Bewegungstherapie und Training bei Rückenschmerzen: Ein Thema mit großer Relevanz!

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Vor allem bewegungs- & sportorientierte Disziplinen nähern sich dem Rückenschmerz primär mit haltungskorrigierenden sowie muskeltrainierenden Ansätzen, was die Lösung des Problems einfach erscheinen lässt. Doch ist Rückenschmerz aus einer ganzheitlicheren Betrachtung heraus nicht viel komplexer?

Was geschieht mit den Patienten, die trotz regelmäßigen Trainings weiterhin von Rückenschmerzen geplagt werden?

Rückenschmerz zählt nicht umsonst zu den häufigsten „Krankheiten“ unserer Gesellschaft und ist somit auch eine große Ursache für viele Fehltage an Arbeitsplätzen und Lehreinrichtungen (Steel, 2016). Rückenschmerz ist ein zentrales Thema unserer westlichen Gesellschaft, mit dem ein jeder Mediziner, Sportwissenschaftler, Physiotherapeut und jeder weitere im Gesundheitsbereich Tätige eher früher als später in seiner Laufbahn konfrontiert wird.

Rückenschmerz und Bewegungstherapie

Zu unterstreichen und hervorzuheben ist, dass Bewegung und Sport essentielle Bestandteile einer erfolgreichen Therapie bei Rückenschmerzen darstellen! Sowohl Steffens et al. (2016) als auch Searle et al. (2015) schließen aus ihren Untersuchungen, dass sportliche Aktivität und vor allem Kräftigungsübungen die Mittel der Wahl bei Rückenschmerzen sein sollten. Weniger geht es dabei jedoch um die spezielle Kräftigung der Rückenmuskulatur als um ein allgemeines Bewegungs- und Krafttraining.

Rückenschmerz und Muskulatur

Wie auch im Artikel „Die Lösung gegen Rückenschmerz“ angedeutet, keimt mehr und mehr Kritik an der veralteten Vorstellung auf, dass eine „zu schwache“ Rückenmuskulatur gleichzeitig Ursache häufiger Rückenschmerzen sei. Ein plattes Gegenargument für diese These ist an dieser Stelle die Gegenfrage, warum augenscheinliche Bodybuilder ohne weiteren strukturellen Schaden ebenfalls von Rückenschmerzen geplagt werden. Zudem ist davon auszugehen, dass trotz gesellschaftlichen Bewegungsmangels ein jeder sich halbwegs bewegende Mensch, welcher in der Lage ist, mehrere Minuten aufrecht zu stehen, über ein ausreichendes Muskelkorsett verfügt. Anders verhält es sich selbstverständlich mit erkrankten sowie bettlägerigen Menschen.

Ein Argument für allgemein muskuläre Ursachen ist dieses der muskulären Dysbalancen, welche nachgewiesenermaßen zu Schmerzen führen können. Jedoch treten auch hier diese Dysbalancen weniger im Bereich des Rückens auf. Hinzu kommt die Frage, ob muskulären Dysbalancen tatsächlich wie häufig angenommen eine zu starke Verschiebung des Verhältnisses der entsprechenden Muskelquerschnitte zugrunde liegt oder viel mehr fehlerhafte Bewegungsmuster oder eine verschobene Muskelansteuerung die Hauptursachen sind.

Rückenschmerz und Faszien

Aufgrund der Ergebnisse in der zwischenzeitlich sehr populären Faszienforschung (u. a. Schleip et al., 2004, 2010; Langevin, 2011) ist von einem Einfluss der Faszien auf Rückenschmerzen auszugehen. Natürlich muss noch weitere Forschung betrieben werden, um die genauen Wirkmechanismen herauszufinden, doch machen besonders die noch nicht endgültig geklärten Hypothesen der Mikrorisse (subfailure injuries) in der Fascia thoracolumbalis sowie einer Verdickung dieser unter Verlust ihrer Gleitfähigkeit Sinn, wenn es um unspezifische Rückenschmerzen geht. Aufgrund dieser Annahmen hat besonders Foam Rolling seinen berechtigten Platz, um auf diese Weise fasziale Strukturen passiv bearbeiten zu können, wenngleich auch hier die genauen Wirkungsweisen und Trainingsparameter weitere Forschung verlangen.

Rückenschmerz und Core Stability

Einen großen Anteil vieler Trainingspläne gegen Rückenschmerzen nehmen Übungen zur Verbesserung der Rumpfstabilität ein, welche die gesamte Rumpfmuskulatur und vor allem die inneren Wirbelsäulenstabilisatoren ansprechen. Aufgrund ihrer biomechanisch zentralen Lage sowie ihrer einfachen Durchführbarkeit und Intensität sind diese Core Stability Exercises definitiv zu empfehlen. Dennoch sollte man ihnen keine größere Bedeutung zukommen lassen als anderen den ganzen Körper betreffenden Übungen, konnten Saragiotto et al. (2016), Smith et al. (2014) und Wang et al. (2012) ihnen doch keine langfristige Überlegenheit gegenüber anderen Bewegungs- und Kräftigungsübungen nachweisen. Auch aus neurophysiologischer Perspektive nimmt der Core eine weitaus geringere Bedeutung ein als aus biomechanisch-struktureller: So sind nur 1 % der Nervenfasern des gesamtkortikalen Outputs im Gehirn für die willkürliche Aktivierung der Rumpfmuskulatur vorgesehen (http://neuro-athletic-training.com/369-lars-lienhard-ist-core-training-ein-effizienter-weg-zu-besserer-performance/). Dass in einem ganzheitlichen Trainingsprogramm ein Teil jedoch auch der Rumpfstabilität gewidmet werden sollte, ist aus meiner Sicht dennoch indiskutabel.

Rückenschmerz und Körperhaltung

Sowohl das Joint-by-Joint-Modell von Cook & Boyle als auch Myers‘ Anatomy Trains stellen wichtige Modelle der Körperzusammenhänge dar und verhelfen somit auch zu einem besseren Verständnis von Bewegung und Körperhaltung, weshalb es für jeden Bewegungstherapeuten von großer Wichtigkeit ist, sie zu beachten und so zum Teil des eigenen Körperverständnisses zu machen. Dennoch bleiben sie eins: Modelle. Wenngleich es besonders für die Anatomy Trains von Myers inzwischen gute Evidenz gibt (Wilke et al., 2014, 2016), konnten bisher noch nicht alle myofaszialen Leitbahnen nachgewiesen werden. Generell ist noch ungeklärt, wie Körperhaltung tatsächlich zu Stande kommt und welche Rolle Muskeln, Faszien und aufgrund neuerer Erkenntnisse der aufkeimenden Neurowissenschaften auch vermehrt das zentrale Nervensystem (Chiel et al., 2009) tatsächlich spielen. Ist es nicht töricht, jeden in die perfekte Körperhaltung, welche es genau wie die perfekte Bewegung nicht zu geben scheint (Davids et al., 2003), trainieren oder therapieren zu wollen? Dass es einen Zusammenhang, eine Korrelation, zwischen Schmerz und Körperhaltung gibt, ist nicht zu leugnen, doch über die Kausalität beider Variablen lässt sich streiten. Andere Worte wählte einer meiner Professoren zu genau diesem Thema: „Man kann sagen: Viele Menschen mit einer schlechten Haltung haben Rückenschmerzen, jedoch haben sie die Schmerzen nicht wegen der schlechten Haltung. Eine schlechte Haltung scheint Rückenschmerz höchstens zu begünstigen.“ Auch das Modell des vor allem im Neuro-Athletiktraining (http://neuro-athletic-training.com/349-das-alarmsystem-wie-schlechte-sensorik-den-korperstress-erhoht-und-chronische-schmerzen-provoziert/) angewandten Threat Buckets, einem Eimer, welcher durch alle auf den Organismus einwirkenden Stressoren gefüllt wird, sodass der körperliche Organismus beim „Überlaufen“ des Inhalts entweder mit Schmerz oder Leistungseinbußen reagiert, unterstützt dieselbe Meinung. Körperhaltung wäre somit nur einer mehrerer Stressoren, jedoch nicht der einzige. Alles in allem macht es Sinn, bei übermäßigen Auffälligkeiten der Körperhaltung auch deren Behebung in der Therapie mit einzubeziehen, was ebenfalls den Sinn eines anfänglichen Body Readings, einer Körperhaltungsanalyse, unterstreicht. Jedoch sollte sich nicht einzig und allein auf die Haltung beschränkt werden, da sie seltener für Schmerzen verantwortlich zu sein scheint als von Ärzten, Trainern und Therapeuten oftmals angenommen.

Zukunftsaussichten

Trotz der oben angebrachten Kritik an der Ursachenforschung in einer zu schwachen Muskulatur muss bei Rückenschmerz dennoch zu mehr Bewegung aufgerufen werden! Auch wenn bestehende Konzepte sich anscheinend zu sehr auf einzelne Bereiche oder Strukturen beschränken, scheint Bewegung und Sport auch bei unspezifischen Rückenschmerzen das Mittel der Wahl zu sein. Somit ist der Grund für das Funktionieren mehrere Konzepte weniger im Kern des einzelnen Konzeptes als viel mehr in der Tatsache zu suchen, dass sie eins gemein haben: Bewegung. Trotz aller wissenschaftlichen Fortschrittlichkeit und einer Vielzahl an Büchern populärer Trainer zu diesem Thema, ist der Mensch für uns noch immer eine große Black Box und Rückenschmerzen ein zum großen Teil unverstandenes Phänomen. Um Rückenschmerzen nachhaltig und ganzheitlich beseitigen zu können, sollte man deshalb alle körpereigenen Systeme mit einbeziehen und diese dabei in ihrer Priorität nicht hierarchisieren.

Fazit

Rückenschmerz und Schmerz allgemein sind komplexe Unterfangen, was nicht nach sich zieht, dass man ihnen nicht auf die Schliche kommen kann. Man muss immer den rechtzeitigen Absprung von der wissenschaftlichen Forschung zur praktischen Relevanz schaffen. Schließlich konnte man in Vergangenheit und Gegenwart (und auch in der Zukunft wird es der Fall sein) auch ausreichend Schmerzen beheben, ohne sie wissenschaftlich in Gänze verstanden zu haben. Wichtig ist dabei jedoch immer, den Patienten nicht das Allheilmittel zu versprechen, welches all ihre Schmerzen behebe. Funktioniert die versprochene Wunderpille bei ihnen nämlich nicht, kann dies dazu führen, dass sich der Patient mit seinem Schmerz noch hilfloser fühlt, was eine Chronifizierung des Schmerzes begünstigen kann. Umso wichtiger erscheint es, dem Patienten mehrere mögliche Lösungswege aufzeigen zu können, sodass sich nach dem Schließen einer Tür eine weitere öffnen kann und er auf diese Weise die Hoffnung und seinen Mut nicht verliert. Denn ohne Mitarbeit des Patienten, ist jeglicher Therapieansatz sinnfrei und jeder Schmerz ein Endgegner.

Autor:Philipp Niemeyer

Der Autor studierte Sport- und Politikwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen und vertieft sein Interesse innerhalb eines Masterstudiengangs in der Sportmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er arbeitet neben seinem Studium selbstständig als Athletiktrainer und Bewegungstherapeut unter seinem Gewerbenamen PNmoveo sowie an der Frankfurter Universität beim Hochschulsport.

Auf dem Sport- und Gesundheitsblog elementary-motion.de veröffentlicht er zusammen mit seinem Kollegen Uli Meyer regelmäßig seine neuesten Erkenntnisse:

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Literaturverzeichnis

Chiel, H. J., Ting, L. H., Ekeberg, Ö., & Hartmann, M. J. (2009). The brain in its body: motor control and sensing in a biomechanical context. The Journal of Neuroscience, 29(41), 12807-12814.

Davids, K., Glazier, P., Araujo, D., & Bartlett, R. (2003). Movement systems as dynamical systems. Sports medicine, 33(4), 245-260.

Langevin, H. M., Fox, J. R., Koptiuch, C., Badger, G. J., Greenan-Naumann, A. C., Bouffard, N. A., … & Henry, S. M. (2011). Reduced thoracolumbar fascia shear strain in human chronic low back pain. BMC musculoskeletal disorders, 12(1), 1.

Saragiotto, B. T., Maher, C. G., Yamato, T. P., Costa, L. O., Menezes Costa, L. C., Ostelo, R. W., & Macedo, L. G. (2016). Motor control exercise for chronic non‐specific low‐back pain. The Cochrane Library.

Schleip, R., Klingler, W., & Lehmann-Horn, F. (2004, November). Active contraction of the thoracolumbar fascia—indications of a new factor in low back pain research with implications for manual therapy. In Proceedings of the Fifth Interdisciplinary World Congress on Low Back and Pelvic Pain. Melbourne, Australia: Fascia Research Project.

Schleip, R., Zorn, A., & Klingler, W. (2010). Biomechanical properties of fascial tissues and their role as pain generators. Journal of Musculoskeletal Pain, 18(4), 393-395.

Searle, A., Spink, M., Ho, A., & Chuter, V. (2015). Exercise interventions for the treatment of chronic low back pain: A systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. Clinical rehabilitation, 29(12), 1155-1167.

Smith, B. E., Littlewood, C., & May, S. (2014). An update of stabilisation exercises for low back pain: a systematic review with meta-analysis. BMC musculoskeletal disorders, 15(1), 1.

Steel, N. (2016). Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 310 diseases and injuries, 1990–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. The Lancet, 388(10053), 1545-1602.

Steffens, D., Maher, C. G., Pereira, L. S., Stevens, M. L., Oliveira, V. C., Chapple, M., … & Hancock, M. J. (2016). Prevention of low back pain: a systematic review and meta-analysis. JAMA internal medicine, 176(2), 199-208.

Wang, X. Q., Zheng, J. J., Yu, Z. W., Bi, X., Lou, S. J., Liu, J., … & Shen, H. M. (2012). A meta-analysis of core stability exercise versus general exercise for chronic low back pain. PloS one, 7(12), e52082.

Wilke, J., Krause, F., Vogt, L., & Banzer, W. (2014). What is evidence-based about myofascial chains. A systematic review. DGSP.

Wilke, J., Engeroff, T., Nürnberger, F., Vogt, L., & Banzer, W. (2016). Anatomical study of the morphological continuity between iliotibial tract and the fibularis longus fascia. Surgical and Radiologic Anatomy, 38(3), 349-352.

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