Die 5 Yoga Prinzipien

1. Yoga-Prinzip: Vom Einfachen zum Komplexen

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Die Yogapraxis erlaubt es uns, den Weg der persönlichen Veränderung und Transformation bewusst zu gehen. Wagen wir uns jedoch zu weit über das hinaus, wozu wir im Augenblick mit einem Gefühl von Festigkeit und Leichtigkeit imstande sind, stören wir oft den bewussten Prozess, der Yoga zu einer transformativen Praxis macht.

Daher ist es ein wesentlicher Aspekt von Vinyasa Krama, dass wir von dem Punkt, an dem wir uns gerade befinden, mit bewussten Schritten an den Punkt kommen, den wir anstreben. Das Grundprinzip besteht darin, von einfachen zu immer komplexeren Bewegungen voranzuschreiten, die auf dem Weg der gesamten Praxis die einfachste und tiefste Erkundung ermöglichen. Damit wären wir beim ersten Grundprinzip der Gestaltung von Übungsfolgen, auf dem Weg des geringsten Widerstands vom Einfachen zum Komplexen voranzuschreiten. 

Übergänge erfordern eine bestimmte Anspannung 

Alle Asanas und Übergänge erfordern eine gewisse Anspannung oder Entspannung der Muskeln, die der Haltung Festigkeit, Leichtigkeit und Ausgewogenheit verleiht. Man sollte die Yogastellungen nicht zufällig aufeinanderfolgen lassen, sondern so zueinander in Beziehung setzen, dass sie dadurch alle zugänglicher werden. Wie Kinder, die das Krabbeln lernen, bevor sie laufen, und das Laufen lernen, bevor sie rennen, profitieren Yogaschüler davon, zunächst die Grundhaltungen zu erlernen, bevor sie sich an komplexere Asanas wagen, und währenddessen bei jedem Atemzug mit ihren Grenzen zu spielen. Es hilft ihnen auch, sich innerhalb einzelner Stunden von einfachen zu komplexeren Haltungen vorzuarbeiten und mit jedem Asana, jedem Atemzug das Bewusstsein zu vertiefen, wie sich ihr Körper in bestimmten Stellungen öffnen und Stabilität finden kann. 

Die Übungen enthalten einfachste Bewegungen

Alle Asanas enthalten auch Elemente anderer Haltungen. Wenn wir sie in ihre Bestandteile zerlegen, können wir die Elemente ausmachen, die für unsere Schüler aufgrund ihrer Vorbereitung, ihrer Verfassung und ihrer Ziele besonders leicht zugänglich sind. Indem wir die Grundelemente der Asanas identifizieren, gelangen wir zu den einfachsten Bewegungen, die dem Körper ein Gefühl größerer natürlicher Vertrautheit, Festigkeit und Leichtigkeit geben. Diese etwas einfacheren Asanas bieten sich als Ausgangspunkt der Hinführung zu komplexeren Asanas an. Indem der Körper allmählich von einfachen zu komplexen Bewegungen übergeht, öffnet er sich am leichtesten und damit auch am sichersten dem tiefstmöglichen Ausdruck dessen, was wir gerade erkunden. Anschließend können wir dieses erste Prinzip auch auf die Haltungen innerhalb einer Asanafamilie oder auf den Wechsel zwischen den Asanafamilien übertragen, indem wir einen ganzen Kurs gestalten, in dem wir hochkomplexe Asanas zugänglicher machen und es den Schülern ermöglichen, ihre Erkundung noch weiter auszudehnen. 

Lernprozess durch Vereinfachung veranschaulichen

Im Idealfall schließt dieser Lern- und Entwicklungsprozess vorbereitende Erfahrungen entlang des Weges ein. Sie geben Schülern die Möglichkeit, unter der genauen Anleitung ihres Lehrers nach und nach die verschiedenen Formen der Ausrichtung, die energetischen Abläufe sowie alle weiteren Aspekte von Anspannung und Entspannung zu erkunden, die auch später in komplexeren Bewegungsabläufen von ihnen verlangt werden. Führt man die Bestandteile des Asanas, das den Übungshöhepunkt bildet, in vereinfachter Form ein, hilft man den Schülern, auch die komplexere Mischung von Elementen intellektuell zu erfassen und bewusst zu verkörpern, aus denen das verwandte, aber vielschichtigere Asana besteht. 

Beispiel: Der nach unten schauende Hund

Wenn Sie zum Beispiel in einem Anfängerkurs Adho Mukha Svanasana (den nach unten schauenden Hund) einführen, sollten Sie im Vierfüßlerstand mit der Variante des knienden Hundes beginnen und die Arme nach vorne auf dem Boden ausstrecken. Auf diese Weise können Sie Schüler an die Bewegungen von Händen, Armen, Schultergürtel und Wirbelsäule im vollständigen Asana heranführen, ohne auch noch die Öffnung von Beinen und Becken zu verlangen. Mit der Katze lässt sich die neutrale Stellung des Beckens im Verhältnis zur Lendenwirbelsäule erforschen. Anhand von Uttanasana (Vorbeuge aus dem Stand) kann man pada bandha, die Innenrotation der Oberschenkel und die Aktivierung der Quadrizepsmuskeln vermitteln. Im Anschluss daran wird es den Schülern leichter fallen, diese Elemente zu integrieren, wenn sie Adho Mukha Svanasana in vollem Umfang erkunden. 

Kenntnisse der Bewegung und Biomechanik wichtig

Für die Gestaltung von Übungsfolgen, die dieses Prinzip widerspiegeln, sind zumindest grundlegende Kenntnisse in funktioneller Anatomie sowie der Biomechanik der Bewegung nötig. Dieses Wissen ermöglicht es Ihnen, die Wechselbeziehungen zwischen den Asanas zu erkennen, die einzelnen Haltungen leichter in ihre Bestandteile zu zerlegen und festzustellen, in welchem Verhältnis sie zu anderen Stellungen aus der gleichen oder aus anderen Asanafamilien stehen. Wir werden uns diesem Thema ausführlicher widmen, wenn wir über dem Weg zum Übungshöhepunkt sprechen.

Lesen Sie auch:

Das 2. Yoga-Prinzip: In die Stille kommen

Das 3. Yoga-Prinzip: Das energetische Gleichgewicht finden

Quelle: 

Stephens, Mark: Yoga Workouts gestalten, 1. Auflage, Riva Verlag 2014, München

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