Verletzungen und Prävention bei Profifußballern

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„Fitness und Kondition sind im Turnierfußball absolut unerlässlich, sie gehören zu den wichtigsten Dingen überhaupt. Natürlich braucht man auch etwas Glück, wenn es um so etwas wie Verletzungen und Strafstöße geht.“ Soweit die Aussagen von Sven Göran Eriksson, dem ehemaligen englischen Fußballnationaltrainer.(1) Dieser Artikel beschäftigt sich im Detail mit einigen der Hauptfaktoren, die auf den Aufbau eines erfolgreichen Weltmeisterteams Einfluss haben. 

Studien über Verletzungen

Die Spielsaison vor der WM 2006 war darauf angelegt, der englischen Mannschaft mehr Zeit für die Vorbereitung zu geben. Doch haben die Anforderungen der Premier League und der europäischen Wettbewerbe nicht von den meisten englischen Nationalspielern ihren Tribut gefordert?
Die von Ekstrand und seinen Kollegen von der Universität Linkoping in Schweden durchgeführten Untersuchungen haben sich insbesondere mit der Heimsaison und deren Auswirkungen auf die Spitzenfußballer aus ganz Europa im Vorfeld der WM 2002 beschäftigt, wobei der Zusammenhang zwischen der Anzahl an gespielten Turnieren und der Verletzungsrate im Vordergrund standen.(2) Die Mannschaftsärzte von 11 der besten europäischen Fußballvereine haben ihre Spieler während der gesamten Saison 2001/2002, in der 65 Spieler an der WM in Korea und Japan teilnahmen, durchgängig überwacht. Die Vereine haben die Verletzungen dieser Spieler während des Turniers gemeldet und von 3 internationalen Fachleuten analysieren lassen, wie gut die Spieler gespielt haben.
Die Anzahl der nationalen Spiele, die von den europäischen Eliteteams bestritten wurden, variierte zwischen 40 und 76. Es überrascht nicht, dass Spitzenspieler (oder zumindest die erfolgreicheren Spieler) besonders während der Endphase der Saison, wo es zu vermehrten Einsätzen kommt, mehr Spiele absolvierten. Alles in allem haben die WM-Spieler 46 Spiele bestritten, verglichen mit 33 Einsätzen der Spieler, die nicht daran teilnahmen.
Es mag überraschen, dass die WM-Spieler während der Saison keine größere Verletzungsrate aufwiesen als die nicht an der WM teilnehmenden Spieler, obwohl sie bei mehr Spielen gespielt haben. 29 % der Spieler zogen sich in Korea und Japan Verletzungen zu. Bedenklicherweise haben sich 23 (also 60 %) der 38 Spieler, die vor der WM mehr als ein Spiel pro Woche gespielt haben, Verletzungen zugezogen und/oder während des Turniers nicht mit voller Leistung gespielt. Dies veranlasste die schwedischen Wissenschaftler zu der Annahme, dass die Anzahl der in den letzten 10 Wochen vor dem Turnier gespielten Spiele vor allem in Hinblick auf das Verletzungsrisiko und die unterdurchschnittliche Leistung entscheidend war.
Was lässt sich über die Anforderungen des internationalen Fußballs sagen? Haben die Spieler, die regelmäßig auf diesem Niveau spielen, ein größeres Verletzungsrisiko als andere? Diese Frage war Gegenstand einer weiteren Untersuchung von Ekstrand, der zwischen 1991 und 1997 eine Langzeitstudie über die schwedische Mannschaft durchgeführt hat.(3)
Während dieser 6 Jahre hat die Mannschaft an 73 offiziellen Spielen teilgenommen und 3 Trainingslager besucht. 57 dieser Spiele sowie der Aufenthalt in den 3 Trainingslagern wurden in der Studie berücksichtigt, sodass sich eine Gesamtsumme von 6.235 Trainings- und 1.010 Spielstunden ergab. Für jeden Spieler wurde die individuelle Anzahl seiner Einsatzzeiten aufgelistet, und jede Verletzung wurde vom Mannschaftsarzt untersucht.
Alles in allem kam es zu 71 Verletzungen (40 während des Trainings und 31 während eines Spiels). Von den Turnierverletzungen waren 5 (16 %) ernsthafterer Art und führten dazu, dass der Spieler mehr als 4 Wochen pausieren musste. Die Verletzungsrate während des Trainings lag bei 6,5 pro 1000 Stunden und während der Spiele bei 30,3 pro 1000 Stunden.
Interessanterweise war das Verletzungsaufkommen in den verlorenen Spielen bedeutend höher als in den gewonnenen oder unentschiedenen Spielen (52,5 verglichen mit 22,7 pro 1000 Stunden). Dagegen konnte kein besonderer Unterschied zwischen der Verletzungsrate bei Pflichtspielen im Vergleich zu der bei Freundschaftsspielen sowie zwischen der bei Heimspielen im Vergleich zu Auswärtsspielen und Spielen auf neutralem Platz festgestellt werden.
Diese Ergebnisse führten Ekstrand zu der Schlussfolgerung, dass das Verletzungsrisiko in einer Nationalmannschaft mit dem des professionellen Fußballs auf hohem Niveau vergleichbar ist. Angesichts der vorherigen Ergebnisse(2) wäre der Deutsche Fußballbund (DFB) jedoch gut beraten, die Einsätze der Nationalmannschaft während der Vorbereitungsphase auf die WM auf die wesentlichen Spiele zu beschränken, um das Verletzungsrisiko sowie das Risiko eingeschränkter Leistungsfähigkeit während des Turniers zu verringern.
Das in der Einleitung angeführte Eriksson-Zitat weist auf die Wichtigkeit hin, Glück zu haben. Glück spielt mit Sicherheit keine geringe Rolle bei dem gegebenen Verletzungsrisiko, wie die FIFA, der internationale Dachverband des Fußballs, bei der Analyse von Häufigkeit und Art der Spielerverletzungen während der WM 2002 feststellte.(5)
Die Mannschaftsärzte aller teilnehmenden Mannschaften protokollierten nach jedem Spiel alle Verletzungen in Form einer standardisierten Mitteilung. In den 64 Spielen wurden insgesamt 171 Verletzungen gemeldet, was einer Verletzungsrate von 2,7 pro Spiel entspricht. Bei 73 % handelte es sich um Zweikampfverletzungen, zu den restlichen Verletzungen kam es ohne gegnerischen Einfluss. Die Hälfte der Zweikampfverletzungen (37 % von der Gesamtzahl der Verletzungen) wurde laut Mannschaftsarzt und verletztem Spieler durch Fouls verursacht.
Statistisch gesehen spielt Glück eine große Rolle bei der Bestimmung des Verletzungsrisikos der Spieler, da die Möglichkeiten, Zweikampfverletzungen zu vermeiden nicht groß sind, vor allem wenn diese von den gegnerischen Spielern gezielt provoziert werden. (Die FIFA hat übrigens die große Bedeutung des Fair Plays bei der WM in Deutschland deutlich hervorgehoben, um so die Häufigkeit von Fouls zu reduzieren.)

Sehnenzerrungen und Hydration

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, die Aufwärm- Methoden im Fußball im Detail zu erläutern. Ich möchte jedoch den Blick auf den Schutz der Achillessehne und die Flüssigkeitsaufnahme der Spieler lenken, da diese mit zu den wichtigsten Faktoren hinsichtlich der Ausdauer eines Spielers im Turnierfußball gehören. Eine Sehnenzerrung bedeutet fast immer das Aus für einen Spieler – zumindest was das laufende Turnier betrifft. Eine unangemessene Flüssigkeitsaufnahme kann gravierend die Leistungsfähigkeit mindern und das Verletzungsrisiko erhöhen.
Der britische Forscher Dadebo und ein Team der Manchester Metropolitan University haben die Beziehung zwischen aktuellen Protokollen von Elastizitätstrainings und der Häufigkeit von Sehnenzerrungen in englischen Profivereinen untersucht.(6) Aus 30 Vereinen der 4 Divisionen wurden während der Saison 1998/1999 Daten über das jeweilige Elastizitätstraining zusammengetragen.
Obwohl es große Unterschiede in der Art des Elastizitätstrainings gab, entdeckten die Forscher (was angesichts der eingeschränkten Relevanz für Spiele und Trainingsumstände überraschend war), dass das statische (passive) Dehnen am beliebtesten war.
Sehnenzerrungen machen 11 % der gesamten Verletzungen und ein Drittel aller Muskelzerrungen aus. Bei ungefähr 14 % der Sehnenzerrungen handelte es sich um Rückfälle. Sehnenzerrungen waren in der Premier League am häufigsten (13,3 pro 1.000 Stunden) und in der 2. Liga am seltensten (7,8 pro 1.000 Stunden), wobei das Risiko einer solchen Verletzung für die Stürmer am größten war. Bei den meisten Sehnenzerrungen (97 %) handelte es sich um Verletzungen 1. oder 2. Grades. Zwei Drittel davon traten zum Ende eines Trainings oder Spiels auf.
Unter einer Zerrung 1. Grades sind Mikrorisse im Muskel zu verstehen, während eine Zerrung 2. Grades bedeutet, dass ein bestimmter Teil eines Muskels gerissen ist. Bei einer Zerrung 3. Grades handelt es sich um einen schweren oder kompletten Riss des Muskels.
Bei der Analyse der Verletzungsraten in Bezug auf die Elastizitätsprotokolle der Spieler stellten die Wissenschaftler fest, dass für ungefähr 80 % der Variabilitätsrate von Sehnenzerrungen die Dehnungsdauer verantwortlich war. Mit anderen Worten: Je länger der Muskel gedehnt wurde, desto eher erlitt der Spieler eine Sehnenzerrung.
Daraus ergibt sich, dass Vereinstrainer besser über die Vorteile einer aktiven Aufwärmphase mit bestimmten Dehnübungen (mehr dazu später) informiert werden müssen, um Sehnenzerrungen bei Topspielern zu vermeiden.
Flüssigkeitsverlust kann die Spielleistung einschränken und das Verletzungsrisiko erhöhen. In einer Untersuchung zur Hydration haben Maughan und seine Kollegen von der Universität Loughborough während eines 90-minütigen Vorsaisontrainings der Stammelf eines Teams der englischen Premier League die Flüssigkeitsbilanz gemessen.(7) Der Schweißverlust während des Trainings wurde anhand der Veränderung der Körpermasse gemessen – unter Berücksichtigung der aufgenommenen Getränke und des ausgeschiedenen Urins. Die Schweißzusammensetzung wurde mithilfe von Pflastern analysiert, die an 4 Stellen auf der Haut angebracht wurden.
Am Tag der Untersuchung betrug die Temperatur 24–29 °C und es herrschte eine mittlere Luftfeuchtigkeit (46–64 %) – ähnliche Bedingungen wie die, die man bei der WM in Deutschland hatte. Im Verlauf des Trainings lag der durchschnittliche Verlust an Körpermasse bei 1,10 kg. Das entspricht 1,37 % der Körpermasse vor dem Training. Die durchschnittliche Flüssigkeitsaufnahme betrug 971 ml, der geschätzte Schweißverlust lag bei 2,033 ml. Der gesamte Natriumverlust durch Schwitzen lag bei 99 mmol, entsprechend einem Salzverlust (Natriumchlorid) von 5,8 g.
Maughan schloss daraus, dass Fußballspieler während des Trainings beträchtliche Mengen an Wasser und gelösten Substanzen (liquidhaltige Elektrolyte) über das Schwitzen verlieren.
Dennoch variierten die Verluste selbst bei gleichen Übungen und Umweltbedingungen deutlich unter den einzelnen Spielern. Auch was das natürliche Trinkbedürfnis anging, das generell zu niedrig war um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, waren die Unterschiede gravierend. Demnach müsste für jeden Spieler einen individuellen Plan zum Flüssigkeitsersatz aufgestellt und eingesetzt werden. Maugham empfiehlt den Spielern ausreichend zu trinken, um den Körpergewichtsverlust bei 1–2 % zu halten. Da der Salzverlust bei den Spielern Krämpfe auslösen kann, empfiehlt er Spielern, die zu Krämpfen neigen, eine zusätzliche Salzzufuhr.

Aufwärmen vor großen Spielen

Letztendlich muss überlegt werden, wie das Aufwärmen vor wichtigen Spielen aussehen sollte. Zu diesem Thema gibt Professor Angel Spassov ein paar entscheidende Tipps. Spassov, ein Aufwärmtrainings-Experte aus Bulgarien der heute in Amerika lebt, hat mit 6 an Weltmeisterschaften teilnehmenden Mannschaften gearbeitet, zuletzt in Portugal während der Europameisterschaft 2002. Auch wenn sein Aufwärmtraining nicht sonderlich revolutionär ist (aus dem Blickwinkel eines allgemeinen sportlichen Aufwärmtrainings), ist es nichts desto trotz sehr durchdacht und spezifisch (siehe folgende Übersicht).(8)
Spassov empfiehlt ein passives und ein aktives Aufwärmtraining. Letzteres beinhaltet ein spezifisches Aufwärmen. Für Ersteres rät er den Spielern, die Muskeln 30–60 Minuten vor dem Spiel zu lockern, indem sie die Sprunggelenke, Knie und alle Beinmuskeln, den Rückenbereich, den Nacken und die Schultern mit einer wärmenden Salbe einreiben – am besten mit einer geruchlosen Sorte, die auf der Haut nicht heiß wird.
Das darauf folgende Aufwärmtraining ist – wie in der Übersicht beschrieben – in 2 Bereiche unterteilt. Dieses Aufwärmtraining ist sehr sinnvoll und bereitet die Bewegungsabläufe des Spielers auf die Spielbedingungen optimal vor. 
 

 

John Shepherd

Quellenangaben
1. Aus www.thefa.com
2. British Journal of Sports Medicine, 2004, Bd. 38 (4), S. 493–497
3. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 2004, Bd. 14 (1), S. 34–38
4. www.ontariosoccerweb.com
5. American Journal of Sports Medicine, 2004, Bd. 32, S. 238–278
6. British Journal of Sports Medicine, 2004, Bd. 38 (6), S. 793
7. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 2004, Bd. 14 (3), S. 333–346
8. www.overspeedtraining.com

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