Das Schienbeinschmerzsyndrom

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Herkömmlicherweise wurde vor allem bei Sportlern der Begriff „Schienbeinschmerzsyndrom“ zur Beschreibung jeder Art lang anhaltender oder wiederkehrender Schmerzen zwischen Knie und Knöchel verwandt. Die Schmerzen rührten meistens von einer Überanstrengungsverletzung her, was der Ironie nicht entbehrte, da der Begriff selbst überstrapaziert worden ist.

Heute haben wir eine genauere Kenntnis der Sportverletzungen, sodass das Schienbeinschmerzsyndrom ein Sammelbegriff ist, der zur Beschreibung von Problemen der unteren Extremitäten gebraucht wird. Hierzu gehören z. B. das Kompartmentsyndrom, Ermüdungsbrüche und das mediale Schienbeinstresssyndrom (MTSS). Meistens wird er abwechselnd mit letzterem gebraucht. Doch unabhängig davon, wie Sie das Problem benennen, was können Sie tun, um es zu vermeiden?

 

MTSS ist eine geläufige Überanstrengungsverletzung, die oft in Belastungssportarten auftritt, bei denen die Füße des Sportlers wiederholt auf den Boden aufschlagen. Als Beispiele seien Mittelstreckenläufe und Langstreckenläufe, Sprungsportarten, Basketball, Fußball und Tanzen erwähnt. Die Verletzung zeichnet sich durch Schmerzen von der Mitte bis zum distalen Ende der posteromedialen Kante der Tibia (Schienbein) aus. Die Schmerzen treten während des Trainings auf und lassen in der Ruhephase nach. Anfangs mag es möglich sein, trotz der Schmerzen zu trainieren. Dies führt jedoch zu einer Verschlechterung des Zustands und irgendwann ist ein schmerzfreies Gehen nicht mehr möglich. An diesem Punkt ist aus der Verletzung ein Ermüdungsbruch geworden.

 

Bei jeder Verletzung sollten die kausalen Faktoren zuerst angegangen werden. Dadurch wird eine Verschlechterung des Zustands vermieden und die Wahrscheinlichkeit, dass die Verletzung erneut auftritt, reduziert. Krivickas nannte eine exzessive Pronation als primären Faktor für das Auftreten von MTSS. Wenn der Fuß übermäßig proniert, verändern sich die gewichttragenden Proportionen des Fußes. Erschütterungen werden weniger effizient absorbiert und die Aufprallkraft wird stattdessen auf das Schienbein übertragen. Dadurch ist der Sportler einem größeren Verletzungsrisiko ausgesetzt. Während des normalen Laufens arbeitet der Soleus (der Muskel im unteren Teil der Wade) exzentrisch, um den Fuß zu kontrollieren, wenn er den Boden berührt. Wenn der Fuß übermäßig proniert, nimmt die exzentrische Arbeit, die von dem Soleus geleistet wird, zu. Das führt zu einem vermehrten Druck des Soleus an seinem Ursprung auf das Schienbein, was entweder zu einem Mikroschaden des Bindegewebes führen kann, das den Soleus mit dem Schienbein verbindet, oder zu einer Entzündung des Periost (der äußeren Knochenhaut) am Verbindungspunkt. Eins von beiden führt dann zu den Schmerzen, die allgemein als Schienbeinschmerzsyndrom bekannt sind.

 

Wie können Sie das Schienbeinschmerzsyndrom vermeiden? 

Wenn Sie diese Art von Schmerzen während oder nach dem Training erleben, sollten Sie sich zunächst einmal fragen, ob Sie in der letzten Zeit etwas verändert haben, vor allem an Ihren Trainingsmethoden oder an Ihrer Ausrüstung. In vielen Fällen ist es nur eine kleine Veränderung, die den Unterschied zwischen einer schmerzfreien und einer schmerzhaften Trainingseinheit ausmacht.

 

Noakes  glaubt, dass vielen Laufneulingen, die während der ersten 3 Monate des Laufens Schienbeinschmerzen entwickeln, durch einen Wechsel ihrer Laufschuhe geholfen werden kann. Sehen Sie sich die Abnutzung Ihrer Schuhsohlen an – sind sie an einer Seite abgenutzter, besonders von der Mitte zur Spitze hin? Sollte dies der Fall sein, ist nicht auszuschließen, dass Sie überpronieren. Sie sollten sich einen Laufschuh zulegen, der zu Ihrem Fuß passt. Einige gute Laufgeschäfte bieten eine computergesteuerte Laufbandanalyse mit Fußscan an, die Ihnen hilft, die richtigen Laufschuhe zu finden. Ein Läufer, der überproniert, braucht einen Laufschuh, der ihm einen guten Halt gibt, vor allem entlang des medialen Fußlängsgewölbes. Weisen Ihre Schuhe ein unterschiedliches Abnutzungsmuster auf, ist es klug, Ihre Füße untersuchen zu lasen, denn ein Schuh, der zu unbiegsam ist, kann ebenfalls Schmerzen verursachen.

 

Vermeiden Sie folgende Trainingsfehler 

Der 2. Hauptgrund für Überanstrengungsverletzungen sind möglicherweise Trainingsfehler. Auf was für einem Untergrund laufen Sie gewöhnlich? Wenn Sie regelmäßig auf hartem Kopfsteinpflaster trainieren, vor allem wenn die Oberfläche leicht gewölbt ist, hören Sie damit auf. Wechseln Sie Ihr Laufgelände. Woche für Woche die gleiche Route zu laufen, vor allem auf hartem, unnachgiebigem Boden oder in einem zu bergigen Gelände, kann MTSS auslösen. Das mag schwierig zu handeln klingen, doch der Schlüssel liegt in der Abwechslung. Wechseln Sie Laufgelände, Entfernung und Geschwindigkeit und, was am wichtigsten ist, sorgen Sie für einen unterschiedlichen Untergrund, auf dem Sie laufen. Sportlern wie Tänzern und Turnern, die ihren Sport drinnen betreiben, hilft das Training auf einem gefederten Boden die Belastung der unteren Extremitäten durch den wiederholten Aufprall zu mindern.

 

Ein anderer Trainingsfehler ist es, zu viel zu schnell zu wollen. Das kann sowohl dem Neuling passieren, der fit werden oder Gewicht verlieren will, wie dem erfahrenen Sportler in der Vorsaison oder nach der Wiederaufnahme des Trainings nach einer Verletzung. Der Körper wird sich an die Anforderungen anpassen, denen Sie ihn aussetzen, doch nicht so schnell wie die meisten Menschen das möchten. Sie müssen Geduld haben und auf Ihren Körper hören. Wenn Sie im unteren Bein Schmerzen spüren, kann das ein 1. Zeichen von MTSS oder einer Überanstrengungsverletzung sein. Eine einfache Reduzierung der Laufdistanz oder der Trainingsdauer kann alles sein, das zum Stoppen der Schmerzen nötig ist.

 

Ein Sportler mit einer schlechten Lauftechnik hat ebenfalls ein erhöhtes Risiko, was Überanstrengungsverletzungen der unteren Extremitäten angeht. Ein enger Laufschritt oder Füße, die sich beim Laufen überkreuzen, können die Fußpronation erhöhen und somit zu einer Überanstrengung von Tibia und Soleus führen. Zusätzlich können zu große Schritte oder ein zu hartes Aufsetzen der Zehen den Stress auf die unteren Extremitäten erhöhen. Lassen Sie sich von einem anderen Läufer beim Laufen filmen und beurteilen Sie Ihren Laufstil.

 

Der vorliegende Artikel beleuchtet die einfachen Schlüsselfaktoren, die Sie problemlos ändern können, um die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen zu reduzieren oder um die Genesung zu unterstützen. Weitere Faktoren, die als ebenso wahrscheinlich für das Auftreten von MTSS ausgemacht wurden, sind Menstruationsabnormalitäten, eine kalziumarme Diät, Muskelungleichgewichte, Unbeweglichkeit, erbliche Faktoren, kaltes Wetter, unzureichendes Aufwärmen und strukturelle Skelettabnormalitäten.

 

Karl Halliday

 

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