit Schmerzen ungeklärter Art weitertrainiert oder zu früh mit dem Training beginnt.

 

So kann nicht nur für Handverletzungen, sondern für Sportverletzungen aller Art empfohlen werden:

– Verletzungen im Leistungssport erfordern eine schnelle Diagnose und Behandlungsentscheidung von einem spezialisierten Arzt sowie die Nachbehandlung durch einen erfahrenen Therapeuten

– Je nach Wichtigkeit der anstehenden Wettkampftätigkeit kann dem Zeitpunkt der Behandlungsentscheidung eine erhöhte Dringlichkeit beigemessen werden.

– In die Nachbehandlung sollte ebenso der Trainer und Mannschaftsarzt einbezogen werden, damit das Verständnis für die Schwere der Verletzung gefördert sowie eine verfrühte Vollbelastung vermieden wird

– Überlastungsschäden erfordern einen Selbstkritischen Umgang mit möglicherweise fehlerhaften Trainingsprinzipien und -methoden sowie die Bereitschaft neue Erkenntnisse anzunehmen

 

Eine vorsichtige Rückführung in das spezifische Training kann das Auftreten von Rezidivverletzungen verhindern. Da Ihre Leistungsfähigkeit nach einer Verletzung nie auf demselben Stand wie die der Kollegen sein kann, sind Überlastungen vorprogrammiert. Wer zu schnell zu intensiv trainiert, riskiert seine Heilungschancen.

 

Daniel Kilb

 

Literaturangaben:

1. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie 51 (2), 2003. S. 95-96.

2. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 54, 1 (2003), S. 27.

 

Fachsprache

Distension – „Zerrung“. Muskelüberdehnung ohne Gewebeschaden (mit Gewebeschaden: Muskelfaserriss)

Distorsion – „Verstauchung“. Schädigung des Kapsel- Band-Apparates durch Überdehnung (z. B. Umknicken)

Fusion – „Versteifung“. Bei einer Fusions-Operation werden zur Behebung oder Vermeidung einer Instabilität mindestens 2 Wirbelkörper miteinander verbunden („verblockt“).

Kontusion – “Prellung”. Gewebezerstörung durch einwirkende Stumpfe Gewalt. Meist sichtbar durch ein Hämatom.

Ruptur – Riss oder Zerreißung einer Sehne, eines Bandes, eines Muskels oder eines Gefäßes.

Läsion – Verletzung

Luxation – „Verrenkung“ oder „Auskugelung“. Kontaktverlust der Gelenkbildenden Knochenenden durch äußere Gewalteinwirkung oder aufgrund genetischer oder chronischer Ursachen.

MTT – medizinische Trainingstherapie. Zielgerichtetes Training unter ärztlicher Aufsicht nach medizinischen Eingriffen oder zur direkten Behandlung.

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Über den Autor

Daniel Kilb

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