„Steinzeiternährung“ – Was verbirgt sich hinter diesem Trend?

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Vor über dreißig Jahren wurde erstmals die Idee der Paleo Diet, der Steinzeiternährung in einer Publikation veröffentlicht. Was es damit auf sich hat und wieso dieser Trend auch (oder gerade) heute noch aktuell ist, erläutert Ernährungsexpertin Hanna Sandig.

Im Jahre 1985 erschien erstmals eine Publikation über präventivmedizinische Implikationen der Steinzeiternährung – auch Paleolithic Nutrition bzw. Paleo Diet genannt – im New England Journal of Medicine (1). Die Thesen von Eaten und Konner sorgten für Furore. Heute, 28 Jahre später, ist diese Ernährungsweise immer noch in vieler Munde und wird in populärwissenschaftlicher Literatur sowie in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Auch in der Sporternährung spielt sie mittlerweile eine Rolle. Doch welche theoretische Begründung verbirgt sich hinter der konkreten Ernährungsempfehlung, die von sich behauptet, präventiv gegen degenerative Zivilisationskrankheiten zu wirken? Und wie sinnvoll sind vor dem Hintergrund aktueller ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse diese Empfehlungen überhaupt? 

Zur Beantwortung ernährungswissenschaftlicher Problemstellungen stützte man sich bislang auf die deskriptive und analytische Epidemiologie, auf die Ernährungsphysiologie sowie die Biochemie und Molekularbiologie. So werden aus den gewonnenen Daten fortlaufend neue Schlüsse gezogen, wie die „richtige“ Ernährung beschaffen sein sollte. Im Bereich der angewandten Ernährungswissenschaft relevante Fragestellungen wie die Frage nach dem Nährstoffbedarf und der optimalen Zufuhr eines Nährstoffes, die Frage nach Lebensmittelempfehlungen oder nach der Ernährungsform und ihre Relation zum Lebensstil unter Rückgriff auf evolutionstheoretische Überlegungen zu lösen, das war neu. Das genannte Methodengefüge um evolutionsbiologische Einsichten zu erweitern, soll also dazu beitragen, dem Ziel der Ernährungswissenschaft, der Definition einer „optimalen“ Ernährung des Menschen näher zu kommen. Eine Ernährungsweise, die langfristige Gesundheit, physische und psychische Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden und Maximierung der Lebensdauer unterstützt und fördert. 

Steinzeiternährung – die Theorie dahinter 

Das Konzept der Steinzeiternährung beruht darauf, dass die „optimale“ Ernährung qualitativ ausschließlich aus den Lebensmitteln bestehen soll, die unsere Vorfahren in der Zeit der Menschwerdung konsumiert haben. Konkreter heißt dies in der Zeit des Paläolithikums (2,7 Mio. Jahre bis 10.000 Jahre v. Chr.) und somit lange vor Beginn von Ackerbau und Nutztierhaltung, welche vor ca. 10.000 Jahren begannen sowie industrieller Lebensmittelproduktion. Hierzu zählen ausschließlich Obst und Gemüse, Nüsse, mageres (Wild-) Fleisch und Fisch. Dies passe am besten zur Physiologie und Biochemie des Menschen, da der Mensch sich im Laufe der Evolution an dieses nutritive Umfeld genetisch angepasst habe und seine Genetik seit dieser Zeit keine nennenswerten Änderungen mehr erfahren habe. So ließe sich weiterhin erklären, dass chronisch-degenerative Erkrankungen sich als Folge einer Diskrepanz zwischen genetisch verankerten Ernährungsbedürfnissen auf der einen Seite und den heutigen Ernährungs- und Lebensbedingungen auf den anderen Seite ergeben. Die Zeit von Anbeginn der Landwirtschaft sei zu kurz, um sich genetisch an die „neuen“ Lebensmittel wie Milch und Milchprodukte, Getreide, Speiseöle und raffinierten Zucker und Salz anzupassen. (2) Klingt schlüssig und nachvollziehbar. Doch ist es wirklich so einfach? Extrem wichtig ist es bei der Paleo Diet (wie bei jedem anderen Ernährungskonzept auch) streng zwischen der praktischen Ernährungsempfehlung einerseits und dem entsprechenden Begründungszusammenhang andererseits zu differenzieren. Beides ist völlig unabhängig voneinander zu bewerten: So kann eine Empfehlung selbst dann richtig sein, wenn die dazu gehörige Begründung falsch ist und umgekehrt. Es gilt also beide Seiten unter die Lupe zu nehmen wobei die Überprüfung der Ernährungsweise im Hinblick auf ihre gesundheitliche Eignung praxisrelevanter scheint.

Hanna Sandig

 

Lesen Sie Teil 2: „Steinzeiternährung“ – Begründung mit Fehlschlüssen?

 

Literatur: 

1. New England Journal of Medicine (1985). 312, S. 283-289 

2. Journal of Nutritional & Environmental Medicine (2003). Bd 13 (3), S. 149–160 

3. Ernährungsumschau (2006). Bd 53 (1), S. 10-16 

4. Ernährungsumschau (2006). Bd 53 (2), S. 52-58

 

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Über den Autor

Hanna Sandig

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