Gestochen scharfes Sehen und blitzschnelle Reaktion! Das visuelle System und unsere Leistungsfähigkeit

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Ein "funktionierendes" visuelles Systems ist wichtig für die Leistungsfähigkeit bei Training und Wettkampf

Kaum ein Faktor unserer Leistungsfähigkeit wird so stark und so häufig unterschätzt wie der Einfluss des visuellen Systems. Häufig trifft man auf die Annahme, dass eine vom Augenarzt bescheinigte „gute“ Sehfähigkeit bereits vollkommen ausreicht, um Sport auf einem hohen Leistungsniveau durchführen zu können, doch die Wissenschaft bestätigt schon seit vielen Jahren eine ganz andere Richtung.

Der Einfluss des visuellen Systems bei Training und Wettkampf

Die Komplexität der Informationsverarbeitung durch unser visuelles System ist fast unbegreiflich. Nur durch die Wahrnehmung von Licht entsteht in unserem Auge ein elektrischer Impuls, der über den Sehnerv zu unserem Okzipital Lappen im Gehirn gelangt, welcher dann, ein für uns wahrnehmbares, Bild erzeugt. Übertragen auf eine sportliche Situation bedeutet dies, dass wir uns durch diesen Prozess im Raum orientieren können (Dorsaler Pfad der Informationsverarbeitung) und zudem auch noch Objekte, wie beispielsweise einen Mit- oder Gegenspieler, identifizieren können (Ventraler Pfad).

Passend zum Thema: Wie überwinde ich mein Trainingsplateau? Ein neurophysiologischer Ansatz!

Qualität vor Quantität!

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Dafür ist nicht nur der Faktor der Sehschärfe entscheidend, den wir sehr gut durch Sehhilfen bei Bedarf einstellen können, sondern hier heißen die entscheidenden Begriffe "Peripheral Vision", "Fusion" und "Eye Alignement". Diese Faktoren werden bei keiner standardisierten augenärztlichen Untersuchung betrachtet, können aber glücklicherweise relativ leicht zu Hause getestet und trainiert werden und haben einen bedeutenden Einfluss auf unsere Leistungsfähigkeit. Hier gilt zudem: Qualität vor Quantität! Es dreht sich also nicht nur um das bloße Sehen, sondern auch um die Verarbeitung dieser Informationen. Denn fehlen uns entscheidende Informationen aus dem visuellen System, so wird eine Schutzreaktion eingeleitet und die Leistungsfähigkeit wird herabgesetzt. Liegen hier keine Lücken vor, so kann sich unsere Leistungsfähigkeit ungehindert vom visuellen System zum potentiellen Maximum entwickeln. Beginnend mit der "Peripheral Vision", also der Wahrnehmung unserer Umgebung über das visuelle System, beschreibt Michael A. Peters in seinem Buch „See to Play“ diesen Faktor als den Faktor, mit dem größten Potential zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit eines Athleten. Doch warum ist dem so? Unterteilt wird dabei in die "Detailed Vision Zone" und in die "Extreme Side Vision".

Detailed Vision Zone und Extreme Side Vision

Zum Verständnis dieser beiden Faktoren setzen Sie sich am besten auf einen Stuhl, drei Meter von einem Objekt auf Augenhöhe entfernt und fokussieren dieses. In der rechten Hand halten Sie mit gestrecktem Arm eine Karte (am besten ein Ass von einem Kartenspiel) vor sich und führen diese, ohne den Fokus auf das Objekt drei Meter vor sich zu verlieren, soweit nach rechts, bis Sie das Ass nicht mehr deutlich als ein solches erkennen können.

Dies determiniert Ihre "Detailed Vision Zone", die im Durchschnitt bei ca. 15° liegt, bei Hochleistungsathleten kann diese Zahl sogar bis zu 40° erreichen. Wenn Ihre "Detailed Vision Zone" größer ist, so können in einem größeren Bereich qualitativ hochwertigere Informationen wie z.B. die Positionen von Gegenspielern erfasst werden. Denn nach dem Bereich der "Detailed Vision Zone" beginnt der Bereich der "Extreme Side Vision". Führen Sie die Karte weiter bis sie schließlich ganz aus Ihrem Wahrnehmungsfeld verschwindet. In diesem Bereich wird die Umgebung noch wahrgenommen, jedoch nicht in der Qualität wie in der "Detailed Vision Zone". Wie wir jedoch schon gelernt haben:

Qualitativ hochwertigere Informationen = höhere potentielle Leistungsfähigkeit

Eine größere "Detailed Vision Zone" bedeutet also, um auf den Kontext der Spielsituation zurückzukehren, dass beispielsweise ein "Tackle" des Gegenspielers früher wahrgenommen werden kann und so adäquat darauf reagiert werden kann. Ohne diese Informationen kann auch das Gehirn nicht angemessen und vor allem schnell reagieren.

Der Pencil PushUp

Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit der sogenannten Fusion, der Prozess der notwendig wird, wenn beide Augen zusammenarbeiten, um eine Tiefenwahrnehmung zu erzeugen. Der Test ist hierbei der sogenannte "Pencil PushUp". In der rechten Hand wird ein Stift mit gestrecktem Arm gehalten und nun langsam an die Nase herangeführt. Sobald der Stift etwas verschwommen oder verdoppelt erscheint, wird gestoppt und der Abstand zur Nase gemessen. Sind Sie bis zu Ihrer Nase gekommen, so haben Sie keine eingeschränkte Konvergenz und in diesem Bereich die visuelle Leistungsfähigkeit eines Hochleistungsathleten. Müssen Sie jedoch vor der Nase schon stoppen so spricht man bis ca. 5cm von einer leichten "Convergence Infsuffiency" (CI). Dies kann problematisch werden bei Sportarten, bei denen ein Ball auf einen selbst zugeflogen kommt. Wie beispielsweise beim Tennis, American Football oder Volleyball, usw.

Eye Alignement

Abschließend geht es noch um das Thema „Eye Alignement“. Wichtig ist es für die Qualität unserer visuellen Wahrnehmung, dass sich beide Augen bei der sogenannten "Gaze Control" auf dasselbe Objekt fokussieren. Tun sie dies nicht, sondern weicht ein Auge im Fokus leicht nach hinten/vorne oder zur Seite ab, so tendieren wir dazu, Würfe in der Richtung zu verfehlen, in der auch der Fehler vorliegt. Am einfachsten ist dies zu determinieren, indem wir eine Münze drei Meter vor uns auf den Boden legen und mit einem Unterhandwurf aus dem Stand eine Münze auf diese werfen. Der erste Wurf ist dabei quasi eine nahezu exakte Beschreibung des" Eye Alignments". Kleine Abweichungen sind zu ignorieren, aber sollten wir das Ziel um mehrere Zentimeter in eine Richtung verfehlen, so ist davon auszugehen, dass unser "Eye Alignment" nicht die Qualität an Informationen liefert, die wir uns erwarten. Viele Top-Athleten leider auch unter diesem Problem, beispielsweise wird dies auch oftmals kurzfristig durch eine Gehirnerschütterung durch einen Zusammenstoß mit dem Mit- oder Gegenspieler ausgelöst.

Kompensationsmuster und ihre Folgen

Was sich dann jedoch herausbildet, sind sogenannte Kompensationsmuster. Diese erkennen wir, wenn wir noch einen zweiten Wurf mit der Münze durchführen. Folgend ist nämlich meist eine deutliche Gegenaktion zum ersten Wurf. Mit den weiteren Würfen kompensieren wir nach und nach die Ausrichtung, und letztendlich treffen wir die Münze relativ konstant. Somit ist ein Kompensationsmuster in der Bewegung entstanden. Praktisch gesehen: Es wird unbewusst weiter nach links gezielt, er sogar stärker geworfen, um das Problem zu kompensieren. Im Training ist dies sicherlich kein Problem, doch funktioniert dies auch in einer Drucksituation während einem Wettkampf?

Das Training dieser Einflussfaktoren würde den Umfang dieses Artikels sprengen, doch begonnen werden kann mit den Eingangstests. Der "Pencil PushUp" und der Test zur "Peripheral Vision" sind effektive Übungen zur Verbesserung des visuellen Systems. Wer weiteres Interesse an diesen Themen hat, dem empfehle ich das vorher genannte Buch von Michael A. Peters, aber auch „Perception, Cognition and Decision Training“ von Joan N. Vickers.

Fazit:

Ich hoffe ich konnte Ihnen verdeutlichen, wie komplex der Einfluss des visuellen Systems auf unsere körperliche Leistungsfähigkeit sein kann. Er ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, der bereits bei jungen Talenten beachtet und beeinflusst werden sollte. Bereits wenige Minuten am Tag können hierbei den entscheidenden Unterschied zwischen Leistungsathlet und Durchschnittsathlet sedimentieren.

Autor: Kevin Speer

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