Der Gluteus als Auslöser von Knieschmerzen

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Bei der Diagnose und Therapie von Knieschmerzen schauen viele nur auf die direkt umliegenden Muskeln. Dabei wirkt insbesondere auch die Hüftmechanik auf die Beinachse. Es lohnt sich daher immer die komplette Bewegung zu analysieren, insbesondere die Wirkung des Gluteus.

In Teil 1 (Wie und warum entstehen Knieschmerzen?) haben wir bereits mögliche Ursachen für das Entstehen von Knieschmerzen beschrieben. Im folgenden wird vor allem auch der Einfluss der Hüftmuskulatur thematisiert.

Ein weiterer Fall synergistischer Dominanz tritt bei der Hüftabduktion auf. Die Hüftabduktion beziehungsweise das exzentrische Kontrollieren der Hüfte in Adduktion kontrollieren der Gluteus und die Tensor Fascia Latae (TFL) über das Iliotobialband (ITB). Eine Überdominanz von TFL und ITB kann zu einer Beeinträchtigung oder mangeln- den Aktivität des Gluteus führen. Ein inaktiver Gesäßmuskel ist auch der Hauptgrund für ein verhärtetes ITB, das dann wiederum, aufgrund seiner Verbindung mit der TFL, für Knieschmerzen sorgt. Ein übermäßig starker Zug auf TFL und ITB führt zu Außenrotation der Tibia, was wiederum extreme Rotationsbelastungen auf das Knie bewirkt. 

Ungünstige Bewegungsabläufe stören die Biomechanik

Der Hauptgrund, warum die Gesäßmuskulatur besser geeignet ist, die Hüfte zu kontrollieren und zu bewegen, als die hintere Oberschenkelmuskulatur beziehungsweise die TFL, ist, dass der Gluteus nur durch ein Gelenk geht, während die ischiocrurale Muskulatur und die TFL zwei Gelenke kreuzen. Um Bewegungen kontrolliert und präzise auszuführen, sollten Muskeln zum Einsatz kommen, die so nahe wie möglich am proximalen Ende des Knochens ansetzen. Hier ist der Gluteus in deutlich besserer Position, um die Bewegung der Femur zu kontrollieren. Ischiocrurale Muskulatur und TFL sind lange Muskeln, die zudem distal am Knochen ansetzen und demnach keine präzise Kontrolle ausüben können. Wie aber kann der Gluteus seine Dominanz verlieren, wenn es seine Hauptaufgabe ist, von der Hüfte aus die Femur zu kontrollieren? Das hat viel damit zu tun, wie der Sportler trainiert. Sportler trainieren im Kraftraum für den Unterkörper hauptsächlich vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur und die Wade. Wenn sie wirklich einmal Übungen speziell für die Gesäßmuskulatur absolvieren, wie Kniebeugen, dann führen sie diese mit einer Biomechanik aus, die den Gluteus in eine ungünstige Ausgangsposition versetzt. Sportler, die unter chronischen Kniebeschwerden leiden, zeigen dabei immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe.

Wenn Bewegungsabläufe so aussehen, dass die hintere Oberschenkelmuskulatur die Aufgaben des Gluteus als Prime Mover übernimmt, dann kommt es zu Überlastungserscheinungen. Beispiel: Kniebeuge. Ist die Gesäßmuskulatur in ihrer Funktion beeinträchtigt, kommt es zu einem unausgeglichenen Hüft- und Knierhythmus: Es liegt eine übermäßige Beugung und Streckung aus dem Kniegelenk heraus vor. Gleichzeitig ist der Bewegungsumfang aus der Hüfte heraus limitiert. Der Sportler schiebt die Knie weit nach vorn, über die Fuβspitzen hinaus. Das setzt den Quadrizeps und die Patellasehne extrem hohen Kräften aus. Es kommt ferner zu Adduktion und Innenrotation des Oberschenkelknochens, was den Gluteusmuskel noch weiter längt. Das wiederum schränkt die Hüftmobilität mehr und mehr ein. Folge: Der Gluteus wird deaktiviert. Wenn die Gesäßmuskulatur nicht ihrer Funktion als Prime Mover der Hüfte nachkommt, kollabiert mechanisch gesehen die Femur: Adduktion und Innenrotation überlasten die überdominanten Muskeln, wie die TFL, und verlängern die Gesäßmuskulatur. Ein Muskel, der extrem verkürzt oder verlängert ist, kann aber nicht optimal wirken. In diesem Fall ist es der hintere Teil des Gluteus medius und der Gluteus maximus, die den Oberschenkelknochen aufgrund ihrer Verlängerung nicht Oberschenkelmuskulatur die mehr effektiv kontrollieren können.

Bewegungsabläufe neu lernen

Ungünstige Biomechanik führt also zu einem Teufelskreis, an dessen Ende der Gesäßmuskel völlig verkümmert: Wenn Bewegungsabläufe so aussehen, dass die hintere Aufgaben des Gluteus als Prime Mover übernimmt, dann kommt es zu Überlastungserscheinungen. Die hintere Oberschenkelmuskulatur hat nämlich einen ungünstigen Ansatzpunkt, was zu Innenrotation und Adduktion des Oberschenkels und in der Folge zu einer weiteren Verlängerung des hinteren Teils des Gluteus medius führt. Aus verlängerter Grundposition kann der Gluteus medius nun noch weniger seiner Aufgabe, der Kontrolle der Femur, nachkommen. Dadurch wirkt noch mehr Drehkraft auf das Knie. Die einwirkenden Kräfte auf das Kniegelenk können nicht disseminiert werden, sondern führen zu extremer Belastung des Weichgewebes,insbesondere der Patellasehne. Der Ort der Verletzung ist eben nicht immer gleichzusetzen mit dem Ursprung der Probleme. Wer chronischen Knieschmerzen auf den Grund gehen möchte, muss sich die biomechanischen Zusammenhänge anschauen und Bewegungsabläufe neu erlernen. Er muss Muskeln einsetzen, die biomechanisch für die jeweilige Aufgabe als Prime Mover vorgesehen sind.

Jennifer Lewis

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