Wie wirkt sich die Gruppenkonstellation auf die Teamleistung aus?

0

Trainer sein ist schwer. Denn ob man selbst ein guter Athlet war, ist eine Sache. Aber ob man weiß, wie man eine gute Mischung der einzelnen Talente hervorbringt und warum es bei einer Konstellation weniger gut funktioniert als bei der anderen, ist eine wichtige Fähigkeit eines guten Trainers.

Während der Olympischen Spiele 2012 in London hat beim Rudern der Deutsche-Achter Gold gewonnen, obwohl es während des Rennens extrem spannend war. Der Weg bis zum Sieg erforderte laut dem Spiegel-Bericht nicht nur bei den Ruderern, sondern auch beim Trainer Ralf Holtmeyer eine enorme psychische Anstrengung und zahlreiche Konstellationsversuche von Athleten beim Training.

Wie wirkt sich also die Gruppenkonstellation auf die Gesamtleistung der Mannschaft aus? Und inwieweit spielt die Gruppengröße bei Sportgruppen eine Rolle?

Das Forschungsgebiet der Gruppenleistung gehört dem Bereich der Sozialpsychologie an. Dabei geht es im weitesten Sinne um die Auswirkungen sozialer Interaktionen auf Gedanken, Gefühle und Verhalten eines Individuums. Denn alltägliche Erfahrungen werden trotz ihres gleichen Ergebnisses von verschiedenen Personen unterschiedlich wahrgenommen und erklärt. Die Sportwissenschaft beschäftigt sich mit diesem Wissensgebiet, da es für die Mannschaftssportarten eine große Rolle spielt.

 

Definition der Gruppe im Vergleich zur Masse

Gruppe und Masse unterscheiden sich an 4 Merkmalen:

– Ziele

– Aufgabenteilung

– Handeln

– Normenkontrolle

 

Die Gruppe

Gruppen haben eine qualitativ und quantitativ bedeutende Rolle im sozialen Zusammenleben.

 

Quantitativ

Es gibt eine Vielzahl von Gruppen, denen der Mensch im Laufe seines Lebens angehört, z. B. Sportverein, Chor, Gewerkschaften uvm.

 

Qualitativ

Die Gruppe selbst und die Zugehörigkeit zu einer haben einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Menschen. Eine Gruppe besteht aus mindestens 2 Personen. Jedes Mitglied ist sich des anderen bewusst. Es ist eine gegenseitige Kommunikation und Einflussnahme aller Gruppenmitglieder untereinander möglich. Es kommt zur Entwicklung des „Wir-Gefühls“ und einer gewissen zeitlichen Kontinuität. Eine Gruppe besitzt gemeinsame Normen, Überzeugungen und Werte. Es werden explizite und implizite Beziehungen zueinander unterhalten, welche mit Folgen für jedes Mitglied verbunden sind. Die Gruppenmitglieder sind hinsichtlich eines Gruppenziels ähnlich motiviert. 

 

Organisationsform HochOrganisationsform Niedrig
explizite und implizite gemeinsame ZieleImplizite gemeinsame Wünsche und Leidenschaften
Aufgabenteilung und MotivationAktivierung und Emotionalisierung
Aufeinander abgestimmtes HandelnViele Aktionen, nicht koordiniert
Normenkontrolle durch Überwachung der ZieleKeine Kontrollinstanz, Eskalation bis Gewaltanwendung
Gruppe, Mannschaft, Familie, BundMasse, Zuschauer, „Randalierer“

 

Sportgruppe

Sportmannschaften sind eine spezielle Art von Gruppe. Es sind Kleingruppen mit intensiven Beziehungen. Sie entwickeln eine gemeinsame Identität, teilen ein gemeinsames Schicksal und ein gemeinsames Ziel (Motive, Werte) und haben ähnliche Eigenschaften. Die Teammitglieder sind voneinander abhängig. Die Interaktions- und Kommunikationsmuster werden durch die jeweiligen Regeln der Sportart strukturiert und determiniert. Die Verhaltensweisen sind aufeinander abgestimmt, es herrscht Normenkontrolle und Zielüberwachung. Eine Sportmannschaft ist ein flexibles, adaptives und überindividuelles System mit der Fähigkeit zur Selbstregulation (Konfliktbewältigung).

 

Gruppenzusammensetzung und Leistung

Die zentrale Frage der optimalen Mannschaftszusammensetzung im Sport steht unter dem Gesichtspunkt der Leistungsoptimierung. Andere Gesichtspunkte, wie interpersonelle Attraktion oder das Wohlbefinden, sind untergeordnet. Die Gruppenzusammensetzung erfolgt nach 3 Punkten:

 

1. Quantitative Betrachtung der Gruppenzusammensetzungund ihre Beziehungen zur Mannschaftsleistung

In erster Linie betrifft es die sportliche Leistungsfähigkeit und in zweiter Linie die Motivation.

An dieser Stelle muss der Trainer eine äußerst wichtige Entscheidung treffen, welchen Spieler mit welchen Fähigkeiten er auf das Terrain lässt.

Es besteht eine positive Beziehung zwischen der Summe der individuellen Fähigkeiten und der Mannschaftsleistung. Gute Einzelleistungen müssen zwar da sein, aber gleichzeitig muss die Koordination für eine bessere Abstimmung zwischen den Spielern trainiert werden. Eine hohe Leistungsmotivation einzelner Spieler korreliert nicht immer mit der höheren Gruppenleistung.

 

2. Variabilität

Hier stellt sich die Frage nach der Homogenität oder Heterogenität der Gruppe und nach ihrer Effizienz. Eine weitere Frage ist, ob die Gruppen oder die Individuen produktiver sind.

Bei konjunktiven Aufgaben, z. B. Bergsteigen, in der der Gruppenerfolg vom schwächsten Mitglied abhängt, sorgt die Homogenität der Fähigkeiten und die Koordination für eine optimale Leistung.

Das Gleiche gilt bei additiven (koagierenden) Aufgaben, z. B. Rudern oder Tauziehen. Hier müssen alle Mannschaftsmitglieder zum gemeinsamen Produkt beitragen – Homogenität.

Bei disjunktiven (interagierenden) Aufgaben, bei denen die einzelnen Aufgaben für die Mannschaftsmitglieder unterschiedlich sind, ist die Heterogenität effizienter. Dies wäre beispielsweise bei einer Fußballmannschaft der Fall. Die Rollen und somit die Aufgaben sind bei jedem Spieler unterschiedlich. Die Aufgabenstruktur erfordert eine gegenseitige Abstimmung der Mannschaftsmitglieder. Die Mannschaftsmitglieder sollten sich bei einem Spiel optimal ergänzen, aber homogen im Hinblick auf ihr Fähigkeitsniveau sein, d. h. hinreichende Komplementarität der Fähigkeiten. Somit können die taktischen Spielzüge so aufgebaut werden, dass ein Tor und damit auch ein Sieg davongetragen wird.

Bei Mannschaftssportarten und im Schulsport ist die reine Heterogenität nur in Verbindung mit dem kooperativen Lernen anzuwenden, um mit höheren Fähigkeiten die Schwächeren mitzureißen. In den Wettbewerbssituationen werden die Schwächeren eher zurückgedrängt. Zu diesem Thema gibt es ebenfalls wissenschaftliche Texte, die an dieser Stelle nicht eingebunden werden.

 

3. Interaktionen in großen Spielen

Aufgabenorientierte Interaktionen stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit der Ausübung der sportlichen Aktivität selbst, wenn eine Fußballmannschaft zusammenhält und auch als ein Team auftritt.

Sozialorientierte Interaktionen sind dagegen außerhalb der sportlichen Betätigung angesiedelt und dienen der Aufrechterhaltung von Sozialbeziehungen. Bei den sozialen Interaktionen kann es um den eigenen Gewinn (Egoismus), wenn man als alleiniger Held vom Fußballspielplatz geht, oder um den Gewinn des Interaktionspartners (Altruismus) gehen. Die Mischung beider Motive ergibt die Kooperation.

 

Fazit

Eine entscheidende Voraussetzung für eine gute Mannschaft ist die Bündelung der Einzelleistungen. Angriffs- und Abwehrleistungen müssen ausbalanciert sein. Die Leistungen müssen so gut sein, um eventuell die Schwächen an anderen Stellen auszugleichen. Die Kunst des Trainers liegt darin, die Mannschaft so aufzuteilen, dass ein dynamisches Handlungs- und Aktionspotential entsteht und die Arbeit auf ein entsprechendes Ziel gerichtet wird.

Im 2. Teil zu diesem Thema wird speziell auf Leistung und Gruppengröße eingegangen.

 

Marina Lewun

 

Quellenangaben:

1. Conzalmann, A. (2001). Sport und Persönlichkeitsentwicklung. Schorndorf: Hoffmann

2. Conzalmann, A. (1996). Soziale Interaktionen und Gruppen im Sport: Bericht über die Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (ASP) vom 25. bis 27. Mai 1995 in Tübingen. Köln: bsp-Verlag

3. Eberspächer, H. (1993). Sportpsychologie: Grundlagen, Methoden, Analysen. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt

Teilen

Über den Autor

Leave A Reply