Der kontralaterale Transfer und die Seitentypologien im Spitzensport

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Der letzte Teil des Artikels zum Thema Lateralität/Seitigkeit/Hemisphärendominanz erklärt, wie das Erlernen einer Bewegung sich von einer auf die andere Seite übertragen kann („Crossing-Effekt“) und wie die Seitentypologien bei unterschiedlichen Leistungssportlern aussehen.

In den vorherigen Artikelteilen wurde ausführlich auf die Entwicklung der Lateralität und dessen Notwendigkeit eingegangen, von welchen Faktoren die Händigkeit, Füßigkeit und Drehseitigkeit differenziert abhängt und wie man die jeweiligen Fähigkeiten testen kann. In diesem letzten Kapitel geht es um die Auswirkungen der Trainingseffekte von einer Seite auf die andere und ob der Leistungssport eine gewisse Seitigkeit hervorbringt oder die „richtig“ präferierten Seitigkeiten mit Medaillen belohnt.

 

Kontralaterale Transfer

Der so genannte „Crossing-Effekt“ ist ein kontralateraler Mitübungseffekt. Dieses Phänomen entsteht bei der Übertragung von Leistungen einer Körperseite auf die andere und die damit verbundenen Verbesserungen der Gesamtleistung eines Individuums.

 

KUHN (1987) beschreibt, dass Kraftfähigkeiten von der arbeitenden auf die nicht-arbeitende symmetrische Muskulatur übertragen werden können. Das gilt sowohl für die Maximalkraft als auch für die Kraftausdauer. Eine Aussage, bei welcher Reizintensität und bei welchem Reizumfang der größte Trainingseffekt zu erwarten ist, sei nicht möglich. Kontralaterale Transfereffekte können auch bei den Antagonisten auftreten. Die Motivation sei allerdings für die Stärke des Transfereffektes entscheidend.

 

DRENKOW (1960) führte eine Studie im Basketball durch. Dabei gab es eine Experimentalgruppe (EG), die mit beiden Händen den Basketballwurf trainierte, und eine Kontrollgruppe (KG), die mit ihrer Lieblingshand trainierte.

Ergebnis:

– Beidseitige Verbesserung: EG um 15,2 % und die KG um 8,7 %.

– Verbesserung des nicht-präferierten Arms: EG 19,6 % und KG um 6,1 %.

Somit konnte dieses Experiment zeigen, dass die Trainingsform, den Basketballwurf mit beiden Händen auszuüben, die Transfereffekte bei der EG um 34,2 % höher als bei der KG erscheinen ließ.

 

FISCHER (1988) führte einen Vergleich von unilateralem und bilateralem Training im Schlagballwerfen mit 93 Schülern durch.

Gruppe 1: ausschließlich mit rechts geübt

Gruppe 2: ausschließlich mit links geübt

Gruppe 3: wechselseitig, je die Hälfte der Einheiten geübt

Ergebnis: Bei allen 3 Gruppen konnte eine signifikante Veränderung der rechten Hand festgestellt werden. Die Verbesserung der Linksleistung konnte signifikant nur in der Gruppe 3 bestätigt werden. Das Training der linken Hand und insbesondere das wechselseitige Training bewirkte quantitativ und qualitativ für die dominante als auch für die nicht-dominante Hand eine größere Leistungssteigerung.

 

Alle diese Studien wurden mit Anfängern durchgeführt. Die Frage, ob systematisch eingesetztes wechselseitiges Training bei Leistungssportlern in Wurf- und Sprungdisziplinen zu ähnlichen kontralateralen Transfereffekten führt, wäre noch zu belegen. Der Erfolg einer Sportart hängt also nicht unwesentlich von der Lateralität ab.

 

Seitentypologien im Spitzensport

Im Leistungssport, besonders beim Kampf um Medaillen, geht es um Präzision, schnelle Reaktionsfähigkeit und den richtigen Moment. Springt man vom falschen Bein ab, kann es einem Sportler entscheidende Zentimeter, Sekunden oder die hohe B-Note kosten. Als Beispiele wurden Sportarten wie Sprint, Eiskunstlauf und Turnen herangezogen, um deren Seitentypologien näher zu betrachten.

 

Sprint

Bei dieser Sportdisziplin ist die Frage nach der Position der Fußstellung beim Tiefstart und der daraus resultierenden Startbewegung wichtig. Im Leistungssport wird das linke Bein bevorzugt am Startblock vorn positioniert, was für das links präferierte Bein spricht. Das Verhältnis im Leistungssport beträgt dabei 7:2 für links, im Breitensport dagegen ist es 50:50. Seitigkeitstypen

A (Rechtshänder, Rechtsfüßer, Rechtsdreher) = 11 %

B (RRL) = 23,8 %

C (RLL) = 46,7 %

Mischtyp = 9,3 %

Geht man von der Sprintdisziplin zu den längeren Distanzen, bei denen Kurvenläufe eingebaut sind, sollte das äußere Bein zusätzlich gekräftigt werden.

 

Eiskunstlauf

Beim Eiskunstlauf kann die A- sowie die B-Note durch einen Fehler beeinflusst werden. 75 % aller Eiskunstläufer bevorzugen das linke Bein und die linke Drehrichtung. Bei weiblichen Sportlern ist der Anteil der Rechtsdreher doppelt so hoch wie bei den Männern (23:11 %).

Die häufigste Konstellation ist RLL = 67 %. Dabei konnte man feststellen, dass mit der bevorzugten Seite höhere und schnellere Sprünge entstehen.

 

Turnen

Im Kunstturnen sollten beide Seiten koordinativ und kräftemäßig gut ausgeprägt sein, da die Bewegungen meistens bilateral erfolgen, z. B. Übungen am Sprung, Stufenbarren oder Boden. Aus diesem Grund ist der Anteil der Mischtypen beim Turnen mit knapp 22 % am höchsten. Die restlichen Seitigkeiten verteilen sich wie folgt:

RLL = 34,8 %

RRL = 34,8 %

 

Prozentuale Häufigkeit der Seitigkeitstypen

ABCDEFGHM
RRRRRLRLLRLRLLLLLRLRRLRL?
Breitensport19,126,231,29,83,12,12,61,54,4
Leistungssport – LA1123,846,73,11,30,93,50,49,3
Leistungssport – Eiskunstlauf10,92,267,44,34,306,504,3
Leistungssport – Turnen4,334,834,84,3000021,8

Die Ursachen für diese Abweichungen könnten an den sportartspeifischen Anforderungen liegen.

Auch der Leistungssport bestätigt, dass sich die Seitigkeit zum größten Teil den erzieherischen Maßnahmen anpasst.

 

Konsequenzen für die Gestaltung von motorischen Lernprozessen in Unterricht und Training

Im Sport wird die Frage nach der Lateralität und Leistungsentwicklung im Sinne sensomotorischer Lernprozesse diskutiert.

Das Umlernen der Seitendominanz ist nicht immer sinnvoll. Denn die Seitendominanz sorgt für ein ökonomisches Verhalten und Handeln, ein motorisches Niveau zu erreichen, das durch ein reflexartiges Reagieren auf die unterschiedlichen Anforderungen gekennzeichnet ist. Bei einer fehlenden Seitendominanz könnten zeitliche Verzögerungen entstehen.

In den ersten Lebensjahren scheint es sinnvoll zu sein, die Hirnreifungsprozesse durch Geschicklichkeitsübungen zu begünstigen, damit eine funktionelle Seitendominanz entsteht. In der Sportgrundausbildung sind beidseitige Förderungen und Vielseitigkeit der Sportarten sinnvoll, besonders bei Füßigkeit und Drehseitigkeit, da diese Fähigkeiten sich durch das Ausprobieren festigen.

Beidseitigorientiertes Grundlagentraining sichert die Chance für eine variable Verfügbarkeit koordinativer Fähigkeiten bei einer späteren Spezialisierung in einer Sportart. Im Leistungssport sollte die eigene Seitigkeitskonstellation mit den technischen Sollwerten der eigenen Sportart verglichen werden. Seitigkeitsbedingte Mängel sollten durch einen Seitenwechsel oder entsprechende Übungen im Fitnesstraining behoben werden. Aufgrund der Seitenspezialisierung der Sportart sollte die Spezialisierung im Aufbautraining und nicht bereits im Grundlagentraining angestrebt werden, damit kontralateraler Transfer stattfinden kann.

Bei Mannschaftssportarten, wie z. B. Fußball, ist die Bilateralität dagegen idealtypisch, damit man mit dem Ball situativ und mit Erfolg umgehen kann. Dies spricht für ein gesteigertes Leistungsniveau.

Aus medizinischer Sicht ist die beidseitige Ausbildung koordinativer und kräftemäßiger Fähigkeiten besonders für die Stabilisierung der Wirbelsäule und damit für die Gesundheit wichtig.

 

Marina Lewun

 

Quellenangaben:

1. Oberbeck, H. (1989). Seitigkeitsphänomene und Seitigkeitstypologie im Sport. Karl Hoffmann: Schorndorf

2. Fischer, K. (1992). Lateralität und Motorik. Bd. 15: Motorik. Schorndorf: Hoffmann

3. Fischer, K. (1988). Rechts-Links-Probleme in Sport und Training. Schorndorf: Hoffmann

4. Springer, S.; Deutsch, G. (1998). Linkes – rechtes Gehirn. Heidelberg: Spektrum, Akad. Verlag

5. Thienes, G. (2000). Lateralität und sportmotorische Leistungsfähigkeit. Bd.23: Motorik. Schorndorf: Hoffmann

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