Rehydrierung und Flüssigkeitsausgleich

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Nach dem Tod einer Läuferin während des 2002er Boston Marathon macht man sich in verschiedenen Quartieren Sorgen über die potenziellen Risiken von übermäßiger Hydrierung und daraus folgender Hyponatriämie (niedriges Blutnatrium-Niveau) für Ausdauer-Athleten.

Die Athletin, die an hyponatriämischer Encephalopathie starb (einer Schwellung des Gehirns, die durch deutlich reduziertes Natrium im Blut verursacht wird), hatte nach Berichten vor und während des Rennens übermäßige Mengen Flüssigkeit zu sich genommen.

Inzwischen scheinen neue Berichte in der medizinischen Literatur einen Trend zu bestätigen, den auf Marathon spezialisierte Medizinexperten beobachtet haben: Hyponatriämie ist mit der steigenden Teilnahme von Freizeit-Athleten an Ausdauer-Wettkämpfen zunehmend häufig geworden.

In einem kürzlich erschienen Editorial-Artikel des British Medical Journal stellte der weltberühmte südafrikanische Sportphysiologe Professor Tim Noakes eine provokative Behauptung auf. Er sagte, dass die aktuellen Hydrierungs-Richtlinien, die es seit den letzten 30 Jahren gibt, durch das Sponsoring von Sport-Drinks beeinflusst seien, die individuellen Bedürfnisse der Athleten nicht berücksichtigen würden und zum übermäßigen Verzehr von Flüssigkeit während des Sports geführt hätten.(1)

Diese Richtlinien gehen davon aus, dass Dehydrierung die größte Bedrohung für Gesundheit und Wohlbefinden während sportlicher Aktivität bei Hitze darstellt. Man sagt, Durst sei ein unzuverlässiger Indikator für den Flüssigkeitsbedarf, und man rät den Athleten, die verlorene Flüssigkeit zu ersetzen, bevor sie sich durstig fühlen. Wie 1996 geschehen, riet das American College of Sports Medicine den Athleten, die maximale Menge zu konsumieren, die sie vertragen konnten – bis zu 600 – 1.200 ml pro Stunde.

Noakes glaubt: Diese Annahme, Athleten müssten vor, während und nach der sportlichen Aktivität voll hydriert bleiben, um ein hohes Leistungsniveau beizubehalten, hat zu einer gefährlichen Situation geführt, in der manche Athleten zu viel Flüssigkeit zu sich nehmen.

Seine Ansichten wurden in aktuellen Zeitungsartikeln zitiert, die auf beiden Seiten des Atlantiks herausgegeben wurden. Aber auch wenn er in gewisser Hinsicht die Wahrheit auf seiner Seite hat, besteht die Gefahr, dass solche angstmachenden Überschriften wie „Wasser: Kann man überdosieren?“ und „Zu viel Flüssigkeit während des Sports zu trinken, kann gefährlich sein“ zu einer Situation führen, in der Athleten nicht genügend trinken und so ihr Leistungspotenzial begrenzen. (Lernen Sie auch diese Sicht kennen: Überhydrierung im Sport – Trinken wir zu viel?

 

Die neuen Hydrierungs-Richtlinien

Nun sind neue Hydrierungs-Richtlinien herausgekommen. Noakes selbst hat welche für das Beratungsgremium für Hydrierung bei der International Marathon Medical Directors‘ Association entwickelt. Und die Sportinstitution USA Track and Field hat in ihren eigenen neuen Richtlinien einen Mittelweg angestrebt.

Ein Thema, das früher nur in sportmedizinischen Kreisen diskutiert wurde, ist zu einem Streitthema unter Athleten, Coaches und in der lay press geworden. Und das Fazit ist, dass viele Athleten einfach keine Ahnung haben, welche Rehydrierungs-Strategie sie anwenden sollen.
Aber was ist Über-Hydrierung (auch als Hyperhydrierung bekannt) und wie kann sie zu solchen tödlichen Konsequenzen führen? Noakes gibt dem die Schuld, was er den „Dehydrierungs-Mythos“ nennt: dass ein Zusammenbruch während oder nach langer sportlicher Aktivität durch Hitzeschäden aufgrund von Dehydrierung verursacht werde und dass beides durch zügellose Flüssigkeitsaufnahme verhindert werden könne.

Schon 1988 wurde über Fälle von „Wasservergiftung“ bei Marathonläufern berichtet. Und es gibt eine Reihe von Publikationen, die die lebensbedrohlichen Konsequenzen von Flüssigkeitsüberlastung bei Läufern, Triathleten, Armeepersonal und Wanderern beschreiben. Diese Menschen tendieren alle dazu, sich in Aktivität niedriger Intensität über lange Zeit unter heißen Bedingungen zu betätigen.
Die steigende Beteiligung von Freizeitläufern an Marathons hat dazu geführt, dass viel mehr Läufer 4 Stunden und länger laufen – und Leute in dieser Situation trinken wahrscheinlich zu viel Flüssigkeit.

Hyponatriämie entsteht aus einer abnorm niedrigen Konzentration von Natrium im Blutplasma – die normale Spanne liegt zwischen 136 und 142 mmol pro Liter.(2) Wenn die Natriumkonzentration im Plasma sinkt, unterbricht dies das osmotische Gleichgewicht über die Blut-Gehirn-Barriere, was zum schnellen Einfließen von Wasser in das Gehirn führt. Das wiederum führt zu einer Gehirnschwellung, die zu Verwirrung, Anfällen, Koma und sogar zum Tod führen kann. Die Schwere der Erkrankung hängt von der Schwere der Natriumreduzierung ab: Ein Abfall der Natriumkonzentration im Plasma auf 125 – 135 mmol / Liter wird tendenziell milde Symptome erzeugen, wie Blähungen und Übelkeit. Dagegen erzeugen Konzentrationen unter 125 mmol / Liter ernsthaftere Symptome, während ein Sinken auf unter 120 mmol / Liter lebensbedrohlich sein kann.
Verschiedene Faktoren können zu einem Abfall der Natriumkonzentration führen, darunter Natriumverlust im Schweiß und gesunkene Natriumaufnahme. Aber die schnelle Aufnahme großer Flüssigkeitsmengen, die das Blut effektiv verdünnt, scheint die Hauptursache für gefährliche Reduzierungen zu sein.

Die Symptome der Hyponatriämie überlappen sich mit denjenigen bei Hitzschlag, aber der letztere ist einzig durch ein niedriges Natriumniveau im Plasma definiert. Wenn bei Athleten Hyponatriämie auftritt, ist diese im Allgemeinen durch eine schwere Verdünnung des Blutplasmas charakterisiert, die durch den dramatischen Zufluss von Wasser verursacht wird.
Wie Tim Noakes betont, kann die Verwechslung von Hyponatriämie und Hitzschlag am Ort des Zusammenbruchs sehr gefährlich sein. Denn der letztere Zustand wird tendenziell durch die Gabe von intravenöser Flüssigkeit behandelt, was eine ohnehin schon lebensbedrohliche Situation noch verschlimmert.(3)

Eine genaue Diagnose wird möglich durch die Messung der Rektaltemperatur und der Natriumkonzentration im Plasma. Und Noakes argumentiert: Wenn die Rektaltemperatur zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs nicht höher als 40° C ist, liegt es nicht an einem Hitzschlag, und es sollte keine intravenöse Behandlung gemacht werden. Er betont auch: Nach einem Ironman-Triathlon mit 22.600 Metern, der vor kurzem stattgefunden hat und der mittags bei schweißtreibenden 30° C begann, hat keiner der 390 Teilnehmer intravenöse Behandlung gebraucht. Somit kann man annehmen, dass die Verbreitung von Hitzschlag übertrieben worden ist.

 

Befürwortung von angemessener Hydrierung

Noakes argumentiert: Während Hyperhydration lebensbedrohlich sein kann, wird durch Sport in der Hitze verursachte Dehydrierung nur die Leistung reduzieren und vorübergehend das Wohlergehen beeinträchtigen. Es gibt keinen Beweis, darauf besteht er, dass eine mäßige Dehydrierung bei Ausdauer-Athleten – Körpermasseverluste von 2-8 % – irgendwelche gesundheitlichen Konsequenzen bei der sportlichen Aktivität habe.

Doch wenn es auch stimmen mag, dass für Athleten, die an wenig intensiven Aktivitäten teilnehmen, nur eine geringe Gefahr für gesundheitliche Auswirkungen besteht, könnten diejenigen, die mit höherer Intensität und unter extrem heißen Bedingungen Sport treiben, durchaus an Hitzschlag durch steigende Körpertemperatur leiden. Das kann im schlimmsten Fall zu einem Kreislaufzusammenbruch führen, der durch das Ausfallen des normalen Temperaturregelungs-System des Körpers und einen unkontrollierten Anstieg der Körperinnentemperatur verursacht wird.

Eine Dehydrierung von 8 % entspricht bei einem Läufer mit 50 kg einem Verlust von 4 kg durch Schweiß, oder bei einem 70 kg schweren Läufer 5,6 kg – Verluste, die beim Laufen in der Hitze nicht unbedeutend sind. Man kann durch die sportliche Aktivität herbeigeführte Erhöhungen der Rektaltemperatur bis zu 41° C tolerieren, aber wenn sie von Dehydrierung begleitet sind, wird die Körperinnentemperatur aufgrund der erlittenen Schwitzverluste unkontrolliert ansteigen.

Tim Noakes hat ausführlich argumentiert, dass durch Dehydrierung verursachter Hitzschlag bei Ausdauerveranstaltungen wie Marathons selten vorkommt, und dass viele Vorfälle, über die berichtet wurde, auf falschen Diagnosen beruhen.(1,2,5) Er argumentiert auch, dass der Rat, bei langer sportlicher Aktivität massenweise Flüssigkeit zu trinken, aus der Laborforschung stammt, welche die Faktoren im wahren Leben nicht berücksichtigt, wie etwa den konvektiven Kühlungseffekt der frischen Luft.
Außerdem werden Veranstaltungen in sehr warmen, feuchten Klimagebieten oft am frühen Morgen abgehalten, bevor die Temperaturen steigen, während viele Stadt-Marathons im Frühjahr oder Herbst abgehalten werden, um die Sommerhitze zu vermeiden. Durch solche Faktoren wird es nicht mehr nötig, „so viel wie möglich“ zu trinken, aber viele Athleten beachten diese Maxime immer noch.

Trotzdem: Wie übertrieben auch die Verbindung zwischen Dehydrierung und Hitzschlag sein mag, es kann wenig Zweifel bestehen, dass Dehydrierung die Leistung beeinträchtigt. Studien, die in den vergangenen 50 Jahren durchgeführt worden sind, haben gezeigt, dass ernsthafte Flüssigkeitsverluste die Fähigkeit vermindern, beim Ausdauersport maximale Leistung zu bringen. Eine Dehydrierung von nur 1 – 2 % kann eine Belastung der Körperinnentemperatur und des Herz-Gefäß-Systems erhöhen und damit die wahrgenommene Arbeitsbelastung erhöhen. Ein so geringer Wasserverlust von 1,6 % kann schon die Laufzeit über 1.500 m, 5.000 m und 10.000 m erhöhen und die Laufzeit bis zur Erschöpfung reduzieren.(4)
Größere Verluste von 4 % können die Kapazität für hochintensive sportliche Aktivität (z. B. maximales Radfahren) um bis zu 50 % reduzieren, weil der VO2max reduziert ist, während sich die Skelett-Muskel-Leistung um 15 % reduziert.(5)
Während dehydrierte Athleten also nicht unbedingt einen Hitzschlag riskieren, besteht kein Zweifel, dass ihre Leistung beeinträchtigt werden kann. Und Ängste vor Hyponatriämie sollten nicht dazu führen, dass sie ihren Flüssigkeitsbedarf nicht mehr verstehen und decken, während sie in der Hitze Ausdauersport betreiben.

 

Welchen Rat sollten Athleten also annehmen?

Douglas J Casa, der Assistenzprofessor, der die neuen Hydrierungs-Richtlinien von USA Track and Field geschrieben hat, sagt: Athleten sollten lernen, welchen individuellen Flüssigkeitsbedarf sie haben.(6) Er glaubt, dass die Flüssigkeitsaufnahme der Athleten von ihrer individuellen Schwitzmenge bestimmt werden sollte, die sowohl von ihrem Körpergewicht als auch von der Intensität der sportlichen Aktivität und der Umgebung beeinflusst wird.

Tim Noakes rät den Athleten, ihren Durst zu beobachten und beim Wettbewerb dieselben individuellen Hydrierungs-Strategien anzuwenden, wie sie es beim Training tun. Elite-Läufer können angemessene Hydrierung erreichen, indem sie sich nur 200 ml oder indem sie 800 ml pro Stunde zuführen, das hängt vom individuellen Bedarf ab. Aber Läufer, die weiter hinten im Feld laufen, bewegen sich langsamer, wobei ein Hitzestau weniger wahrscheinlich ist. Diese Athleten gehen vernünftigermaßen so heran, dass sie nicht mehr trinken als nötig, was durch den Durst angezeigt wird. Das ist besser, als so viel wie möglich zu trinken.(7) Alle Athleten sollten auch sicherstellen, genügend Salz in der Flüssigkeit zu sich zu nehmen, die sie während und nach der Aktivität konsumieren, um Salzverlusten durch Schwitzen entgegenzuwirken.

 

Quellenangaben:

1. British Medical Journal (2003), Bd 327, S. 113-114

2. Sports Science Exchange 88 (2003), Bd. 16(1).

3. The Physician and Sportsmedicine (2000), Bd. 28(9), S. 71-76

4. Medicine and Science in Sports and Exercise (1985), Bd. 17(4), S. 456-61

5. Journal of Applied Physiology (2001), Bd 90, S. 1057-1064

6. The Physician and Sportsmedicine (2003), Bd. 31(7)

7. IMMDA-AIMS Advisory Statement by IAAF (2002), Bd. 17(1), S. 15-24

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