Sport bei Diabetes mellitus Typ 2

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Dass ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 eng mit Bewegungsmangel einhergehen, ist offensichtlich. Dass Sport und Bewegung deshalb auch therapeutisch eingesetzt werden, liegt auf der Hand. Allerdings gibt es noch viele Fragen zu den genauen Wirkungen und Effekten von Sport.

Neben der erblichen und chronischen Variante des Diabetes mellitus Typ 1a und Typ 1b tritt der Typ 2 erst im Laufe des Alternsgangs auf. Dabei leiden 80 der an Diabetes Typ 2 erkrankten Menschen an Übergewicht oder Adipositas. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen dieser Diabetesform und dem Metabolischen Syndrom. Aufgrund der positiven Eigenschaften von Sport und Bewegung sowie Ernährung auf die Risikofaktoren von Diabetes rücken die Anpassungsvorgänge und Wirkungen eines körperlichen Trainings zunehmend in den Blickpunkt der sportwissenschaftlichen und sportmedizinischen Forschung. Wir wollen Ihnen einige der neueren Erkenntnisse zu diesem Thema vorstellen. (Lesen Sie auch: Trainieren bei Diabetes mellitus Typ II – Sport als Medikament?)

  

Zahngesundheit und Sport

Auf den ersten Blick stellt sich die Frage, inwiefern Diabetes und Zahngesundheit zusammenhängen. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass insbesondere die Paradontitis in einer engen, wechselseitigen Beziehung mit Diabetes mellitus steht. Dabei wird sowohl das Entstehen als auch der Verlauf einer Paradontitis durch Diabetes beeinflusst.(1) Zudem ist das Risiko von Diabetes-Patientan an einer Paradontitis zu erkranken um ca. das dreifache erhöht. Gleichzeitig hat Paradontitis negative Auswirkungen auf die glykämische Kontrolle. Es zeigt sich also, dass die Zahngesundheit bezogen auf Entzündungsreaktionen des Zahnfleischs und Glukosestoffwechselerkrankungen in einer wechselseitigen Beziehung stehen. Im Rahmen einer Untersuchung eines Forschungsverbunds von Wissenschaftlern aus Hannover, Gießen und Bratislava in Kooperation mit dem Gesundheitswesen der Volkswagen AG wurde eine Interventionsstudie von Sporttherapie auf die Paradontitis untersucht. Die Trainingsumfänge waren dabei eher moderat und wurden in 3 Gruppen durchgeführt. Während die erste Gruppe ein moderates Krafttraining über 30 Minuten 2-mal wöchentlich ausübte, machte die 2. Gruppe ausschließlich Ausdauertraining im genannten Umfang. Die 3. Gruppe führte ein kombiniertes Kraft- und Ausdauertraining durch.(1) Bei Männern verringerten sich die Blutungen signifikant von 12,6 Blutungspunkten auf 4,9 Blutungspunkte im Mittel. Bei den Frauen reduzierten sich die Blutungen von 16,8 auf 6,0 Blutungspunkte im Mittel. Auch die Taschentiefe verringerte sich von 2,1 mm auf 1,5 mm bei den Männern und von 2,4 mm auf 1,7 mm bei den Frauen. Der Plaqueindex veränderte sich hingegen weder bei Männern noch bei Frauen signifikant. Im Ergebnis zeigte sich, dass Sport unmittelbar eine Verbesserung der Blutungen und der Taschentiefe auslöste. Der unveränderte Plaqueindex weist darauf hin, dass die Veränderung unmittelbar auf die sportliche Aktivität und nicht auf eine veränderte Zahnhygiene zurück zu führen ist. Insgesamt zeigt diese Studie, wie vielfältig die Effekte sportlicher Aktivität sein können. Der geringe Trainingsumfang ist hingegen ein Hinweis darauf, wie gering der Trainingszustand zum Start der Untersuchung war, wenn er derart positive Ergebnisse auszulösen vermag.

 

Lebenslang Sport treiben!

Sport treiben unter kontrollierten Bedingungen fällt oftmals etwas leichter. Wenn Patienten mit einem Diabetes mellitus Typ 2 an einem organisierten Trainingsprogramm teilnehmen, sind deshalb positive Anpassungen zu erwarten. Wie sieht es aber aus, wenn die Patienten wieder sich selbst überlassen werden? Sich um das Sporttreiben kümmern zu müssen und Termine mit Sportpartnern auszumachen bedeutet einen zusätzlichen Aufwand. Behalten nun auch Patienten ohne Termindruck die Bewegung bei?

Dieser Frage gingen Wissenschaftler des Universitätsklinikums Tübingen nach und überprüften die Teilnehmer bei einem einjährigen überwachten Ausdauertraining.(2) Dabei wurden unangekündigt bei Teilnehmern von Diabetessportgruppen retrospektiv Trainingsdaten wie Umfang und Häufigkeit erfragt und Stoffwechsel- und Leistungsparameter in einem Testverfahren auf dem Laufband erhoben. Nach Erfassen der Trainingsdaten konnten die Patienten in 3 Gruppen unterteilt werden, wobei die erste Gruppe keine Trainingssteigerung aufwies.(2) Gruppe 2 wies eine Steigerung der Trainingsumfänge pro Woche von 45–95 Minuten auf.(2) Gruppe 3 hingegen steigerte die Trainingsumfänge pro Woche um mehr als 95 Minuten. Insbesondere bei der letzen Gruppe konnten Anpassungen bezogen auf die individuelle aerobe und anaerobe Schwelle festgestellt werden. Gruppe 1 wies einen gesenkten systolischen Blutdruck auf und Gruppe 2 ein gesenktes Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin.(2) Insgesamt zeigte sich in dieser Studie zum einen, dass Effekte und Anpassungen langfristig messbar sind. Wichtig ist auch, dass die Patientengruppen auch ein Jahr nach einem überwachten Trainingsprogramm im Folgejahr ohne Kontrolle das Training beibehalten.(2) Die unterschiedlichen Anpassungen in den gemessenen Parametern deuten darauf hin, dass bei selbstgesteuertem Training eine leistungsdiagnostische Kontrollmessung pro Jahr sinnvoll sein kann. So können dem Sportler wichtige Hinweise in Bezug auf die Trainingsintensität und die Trainingsumfänge gegeben werden, um auch langfristig von Anpassungen und Trainingseffekten profitieren zu können. Das Ziel muss sein, Diabetes mellitus Typ 2-Patienten zum lebenslangen Sporttreiben zu animieren.

 

Ausdauer und Immunsystem

Dass Sport und körperliche Aktivität auf die Stoffwechselsituation von Diabetes mellitus Typ 2-Patienten wirken kann, zeigte sich in verschiedenen Studien. Inwiefern Sport jedoch das Immunsystem von Diabetes-Patienten beeinflusst, ist weiterhin unklar.

Die Deutsche Sporthochschule Köln versuchte in einer kontrollierten Sportintervention Informationen zu diesem Thema zu gewinnen.(3) Dabei wurde neben einer Kontrollgruppe eine Trainingsgruppe mit 14 männlichen Diabetes mellitus Typ 2-Patienten einem 3-mal 60-minütigen Training pro Woche auf einem Fahrradergometer unterzogen. Die Belastungsintensität wurde auf die Herzfrequenz bei 2 mmol/l Laktat festgelegt.(3) Im Ergebnis zeigte sich, dass sich signifikante Verbesserungen der Leistung bei 2 mmol/l Laktat und bei den Fettstoffwechselparametern einstellten.(3) Die Trainingsgruppe wies einen signifikanten Anstieg der Granulozyten und eine Reduktion der Lymphozyten auf. Das kardiovaskuläre Risikoprofil konnte verringert werden, während sich der Immunstatus veränderte.(3) Ob es hier einen Zusammenhang gibt und inwiefern diese Veränderungen das Immunsystem stärken oder nicht, muss in weiteren Untersuchungen geklärt werden.

 

Diagnostik und Trainingsprogramme individuell planen

Trotz der bewiesenermaßen positiven Wirkung von Sport bei Diabetes mellitus Typ 2-Patienten wird deutlich, wie unterschiedlich Belastungsvorgaben und Interventionen ausfallen. Hier sollte ein einheitliches diagnostisches Instrument helfen, die Qualität bei der Beratung von Diabetes-Patienten zu erhöhen. Das Erheben spiroergometrischer Daten und der ventilatorischen Schwellen (VT 1 & VT 2) kann helfen, Trainingsmodelle langfristig zu individualisieren. Allgemeine Trainingsempfehlungen anhand der maximalen Herzfrequenz sind hier eher kritisch zu sehen. In Kooperation mit dem Diabetes Programm Deutschland begleitete das Institut für Trainingsoptimierung von iQ athletik Läufer aus der regionalen Laufgruppe. Im Rahmen spiroergometrischer Testdaten konnten individuelle Trainingsempfehlungen abgeleitet werden, die helfen Unterforderung zu vermeiden und Überlastungen zu verhindern.

 

Fazit

Im Rahmen von Lebensstilinterventionen können neben dem Ernährungsverhalten insbesondere körperliche Bewegung und Training positiv auf verschiedene Faktoren des Diabetes mellitus Typ 2 und damit auf die Gesundheit wirken. Angesichts bekannter langfristiger Schäden im Bereich der Gefäße und der Risikoprofile für kardiale Ereignisse kommen der individuellen Trainingsplanung und der zugehörigen Sportdiagnostik eine große Rolle zu. Es kann empfohlen werden, deutschlandweit entsprechende qualitätsbasierte Programme zu entwickeln. Die Sportmedizin sollte „Sport“ und dessen Wirkung weiter in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen stellen. Sport wirkt offensichtlich gut bei Patienten mit Diabetes Mellitus und sollte nicht mehr nur als „gut gemeinten Rat“, sondern als angeordnete Medizin gesehen werden. Hier müssen Programme etabliert werden, bei denen die Complience gefördert wird und zugleich die ärztliche Kontrolle möglich ist.

 

Dennis Sandig

 

Literaturangaben:

1. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2012, Bd. 63 (7+8). S. 210.

2. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2012, Bd. 63 (7+8). S. 226.

3. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2012, Bd. 63 (7+8). S. 210.

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Über den Autor

Dennis Sandig

Dennis Sandig arbeitet als Sportwissenschaftler am Institut für Sportwissenschaften der Julius-Maximilians Universität in Würzburg.

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