Die 5 Yoga Prinzipien

Das 5. Yoga-Prinzip: Das Selbst nachhaltig transformieren

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Soll eine nachhaltige Yogapraxis die allgemeine Gesundheit, das Wohlbefinden und die Selbsttransformation fördern, darf man das Gleichgewicht von Anstrengung und Leichtigkeit niemals aus den Augen verlieren, während man sich allmählich immer tiefer entspannt, immer weiter öffnet und immer größere Klarheit gewinnt.

Dies bedarf auch eines ganzheitlichen Übungsansatzes, bei dem jede Stunde oder Einheit alle Elemente – Asana, Pranayama, Meditation – enthält. Aber obwohl diese Prinzipien erfahrenen Yogalehrern meist ebenso bekannt sind wie die Werte der Yamas und Niyamas, fehlen sie in vielen Unterrichtsstunden. Die Folge davon ist eine alles andere als nachhaltige Yogapraxis, da Schüler (und häufig auch Lehrer) sich verletzen, ausbrennen oder aufhören. 

3 wesentliche Faktoren für Verletzungen

Jeder mir bekannte erfahrene Yogalehrer, ob aus der Vinyasa-Flow-, Iyengar-, Power-, Ashtanga-, Anusara- oder einer anderen Tradition, hat sich schon einmal beim Yoga verletzt und wurde dadurch oft um Wochen, Monate oder gar Jahre in seiner Praxis zurückgeworfen. Diese Verletzungen kamen fast durchweg auf eine der drei folgenden Arten zustande:

1. Der Betreffende hat ohne aparigraha geübt und stattdessen versucht, etwas zu erhaschen, das außer Reichweite war. 

2. Er hat sich in avidya, das heißt im Zustand des Nichtwissens befunden, und nicht gewusst, was er tat. 

3. Seine Haltung wurde von einem Lehrer korrigiert, der seine eigenen Probleme mit Aparigraha oder Avidya hatte.

Integration von Körper und Geist

Sehen wir uns diese Punkte nun etwas genauer an. Die Wirbelsäule bildet das neurologische Zentrum des Körpers und übermittelt Botschaften zwischen allen Zellen und Nerven. Dieses natürliche innere Kommunikationssystem wird durch Verspannungen und Druckbelastungen innerhalb und außerhalb der Wirbelsäule beeinträchtigt. Die Integration von Körper und Geist – der zentrale Daseinszweck des Yoga – ist stark von der Offenheit der Nervenbahnen abhängig. Wenn Sie diese einschränken – oder die übermittelten Botschaften ignorieren –, sind Überbeanspruchungen oder Verletzungen so gut wie garantiert. 

Oft sind Reizleitung im Bereich des oberen Rückens gestört

Nehmen wir die Handgelenke. Warum sind sie besonders verletzungsgefährdet? Ihre relative Schwäche, Ausrichtungsfehler sowie die wiederholte Beanspruchung werden oft zu Recht als Faktoren für Handgelenksverletzungen genannt. Üblicherweise besteht jedoch ein grundlegendes Problem mit dem "Zuhören". Verspannungen oder Druckbelastungen im Bereich der Muskeln des oberen Rückens stören die Reizleitung über den Schultergürtel in die Arme.

Dies blockiert das Gewahrsein dessen, was in den Handgelenken und den Händen vor sich geht. Ist der Informationsfluss in die Handgelenke gestört, können die Nerven den Muskeln nicht mehr sagen, was sie zu tun haben. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es zu Verletzungen wie Zerrungen und Verstauchungen im Bereich des Handgelenks kommt. 

Wichtig ist die bewusste Yogaatmung

Vinyasa ist eine Methode der Asana- und Pranayama-Praxis, die auf der schrittweisen, bewussten, intelligenten und mitfühlenden Öffnung des Körpers beruht. Bei der Gestaltung von Yogastunden sollten die funktionelle Anatomie, die Kinesiologie sowie die Einsichten aus traditionellen Überlieferungen berücksichtigt werden, um den Körper gefahrlos und intensiv zu öffnen. Die bewusste Yogaatmung – Ujjayi Pranayama – dient dazu, den Körper von innen zu wärmen, indem sie den Atem aufheizt. Dabei entsteht ein leises Geräusch wie ein Mantra, das den Schüler bei der Entwicklung von Festigkeit unterstützt und zugleich die Energie durch den Körper bewegt. Unmittelbare neurologische Rückmeldung gibt auch der Atemrhythmus, der beeinträchtigt wird, wenn Bewegungen den Körper belasten.

Eine nachhaltige Yogapraxis beginnt mit dem bewussten Vorsatz, mit Intelligenz und innerem Mitgefühl zu üben. In dieser Absicht können der Atem und einfache Bewegungen die Wirbelsäule langsam aufwärmen und öffnen, bevor auch andere Körper- teile einbezogen und intensiver bearbeitet werden. Dies ist die uralte Weisheit von Vinyasa Krama oder dem schrittweisen Fortschritt – angefangen bei Surya Namaskara, wenn wir uns vor der inneren Son- ne, der Wahrheit des Herzens verneigen und zulassen, dass sich alles Weitere entfaltet wie eine Blume im Morgenlicht.

Richtige Abläufe führen zu einer tiefen Ruhe

Nachdem wir den Übungshöhepunkt hinter uns gelassen und uns mit einer Reihe integrativer Pratikriyasanas entspannt haben, gelangen wir am Ende der Praxis schließlich zu Savasana – der Stellung, die für ihre vollständige Verinnerlichung mit Abstand am wichtigsten ist. Unmittelbar davor und unmittelbar danach befinden wir uns in einem geistigen, körperlichen, energetischen und physiologischen Zustand, der für Pranayama und Meditation ideal ist. In diesen Momenten lenkt uns der Körper nicht mehr so stark ab, während wir uns auf die feinstofflichen Vorgänge einstimmen und daran arbeiten, die dann ablaufen, wenn wir über Ujjayi hinaus zu tiefergehenden Pranayamas kommen. Die Abläufe und Wirkungen von Asana und intensivem Pranayama tragen wiederum dazu bei, dass wir zur Ruhe kommen und einen zutiefst sattvischen Zustand erreichen, welcher der Meditation besonders zuträglich ist. Am Ende der Meditation sollten Sie in Erwägung ziehen, auch für das nächste Vinyasa einen Vorsatz zu fassen, nämlich wenn Sie die Matte verlassen und in die Welt hinaustreten. Wenn wir den Weg der Praxis bis zu seiner Vollendung gehen, erschließt sich der Yoga als nachhaltige Praxis der Selbsttransformation.

Üben Sie bewusst!

Wenn Sie das nächste Mal an die Matte treten, sollten Sie in Betracht ziehen, die Hände zu Beginn in der Gebetshaltung – anjali mudra – vor dem Herzen zusammenzuführen. Heben Sie die Fingerspitzen zur Stirn und fassen Sie einen klaren Vorsatz für Ihre Praxis. Geloben Sie, bewusst zu üben, wie ein wahrer sadhu – ein Yogapraktizierender, der von den Prinzipien ahimsa (Gewaltlosigkeit) und satya (Wahrhaftigkeit) geleitet wird. Finden Sie mit gefalteten Händen und dem in Ihrem Herzen verschlossenen Vorsatz Ihren Atem und lassen Sie den wärmenden Fluss beginnen.

Quelle: 

Stephens, Mark: Yoga Workouts gestalten, 1. Auflage, Riva Verlag 2014, München

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