Die Gruppengröße und ihre Auswirkung auf die Teamleistung

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Wie wirkt sich die Gruppenkonstellation auf die sportliche Gesamtleistung einer Mannschaft aus? Und inwieweit spielt die Gruppengröße bei Sportgruppen eine Rolle?

Im ersten Teil der Thematik wurden die Auswirkungen der Gruppenkonstellation auf die Gesamtleistung der Mannschaft oder einer Sportgruppe dargestellt. Dabei konnte man feststellen, dass, je von der Sportart abhängig, die Individuums- oder die Gruppenleistung zum Erfolg führt. Die Verteilung der sportlichen Aufgaben zwischen den einzelnen Athleten und die Interaktionen, wie z. B. das Hervorheben der eigenen Leistung, kann für den Ruhm oder die Niederlage der ganzen Mannschaft entscheidend sein.

Im zweiten Teil wollen wir einen Blick auf die Gruppengröße und deren Auswirkung auf die Gruppenleistung werfen.

 

Gruppengröße

In der sportpsychologischen Forschung hat die Frage der Gruppengröße deutlich weniger Beachtung gefunden als in der sozialpsychologischen Gruppenforschung. Da im Wettkampfsport die Anzahl der Mannschaftsmitglieder festgelegt ist, steht diese auch nicht zur Disposition. Allerdings sind die resultierenden Effekte auf die Zufriedenheit, Kohäsion und Leistungsbereitschaft einer Mannschaft von hoher Relevanz.

Die aufgabenorientierte Kohäsion (Zusammenhalt) ist in kleinen Gruppen, bei ca. 15-17 Teilnehmern, am größten. In großen Fitnessgruppen dagegen geht die Kohäsion verloren. Bei steigender Zahl der Gruppenmitglieder sinkt auch die Zufriedenheit.

 

Die Ursachen für den Mangel an Zusammenhalt und Zufriedenheit sind:

– die geringere Interaktionsdichte (wenige Wechselbeziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern)

– geringere Möglichkeiten, sich in großen Gruppen aktiv zu beteiligen, z. B. Verwirklichung oder Beachtung von eingebrachten Vorschlägen

– sinkende persönliche Verantwortung für das Gruppengeschehen und die Gruppenergebnisse, z. B. beim Tauziehen – „Sie schaffen das auch ohne mich“

 

Des Weiteren sinkt auch die Gruppenleistung bei steigender Gruppengröße.

Für eine gut funktionierende Gruppe braucht es eine zeitliche Koordination des Kräfteeinsatzes in die gleiche Richtung, was zur Addition der Einzelkräfte führt. Wenn die Aufgabe additiv ist, dann ergibt sich die Gruppenleistung aus der Summe der Einzelleistungen, z. B. beim Tauziehen und Rudern in Mannschaften. Dieses Phänomen wird als Ringelmann-Effekt bezeichnet.

 

Der Ringelmann-Effekt

Der Ringelmann-Effekt (auch Social Loafing oder Soziales Faulenzen) bezeichnet die Tatsache, dass Menschen in der Gruppe eine geringere körperliche Leistung erbringen als aufgrund der vorher gemessenen Einzelleistung zu erwarten wäre.

Der französische Agraringenieur Maximilian Ringelmann (1861-1931) untersuchte von 1882 bis 1887 die Effizienz der Arbeit von Pferden, Ochsen, Maschinen und Menschen und fand bei Modellversuchen im Tauziehen heraus, dass die Leistung von Personen in Gruppen kleiner ist, als die Summe der Leistungen, die jede Person für sich allein erbringen würde. 

Wenn Personen allein zogen, dann entwickelten sie eine Kraft von 63 kg. 2 Personen zusammen entwickelten aber nur die Kraft von 118 kg und 3 Personen entwickelten zusammen 160 kg (statt 189 kg).

Wenn ein einzelner Sportler 100 % Einsatz bringt, würden 2 Sportler nach dieser Messung im Team nicht etwa 2 x 100 %, sondern nur etwa 2 x 93 %, 3 Personen 3 x 85 % und 8 Personen nur 8 x 49 % erbringen.

D. h., die Hypothese der linearen Kräfteaddition trifft im Sport vermutlich nur in den seltenen Fällen zu, in denen der Leistungsreiz extrem hoch ist. Bei ansteigender Gruppengröße gibt es immer mehr Leistungsverluste, wenn die Einzelkräfte nicht optimal koordiniert werden.

Nehmen wir wieder das Beispiel des Deutschen-Achter beim Rudern in London 2012. Hier wäre ein Sieg mit 8 Athleten und jeweils knapp 50 % der Leistung auf keinen Fall zu schaffen. Athleten und Trainer haben enorm hohe körperliche und vor allem psychische Belastungen zu ertragen gelernt und sind wahrscheinlich sogar über die eigentlichen Grenzen hinaus gekommen. Spiegel berichtet auch hier, dass 2 Jahre harter Arbeit und des puristischen Lebensstils es wert waren, diesen glänzenden Moment während des Sommers 2012 in London vor der ganzen Welt zu erleben.

 

Zusammengefasst 

Die Addition der Kräfte zu einer homogenen Leistung ist abhängig von:

– räumlich-zeitlichen Bedingungen (wie hoch ist die aktuelle körperliche Leistungskurve)

– Koordination (strengen sich die anderen Teammitglieder genauso an; aber auch ob man Entlastung in den Alltagsaufgaben bekommt oder die finanzielle Situation gesichert ist)

– motivationalen Gründen (was will man erreichen, wieviel Wert hat mein Ziel für mich)

 

Wenn diese Indikatoren nicht optimal erfüllt werden, entsteht das soziale Faulenzen/Nassauereffekt.

Ursachen dafür sind:

– fehlende Möglichkeiten vom individuellen Einsatz und Gruppenergebnis (der Teamgeist ist nur wenig ausgeprägt, so dass wenig Wertschätzung der Sportler stattfindet)

– mit steigender Gruppengröße eine Diffusion der Verantwortlichkeit, denn die Gruppenmitglieder haben ein subjektives Gefühl, dass es auf ihren Beitrag nicht ankommt

 

Maßnahmen zur Gegenreaktion:

– Unverzichtbarkeit des individuellen Beitrags betonen

– individuelles Verantwortungsgefühl anregen

– durch einen Rollentausch soll das gegenseitige Verständnis hergestellt werden 

 

Fazit

Je größer die Gruppe, desto mehr können sich die Einzelnen schonen. Je kleiner die Gruppe ist, desto eher würde ein persönliches Schonen bemerkt und auch sanktioniert werden.

Somit kann man festhalten, dass man als Trainer unbedingt den Faktor der Gruppengröße in Verbindung mit der sportlichen Zielsetzung beachten sollte. Der Coach muss rechtzeitig die motivationalen Aspekte und die Wichtigkeit jeder einzelnen Person im Team registrieren und die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen unterstreichen. Zusammenhalt, Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft hängen von diesen Faktoren sehr stark ab.

 

Marina Lewun

 

Quellenangaben:

1. Conzalmann, A. (2001). Sport und Persönlichkeitsentwicklung. Schorndorf: Hoffmann

2. Conzalmann, A. (1996). Soziale Interaktionen und Gruppen im Sport: Bericht über die Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (ASP) vom 25. bis 27. Mai 1995 in Tübingen. Köln: bsp-Verlag

3. Eberspächer, H. (1993). Sportpsychologie: Grundlagen, Methoden, Analysen. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt

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